schnellebuntebilder Aufdringliche Maschine

© Goethe-Institut Krakau

Sogar Türklingeln sind heutzutage komplizierte Maschinen. Wir sprechen mit dem Künstlerkollektiv schnellebuntebilder über das Eindringen der Technologie in unseren Alltag.

Die drei Mitglieder der Künstlergruppe schnellebuntebilder beschäftigen sich mit interaktiver Kunst. Ihr Projekt Big Printer, das im Mai und Juni in Breslau zu sehen sein wird, besteht aus einem Gesichtserkennungssystem, einer digitalen Kamera, einem Drucker und einem Reißwolf. Der Big Printer macht Aufnahmen von den Zuschauern, druckt sie aus und vernichtet sie anschließend – die Überreste verbleiben in einem gläsernen „Aquarium“ das im öffentlichen Raum der Stadt Breslau, auf dem Plac Nowy Targ, aufgestellt ist. Was sagt dieses Projekt über das Thema Privatsphäre und das Eindringen der Technologie in unseren Alltag aus? Jakub Dymek im Gespräch mit der Künstlergruppe schnellebuntebilder.
 
Jakub Dymek: Wie kamt ihr auf die Idee zu diesem Projekt? Das Thema der totalen Überwachung im Internet und der zunehmenden Algorithmisierung unseres Lebens ist in der Kunst schon seit mehreren Jahren präsent und löst ernsthafte Diskussionen aus. Auch ihr habt bereits 2013 künstlerische Projekte entwickelt, in denen zum Beispiel Bewegungssensoren verwendet wurden … Wie steht ihr zu diesen Themen, welche Idee steht hinter dem Big Printer?
 
schnellebuntebilder: Die Möglichkeit, ein Projekt in eben dieser Umgebung zu realisieren [eine verglaste, an ein Aquarium erinnernde Vitrine auf dem Plac Nowy Targ] hat sofort unsere Aufmerksamkeit erregt: Es ist ein öffentlicher, städtischer Raum, der offen und geschlossen zugleich ist, was sich sowohl aus seiner architektonischen Gestaltung als gläserner Container als auch aus seiner Symbolik ergibt. Wir hatten mehrere Ideen, wie wir daran anknüpfen konnten – Weiterentwicklungen früherer Projekte, die wir in traditionellen Ausstellungsräumen realisiert hatten. Darunter waren Konzepte, die sich auf den ästhetischen Aspekt [dieses Ortes] konzentrierten, aber auch rein technische Ideen. Am Ende lief jedoch alles auf eines hinaus: den Versuch, neue Formen der Interaktion mit dem Publikum zu entwickeln und neue Fragen auf eine visuell ansprechende Weise zu stellen.
 
Besonders reizvoll war für uns die Möglichkeit, uns den Dualismus des Objekts [als „Aquarium“ und Container] zunutze zu machen: Du siehst, was sich im Inneren abspielt, du bist ein Teil davon, aber du hast nur wenig Möglichkeiten, darauf einzuwirken. Wir haben also beschlossen, die Zuschauer mit ihrem eigenen Bild zu konfrontieren und zu sehen, welche Fragen sich daraus ergeben.
 
Außerdem interessierte uns das Konzept einer Skulptur, die sich mit der Zeit verändert. Das „Papiernest“, das aus den zerstörten Fotografien entsteht, enthält eine Vielzahl von Informationen. Wir hatten nicht von Anfang an geplant, einen Reißwolf im Container aufzustellen, ursprünglich sollten die Fotografien einfach so, wie sie waren, in dem „Aquarium“ verbleiben. Der Reißwolf gibt dir ein Gefühl der Sicherheit, er vermittelt den Eindruck, die Bilder seien nicht mehr existent, aber das stimmt nicht: Wir, oder eine Maschine, können jedes der im Big Printer entstandenen Bilder wieder zusammensetzen.
 
Genau. Eure Installation reagiert auf etwas sehr Persönliches, nicht auf abstrakte Bilder oder Bewegungen, sondern auf Gesichter. Macht sie das aufdringlicher? Und was bedeutet das überhaupt im Bezug auf Maschinen?
 
Ja, der Big Printer ist eine sehr aufdringliche Maschine. Er hat die Aufgabe, einen beliebigen Zuschauer aus der Menge herauszusuchen. Sobald du dich also dafür interessierst, was du siehst, wirst du automatisch zu einem Teil davon. Du gehst nicht nur das Risiko ein, deine passive Haltung als Rezipient oder Rezipientin aufzugeben, sondern auch kurzfristig deine Privatsphäre einzubüßen: Das Bild, das ohne dein Einverständnis von dir gemacht wird, ist mehrere Minuten lang für jedermann sichtbar.
 
In der Regel beschäftigen wir uns mit Projekten, die interaktiv sind, die die Möglichkeit bieten, etwas im Hier und Jetzt zu erschaffen. Am Big Printer gefiel uns die Idee, dass die Maschine selbst „kreativ“ wird, dass sie einen größeren Anteil an der Interaktion hat als die Zuschauer – diese können zwar Einfluss auf den Prozess nehmen, ihn aber nicht entscheidend verändern.
 
Dieser Prozess, der sich im Inneren abspielt, hat einen materiellen und einen immateriellen Charakter, denn es sind sowohl eine entsprechende Software als auch ein guter alter Reißwolf daran beteiligt, richtig?
 
Die Installation besteht einer unsichtbaren Software und der entsprechenden Hardware – wie übrigens heutzutage die meisten Maschinen. Sogar die simpelsten Geräte, wie Radiowecker oder Türklingen, die auch ohne Programmierung auskommen würden, werden inzwischen mithilfe von Software und Hardware hergestellt. Mit dem Big Printer gehen wir sogar noch einen Schritt weiter, denn wir zeigen Elemente der Programmausführung, die für gewöhnlich unsichtbar bleiben: Die Zuschauer können den Mechanismus der Gesichtserkennung am Bildschirm verfolgen und sehen, wie unmittelbar darauf der Drucker in Gang gesetzt wird. Das Einzige, was wir nicht offen zeigen, ist der Moment, in dem die Maschine sich die nächste Person „herausfischt“. Obwohl die Installation technologisch durchaus anspruchsvoll ist, wirkt das, was geschieht, von außen betrachtet ganz einfach: Wir wollten die Aufmerksamkeit nicht auf die technischen Feinheiten lenken, sondern auf den Prozess selbst.
 
Das Ganze ist auch ein offenes Experiment. Wir wissen nicht, inwieweit der Container sich mit den zerstörten Fotografien füllen wird. Bestimmt wird es eine Menge Schnipsel geben. Zunächst einmal kann man das Ganze jedoch einfach als eine Skulptur betrachten, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was sich in ihrem Inneren befindet und auf welche Weise sie entstanden ist.
 
Denkt ihr, dass euer Projekt als eine Art memento dienen kann? Unter Journalisten, Künstlern oder „Geeks“ scheint der Eindruck zu bestehen, Algorithmen oder Gesichtserkennungssysteme seien etwas Vertrautes, doch im Grunde wissen nicht nur wir, sondern die Gesellschaft insgesamt, nur wenig darüber, was sich hinter diesen Mechanismen verbirgt.
 
Ja, wir sind mehr oder weniger ahnungslos. Doch um ein Problem zu klären, muss man zunächst einmal darüber diskutieren, eine Debatte über das Thema Überwachung und die mit ihr verbundenen Technologien anstoßen. Wir wollen keine Wertungen abgeben oder Warnungen aussprechen. Wir beobachten und dokumentieren lediglich, was um uns herum geschieht, und nehmen bestimmte Elemente der Wirklichkeit genauer unter die Lupe, um die interessantesten Aspekte an ihnen herauszuarbeiten. Reicht das für ein memento? Das sollen die Passanten entscheiden.
 
Obwohl euer Projekt tendenziell auf einen eher beunruhigenden Aspekt der Algorithmisierung des Alltags hinweist, wird der Big Printer im Rahmen der Ausstellungssektion Expanded City präsentiert – ein Titel, der auch neutralere oder sogar positive Möglichkeiten der Nutzung von Technologien und Daten suggeriert. Seht ihr also auch die andere Seite der Medaille?
 
Das ist selbstverständlich eine Frage der Perspektive und vor allem eine Frage des Vertrauens. Die Nutzung von Daten ist überhaupt eine sehr individuelle Angelegenheit. Wenn ich persönlich einen Sensor verwende, zum Beispiel innerhalb einer Fitness-App, dann tue ich das für meine eigene Gesundheit – doch die Informationen über meine körperliche Verfassung landen möglicherweise bei meiner Krankenversicherung, die daraufhin zum Beispiel meine Beiträge erhöht oder mir sogar kündigt.
 
Die Ethik spielt eine wichtige Rolle, wenn es um die Nutzung der neuen Technologien geht. Wir müssen selbst entscheiden, wie viele Informationen wir preisgeben wollen. Der Big Printer macht deutlich, dass Tätigkeiten, die traditionell nicht registriert wurden – wie das Sich-Bewegen im öffentlichen Raum – heutzutage datentechnisch erfasst werden. Aber noch einmal: Daten können auf unterschiedliche Weise verwendet werden, und dies ist – wie bei den meisten Technologien – eine ambivalente Sache. 

schnellebuntebilder 

ist eine aus drei Mitgliedern bestehende Künstler- und Designergruppe, die seit 2011 in Berlin tätig ist und sich mit Animation und Interaktion beschäftigt. Zu ihren Auftraggebern gehören u. a. Arte.tv, die World Wildlife Foundation und die Werbeagentur McCann Erickson. Nähere Informationen sind hier