Stadtplanung 90 Jahre Siedlung Praunheim in Frankfurt

Siedlung Praunheim, Luftbild 1936
Siedlung Praunheim, Luftbild 1936 | Foto (Ausschnitt): Institut für Stadtgeschichte Frankfurt

Wie in allen deutschen Großstädten herrschte in Frankfurt am Main nach dem Ersten Weltkrieg akute Wohnungsnot. Daher rief der Oberbürgermeister Ludwig Landmann 1925 das bis heute einzigartige Stadtplanungsprogramm „Neues Frankfurt“ ins Leben.
 

Mit der Leitung dieses Programms beauftragte er den Architekten Ernst May (1886-1970), der zuvor in Breslau die Wohnungsgesellschaft Schlesische Heimstätte geleitet hatte. Als neuer Stadtbaurat war Ernst May nicht nur für alle Bereiche des städtischen Bauens zuständig, sondern auch für sozialreformerische und künstlerische Belange. Dafür durfte er sich einen Stab von 50 Architekten und Gestaltern zusammenstellen. Zudem gab Ernst May die Zeitschrift „Das Neue Frankfurt. Monatsschrift für die Fragen der Großstadt-Gestaltung“ heraus, die als Sprachrohr der Bewegung über moderne Ideen zu Architektur und Lebensgestaltung informierte. Bekannt wurde das „Neue Frankfurt“ aber vor allem durch den Bau von zehn Siedlungen mit insgesamt 12.000 Wohnungen. Praunheim ist davon die älteste und mit knapp 1.500 Wohnungen zugleich größte von ihnen.

Siedlung Praunheim im Bau, 1926 Siedlung Praunheim im Bau, 1926 | Foto: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt Ziel dieses Siedlungsprogramms war es, in kurzer Zeit günstigen Wohnraum zu schaffen. Dies bedeutete typisierte Grundrisse und industrielle Vorfertigung, jedoch verbunden mit der Forderung nach hellen, natürlich belüfteten und belichteten Räumen. Durch eine  aufgelockerte Zeilenbauweise und eine formale Anpassung an die Topografie, versuchten die Architekten einen möglichst engen Bezug zur Natur zu schaffen. Für jedes Haus waren Nutzgärten zur Selbstversorgung vorgesehen. Ihr Planer war der Landschaftsgärtner Leberecht Migge, der die Ideen der englischen Gartenstadtbewegung in Deutschland umsetzte. Zusammen mit dem Frankfurter Gartenbaudirektor Max Bromme legte er zwischen den Siedlungen einen großen Grüngürtel an, der die öffentlichen Grünflächen des Stadtgebiets mehr als verdoppelte und der bis heute besteht.

Experimentierfeld Praunheim

Die Siedlung Praunheim entstand von 1926 bis 1930 in drei Bauabschnitten. Zum ersten Mal in Deutschland wurde hier die Plattenbauweise, das sogenannte „Frankfurter Montageverfahren“, angewendet. Zunächst entstanden dreigeschossige Einfamilien-Reihenhäuser mit Dachterrassen – für Ernst May die ideale Wohnform für Familien. Der Rohbau eines solchen Hauses konnte von 18 Arbeitern an eineinhalb Tagen fertiggestellt werden. Im zweiten Bauabschnitt, ab 1927, wurden auch Mehrfamilienhäuser errichtet. Beim dritten Bauabschnitt, ab 1928, mussten angesichts der schon angespannten Wirtschaftslage die Grundrisse verkleinert und Standards reduziert werden.

Siedlung Praunheim, 1926 Siedlung Praunheim, 1926 | Foto: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt Ebenfalls zum ersten Mal kam in der Siedlung Praunheim die „Frankfurter Küche“, der Prototyp der modernen Einbauküche, zum Einsatz. Sie war 1922 von Grete Lihotzky, die als erste Frau in Österreich ein Architekturstudium abgeschlossen hatte, nach dem Modell einer Speisewagenküche der Eisenbahn entwickelt worden. Zudem erhielt jede Wohnung ein Badezimmer.
 
Auch eine zentrale Wäscherei, die Gaststätte „Zum neuen Adler“, eine Gärtnerei, eine Rundfunkanlage, eine Grundschule und zahlreiche Geschäfte gehörten zur Siedlung. Ein Volkshaus war geplant, wurde aber nicht realisiert; Versammlungen der Siedlungsbewohner fanden daher meist im „Neuen Adler“ statt. Auf dem Grundstück des Volkshauses errichtete Martin Weber 1930 die Christkönigskirche als einfachen Holzbau.
 
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Fotos: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt | Sunna Gailhofer

Ende der 1920er-Jahre drehte sich in Deutschland der Wind. Die politische Rechte gewann an Einfluss und Ernst May, seine Kollegen und das an der internationalen Moderne orientierte Frankfurter Bauprogramm wurden zunehmend diskreditiert. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 zwang den deutschen Städten zudem eine strenge Sparpolitik auf. Dies war das Ende des „Neuen Frankfurt“. Ernst May und eine Reihe seiner Mitarbeiter emigrierten 1930 in die Sowjetunion.

Praunheim heute

Osiedle Praunheim w 2016 roku Osiedle Praunheim w 2016 roku | Zdjęcie: Sunna Gailhofer Praunheim gehört zu den Frankfurter Siedlungen, deren Erscheinungsbild sich am stärksten verändert hat. Das ehemals einheitliche Farbkonzept ist heute nur noch zu erahnen. Die nach außen zu den Nidda-Auen gerichteten Hauswände waren in Weiß gehalten, die dem Inneren der Siedlung zugewandten Fassaden in Rot und Blau. Die meisten Fassaden wurden in lebhaften Farben gestrichen, Fenster verändert und durch verschiedene Anbauten erweitert. Die dominierende Farbe ist jedoch ein natürliches Grün: Die zur Bauzeit gepflanzten schmalen Straßenbäumchen überragen mittlerweile die Häuser. Auch einige Fassaden sind begrünt, die Gärten dicht eingewachsen. Trotz der unterschiedlichen Fassadengestaltung wirkt die Siedlung ruhig und gepflegt, und an einigen Stellen versucht man die Häuser wieder in ihren Urzustand zurückzuversetzen. Offensichtlich haben Ernst Mays Vorstellungen auch nach 90 Jahren noch Bestand.