Podcast-Serien Psychogramme, Motive, Spannung

Spannung über mehrere Folgen hinweg aufbauen
Spannung über mehrere Folgen hinweg aufbauen | Foto (Ausschnitt): © Ilya Andreev - Fotolia.com

Im deutschen Radio hat sich ein neues Genre herausgebildet: die Podcast-Serie. In mehreren Episoden werden die Ergebnisse von journalistischen Recherchen erzählt. Oft geht es dabei um ungelöste Kriminalfälle – die dank der Podcasts zum Teil neu aufgerollt werden.

Der Trend kommt aus den USA: Dort entstehen seit einigen Jahren unabhängig von Radiostationen sehr erfolgreiche Podcast-Serien. In ihnen werden hervorragend recherchierte Geschichten erzählt. Prinzipiell hat jede Episode dieser Hör-Serien einen eigenen inhaltlichen Schwerpunkt. Das international bekannteste Beispiel ist der US-amerikanische Podcast Serial aus dem Jahr 2014. Autorin Sarah Koenig rollt in der ersten Staffel den realen Mordfall an der Schülerin Hae Min Lee von 1999 auf. Lees Ex-Freund ist als Mörder verurteilt worden, an seiner Schuld gibt es jedoch Zweifel. Die Veröffentlichung der ersten Folgen hat zu neuen Spuren geführt, denen Koenig im Verlauf ihrer aufwendigen Recherche ebenfalls gefolgt ist. Podcast-Serien sind somit inhaltlich offener als klassische Radio-Features. 

DeutschEn Produzenten ist das Risiko zu hoch

In den USA finanzieren sich diese Podcasts über Werbung und Spenden. In Deutschland hingegen hat sich ein privatwirtschaftlicher Markt für Podcast-Serien trotz ihrer Beliebtheit bislang nicht etablieren können. Immerhin haben in Berlin die Radioautoren Christian Conradi, Hendrik Efert und Nicolas Semak gemeinsam mit der Marketing-Fachfrau Marie Dippold die unabhängige Podcast-Plattform Viertausendhertz gegründet. Es ist derzeit die Initiative mit der größten Aussicht auf dauerhaften Erfolg. Doch bietet Viertausendhertz nur Einzel-Podcasts zum kostenfreien Download an. An eine Serie haben sich die unabhängigen Berliner Produzenten noch nicht gewagt. Zu groß scheint das finanzielle Risiko – die potenzielle Hörerschaft ist schließlich viel kleiner als bei einem englischsprachigen Podcast.

Podcasts greifen komplexe Stoffe auf

Sehr aktiv in diesem Bereich sind die öffentlich-rechtlichen Sender. Für die finanziell und personell gut ausgestatteten Rundfunkanstalten sind Podcast-Serien aus zwei Gründen attraktiv. Zum einen ermöglichen sie ein neuartiges Erzählen: In den Podcasts, die auf mehrere meist halbstündige Episoden angelegt sind, können Stoffe aufgegriffen werden, die für ein einstündiges Radiofeature zu komplex sind. Auch kann über mehrere Folgen hinweg Spannung aufgebaut werden, etwa über Cliffhanger oder indem Fakten im Verlauf der Recherche neu gedeutet werden müssen.

Zum anderen können die Sender mit diesem Format neue Hörer gewinnen: Podcasts funktionieren prinzipiell losgelöst vom Radio. Sie haben in der Regel eigene Websites, die herunterladbaren Audiodateien entwickeln ein „Eigenleben“ im Netz, sie werden verlinkt, geteilt, weitergeleitet. Zugleich sind die Podcasts kenntlich als Sendungen, etwa des Westdeutsche Rundfunks (WDR) oder des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Sie bedienen also einen weiteren Vertriebsweg von Radioinhalten und stärken die jeweilige Sender-Marke bei Hörern, die nicht mehr zwangsläufig auf UKW-Programme zurückgreifen.

Gegenstand sind häufig Kriminalfälle

Bis zum November 2016 wurden fünf solcher Podcast-Serien im deutschen Radio produziert. Vier davon behandeln reale Kriminalfälle. Täter unbekannt etwa, 2015 vom NDR realisiert, dreht sich um eine junge Frau, die im Sommer des Jahres 2000 in Hannover spurlos verschwand. Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus, eine Leiche wurde jedoch nie gefunden. In acht Folgen dröseln Anouk Schollähn und Thomas Ziegler in enger Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft Hannover den mysteriösen Fall auf: durch Gespräche mit dem Ermittlerteam, mit Zeugen und Beteiligten. Am Ende steht kein kriminalistischer Durchbruch, auch die Journalisten kommen nicht viel weiter als die Polizei. Jedoch werden, wie bei dem amerikanischen Vorbild Serial, die Ermittlungen neu aufgenommen – ein Erfolg journalistischer Beharrlichkeit.

Audio: Der Fall Inka Köntges, Folge 8: Wiederaufnahme (NDR2)

Logo NDR2


Im Gegensatz zu den US-amerikanischen Podcast-Serien beschränken sich die deutschen in der Regel nicht auf Audiodateien. Zu Täter unbekannt gehört die Multimedia-Dokumentation Der Fall Inka Köntges – die Story. Ähnlich verhält es sich mit dem Podcast Wer hat Burak erschossen? des Rundfunks Berlin-Brandenburg aus dem Jahre 2015. Er handelt von dem im Jahr 2012 auf offener Straße getöteten Burak Bektas. Die journalistische Suche nach dem Tatmotiv macht Recherchen in viele Richtungen erforderlich. Die Website ist multimedial aufbereitet, die Podcast-Serie nur ein Teil des kompletten Angebots – wenn auch der zentrale.

Die Kunstjagd, eine sechsteilige offene Recherche über die Suche nach einem seit der NS-Zeit verschollenen Gemälde, hauptverantwortlich von Deutschlandradio Kultur betrieben, setzt auf eine Kombination aus Podcast, Print und Video. Zudem fordert das Format die Nutzer über soziale Medien wie Twitter und Whatsapp auf, sich an der Kunstjagd zu beteiligen.
 
Stärker auf die Audio-Erzählungen konzentriert sind die Podcasts aus dem Jahr 2016: Der talentierte Mr. Vossen vom NDR beschäftigt sich mit dem mutmaßlichen Millionenbetrüger, der inhaftiert, aber noch nicht verurteilt ist. Die siebenteilige Serie geht der Frage nach, wie Vossen seine Freunde um 60 Millionen Euro bringen konnte. Auch dieser Podcast nähert sich seinem Protagonisten über „Umwege“ und Betroffene an, denn Vossen selbst meldet sich nicht zu Wort. Ganz anders ist das in Der Anhalter des WDR. Hier recherchieren die Journalisten die abenteuerliche und – wenn sie wahr ist – skandalöse Lebensgeschichte eines Mannes. Der Protagonist Heinrich, den die Reporter als Tramper an einer Tankstelle kennenlernen, erzählt bereitwillig, dass er Knochenkrebs im Endstadium habe und seit 40 Jahren auf der Straße lebe. „Im Leben sei er nie wirklich angekommen. Verantwortlich sei der Staat“, heißt es in der begleitenden Multimedia-Dokumentation. Zwar bleibt bis zum Schluss fraglich, wie glaubhaft der Mann ist, doch zeigt sich noch einmal exemplarisch, was Podcasts vor allem leisten können: Psychogramme von Menschen erstellen, Motive ergründen.