Ein letzter Tango Dance Me to the End of Love

Filmstill aus dem Film „Ein letzter Tango“
Filmstill aus dem Film „Ein letzter Tango“ | © Pressematerialien Spectator

Man kann sich Argentinien kaum ohne den Tango Argentino vorstellen. Und den Tango Argentino nicht ohne María Nieves Rego und Juan Carlos Copes. Die beiden waren – und sind im Grunde bis heute – die argentinischen Ginger Rogers und Fred Astaire. Die Besten.

Sie verbanden technische Perfektion mit einem unglaublichen Gefühl für Melodie und Rhythmus, Schönheit mit Temperament – und dazu kam noch Leidenschaft. María und Juan waren nicht nur auf dem Tanzparkett, sondern auch im Leben ein Paar. Die beiden lernten sich bereits in jungen Jahren kennen. Sie als noch unerfahrene Tänzerin, voller Zweifel an sich selbst und ihrem Talent. Er, drei Jahre älter als sie und bereits mit einem Ruf als begabter Tänzer ausgestattet. Für María war Juan die erste und größte Liebe ihres Lebens, was sich später als schicksalvoll erweisen sollte. Denn ihre Beziehung war wie der Tango selbst.

DAS urargentinische Thema

Man muss wissen, dass der argentinische Tango zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Bordellen und Kaschemmen von Buenos Aires entstand. Die Männer, die diese Etablissements besuchten, konnten nicht tanzen. Die einzigen ihnen bekannten Schrittfolgen stammten aus Messerkämpfen – also führten sie auch ihre Tanzpartnerinnen auf ebendiese Weise. Mit einer absoluten und rücksichtslosen Dominanz, jedoch auf eine unerwartete Art und Weise: mit katzenhaften, schleichenden Bewegungen und leicht gebeugten Knien. Scheinbar sanft, doch in Wirklichkeit wachsam, mit bis zum Äußersten geschärften Sinnen. Der Angriff kann schließlich zu jeder Zeit und aus jeder Richtung erfolgen. Die Frau hat im Tango keine Wahl. Sie kann die Figuren lediglich „ausschmücken“, mit kleinen Schritten und Drehungen, die ihre wohlgeformten Waden entblößen.
 

 
Der deutsche Dokumentarfilmer German Kral widmete sich einem urargentinischen Thema – und bewies dabei ebenso viel Mut wie Umsicht. Es wäre ein Leichtes gewesen, aus einem solch umfassenden und vieldeutigen Thema einen historischen oder „illustrativen“ Film zu machen. Kral wählte den riskanten Weg, indem er versuchte, nicht nur das Wesen des Tango Argentino, sondern auch der ihn umgebenden Kultur zu ergründen. Und diese scheinbar selbstmörderische Strategie erwies sich als voller Erfolg.

Drei Ebenen des Tangos

Krals Film funktioniert auf mindestens drei Ebenen. Die erste, rein dokumentarische Ebene ist die Geschichte von María und Juan, das Drehbuch ihres Lebens, in dem sich viele Jahre lang Liebe und Dominanz, Stolz und Hass, Berufliches und Privates miteinander verbanden. Über diese Geschichte, die voller Überraschungen und Wendungen steckt, sei hier nicht zu viel verraten.

Die zweite Ebene ist die Inszenierung: ein äußerst riskantes, jedoch im Kontext des gesamten Projekts überaus sinnvolles, um nicht zu sagen brillantes filmisches Konzept. María und Juan werden in den unterschiedlichen Abschnitten ihres Lebens von unterschiedlichen Tanzpaaren verkörpert. Im Grunde erscheint dies offensichtlich. Schließlich können die beiden Protagonisten des Films mit über achtzig Jahren nicht mehr so tanzen wie früher, und die Verwendung von Archivmaterial ist nicht in jeder Situation sinnvoll. Die Einbeziehung fremder Tänzer in einen Dokumentarfilm über zwei konkrete Menschen führt jedoch zu einer verblüffenden, melancholischen Einsicht. Der Tango ist ein Theater des Lebens: Auch die Besten verlassen irgendwann einmal die Bühne und werden von Jüngeren ersetzt. Kein Wunder, dass María Nieves Rego zu Beginn entschieden dagegen protestierte, von einer jüngeren Tänzerin gespielt zu werden. Überhaupt von jemand anderem gespielt zu werden! Das Schicksal ist grausam. 

Und so erwächst ganz beiläufig, irgendwo zwischen der ersten und zweiten eine dritte Ebene. Eine bittere und schmerzhafte Erzählung, die ebenso individuell wie universell ist. Eine Erzählung über Männer, die ihre Partnerinnen absolut und rücksichtslos dominieren, und über die Frauen, die sich ihnen fügen. María Nieves sagt es ganz direkt: Mit Juan zu tanzen war die beste Entscheidung ihres Lebens, mit ihm zusammenzuleben die schlechteste. So paradox es klingt: Der Tango Argentino hat mehr mit dem Leben gemein, als es zunächst den Anschein hat. Eine Frau, die ständig zurückweicht, steht früher oder später auf verlorenem Posten. Ihre Bedürfnisse werden nicht respektiert, ihre Proteste nicht erst genommen. Wenn eine Bewegung nur noch in eine Richtung verläuft, wird die Erinnerung daran, dass man sich auch in die andere bewegen kann, zu einem vergessenen Wissen, zu einer nicht vorhandenen Option. Andererseits ist das Verhalten des Mannes auch kaum verwunderlich. Wenn er alles erhält, was er fordert, warum soll er dann nicht immer noch mehr fordern? Juan Carlos ist kein böser Mensch, zumindest deutet nichts darauf hin. Er betrachtet gewisse Dinge als selbstverständlich, weil sie de facto für ihn immer selbstverständlich waren und bis heute sind. Niemand hat je zu ihm gesagt: Bis hierher und nicht weiter. Also gab es auch keinen Anlass, sein Denken und Handeln zu hinterfragen.

In diesem Zusammenhang ist „Ein letzter Tango“ eine scharfsichtige, überaus originelle Metapher für die patriarchale Kultur und eine – in manchen Momenten erschreckende – Warnung an alle Frauen auf der ganzen Welt. Auf der Tanzfläche kannst du beliebig zurückweichen, wenn es die Spielregeln nun einmal so verlangen. Aber jenseits des Parketts hast du alles selbst in der Hand, und ein gesunder Egoismus ist eine der höchsten Tugenden. Und auch die größten beruflichen Erfolge und künstlerischen Triumphe helfen nichts gegen die bittere Erkenntnis, dass du niemals im Leben nach deinen eigenen Regeln getanzt hast.
 
Ein letzter Tango
Deutschland / Argentinien 2015
Regie: German Kral
Verleih: Alpenrepublik (in Polen: Spectator)
Polnische Premiere: 17. Februar 2017