Neues Reisen Flegel, Tourist, Posttourist

11 Prozent mehr zu bezahlen, um keinen Ausflug mit Elefanten zu machen – Paweł Cywiński, Mitgründer des Blogs post-turysta.pl, erzählt im Gespräch mit Marcin Wilk über die Wende im Denken über Reisen und Mechanismen der Posttouristik.

Wir schreiben das Jahr 2017. Ich komme aus Polen und fahre nach Berlin. Bin ich jetzt noch ein Tourist oder schon ein Posttourist?
 
Das kommt darauf an. Ein Posttourist ist vor allem jemand, der anderen Menschen Respekt entgegenbringt. Respekt ist hier das Schlüsselwort. Es geht darum, andere Menschen als Subjekte zu behandeln und fremde Kulturen zu respektieren.
Wenn du aus Polen nach Berlin fährst, ist der kulturelle und wirtschaftliche Unterschied nicht so groß, dass man es daran wirklich festmachen könnte. Wir betrachten die Deutschen auch nicht so sehr als „Fremde“, sondern eher als jemanden, dem wir uns angleichen wollen, was den Fortschritt, den Lebensstil und so weiter betrifft.
 
Vielleicht sollte ich also umgekehrt fragen: Stellen wir uns vor, ich komme aus Großbritannien und fahre nach Polen …
 
… zum Beispiel nach Krakau, um einen Junggesellenabschied zu feiern. Und, sagen wir einmal, du behandelst die Stadt als einen einzigen großen Club, der dir möglichst viel Unterhaltung und reichlich Alkohol bieten soll. Das endet dann damit, dass du wild in die Gegend pinkelst, den Kellnerinnen gegenüber obszöne Bemerkungen machst und dich öffentlich entblößt … Das ist selbstverständlich nicht die Regel, aber wenn du das tust, verhältst du dich nicht, wie ein Posttourist.
 
Ich fürchte, dann bin ich einfach ein Flegel. Jetzt die Frage: Was hat das mit Tourismus zu tun?
 
Touristen blicken oft von oben herab auf Orte und ihre Bewohner, oder sie behandeln sie wie Luft. So wie die bereits erwähnten Briten, die zum Partymachen nach Krakau fahren. Da kann von Respekt überhaupt keine Rede sein. Respekt ist nur dann vorhanden, wenn wir versuchen, uns nicht als Kunden, sondern als Gäste zu verhalten. Als Gäste bringen wir dem Gastgeber einen gewissen Respekt entgegen, als Kunden treten wir lediglich in eine ökonomische Beziehung mit jemandem. Selbstverständlich werden wir nie hundertprozentig ein Gast sein, aber zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine ganze Bandbreite von Verhaltensweisen. Es ist immer besser, einen Wochenmarkt zu besuchen und mit anderen Menschen in Beziehung zu treten, als in einen Supermarkt zu gehen, in dem die Kassiererin meist nur eine Verlängerung der Kasse ist. In solchen Geschäften gibt es keinen Raum, um den anderen Menschen als ein Subjekt zu behandeln.
 
Und doch gehen wir, wenn wir ehrlich sind, öfter in den Supermarkt als auf den Wochenmarkt. So haben wir es zumindest hier im Westen gelernt.
 
Ich denke, dass sich unsere Einstellungen zu diesen Dingen allmählich verändert.
Um jedoch zum Beginn unseres Gesprächs zurückzukehren: Der moderne Tourismus entstand vor ungefähr 170 Jahren. Da gab es einen gewissen Thomas Cook, einen Prediger und Tischler, der sich in vielen Bereichen engagierte, unter anderem auch gegen den Alkoholmissbrauch. Also organisierte er eine „Pauschalreise“ zu einer Kundgebung der Abstinenzlerbewegung, die 35 Kilometer von seiner mittelenglischen Heimatstadt entfernt stattfand. Der Preis für die Reise war relativ günstig, er entsprach in etwa dem Lohn von zwei Wochen. Darin enthalten waren neben der Hin- und Rückfahrt ein kleiner Imbiss und ein Unterhaltungsprogramm.
 
Also „All Inclusive“, wie wir heute sagen würden.
 
In kürzester Zeit meldeten sich über 500 Teilnehmer für diese Reise an, überwiegend Arbeiter. Das war ein gewisses Novum, denn bis dahin war das Reisen vor allem der Oberschicht vorbehalten, Angehörige der Mittel- und Unterschicht reisten eher selten. Schon bald zeigte sich allerdings, dass sich solche Reisen auch gut mit dem Genuss von Alkohol verbinden ließen, Cooks Plan ging also nicht ganz auf. Aber es zeigte sich auch, dass man mit dem Organisieren von Reisen eine Menge Geld verdienen konnte. Zehn Jahre später beherrschte Thomas Cook den Tourismusmarkt in Großbritannien und weitere zehn Jahre später in ganz Europa. Das Unternehmen besaß Reisebüros in den wichtigsten europäischen Hauptstädten. Es organisierte den ersten kommerziellen Flug über den Ärmelkanal, beförderte 5000 britische Touristen zur Eröffnung des Sueskanals und veranstaltete die erste kommerzielle Weltreise. Außerdem kam Cook auf die Idee, Eisenbahn-Kursbücher, Reiseschecks und Hotelcoupons zu verkaufen, und begriff, dass man auch Werbung für den Tourismus machen konnte. Heute ist die Thomas Cook Group der zweitgrößte Touristikkonzern weltweit. An ihrem Beispiel kann man die Entwicklung des Tourismus gut verfolgen.
 
Das waren also die Anfänge. Wann aber begann die Abkehr von dieser traditionellen, kolonisatorischen Form des Reisens hin zu einem besseren, bewussteren Tourismus?
 
Das begann in den 70er- und 80er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.
Zum einen gab es damals bereits den Rucksacktourismus, der aus der Hippiebewegung entstanden war, als eine Alternative zum traditionellen Massentourismus.
Zum anderen entwickelte sich an westlichen Universitäten, vor allem in den USA, aber auch in Europa, ein kritisches, postkoloniales Denken, das eine Sprache bereitstellte, um über die Probleme der Ungleichheit und Abhängigkeit zu diskutieren und Lösungsansätze zu entwickeln.
Dann folgten konkrete Untersuchungen, die zum Beispiel ergaben, dass ein durchschnittlicher westeuropäischer Tourist, dem man zusichert, dass – sagen wir einmal – seine Indienreise keinen Ausflug mit Elefanten beinhaltet, bereit ist, 11 Prozent mehr zu bezahlen. Es zeigte sich also, dass man mit speziellen Reiseangeboten mehr Geld verdienen konnte als mit gewöhnlichen Pauschalreisen.
 
Haben Posttouristen einen eigenen Kodex?
 
Dagegen wehren wir uns. Es gibt ihn nicht, ebenso wenig, wie es einen Kodex für ethischen Tourismus geben kann. Unterschiedliche Menschen haben schließlich völlig unterschiedliche ethische Vorstellungen, sogar innerhalb unserer eigenen Zivilisation. Wenn wir von verantwortungsvollem Tourismus sprechen, müssen wir immer von unseren eigenen, individuellen ethischen Vorstellungen ausgehen, so gut oder schlecht sie auch sein mögen, und in Gesprächen mit anderen Menschen, die ihre eigenen ethischen Vorstellungen haben, jedes Mal neu aushandeln. Das ist selbstverständlich eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Interkulturelle Kommunikation ist äußerst schwierig, aber durchaus möglich.
 
Du sprichst von Aushandlungsprozessen, aber ich frage mich, inwieweit solche Prozesse in der Welt, in der wir leben, überhaupt möglich sind. Die Angst vor dem Fremden bildet häufig eine unüberwindliche Barriere.
 
Ich selbst würde mich sicherlich auch nicht gerne mit einem Menschen unterhalten, der völlig andere Ansichten hat als ich, aber vielleicht würde ich mir hinterher Vorwürfe machen. Ein solches Gespräch hätte diesen Menschen vielleicht verändert, und vielleicht sogar mich?
Nehmen wir einmal das Thema Flüchtlinge. Ich werde wegen dieses Themas oft im Internet beschimpft, und manche würden sagen, ich solle einfach nicht darauf reagieren. Aber ich lasse mich in solchen Fällen sehr oft auf eine Diskussion ein. Ich beziehe mich auf Tatsachen, erkläre bestimmte Phänomene. Das erfordert selbstverständlich unglaublich viel Geduld, aber es bringt auch Ergebnisse. Wenn du jemanden offen und fair behandelst, bedeutet das nichts zwangsläufig, dass dieser Jemand dich anschließend noch heftiger attackiert. Der Dialog ist sehr wichtig.
 
Ich glaube, dass eine solche Reaktion für viele Menschen noch immer eine Herausforderung darstellt.
 
In unseren Workshops zum Thema Tourismus versuchen wir immer wieder, Dinge zu hinterfragen. Wir dekonstruieren bestimmte Sachverhalte und setzen sie anschließend wieder zusammen, jedoch nach anderen Regeln. Jeder kann sich hinterher selbst überlegen, wie er das Problem lösen kann, das wir ihm aufgezeigt haben. Uns geht es vor allem darum, eingefahrene Denkmuster zu durchbrechen. Aber das ist nicht einfach, und es genügt auch nicht, einfach einen Blogartikel darüber zu schreiben.

Ich habe jedoch sehr gute Erfahrungen gemacht. Vor zwei oder drei Jahren haben wir zum Beispiel auf einer Touristikmesse einen Film über die Situation in Äthiopien gezeigt. Anschließend diskutierten wir mit einer kleinen, zusammengewürfelten Gruppe von Menschen, die sich den Film mit uns zusammen angesehen hatten. Das waren keine besonders wohlhabenden Leute. Und ich muss sagen, dass ich nie einen so faszinierenden Workshop geleitet habe. Die Fragen und die Art und Weise, wie sie gestellt wurden, waren einfach unglaublich. Der Film zeigte die klassische Situation, bei der die Touristen von den Einheimischen und die Einheimischen von den Touristen auf bloße Objekte reduziert wurden. Die Zuschauer waren schockiert von dem, was sie gesehen hatten und wollten dieses Thema vertiefen – nicht so sehr auf intellektueller sondern auf emotionaler Ebene. Also stellten sie ganz einfache Fragen: Wie ist das? Wie kann man das ändern? Und akademische Antworten auf einfache Fragen sind bekanntlich die schwierigsten. Also erzählte ich ihnen etwas über Respekt. Darüber, ob wir uns in Władysławowo und in Addis Abeba über dieselben Dinge aufregen. Über Vergleichsstrategien. Und ich kann dir sagen, dass ich, wenn wir uns mit Doktoranden über diese Dinge unterhalten, schon den Eindruck habe, dass sie es verstehen. Aber Verstehen und Erleben ist nicht dasselbe. Man muss also nicht unbedingt ein Kulturwissenschaftler sein und wissen, was Mimikry bedeutet und wie man postkoloniale Begriffe verwendet, um die Prozesse, von denen ich spreche, zu verstehen und an ihnen teilzuhaben.