Arbeit in Deutschland Eine weiche Landung für Freiberufler

Magdalena Ziomek-Frackowiak

Mit Magdalena Ziomek-Frackowiak, der Initiatorin und Gründerin der Berliner Genossenschaft für Kreative und Kulturschaffende SMartDe eG, spricht Paulina Olszewska.

Wie bist du nach Berlin gekommen?

Ich habe mir Berlin nicht ausgesucht – Berlin hat sich mich ausgesucht (lacht). Zuvor habe ich in Bremen gewohnt und gedacht, das sei der schönste Ort auf der Welt. 2006 habe ich dort gemeinsam mit einer Bekannten den Verein agitPolska ins Leben gerufen. Er basierte auf der Zusammenarbeit zwischen den Partnerstädten Bremen und Danzig und hatte das Ziel, polnische Kultur in Deutschland und deutsche Kultur in Polen zu präsentieren. Wir haben in dieser Phase versucht, uns von den Polonia-Vereinen abzugrenzen, denn es ging uns nicht um die Auslandspolen, sondern um den kulturellen Austausch. Während unserer Arbeit an den ersten Projekten mit einem für unsere Verhältnisse unglaublich großen Budget stellte ich fest, dass theoretisches Wissen in diesen Fällen weniger hilfreich ist als praktisches Wissen im Projektmanagement. Also beschloss ich, mich in dieser Richtung weiterzubilden. Anstatt mich mit der kreativen Seite zu beschäftigen, habe ich mich zunehmend dem „ungeliebten Kind“ der Projektadministration gewidmet und achtgegeben, dass für alles und alle genügend Geld da ist. Und so erwarben wir uns mit agitPolska bei vielen Leuten einen Ruf als Experten. Wir haben viel polnische Kultur nach Bremen gebracht, und später auch nach Hamburg, Hannover und in andere deutsche Städte. Auf diese Weise habe ich auch angefangen, bei der Organisation von Festivals mitzuwirken. Auf einem von ihnen lernte ich den Chef der Firma Eidotech [eines der führenden Unternehmen im Bereich der audiovisuellen Ausstattung von Ausstellungen und künstlerischen Veranstaltungen – Anm. P.O.] kennen, der mir vorschlug, nach Berlin umzuziehen und ihn beim Aufbau eines polnischen Ablegers seines Unternehmens zu unterstützen. Ich habe zwei Jahre für Eidotech gearbeitet, um schließlich festzustellen, dass Freiheit und Unabhängigkeit doch eher in meiner Natur liegen. Also habe ich meinen Job bei Eidotech aufgegeben – aber von Berlin konnte ich mich damals schon nicht mehr trennen.
 
Wie hast du dich als Polin, die in der Kreativbranche tätig ist, dort eingelebt?
 
Als ich 2009 nach Berlin kam und jemandem bei irgendeiner Vernissage erzählte, dass ich aus Bremen hierhergezogen bin, um zu arbeiten, stieß ich damit auf völliges Unverständnis: „Nach Berlin?! Um zu arbeiten?! Nach Berlin kommt man, um ein Stipendium zu bekommen und sich beruflich weiterzuentwickeln. Zum Arbeiten fährt man nach München!“, wurde mir gesagt. Damals sah es tatsächlich noch anders aus in Berlin, auch wenn die Mieten niedriger waren. Auch für Künstler war das eine sehr fruchtbare Phase. Ich habe mich damals sehr stark der polnischen Diaspora angenähert. Während ich in Bremen immer das Gefühl hatte, dass es zu wenig Polen gab, spürte ich in Berlin, wo über 200 000 Menschen mit polnischem Hintergrund leben, dass dies eine große und vielfältige Stadt ist, die dazu auch noch zur Hälfte von Intellektuellen, Künstlern und Verrückten bewohnt wird… Da war eine kreative Energie, die mir in Bremen, vor allem innerhalb der polnischen Diaspora, gefehlt hatte.
 
Und wie entstand dann SMartDE?

 
Das SMartDe Netzwerk für Kreative wurde vor vier Jahren von uns gegründet. Sein Ziel war es, die Arbeitssituation von Freiberuflern in der deutschen Kulturbranche zu untersuchen. Und weil wir in Berlin arbeiteten, konzentrierten wir uns selbstverständlich auf die dortige Szene. Die Internationale Gesellschaft für bildende Kunst und das Internationale Theaterinstitut schufen damals im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien das Informationsportal Touring-artists.info. Und wir richteten mit SMartDe eine mit diesem Portal verbundene individuelle Beratungsstelle für international tätige Künstler ein.
 
Begann damals dein Kontakt mit Freiberuflern aus der Kulturbranche?
 
Ja. Ich hatte bereits über zehn Jahre Erfahrungen im Bereich des internationalen Kulturaustauschs gesammelt und kannte mich ausgezeichnet mit so prosaischen Fragen wie Krankenversicherung, Sozialversicherung und Steuern aus. Außerdem war ich dank der Schulungen im Rahmen von Touring-artists.info in der Lage, Künstler aus ganz Europa beraten. Andererseits wurde ich immer wieder mit den zahlreichen Problemen von Neu-Berlinern konfrontiert, und bemerkte, wie sehr sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt oder in den Ämtern verschlechterte. Ich sah, dass neue Herausforderungen für Neuankömmlinge entstanden. Sie stehen ganz allein vor einem Berg von Papieren, Dokumenten und Situationen, die sie einfach nicht verstehen. Dadurch machen sie in der Anfangszeit unbewusst Fehler, die sie wenige Jahre später teuer bezahlen, weil sie zum Beispiel nicht wussten, dass sie eine Krankenversicherung abschließen müssen. Die Beratungen, die wir durchführten, öffneten mir die Augen für eine andere, weniger rosige Seite Berlins. Auch das große Unwissen darüber, welche Anforderungen das deutsche System an freiberufliche Künstler stellt, überraschte mich. Es gibt zum Beispiel Künstler, die selbst nach ihrer hundertsten Ausstellung in dieser Stadt noch immer nicht wissen, dass es so etwas wie eine Künstlersozialkasse (KSK) gibt und die dieses Fundament für sie selbst, für das ich immer gekämpft habe, einfach ignorieren.
 
Und wie entstand die Idee, eine Genossenschaft zu gründen?
 
Es gab zwei Impulse. Das Konzept der SMart-Genossenschaft ist unsere eigene, typisch deutsche Idee, die ausschließlich aus der Untersuchung der Bedürfnisse von Freiberuflern in der deutschen Kulturbranche entstand. Der zweite Impuls kam aus Belgien. Dort gründete vor zwanzig Jahren ein gewisser Julek Jurowicz, nota bene ein Belgier polnischer Abstammung, zunächst eine Stiftung und schließlich eine Genossenschaft, die auf die besonderen Bedürfnisse von Künstlern eingehen sollte. Sie nahm ihnen administrative Pflichten ab, unterstützte sie und half ihnen beim Projektmanagement. Heute hat diese belgische Genossenschaft 70 000 Mitglieder, die nicht nur aus der Kreativbranche stammen, sondern auch aus dem Prekariat und anderen sozialen Gruppen, die keinen Zugang zu Sozialleistungen haben. Diese Idee aus Belgien und die Unterstützung der belgischen Genossenschaft waren für uns ein weiterer Ansporn zum Handeln.
 
Gibt es eine solche Genossenschaft nur in Belgien?
 
Vereine in acht Ländern haben dieselben Probleme und Bedürfnisse untersucht: in Schweden, Spanien, Österreich, den Niederlanden, Italien, Frankreich, Ungarn und eben in Deutschland. Auf diese Weise entstanden SMart-Genossenschaften in neun europäischen Ländern.

SMartDe Team © SMartDe Stehen diese neun Genossenschaften miteinander in Kontakt?
 
Selbstverständlich! Es ging uns ja gerade darum, paneuropäische Beziehungen zu schaffen und ein Netzwerk zur Unterstützung und zum Wissensaustausch, z. B. in Steuer- und Rechtsfragen, aufzubauen. Zu Beginn waren wir der Ansicht, der größte Wunsch von europaweit tätigen Künstlern sei der Besitz einer europäischen Steuernummer, die es ihnen ermöglicht, überall zu arbeiten. Heute wissen wir, dass es viel wichtiger ist, die einzelnen Sozialsysteme zu konsolidieren und aufeinander übertragbar zu machen. Und auch, Kunst- und Kulturschaffenden einen Zugang zu Sozialleistungen zu verschaffen.
 
Wie funktioniert die deutsche Genossenschaft und wie ist sie aufgebaut? Aus wem besteht SMartDe?

 
SMartDe besteht aus den Genossenschaftlern. In diesem Moment sind das über 60 Personen, im Vergleich mit Belgien stehen wir also erst am Anfang unseres Weges. Unsere Genossenschaft hat zwei Ziele. Zum einen arbeiten wir auf der theoretischen Ebene, der Werte-Ebene. Es handelt sich um eine demokratische Organisation, in der jeder Genossenschaftler, unabhängig von der Zahl seiner Anteile, eine Stimme hat und die von der Genossenschaft zur Verfügung gestellten Leistungen, die sich an den Bedürfnissen der Gruppe orientieren, unmittelbar beeinflusst. Darüber hinaus bietet die Genossenschaft spezielle Leistungen für ihre Mitglieder. Die wichtigste ist das Produktionshaus, das Beschäftigung im Rahmen der laufenden Projekte der Genossenschaft schafft. Als Angestellte der Genossenschaft erhalten die Mitglieder Zugang zu Sozialversicherungen (inklusive Rente und Arbeitslosigkeit). Andererseits wird die Genossenschaft, indem sie Aufträge ihrer Mitglieder übernimmt, auch formal zu einem Arbeitgeber. Sämtliche Genossenschaftler sind somit sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer. Ein Teil der Umsätze fließt also in die Administration und in einen Garantie- und Solidaritätsfonds. Im Rahmen des letzteren bürgen sämtliche Genossenschaftler füreinander und unterstützen sich gegenseitig in Krisensituationen, wenn z. B. ein Auftraggeber nicht oder erst später, nach Erfüllung des Vertrags, bezahlt. Auch wenn z. B. ein Auftraggeber trotz erbrachter Leistung gar nicht bezahlt, übernimmt die Genossenschaft solidarisch die Kosten und bezahlt den Genossenschaftler. Jeder Genossenschaftler zweigt 2 % seiner Auftragsumsätze an den Garantiefonds ab. Ich denke, dass wir damit das bieten, was Berlin am meisten fehlt: Kontinuität, Stabilität und den Zugang zu Sozialleistungen, auch für Selbstständige.
 
Wer kann der Genossenschaft beitreten?
 
Selbstständige und Nicht-Selbstständige, die freiberuflich arbeiten. Wir interessieren uns hierbei nicht für Fälle von Outsourcing, bei denen ein Arbeitgeber einen Mitarbeiter nicht fest anstellen will. Wir helfen nicht dabei, Gesetze zu umgehen. Auch Ausländer, die nach Deutschland kommen und sich nicht zur Aufnahme einer Wirtschaftstätigkeit entschließen. Wir möchten einfach nur sicher gehen, dass der Bewerber in der Lage ist, für sich selbst Aufträge zu generieren, denn die Genossenschaft sucht nicht nach Auftraggebern für ihre Mitglieder. Wir vermitteln jedoch gern Kontakte. Nach und nach schaffen wir eine Art Gemeinschaft, in der wir uns bemühen, unsere Mitglieder auf verschiedenen Ebenen zu unterstützen, indem wir z. B. ihre Arbeit präsentieren. Bereits im Juni wird ein Mitglied von SMartDe, Krzysztof Leon Dziemaszkiewicz, in den Räumen von SMartDe eine Performance realisieren, für die er von uns ein Honorar erhält. Gleichzeitig organisieren wir Veranstaltungen, zu denen wir potenzielle Klienten, Journalisten und andere Genossenschaftler einladen, um mit ihnen Erfahrungen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen.
 
Welche Schritte muss ich unternehmen, wenn ich der Genossenschaft beitreten möchte?
 
Aus formaler Sicht musst du einen Anteil erwerben, der 50 € kostet. Wir prüfen dann gewisse Dinge, z. B. ob du in Deutschland gemeldet bist und ob du eine Arbeitserlaubnis besitzt. Auch wenn du keine hast, schließt dich das nicht automatisch aus – wir können dir dabei helfen, eine Arbeitserlaubnis zu beantragen oder deinen Aufenthaltsstatus zu ändern. Wenn die Formalitäten erledigt sind, erhältst du von uns zwei Dokumente: ein Genossenschaftszertifikat und ein Formular, mit dem uns und deinen Auftraggeber darüber informierst, welche Aufträge du über SMartDe abwickeln möchtest. Dann besprechen wir, wie du deine Auftragsumsätze verwenden möchtest: Ob du bei SMartDE angestellt sein möchtest, oder ob du lieber freiberuflich arbeitest und die Genossenschaft dich bei der Administration und Verwaltung deiner Projekte unterstützen soll. Wir suchen gemeinsam mit dir nach einer optimalen Lösung.
 
Sollten Bewerber bereits eine gewisse Berufserfahrung aufweisen?
 
Wir freuen uns über Bewerber, die auf der Suche nach einem beruflichen Weg sind und dabei viele Möglichkeiten ausprobieren. Es geht uns weniger um Studenten oder junge Berufseinsteiger. Wir sind die interessanteste Lösung für Freiberufler, die mit ihren Aufträgen zwischen 600 und 2000 Euro im Monat verdienen. Ich verstehe es so, dass unsere Genossenschaft eine Lücke zwischen der Künstlersozialkasse und gestandenen Freiberuflern schließt, die sich eigenständig auf dem Markt behaupten und bereit sind, einen Buchhalter zu bezahlen, der keine Angst vor Bürokratie und verspätet zahlenden Auftraggebern hat.
 
Wie groß ist deiner Ansicht nach die Gruppe der potenziellen Genossenschaftsmitglieder?
 
Ehrlich gesagt, glaube ich, dass es ca 60 % der Freiberufler in Berlin sind. Wie aus den neuesten Daten hervorgeht, beträgt das Durchschnittseinkommen in der Berliner Kreativ- und Kulturbranche, wenn wir die Spiele- und Filmbranche einmal ausnehmen, 800 Euro monatlich. Nicht für jeden ist Berlin die große Chance, für viele ist es auch eine Falle. Wenn man nicht völlig unter die Räder kommen möchte, sollte man unbedingt Alternativen in Betracht ziehen, zum Beispiel eine Zusammenarbeit mit unserer Genossenschaft. Es kommt auch vor, dass wir jemandem von einer Mitgliedschaft bei uns abraten, wenn wir sehen, dass ihm die Zusammenarbeit mit uns keinerlei Ersparnis bringt.
 
Welche Berufe haben eure Mitglieder?
 
Wir haben sehr viele Tänzer, Performer und Musiker. Es sind vor allem Menschen, die transnational arbeiten, weil das viele Probleme mit sich bringt und mit Formularen, Geschäftsreisen und Genehmigungen verbunden ist – das ist für einen Freiberufler allein nur schwer zu bewältigen. Wir haben auch einige bildende Künstler, die Hilfe beim Verkauf ihrer Werke ins Ausland oder bei der Kommunikation mit ausländischen Galerien benötigen. Aber es gibt auch Webdesigner, Grafiker, Kuratoren und Politologen, mit denen wir gemeinsam europäische Politikprojekte realisieren.
 
Und wie seht ihr eure Zukunft?
 
Unsere Genossenschaft ist so ein „Traumpanzer“. Ich würde mir sehr wünschen, dass sie sich ähnlich entwickelt wie ihr belgischer Vorläufer. Man darf dabei nicht vergessen, dass Belgien ein kleines Land ist, in dem man zwanzig Jahre gebraucht hat, um 70 000 Mitglieder zusammenzubekommen. In Spanien hingegen hat die Genossenschaft nach zwei Jahren bereits zweitausend Mitglieder. Die belgische Genossenschaft verfügt über eigene Räumlichkeiten, in denen sich z. B. Ateliers für Künstler befinden. Sie besitzt Ausstellungsräume und organisiert künstlerische Austauschprogramme. Sie hat auch eine eigene Kunstsammlung, weil die Genossenschaftler irgendwann zu dem Schluss kamen, dass man Künstlern am besten hilft, indem man ihre Arbeiten kauft.
Von einer solchen Entwicklung träume ich.
 

Magdalena Ziomek-Frackowiak

Magdalena Ziomek-Frackowiak wurde in dem kleinen Dorf Tychowo in Westpommern geboren. Sie studierte Kunstgeschichte an der Universität Posen. Der Liebe wegen zog sie schließlich nach Bremen. In Deutschland absolvierte sie Ergänzungsstudiengänge im Museum- und Ausstellungswesen sowie im Projektmanagement. Seit vielen Jahren kuratiert sie Ausstellungen und koordiniert internationale Kulturprojekte. Außerdem arbeitet sie als Übersetzerin und Beraterin im Bereich polnisch-deutscher Kulturprojekte. Sie ist Mitbegründerin der Vereine agitPolska e.V. und SMartDe Netzwerk für Kreative e.V. sowie der Genossenschaft SMartDe eG.