Wolfgang Bauer Ich habe mich nicht nur für ihr Leid interessiert

Bild aus dem Buch „Boko Haram...“
Bild aus dem Buch „Boko Haram...“ | Foto © Andy Spyra

​Die nigerianische Boho Haram ist eine der grausamsten terroristischen Organisationen weltweit. Nachdem ihre Kämpfer eine Gruppe von Mädchen entführten, gelang einigen Opfern die Flucht. Wolfgang Bauer hat mit ihnen gesprochen, aus den Begegnungen mit ihnen entstand dieses Buch.

Wolfgang Bauer © Die Zeit
Die geraubten Mädchen: Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas
heißt das Buch des deutschen Journalisten und Kriegsberichterstatters Wolfgang Bauer, das im März dieses Jahres in der polnischen Übersetzung von Elżbieta Kalinowska beim Czarne-Verlag erschien. Im Mai war Wolfgang Bauer zu Gast auf der Warschauer Buchmesse, in einem Gespräch mit dem Radio- und Printjournalisten Dariusz Rosiak, dem Autor von Büchern wie Żar. Oddech Afryki und Ziarno i krew. Podróż śladami bliskowschodnich chrześcijan, für das er den Beata-Pawlak-Preis erhielt und für den Literaturpreis Nike 2016 nominiert wurde.
Boko Haram ist eine der grausamsten terroristischen Organisationen weltweit. Sie kämpft für die Errichtung eines Kalifats in Nigeria, arbeitet mit Al-Kaida zusammen und hat dem „Islamischen Staat“ die Treue geschworen. Der Name „Boko Haram“ stammt aus der Hausa-Sprache und kann übersetzt werden mit „Bücher sind Sünde“ oder auch „Westliche Bildung verboten“. 2014 entführten Boko-Haram-Kämpfer 276 Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren aus dem Ort Chibok. Sie wurden gefangen gehalten, zwangsverheiratet, indoktriniert und zur Teilnahme an terroristischen Aktionen gezwungen. Einigen von ihnen gelang die Flucht. Der „Zeit“-Journalist Wolfgang Bauer hat mit ihnen gesprochen, aus den Begegnungen mit ihnen entstand dieses Buch. 

Die Suche nach der Wahrheit, das Erzählen einer Geschichte

„Ich habe mich nicht nur für ihr Leid interessiert“, erklärte Wolfgang Bauer im Gespräch mit Dariusz Rosiak, „sondern auch für ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Geschichte, für sie selbst. Am ersten Tag unserer Gespräche wurde viel gelacht. Es ging nicht nur darum, eine ungezwungene Atmosphäre herzustellen, sondern auch darum, sie besser kennenzulernen. Am zweiten Tag, als wir uns bereits ein wenig kannten, haben sie mich geführt. Sie waren bereit, über die Exekutionen zu reden, jedoch nicht über die Vergewaltigungen, und ich habe das respektiert.“
Im Gespräch zwischen den beiden Reportern ging es insbesondere um das Gebot der Wahrheitsfindung und das Problem der interkulturellen Kommunikation. Auf die Frage, ob er sich mehr für die Aussagen der Opfer oder für die Wahrheit interessiere, antwortete Bauer: „Für die Wahrheit. Doch zu ihr gelangt man nur, wenn man die Rechte und die Grenzen der Gesprächspartner respektiert.“ Außerdem betonte er, dass die traditionelle Art des Erzählens lückenhaft sei. Um eine Geschichte zu erzählen, sei es wichtig, unterschiedliche Erzählstile zu adaptieren.

Bild aus dem Buch „Boko Haram...“ Bild aus dem Buch „Boko Haram...“ | Foto © Andy Spyra Paradoxerweise war es gerade der Umstand, dass sein Dolmetscher – der nigerianische Journalist Kabiro Anwar – stotterte, der sich für Bauer in den Gesprächen mit den Frauen als hilfreich erwies. Die Tatsache, dass das Aussprechen der Sätze ihm Schwierigkeiten bereitete und Zeit benötigte, führte dazu, dass die Gespräche einen intimeren Charakter annahmen und die Klassenschranken zwischen dem Journalisten und den einfachen Frauen vom Land durchbrochen wurden. Dies war für Wolfgang Bauer äußerst wichtig, da Klassendenken und Standesdünkel in Nigeria sehr tief verwurzelt seien. Bauer legt großen Wert auf journalistische Ethik und den Respekt gegenüber seinen Protagonisten. Aus diesem Grund wandte er sich nach dem Schreiben des Buchs erneut an die interviewten Frauen und bat sie, die fertigen Texte zu autorisieren. Dies sei äußerst wichtig gewesen, weil es ihnen, zumindest in gewissem Maße, das Gefühl gab, die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerlangen. Außerdem betonte er, dass auch das Geld eine wichtige Rolle bei der Wahrheitsfindung spiele – in Kriegsgebieten seien die Dienste von Dolmetschern sehr teuer. „Es kann also vorkommen, dass ein Reporter nur noch die halbe Wahrheit schreibt, wenn ihm das Geld ausgeht“, erklärte Bauer.

Das Problem der Anteilnahme

Bild aus dem Buch „Boko Haram...“ Bild aus dem Buch „Boko Haram...“ | Foto © Andy Spyra „Dein Buch endet mit einem Aufruf zur Hilfe“, sagte Dariusz Rosiak. „Ist es die Aufgabe eines Reporters, die Welt zu verbessern oder sie zu beschreiben?“.
„Die Welt zu verbessern ist die Aufgabe eines jeden Menschen. Ich bin in erster Linie Mensch und erst in zweiter Linie Reporter. Manchmal braucht es gar nicht viel, um jemanden zu helfen. Ich versuche, zu helfen, weil ich weiß, dass ich anders nicht arbeiten, nicht schreiben kann. Wenn ich das nicht täte, würde ich mit dieser Last nicht fertig werden, ich würde den Respekt vor mir selbst verlieren.” An diesem Punkt des Gesprächs kam eine Frage aus dem Saal, die sich Leser von Reportagen aus Kriegs- und Terrorgebieten häufiger stellen: „Haben Reporter keine Gewissensbisse, wenn sie ein Not leidendes Land wieder  verlassen?“. Wolfgang Bauer gab zu, dass dies eine Frage sei, die ihn ständig begleite, dass er in gewisser Weise das Gefühl habe, die Menschen über die er schreibt, zu verraten. Doch gleichzeitig benötigten Reporter – wie Ärzte auf einer Intensivstation – einen gewissen Grad an Abstumpfung, weil sie andernfalls ihren Beruf gar nicht ausüben könnten. „Ich habe mich einmal mit einem Arzt unterhalten, der mir sagte: Sobald du das Gefühl hast, ein Opfer der Situation zu sein, musst du wegfahren, denn es gibt schon genügend Opfer.

Beobachtungen aus dem Leben

Wolfgang Bauer war neunzehn, als er das erste Mal nach Afrika fuhr, seitdem besucht er den Kontinent regelmäßig. Er bezeichnet Nigeria und die angrenzenden Länder Mali und Burkina Faso als „Zombiestaaten“ – Staaten, die nicht funktionieren. In Krankenhäusern und Schulen müssen Bestechungsgelder gezahlt werden, Polizisten werden als Leibwächter für die Reichen engagiert. Bauer sieht hierin ein Erbe der Willkür der Kolonialmächte, die bei ihrer Aufteilung Afrikas keine Rücksicht auf traditionelle Siedlungsgebiete nahmen. Der Schlüssel für eine bessere Zukunft sei Bildung: „Wir benötigen Schulen und wir müssen kreative Lehrer ausbilden – in Afrika beruht die Ausbildung, sogar auf Universitätsniveau, häufig auf dem Copy-Paste-Prinzip.“ Außerdem dürfe Europa nicht länger so kurzsichtig sein, sagt er. Wir müssen noch viel lernen, bevor wir einen echten Beitrag zur Situation in Afrika leisten können. Wie er im Epilog seines Buches schreibt: „Kein Wahnsinn, der in einem Land dieser Welt ausbricht, bleibt in unserer Zeit auf ein Land beschränkt.“
 

Wolfgang Bauer

Wolfgang Bauer, geboren 1970, ging nach „langweiliger Kindheit und ereignisarmer Jugend“ verschiedenen Berufen nach, war Zeitsoldat und Kriegsdienstverweigerer. Er studierte nach Besuch eines Abendgymnasiums zunächst Islamistik, später Geografie und Geschichte in Tübingen. Heute lebt Bauer in Reutlingen.
Seit 1994 ist Bauer als freier Journalist und Kriegsberichterstatter tätig. Er schreibt nach Stationen beim Schwäbischen Tagblattes, Stern und Focus seit 2011 für die Wochenzeitung DIE ZEIT, sowie Neon, das Greenpeace Magazin und Geo.
Für seine Reportagen wurde er unter anderem mit dem Katholischen Medienpreis, dem Prix Bayeux-Calvados des Correspondants de Guerre sowie zahlreichen weiteren Preise ausgezeichnet. Im Suhrkamp Verlag erschien zuletzt Die geraubten Mädchen - Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas.