WARSCHAU - BERLIN
GESCHICHTEN ÜBER EINE (LITERARISCHE) BEZIEHUNG. Eine persönliche Skizze.

Berlin Panorama
© visitBerlin, Foto: Artfully Media, Sven Christian Schramm

Die polnischen Schriftsteller beschäftigen sich nur selten mit dem heutigen Berlin. Agnieszka Drotkiewicz erzählt eine persönliche Geschichte ihrer Faszination für diese Stadt und begleitet uns auf einer Reise durch das literarische Berlin aus der polnischen Perspektive.

Berlin ist die Stadt, die mir nach Warschau am nächsten ist, meine zweite Heimat – und dies verdanke ich in großem Maße der Literatur. Ich kannte Berlin bereits von zwei Kurzbesuchen, als ich im Juni 2005 zum Festival polnischer Literatur Polococktail in diese Stadt kam. Ich war damals 24 Jahre alt und hatte gerade meinen ersten Roman Paris London Dachau veröffentlicht. Eine Woche lang präsentierten polnische Schriftsteller im Club der polnischen Versager in der Torstraße ihre Bücher. Der Höhepunkt des Festivals war ein gemeinsames Treffen in der Villa des Literarischen Colloquiums Berlin am Wannsee, das von dem deutschen Übersetzer polnischer Literatur Olaf Kühl moderiert wurde.
 
Eben damals, an einem heißen Sommerabend im Juni 2005, kam nach einer Lesung im Club der polnischen Versager eine blonde Frau vom Typ Corinna Harfouch mit einem Aufnahmegerät auf mich zu – die damalige Journalistin des Senders Radios Multikulti Dorota Danielewicz-Kerski. Wir machten ein Interview, und Dorota wurde meine Berliner gute Fee, Patin und eine meiner engsten Freundinnen. Und auch meine Reiseführerin durch die Seele Berlins. Auf der Suche nach der Seele Berlins ist auch der Titel von Dorotas Buch über West-Berlin vor und nach dem Fall der Mauer. Sie schreibt darin über Künstler, Ärzte und Hobbygärtner … Wir werfen mit ihr einen Blick in die Paris Bar, hinter die Kulissen der Berlinale und auf den Wochenmarkt, auf dem Herta Müller ihr Gemüse kauft. „Dorota Danielewiczs Beschreibung Berlins ist in der polnischen Literatur einzigartig“, erklärte Dr. Andrzej Kaluza vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt im Rahmen der Diskussion „Warschau-Berlin“ auf der diesjährigen Warschauer Buchmesse und betonte damit das Interesse der Autorin am heutigen Berlin, an dem, was die Stadt sowohl Einwohnern als auch Touristen zu bieten hat. Also kurz gesagt an etwas, worüber polnische Schriftsteller nur selten schreiben, wie der Kritiker und Verleger Paweł Dunin-Wąsowicz konstatierte.
 
Paweł Dunin-Wąsowicz und Olaf Kühl kamen in ihrem Gespräch über die literarischen Beziehungen zwischen den beiden Hauptstädten zu dem Schluss, dass sich die polnischen Schriftsteller nur selten mit dem heutigen Berlin beschäftigen. Sie interessieren sich eher für die Zeit, als Berlin noch geteilt war und die Politik nahezu sämtliche Aspekte des Alltags seiner Bewohner beeinflusste – wie es zum Beispiel Magdalena Parys in ihren Büchern Tunel und Magik beschreibt. Die polnischen Autoren fantastischer Literatur wiederum lassen sich gern vom Berlin der Zeit des Nationalsozialismus inspirieren – so zum Beispiel Sebastian Uznański in seinem Roman Herrenvolk. Als Beispiele für die Darstellung des heutigen Berlins in der polnischen Literatur nannte Paweł Dunin-Wąsowicz die Bücher Engel und Schweine von Brygida Helbig, Czarna Matka von Wojciech Stamm und Berlinawa von Dawid Kornaga. Und er wunderte sich über die verblüffend geringe Präsenz von „hedonistischen Elementen“ in polnischen Büchern über das heutige Berlin. Als einen der ersten polnischen Texte, die Berlin auf der europäischen Genuss-Landkarte verorteten, nannte er das Lied Berlin Paryż Londyn der Gruppe T.Love.

Sobald wir jedoch einen Blick in die Non-Fiction-Abteilung werfen, finden wir zum Beispiel das Buch Poza światłem von Wojciech Kuczok und darin das Kapitel „Raptularz berliński“ (dt. „Berliner Tagebuch“). In diesem Kapitel gibt sich Kuczok als Kunstliebhaber zu erkennen, er durchstreift die Gemäldegalerie, den Park Sanssouci und den Schlosspark Charlottenburg, das Bode Museum und das Alte Museum, er setzt sich mit der Architektur Karl Friedrich Schinkels auseinander, hört Musik im Konzerthaus und in der Philharmonie und besucht schließlich zwei bedeutende Denkmäler – die Beton-Obelisken von Peter Eisenman, die zeigen, „wie kranke Ideen unbemerkt an Stärke gewinnen und die Reihen schließen“, und Micha Ullmans Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung am Bebelplatz.

Kuczoks Buch erschien 2012 – im selben Jahr erschien beim W.A.B.-Verlag eine Neuauflage des Buchs Nigdy nie wyjdę za mąż von Izabela Czajka-Stachowicz. Bella Schwarz – so lautete ihr Mädchenname – war eine Schriftstellerin und Künstlerin, eine Chronistin der Bohème der Zwischenkriegsjahre, die mit zahlreichen Persönlichkeiten aus der damaligen europäischen Kunstszene befreundet war. Sie diente als Vorbild für die Figur der Hela Bertz in Stanisław Ignacy Witkiewiczs Roman Abschied vom Herbst. In den Zwanzigerjahren studierte sie Kunstgeschichte in Berlin. Sie lebte in der Nähe des Nollendorf-Platzes, später auch im Studio von Ludwig Mies van der Rohe, sah sich Kleider in den Schaufenstern des Kaufhauses des Westens an, ging ins Romanische Café, schloss Bekanntschaft mit Hans Arp und studierte gemeinsam mit Studenten aus aller Welt: einem Amerikaner, Briten, Russen, Chinesen, einer Schwedin, Ungarn …
 
Interessieren sich deutsche Schriftsteller auch für Warschau? Olaf Kühn meinte hierzu, das Interesse an Warschau habe deutlich abgenommen, seit die beiden Städte einander immer ähnlicher werden. Vielleicht sind es also die oberflächlichen Ähnlichkeiten zwischen Berlin und Warschau, die die Aufmerksamkeit der Schriftsteller einschläfern?
 
Die literarischen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau funktionieren auf zahlreichen Ebenen, nicht nur im Bereich von Publikationen, sondern auch im Rahmen von Begegnungen, Diskussionen und im Berlin-Warszawa-Express.
Einige wichtige Orte auf der Landkarte der literarisch-kulturellen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau habe ich bereits genannt (den Club der polnischen Versager und das Literarische Colloquium Berlin – ein Ort, an dem bereits zahlreiche Autoren Stipendienaufenthalte verbrachten). Auf meiner persönlichen Landkarte gibt es noch einen einjährigen Berlin-Aufenthalt im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, an dem in den Sechzigerjahren auch Witold Gombrowicz teilnahm und nach ihm viele andere, darunter Olga Tokarczuk (hier entstand ihre Erzählung Spiel auf vielen Trommeln), Wojciech Kuczok und Joanna Bator. Im Frühling 2009, als ich selbst in der Villa am Wannsee lebte, kam auch Dorota Masłowska im Rahmen eines DAAD-Stipendiums nach Berlin. Wir kauften Kaffee in der Bäckerei Windback auf der Windscheidstraße und aßen Madeleines, während wir gemeinsam durch Charlottenburg spazierten. Echte Institutionen sind auch die von Marcin Piekoszewski geleitete deutsch-polnische Buchhandlung Buchbund in Neukölln und die Großbuchhandlung Dussmann, die ich jedes Mal besuche, wenn ich nach Berlin komme, um Musik zu hören und Postkarten zu kaufen, denn Dussmann hat die beste Auswahl an Kunstpostkarten, die ich kenne.

Ich schreibe auf diese persönliche Art und Weise, weil ich selbst eine große Nutznießerin der Beziehungen zwischen Berlin und Warschau bin. Ich fühle mich als ein Teil des Wegs zwischen diesen beiden Städten, obwohl bisher keines meiner Bücher ins Deutsche übersetzt wurde (Vielleicht liegt es daran, dass sie keine guten Titel haben?! Olaf Kühl bemerkte auf einer Veranstaltung in Warschau einmal scherzhaft, dass polnische Schriftsteller, denen daran liegt, ins Deutsche übersetzt werden, ihren Büchern Titel geben, die man nicht übersetzen muss, wie zum Beispiel Mercedes Benz, Castorp oder Hanemann).