Neue Architektur in Stettin Skyscraper und Groundscraper

Filharmonia im. Mieczysława Karłowicza
Filharmonia im. Mieczysława Karłowicza | Foto: Juliusz Sokołowski Konieczny © Muzeum Narodowe Centrum Dialogu Przełomy, mat. prasowe

Die polnische Architekturlandschaft sah zu Beginn dieses Jahrhunderts reichlich trist aus. Die Situation veränderte sich erst mit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union. Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist Stettin. Zwei innerhalb der letzten Jahre entstandene Gebäude stehen sinnbildlich für die Wiedergeburt der Stadt: Die Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie und eine Abteilung des Nationalmuseums.

Bürohochhäuser, Einkaufszentren, Wohngebäude und Einfamilienhäuser – die polnische Architekturlandschaft sah zu Beginn dieses Jahrhunderts reichlich trist aus. Hauptsache, die Gebäude waren zweckmäßig und/oder profitabel. Die staatliche Politik konzentrierte sich ganz auf die Eindämmung der Inflation und den Kampf gegen das Haushaltsdefizit – und wenn Finanzminister nach Einsparmöglichkeiten suchen, kürzen sie in der Regel zuerst die Ausgaben für Kultur und Bildung. Es wurden kaum neue Theater, Philharmonien, Museen oder Bibliotheken gebaut, stattdessen begnügte man sich mit der Aufrechterhaltung der bestehenden, noch aus der Epoche des Sozialismus stammenden Infrastruktur. Auch die neue Klasse von Millionären, die sich in der Phase der wirtschaftlichen Transformation in Polen herausgebildet hatte, war nicht willens, diese staatlichen Versäumnisse wettzumachen. Im besten Fall lernten es die neuen polnischen Reichen, ihren neu erworbenen Status durch den Bau von Villen und Bürogebäuden oder den Ankauf von Kunstwerken zu demonstrieren. Ende der Neunzigerjahre überredete die einflussreiche Kunstkritikerin und Kuratorin Anda Rottenberg den Architekten Frank Gehry, der gerade mit dem Bau des Guggenheim-Museums in Bilbao beschäftigt war, zur Erstellung eines Entwurfs für das Museum für Zeitgenössische Kunst in Warschau, doch dies war ein Einzelvorstoß ohne Chancen auf politische oder finanzielle Unterstützung.
 
Die Situation veränderte sich erst mit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union. Milliarden von Euro strömten plötzlich aus den Brüsseler Kassen – nicht nur in den Bau von Autobahnen und Klärwerken, die Modernisierung des maroden Bahnnetzes und die Schaffung von Fahrradwegen, sondern auch in die kulturelle Infrastruktur und Maßnahmen zur Steigerung der touristischen Attraktivität. Kleinere regionale Zentren, die bisher bei der Verteilung der ohnehin knappen staatlichen Mittel leer ausgegangen waren, bot sich eine historische Chance, weil die Verwaltungen der sechzehn Woiwodschaften zum großen Teil selbst über die Verwendung der EU-Gelder entscheiden konnten. 

Wnętrze Filharmonii im. Mieczysława Karłowicza Wnętrze Filharmonii im. Mieczysława Karłowicza | Foto: Kapitel © Creative Commons Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist Stettin. Die flächenmäßig siebtgrößte Stadt Polens besitzt fast eine halbe Million Einwohner – und spielt dennoch nur eine untergeordnete Rolle. Nach dem Niedergang der Industrie (inklusive der Werft als größtem Arbeitgeber der Stadt) im Jahr 1989, schien Stettin zu stagnieren. Die Stadt hatte kein Glück mit ihren Bürgermeistern, und ihre periphere Lage trug auch nicht zu einer Verbesserung der Situation bei. Erst die Schaffung neuer öffentlicher Institutionen, insbesondere der 2010 gegründeten Kunstakademie, verhalf der Stadt in den letzten Jahren wieder zu einem Platz auf der kulturellen Landkarte Polens.

Zwei innerhalb der letzten Jahre entstandene Gebäude stehen sinnbildlich für die Wiedergeburt der Stadt. Durch eine besondere Fügung des Schicksals (die städtische Raumplanung ist in Polen ist nicht besonders effektiv) befinden sich beide an ein und demselben Platz. 2014 wurde das neue Gebäude der Stettiner Philharmoniker fertiggestellt, die zuvor ein halbes Jahrhundert lang „übergangsweise“ in einem Flügel des Rathauses musiziert hatten, und zwischen 2015 und 2016 wurde das Dialogzentrum „Przełomy“ des Nationalmuseums Stettin mit einer Ausstellung über die jüngere Geschichte der Stadt eröffnet.

Anlässlich des 2007 ausgeschriebenen Wettbewerbs zur Gestaltung der neuen Philharmonie machte sich noch ein weiterer Effekt der europäischen Integration bemerkbar. Seit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union haben Architekturbüros aus dem gesamten EU-Raum die Möglichkeit, gleichberechtigt an lokalen Ausschreibungen teilzunehmen. Entgegen den Erwartungen machten Stararchitekten wie Daniel Libeskind, Zaha Hadid oder der bereits genannte Frank Gehry kaum oder gar nicht von dieser Möglichkeit Gebrauch. Dabei hatten viele gehofft, dass in Polen ein zweites Guggenheim-Museum entstehen und sich in irgendeiner polnischen Stadt der Bilbao-Effekt wiederholen würde … Das mangelnde Interesse der Star-Architekten erwies sich jedoch als ein unerwarteter Segen. Das Vakuum ihrer nicht zustande gekommenen Projekte wurde von interessanten kleinen und mittleren Architekturbüros aus ganz Europa ausgefüllt. Das österreichische Architekturbüro Riegler Riewe gewann den Wettbewerb zur Gestaltung des Schlesischen Museums in Katowice, der Italiener Claudio Nardi erhielt den Auftrag zur Gestaltung des Museum für Gegenwartskunst in Krakau, und das in Barcelona ansässige, italienisch-spanische Estudio Barozzi Veiga, das bis dahin noch kein Projekt in dieser Größenordnung realisiert hatte, entwarf die Philharmonie im entfernten Stettin.

Das Gebäude entstand an der Stelle des 1884 im Stil der Neorenaissance erbauten Konzerthauses, das gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört und nicht wieder aufgebaut worden war. Die weißen Giebelflächen des Gebäudes sind zweifellos eine Referenz an die architektonische Tradition des nördlichen Europas und die giebelständigen Häuserreihen, denen man überall zwischen Amsterdam und Tallinn, auch in Stettin, begegnet. Auf dieselbe Tradition verweist übrigens auch das benachbarte, hundert Jahre früher entstandene, neogotische Polizeigebäude. Barozzi und Veiga verwendeten jedoch nicht etwa Backstein oder ein anderes Material in einem warmen, natürlichen Farbton, sondern Weißglaspaneele und Aluminiumprofile. Die blendend helle, nahezu fensterlose Fassade, die nachts von 25 000 integrierten LED-Leuchten erhellt wird, weckt auch Assoziationen mit einem Eisberg, doch die filigrane Struktur nimmt dem Gebäude jegliches Voluminöse. Wer nach weiteren Bezügen zur Vergangenheit sucht, findet diese möglicherweise in den Kristallhäusern des deutschen Expressionisten Bruno Taut. 

Muzeum Narodowe - Centrum Dialogu Przełomy Muzeum Narodowe - Centrum Dialogu Przełomy | Foto: Juliusz Sokołowski Konieczny © Muzeum Narodowe Centrum Dialogu Przełomy, mat. prasowe Auch wenn sich viele Stettiner bis heute nicht mit der eigentümlichen Fassade angefreundet haben, die sie an die Architektur von Billigsupermärkten erinnert, findet sich wohl kaum jemand, der sich nicht von der feierlichen, doch keineswegs einschüchternden Atmosphäre der Innenräume gefangen nehmen ließe. Durch eine enge Drehtür gelangt man in die helle, vier Stockwerke hohe Empfangshalle, anschließend erreicht man über eine atemberaubend breite Treppe das Foyer und den Symphoniesaal, der im warmen Licht dreiecksförmiger, mit Blattgold überzogener Vertäfelungen erstrahlt. 

Möglicherweise lassen sich die Skeptiker ja durch die große Anerkennung umstimmen, die das Gebäude im Ausland erfährt: Im Mai 2015 wurde die Philharmonie Stettin als erstes Gebäude in Osteuropa mit dem Mies van der Rohe Architekturpreis ausgezeichnet. Das ist, als würde man den Eurovision Song Contest gewinnen, jedoch in wesentlich besserer Gesellschaft. Kritiker bemängelten zwar, dass der Preis nicht im eigentlichen Sinne an Polen ging, da der Entwurf von ausländischen Architekten erstellt wurde. Erstens stimmt dies nur zur Hälfte (das Projekt wurde in Barcelona von der Polin Agnieszka Samsel geleitet und die endgültige Fassung entstand in Zusammenarbeit mit dem Stettiner Architekturbüro A4), und zweitens stellt sich die Frage, ob eine Unterteilung in einheimische und ausländische Architektur in Zeiten des freien Austauschs von Kapital, Mode und Technologie überhaupt noch Sinn macht.

Das Gebäude der Philharmonie ist zwar kein Wolkenkratzer, reckt seine spitzen Giebel jedoch kühn in Richtung Himmel. Das benachbarte Dialogzentrum „Przełomy“ des Nationalmuseums Stettin ist hingegen das genaue Gegenteil eines Wolkenkratzers – kein Skyscraper, sondern ein Groundscraper. Der Großteil seiner Räume befindet sich nicht am, sondern unter dem Plac Solidarności, der 1970 zum Ort eines blutig niedergeschlagenen Arbeiteraufstands wurde. Von eben diesen Momenten des Widerstands und des Umbruchs erzählt auch die Ausstellung über die jüngere Geschichte Stettins: von der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee und ihrer Übergabe an Polen im Jahr 1945 bis zum Fall des Kommunismus 1989. Die Erinnerung an diese Zeit ist noch frisch und politisch leicht instrumentalisierbar. Folglich sorgte die Ausstellung bereits vor ihrer Eröffnung für zahlreiche Kontroversen. Die Kuratoren vermieden jedoch jeglichen patriotischen Kitsch. Die zahlreichen Exponate wurden sorgfältig zusammengestellt: der Schlagstock eines polnischen Milizionärs, der an der Niederschlagung der Demonstrationen beteiligt war, und das Tagebuch eines der Opfer, ein Ornat von Papst Johannes Paul II. und ein Gemälde, das Michail Gorbatschow den Stettiner Werftarbeitern zum Geschenk machte. Ergänzt wird die Ausstellung durch Arbeiten zeitgenössischer Künstler, die die dargestellten Ereignisse direkt oder indirekt kommentieren.

Oddział Muzeum Narodowego i Filharmonia Oddział Muzeum Narodowego i Filharmonia | Foto: Juliusz Sokołowski Konieczny © Muzeum Narodowe Centrum Dialogu Przełomy, mat. prasowe Auch die innovative Form des Gebäudes erwies sich als kontrovers – sogar auf politischer Ebene. Um den Charakter des Platzes zu erhalten, entschieden sich die Architekten dazu, den Großteil der Räume unterirdisch anzulegen. Der Platz geht unmittelbar in das Dach des Gebäudes über – und bildet mit diesem zusammen einen mit Betonplatten ausgelegten „Dachplatz“. Über der Erde befindet sich lediglich der Eingangsbereich (mit Kassen, einer Garderobe und einem Café), von dem man über eine Treppe und einen Aufzug nach unten in die Ausstellungsräume gelangt. So ganz ließ sich die Vergangenheit jedoch nicht unter die Erde kuratieren. Die Erinnerung an das Massaker im Jahr 1970 ist noch so lebendig, dass sie hitzige Diskussionen über die Form und die Nutzung des neuen „Dachplatzes“ auslöste. Einige konservative Kommentatoren stießen sich an der Tatsache, dass der Platz nicht mehr flach war und der Bau des Museums eine Verlegung des 2005 zum Gedenken der Opfer aufgestellten Freiheitsengels notwendig machte. Aus Respekt vor den Opfern verbot die Stadtverwaltung das Befahren des Platzes mit Fahrrädern oder Skateboards und schränkte damit die Nutzung dieses öffentlichen Platzes von vornherein ein. Es stellte sich jedoch heraus, dass der neue „Dachplatz“ sich ausgezeichnet bei heutigen Demonstrationen bewährt, zum Beispiel 2016 bei den aufsehenerregenden „schwarzen Protesten“ gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes. Die Wölbung des Platzes bildet ein natürliches Auditorium für die Teilnehmer. 

Wie bei der benachbarten Philharmonie wurden auch die Kontroversen, die das Dialogzentrum „Przełomy“ innerhalb der Bevölkerung auslöste, ein wenig durch die Anerkennung aus dem Ausland gemildert. Das innovative Konzept gewann 2016 den European Prize for Urban Public Space und den Titel World Building of the Year, der im Rahmen des World Architecture Festivals vergeben wird.

Als Barozzi und Veiga 2007 den Wettbewerb zur Gestaltung der Philharmonie Stettin gewannen, war der Mythos vom Bilbao-Effekt noch äußerst lebendig. So manche europäische Stadt träumte davon, ihrem Schicksal durch den Bau eines neuen, extravaganten Gebäudes eine Wende zu geben. Die Geschichte hat diese Träume jedoch inzwischen relativiert: Forscher wiesen nach, dass das Guggenheim-Museum weniger ein Impuls als vielmehr ein Symbol für den Wandel der Stadt war, der bereits in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts seinen Anfang genommen hatte. Auch in Stettin lässt sich der Einfluss der Architektur auf das Wohlergehen der Bürger nur schwer einschätzen. Sicherlich trugen die zahlreichen Publikationen und gewonnenen Preise dazu bei, das Image einer Stadt aufzubessern, die sich – trotz eines seit mehreren Jahren zu beobachtenden Aufschwungs – in Polen weiterhin vor allem mit dem Niedergang der Industrie verband und im Ausland überhaupt keine Assoziationen auslöste. Sicherlich gab es viele (wie den Autor dieses Artikels), die es noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten, dass sie eines Tages mit dem Zug nach Stettin fahren würden, um dort ein Konzert zu besuchen und mit eigenen Augen und Ohren ein Gebäude zu erleben, über das alle Welt redet.

Die Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie Stettin 

Projekt: Estudio Barozzi Veiga (Architekten: Fabrizio Barozzi, Alberto Veiga)
Bau: 2011-2014

Das Dialogzentrum „Przełomy“ des Nationalmuseums Stettin

Projekt: KWK Promes, Architekten: Robert Konieczny, Michał Lisiński (in Zusammenarbeit mit: Dorota Żurek, Katarzyna Furgalińska)
Eröffnung: 2016