Buchklubs in Deutschland Willkommen im Klub

München Bücher Stapel
© Goethe-Institut | Loredana La Rocca

Der Herbst ist die ideale Zeit, um sich mit einem guten Buch unter der Decke zu verkriechen. Das Goethe-Institut ermuntert uns dazu, unsere während der Lektüre gesammelten Eindrücke anschließend mit anderen Literaturbegeisterten zu teilen. In diesem Monat startet der erste deutschsprachige Buchklub in Warschau – moderiert von Christoph Bartmann, dem Leiter des Goethe-Instituts höchstpersönlich. Die guten alten Lesekreise erleben in Deutschland seit Jahren eine Renaissance. Wir wollen diesem Beispiel folgen – Aktionen zur Leseförderung kann es schließlich nie genug geben!

Der amerikanische Schriftsteller und Publizist James Atlas stellte bereits vor einigen Jahren in einem Artikel für die New York Times provokant die Frage „Wie? Du bist in keinem Buchklub?“ und gab anschließend die folgende Anekdote zum Besten: „»Was lest ihr gerade in eurem Buchklub?«, frage ich eine gute Bekannte, der ich auf der Straße begegne. Nicht etwa: »Bist du in einem Buchklub?«. Dabei habe ich keine Ahnung, ob Clara irgendeiner Gruppe angehört. Wir haben nie darüber gesprochen. Egal, ich weiß es einfach. Wieso? Weil man das heutzutage einfach voraussetzen kann.“ Klar, New York setzt die Trends, doch Berlin hält Schritt – in der deutschen Hauptstadt entstehen immer mehr Klubs, in denen Literaturliebhaber über die von ihnen gelesen Bücher diskutieren.
 

Ein Gütesiegel

Eine wichtige Rolle beim Siegeszug der Buchklubs spielten, wie das im globalen Dorf so üblich ist, Prominente. Es begann im Fernsehen, als sich zeigte, dass eine Besprechung in der Oprah Winfrey Show und die Auszeichnung mit dem von ihr vergebenen Gütesiegel „O“ einen positiveren Einfluss auf die Verkaufszahlen haben als der Gewinn des Nobelpreises für Literatur. Dann kam das Internet: Emma Watson liest gemeinsam mit Millionen von Fans auf der ganzen Welt ausgewählte feministische Bücher. Ihrem Buchklub Our Shared Shelf folgen 35 Millionen Menschen auf Facebook und 38 Millionen auf Instagram. Lena Dunham startete vor Kurzem eine Zusammenarbeit mit dem Verlag Random House, um Lesern ihre Lieblingsbücher ans Herz zu legen. Sogar Bill Gates betreibt einen Buchblog – er selbst liest jedes Jahr um die fünfzig Bücher.
 
Ein weiterer Beweis für den globalen Trend zum Buch ist die Beliebtheit der Leserplattform Goodreads, die 2013 für stolze 150 Millionen von Amazon aufgekauft wurde. Heute hat diese Community für Bücherwürmer über 55 Millionen aktive Mitglieder und ist die virtuelle Heimat der Internetbuchklubs (in der Version 2.0) von Oprah Winfrey und Emma Watson. Sind Bücher heutzutage einfach ein gutes Geschäft?

Buchfabriken und fiktive Bekannte

Wirtschaftliche Faktoren spielen zweifellos auch bei den deutschen Buchklubs eine Rolle. Beginnen wir mit der Terminologie: Einerseits gibt es die „Buchgemeinschaften“ der großen deutschen Verlage, in denen diese ihre Bücher zu Vorzugspreisen verkaufen dürfen, zumeist in Verbindung mit einem Abonnement von zum Beispiel zwölf Titeln jährlich. Die in Deutschland gesetzlich vorgeschriebene Buchpreisbindung gilt nämlich nicht für Buchgemeinschaften – ein Umstand, den sich die großen Verlagshäuser zunutze machen. Auf der anderen Seite gibt es die „Lesekreise“, bei denen sich die Teilnehmer abwechselnd bei sich zu Hause treffen, um bei einem kleinen Imbiss und (optional) einem Glas Wein gemeinsam über die Helden ihrer Lektüren zu diskutieren.
 
Während die Bewohner der BRD von den Wohltaten der Buchgemeinschaften profitierten, blühte in der DDR offiziell das literarische Leben – wenn auch nicht immer freiwillig und mit einer eingeschränkten Auswahl von Titeln. Die staatlichen Verlage veröffentlichten jedes Jahr ungefähr 6000 Titel in einer Auflage von insgesamt 150 Millionen – damit belegte die DDR den dritten Platz in den weltweiten Statistiken (unmittelbar hinter der Sowjetunion und Japan). In der Schule wurde großer Wert auf den Deutschunterricht gelegt, auch wenn dieser sehr stark formalisiert war und kaum zur eigenständigen Interpretation der gelesen Werke anregte. Der Großteil der DDR-Bürger war Mitglied einer der zahlreichen Bibliotheken, und nicht wenige betätigten sich sogar als Schriftsteller: Die groß angelegte Kampagne Greif zur Feder, Kumpel! regte die Bürger dazu an, Reportagen aus dem Arbeitsleben zu verfassen. Interessanterweise ermutigte der Staat die Bürger auch zur Lektüre der Klassiker – die Werke von Heinrich Heine gehörten zum Beispiel zu den Bestsellern. Daneben gab es in der DDR auch Lesekreise, die sich mit der Literatur des Sozialistischen Realismus auseinandersetzten. Mit der Zeit stellte sich jedoch heraus, dass die in diesen Werken formulierten Utopien kaum etwas mit der Wirklichkeit der DDR gemein hatten, und in vielen Gruppen (insbesondere in den intellektuellen Zentren wie Dresden und Leipzig) zirkulierten zunehmend auch Untergrundpublikationen.

Über Frauen und Berlin

Nach Angaben des Portals www.mein-literaturkreis.de, das wohlgemerkt auch diverse Tipps für angehende Buchklubgründer und -mitglieder bietet, gibt es in Deutschland zurzeit etwa 30 000 Lese- und Literaturkreise. Ein Blick auf das Portal Meetup macht deutlich, wie viele Angebote es allein in Berlin gibt: den Tech Book Club Berlin, den Women Writers Book Club, den Berlin Science Fiction Book Club, den Place, Space and Design Book Club Berlin, Deep Reading … Man kann sich hier auch in der Booker Tea Reading Group anmelden, die in Washington und Berlin aktiv ist. Oder beim Connect Book Club, dem ich selbst seit über drei Jahren angehöre. In diesen Klubs gibt es zahlreiche Ausgewanderte, die auch nach ihrem Umzug in die deutsche Hauptstadt weiterhin englische Literatur lesen wollen. Doch so, wie man aus verschiedenen Genres und Themenbereichen auswählen kann, kann man sich auch eine Sprache aussuchen: In den Berliner Bibliotheken treffen sich deutsche, spanische und italienische Lesekreise. Und wer das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden möchte, besucht einen der zahlreichen Volkshochschulkurse, in denen jeden Monat die interessantesten deutschsprachigen Werke und deutsche Übersetzungen von Klassikern der Weltliteratur besprochen werden – neben gesagt, eine hervorragende Gelegenheit zum Deutschlernen. In der Volkshochschule Charlottenburg gibt es den Gesprächskreis Literatur „für alle, die gerne lesen, aber oft ratlos vor dem Riesenangebot der jährlichen Neuerscheinungen stehen“. Die Volkshochschule Steglitz-Zehlendorf bietet einen Lesekreis mit dem Titel Erfindungen der Liebe an, in dem die schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur gelesen werden. Die Volkshochschule Reinickendorf lockt Literaturbegeisterte mit dem Motto „Einfach gute Bücher“, und in Tempelhof kann man sich entweder mit den Klassikern der Weltliteratur beschäftigen (Weltliteratur neu entdecken) oder über Bücher zum Thema Berlin diskutieren (Großstadtliteratur: Berlin!).

Literarische Hilfen

Im vergangenen Jahr erkannte der dtv-Verlag die steigende Beliebtheit von Lesekreisen als eine Marketingchance. Auf der Suche nach neuen Lesern startete der Verlag ein spezielles Portal, das als eine Art Spickzettel für die zahlreichen deutschen Lesekreismitglieder dienen soll. Neben Buchvorschlägen finden sich hier auch Thesen, Zitate und Fragen zur Diskussion, Informationen über den Autor und sogar ein Kompendium literarischer Motive. Die Materialien werden online zur Verfügung gestellt, doch es finden sich auch zunehmend gedruckte „Einleger“ – ein Service, den sich die deutschen Verleger bei ihren englischen und amerikanischen Kollegen abgeguckt haben. Der Tagesspiegel bestätigt diesen Trend und appelliert an die Leser: „Bildet Banden! Rudelbildung stützt den Buchmarkt!“.
 
Auch Berliner Künstler haben das Thema Lesen für sich entdeckt. Auf dem Weg zum Treffen unseres Buchklubs begegnen wir möglicherweise einem sympathischen Fotografenpaar, das ein Projekt mit dem Titel Behind Berlin’s Books (www.facebook.com/behindberlinsbooks) betreibt. Das Projekt stillt unsere Neugierde: Endlich erfahren wir, was andere Fahrgäste der Berliner S- und U-Bahnen so alles lesen. Ausgelesene Bücher können wir jederzeit in einem der fünf Baumstämme deponieren, die im Prenzlauer Berg aufgestellt wurden und dort als öffentliche Bücherregale dienen. Das Projekt Bücherwald soll nicht nur zum Lesen anregen, sondern die Bürger auch für den natürlichen Zyklus vom Baum über das Holz zum Buch sensibilisieren. Ein ähnliches Projekt gibt es auch bereits in Warschau. Eine Liste mit sämtlichen Bookcrossing-Regalen, in denen man gelesene Bücher zurücklassen und sich kostenlos ein neues aussuchen darf, findet sich auf der Seite Bookcrossing.de.
 

Was liest man in einem Berliner Buchklub

am Beispiel des Connect Book Clubs

September: Jennifer Egan Der größere Teil der Welt
Oktober: Arthur Conan Doyle Der Hund von Baskerville
November: David Foster Wallace Am Beispiel des Hummers
Januar: Zadie Smith Swing Time
Februar: Aldous Huxley Schöne neue Welt
März: Virginia Woolf Mrs Dalloway
April: William Faulkner Schall und Wahn