Jakob Hein - Feuilletonreihe Berlin sucht eine Wohnung

Berliner Wohnungsmarkt
Quelle: flickr.com; Foto © Matthias Liebing

Der Berliner Wohnungsmarkt befindet sich seit 15 Jahren in einem beispiellosen Wandel. Der Schriftsteller Jakob Hein schildert seine Absurditäten mit einem ihm eigenen Humor. 

In den letzten Jahren muss ich fast wöchentlich an unsere Suche nach einer Wohnung 1992 zurückdenken. Meine heutige Frau und ich waren seit mehr als einem Jahr ein Paar und wollten nun aus meiner schimmeligen 1-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss in eine größere Wohnung ziehen. Man kann sagen: Wir wollten uns verbessern. Wir wollten gern ein zweites Zimmer haben, wir wollten gern einen Balkon haben und wir wollten nicht mehr den anderen Bewohnern dabei zusehen, wie sie ihren Müll wegbrachten, also wollten wir höher hinaus. Und wie alle Berliner hatten wir keine besondere Lust, die Nachbarschaft, in der wir schon wohnten, zu wechseln. Hier hatten wir unsere Freunde, hier kannten wir die Kneipen und Läden und die Wege zu unseren Eltern, zur Arbeit. Und wir fassten einen Entschluss: Wir schauen uns jede Wohnung an, wir denken über jedes Angebot nach, aber wir zahlen auf keinen Fall mehr als 1000 D-Mark Miete.
 
Tausend D-Mark sind ziemlich genau 500 Euro und wenn wir mit unseren Wünschen heute eine Wohnung in Berlin suchten, würde uns jeder für verrückt halten oder in einem Tonfall, in dem man mit kleinen Kindern redet, erklären, dass unser Wünsch unerfüllbar, eine völlige Illusion ist. Viele freuen sich heute, wenn sie für 500 Euro ein gutes, großes Zimmer in einer Wohngemeinschaft bekommen. Überhaupt Wohngemeinschaften. In den 1980er Jahren hörten wir durch das Westfernsehen und -radio von dieser Lebensform. Junge Leute teilten sich eine Wohnung, den Kühlschrank und das Bad. Man war locker, unkonventionell und anders als die Alten. Streit gab es manchmal darum, wie viele Partys man feiern konnte und immer darum, wer den Abwasch machen soll.
 
In Ostberlin erschien uns diese Lebensform exotisch, wie ein bewusste Zeitreise in die Vergangenheit. Jeder wollte seine eigene Wohnung haben, besonders da die Mieten lächerlich billig waren und es völlig egal war, ob man seine Miete bezahlte oder nicht. Viele Menschen hatten zwei, drei oder mehr Jahre Mietrückstand, einfach weil sie keine Lust hatten, die Miete zu bezahlen. Machen konnte man nichts, schließlich war Obdachlosigkeit in der DDR illegal und der Vermieter durfte keinen illegalen Zustand herstellen. Leider behielten einige dieses Verhalten auch nach der Wiedervereinigung bei und kauften sich lieber teure Fernseher und Autos auf Raten, statt ihre Miete zu bezahlen. Sie musste dann schnell lernen, dass Obdachlosigkeit im Westen legal ist. Es war also nicht zu verstehen, warum so viele Westberliner Wohngemeinschaften bildeten, aber diese verschwanden auch in den 1990er Jahren zunehmend. Höchstens noch ein paar Studenten wählten diese Wohnform, die meisten suchten sich früher oder später eine eigene Wohnung, gerade im Osten gab es davon viele.
 
So begann die Zeit, in der die gesamte Stadt zu Westberlin wurde. Jeder war ein Künstler, alles war möglich und irgendwie kam man immer an eine billige Wohnung oder ein billiges Atelier heran. Die Probleme, von denen wir aus anderen Städten hörten, Makler, die Tausende von Euros verdienten, Wohnungen, für die sich Dutzende Interessenten bewarben – all das gab es in Berlin nicht. Als es meinem Freund Heiko in seiner Wohnung langsam zu eng wurde, rief er den Vermieter an und bekam am selben Tag noch eine Wohnung im selben Haus. Neue Häuser baute keiner – wozu?
 
Dann kam das Geld und mit dem Geld kamen die Probleme. Erst seit 2000 ist nämlich Berlin tatsächlich die Hauptstadt Deutschlands, weil erst seitdem der Umzug der Politik von Bonn nach Berlin abgeschlossen war. Mit den Politikern kamen auch viele Lobbyisten und Interessensverbände und sogar einige Konzernzentralen kamen nach Berlin. Außerdem kamen immer mehr Touristen und einigen gefiel es so gut, dass sie immer in Berlin bleiben wollten. Wenn 100.000 Touristen im Jahr kommen, bleiben vielleicht nur hundert von ihnen, aber mittlerweile kommen fast 3 Millionen Touristen nach Berlin! Und kamen auch viele der Flüchtlinge 2015 nach Berlin. Und dazu kam noch der neue Trend, seine Wohnung nicht an Berliner, sondern über Airbnb an Touristen zu vermieten.
 
Scheinbar plötzlich fehlten in der Stadt zehntausende Wohnungen. Und das ist ein Problem, das man nicht schnell lösen kann, für das man gute Politik und Planung braucht. Der einzige Beitrag, den die Berliner Politik zur Lösung des Wohnungsproblems derzeit leistet, ist die Eröffnung des neuen Flughafens ins Unendliche zu verzögern. 2011 sollte er fertig sein, jetzt hofft man, dass er vielleicht 2019 fertig ist.
 
Das Ergebnis ist, dass Wohnungssuche der neue Berliner Volkssport ist. Jeder sucht immer eine Wohnung oder ein Zimmer. In den letzten Jahren haben sich sehr viele Wohngemeinschaften gegründet, wenn ein Zimmer frei ist, müssen sich die Kandidaten hochnotpeinlichen Befragungen durch die anderen Mieter unterziehen, die zwischen Castingshow und Polizeiverhör schwanken, da sich die Kandidaten einerseits freundlich und unterhaltsam aber auch harmlos und kooperativ präsentieren wollen.
 
Ganz extrem war es in Berlin-Neukölln. Dieser Stadtteil hat einen nahtlosen Übergang vom Problembezirk zum Edelbezirk gemacht. Früher wollten hier viele nicht wohnen: Zu viele Ausländer, zu viel Trubel. Dann wurde der Bezirk attraktiv für viele Neuberliner: Schön viele Ausländer, viel Trubel. Die Mieten in Neukölln haben sich in wenigen Jahren verdreifacht.
 
Der Wohnungsmarkt ist vollkommen zersplittert. Einerseits gibt es Neuberliner, die völlig überteuerte Dunkelwohnungen in lauten Problemstraßen bekommen auf der anderen Seite gibt es Altberliner, die für großzügige Altbauwohnungen in besten Innenstadtlagen kaum mehr als 500 Euro bezahlen. Oft wohnen die, die viel zahlen, in einem Haus mit denen, die wenig zahlen. Man erkennt den Billigwohner daran, dass er nichts Konkretes über seine Wohnung sagt, um keinen Neid oder den möglicherweise schlafenden Vermieter nicht zu wecken. Wozu ich zähle? Lassen Sie es mich so sagen: Ich kann derzeit nicht umziehen. Wenn ich umziehen würde, bekäme ich für das gleiche Geld entweder ein schönes Zimmer oder ich müsste das Dreifache zahlen, um eine vergleichbare Wohnung zu bekommen. Aber warum sollte ich ausziehen? Bin ich weg, machen sie nur meine Wohnung teurer. Es ist die, die wir damals 1992 bekommen haben.