Deutschland heute – Reportagen Eso-Deutschland

Singing Bowl
Singing Bowl | Źródło: pixabay © Antranias

Der erste Beitrag aus der Reihe von Texten der Reportergruppe Rekolektyw, der im Auftrag des Goethe-Instituts entstand. Urszula Jabłońska besuchte die Esoterikmesse in Berlin, um der gegenwärtigen Suche nach Geistigkeit außer den größten Glaubensgruppen auf den Grund zu gehen.

Eine Schamanin spielt auf einem Instrument, das ein wenig wie ein Akkordeon aussieht.
Sie trägt glitzernde Gewänder, schüttelt ihre üppigen Locken und bewegt sich hin und her wie in Trance. Sie fordert die Passanten auf, das massive, graue Steingebäude zu betreten. Zur Jahrhundertwende versammelten sich hier, im Schutze der Nacht und unter dem Siegel der Verschwiegenheit, die hiesigen Freimaurer. Heute kann hier jeder am helllichten Tag die Esoterikmesse besuchen.
 
Im ersten Stock kann man sich für nur 10 Euro seine Handfläche scannen lassen. Ich lege meine Hand in ein spezielles Gerät und im nächsten Moment greift ein freundlicher Herr unter den Tisch und fördert eine Analyse meiner Papillarlinien hervor. Sie ergibt, dass ich Erfolg im Beruf haben werde, dass ich romantisch veranlagt bin und mich im Handumdrehen verliebe. Am Stand nebenan kann ich einen Edelstein-Anhänger kaufen, der meinen persönlichen Schutzengel symbolisiert. Die Wahrsagerin Xenia zieht mich fast schon mit Gewalt in ihr Zelt und erklärt mir, sie werde mir meine Zukunft voraussagen, wenn ich ihr nur meinen Namen nenne (und 30 Euro bezahle). Eine Gruppe von Asiaten praktiziert Johrei, das „Reinigen der Seele“. Sie halten ihre Handflächen hoch über den Köpfen der auf Stühlen sitzenden Patienten und laden sie auf diese Weise mit Lebensenergie auf, um ihre körperliche und geistige Gesundheit wiederherzustellen und ihnen dabei zu helfen, ihr persönliches Glück zu finden.

Megan und Anna suchen ihren Weg

„Ist Spiritualität ein wichtiges Thema in Deutschland?“, frage ich Megan und Anne, die inmitten von Frauen und Männern über fünfzig, Familien mit Kindern und Wahrsagerinnen mit Federn im Hut über die Messe schlendern.
„Nicht in der Gesellschaft“, seufzt Megan. „Die kümmert sich nur darum, dass das System reibungslos funktioniert. Es gibt in ihr keinen Platz für Spiritualität, für die Suche nach sich selbst, dem eigenen Weg. Einen holistischen Lebensansatz, der auch die emotionale und seelische Ebene berücksichtigt, lernst du nicht von der Gesellschaft, du musst dich selbst dafür interessieren. Das stört mich sehr, weil Spiritualität für mich eine große Bedeutung hat.“

Megan ist 24 Jahre alt, hat kurze blonde Haare und trägt ein Yoga-Amulett um den Hals. Sie ist Yoga-Lehrerin, praktiziert jedoch auch Reiki (eine Heillehre, die auf der Verbindung mit der universalen (rei) Lebensenergie (ki) beruht) und Access Bars (eine Therapie, bei der bestimmte Punkte im Kopf stimuliert werden, um eine Entladung von elektrischer Spannung im Gehirn und damit eine Veränderung der unser Leben bestimmenden Leitbilder und Überzeugen zu bewirken).

„Das Wichtigste für mich ist die Verbindung zur Seele“, fährt Megan fort. „Ich ziehe es vor, zu fühlen, als zu wissen.“
Dann erzählt sie, wie sie an diesen Punkt gelangte: Vor zwei Jahren war sie schwer krank, sie litt unter Bewegungsstörungen und Depressionen, kein Arzt konnte ihr helfen. Schließlich entschied sie sich dazu, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: Yoga, Meditation, Reiki. Als sie merkte, dass es ihr half, beschloss sie, weiter in diese Richtung zu gehen.
 
Zur Messe ist sie mit ihrer Freundin Anne gekommen, die für ein Versicherungsunternehmen arbeitet.
„Ich stehe erst am Anfang meiner spirituellen Suche“, erklärt Anne, „Ich lerne Yoga – und jetzt sehe ich mich um, was für mich noch interessant sein könnte.“
Mit Annes Gesundheit ist alles in Ordnung. Ihr Problem besteht darin, dass sie sich unwohl in einer Gesellschaft fühlt, die sie ständig dazu zwingt, so effizient wie möglich zu sein. Alle müssen denselben Weg gehen: Arbeiten, in Tabellen passen. Aber was, wenn du in keine Tabellen passt, wenn du andere Bedürfnisse hast?
„Und was ist mit Religion?“, frage ich. „Ist die Religion nicht mehr in der Lage, spirituelle Bedürfnisse zu befriedigen?“
 
Nach Statistiken der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland [1] aus dem Jahr 2016 liegt der Anteil von Katholiken und Protestanten in der deutschen Bevölkerung bei ungefähr 55 Prozent, 36 Prozent der Bevölkerung gehören keiner Religionsgemeinschaft an (vielleicht ist die Zahl auch deshalb so hoch, weil Kirchenmitglieder eine Kirchensteuer in Höhe von derzeit 8 bzw. 9 Prozent der Einkommensteuer zahlen müssen), der Anteil der Muslime liegt bei knapp 5 Prozent, der Rest entfällt auf Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften, wie Buddhisten, Hindus und Juden [2]. Laut einer Meinungsumfrage im Rahmen des Eurobarometers glauben hingegen nur 47 Prozent der Deutschen an einen Gott, 27 Prozent glauben an nichts und 25 Prozent glauben an eine andere spirituelle Kraft [3].
 
„Es gibt weiterhin Orte in Deutschland, an denen der Alltag stärker religiös geprägt. Doch die traditionelle Religion ist mit einem streng reglementierten System verbunden“, erklärt Megan. „Es gibt in diesem System keine Freiheit, keinen Platz für individuelle Entfaltung.“
 
Also suchen Megan und Anne auf der Esoterik-Messe nach spiritueller Heilung. An einem der Stände kann ich erfahren, wer ich in meinem früheren Leben war (im Preis von 10 Euro ist auch eine schriftliche Bestätigung inbegriffen), an einem anderen, wie ich mich vor Elektrosmog schützen kann, und an noch einem anderen, wie es um meine Aura bestellt ist. 

Kerstin löst Blockaden

„Die Aura enthält verschiedene Informationen über einen Menschen: seine Gedanken, seine Gefühle und seinen Gesundheitszustand“, erklärt Kerstin Inkmann, die auf der Messe mit einem eigenen Stand vertreten ist. „Bei einer Aura-Analyse scanne ich den Körper des Patienten und erkläre ihm, wo seine Probleme liegen und wodurch sie entstanden sind. Ich spüre, wenn etwas nicht richtig funktioniert: Der eine wird von negativen Gedanken gequält, ein anderer hat eine Niereninfektion. Gerade erst war ein Mann bei mir, der eine große Anspannung in sich erzeugt hatte, weil er jemandem helfen wollte, der seine Hilfe jedoch nicht annahm. Solche Erlebnisse machen sich deutlich in der Aura bemerkbar.“
 
Kerstin ist über dreißig, ganz in Weiß gekleidet, hat eine perfekt glatte Haut und ein strahlendes Lächeln. Sie behauptet, dass sie die Gabe besitzt, die Aura von Menschen zu reinigen. Man müsse sich nur bei ihr auf eine Liege legen, dann berühre sie den Patienten an unterschiedlichen Punkten seines Körpers und bringe dadurch seine Lebensenergie, die sich in den sieben Chakren des Körpers konzentriert, wieder ins Gleichgewicht.
„Zu mir kommen Menschen, die Zweifel an der traditionellen Medizin bekommen haben“, betont sie. „Denen die Ärzte gesagt haben, sie wüssten nicht, wie sie ihnen helfen können. Diese Menschen haben für gewöhnlich emotionale Probleme, Traumata, oft haben sie ein Problem damit, sich selbst zu lieben. Das Arbeiten mit der Lebensenergie kann ihnen dabei helfen, diese Probleme zu lösen.“
 
Kerstin behauptet, dass ihre Patienten sich nach einer Sitzung häufig auch körperlich besser fühlen, weil emotionale Probleme sich auch auf den Körper auswirken. Auch sie selbst habe jahrelang an einer chronischen Krankheit gelitten, die Ärzte hätten ihr gesagt, dass sie ihr ganzes Leben lang Medikamente einnehmen müsse. Ihr gesamter Körper sei dadurch aus dem Gleichgewicht geraten. Zusätzlich hatte sie eine Menge psychische Probleme, vor allem damit, sich selbst zu lieben – sie litt unter Depressionen, fühlte sich ausgebrannt und suchte ihr Heil in Genussmitteln. Bis sie schließlich den Entschluss fasste, ihr Leben zu verändern, sämtliche Medikamente absetzte, ihr Auto verkaufte, ihre Wohnung aufgab und sich auf eine Reise nach Asien und Südamerika begab. Vier Jahre war sie unterwegs und lernte von spirituellen Meistern und Schamanen, die mit Lebensenergie arbeiten.

„Früher war ich Elektroingenieurin“, erzählt Kerstin. „Auch heute bin ich noch Ingenieurin, nur eben im spirituellen Bereich. Auch in unserem Körper gibt es Batterien, also die Chakren, Antennen und Leitungen. Ein Elektriker überprüft einen Stromkreis, der nicht richtig funktioniert, und findet das Problem. Ich tue dasselbe mit menschlicher Lebensenergie: Ich überprüfe, an welchen Stellen sie blockiert ist.“

Kerstin erklärt, dass Spiritualität sehr wichtig sei. Dass jeder Mensch irgendwann in seinem Leben einen spirituellen Weg einschlagen sollte. Unser Leben mag noch so perfekt funktionieren, doch wenn wir den spirituellen Aspekt außer Acht lassen, werden wir immer das Gefühl haben, das irgendetwas fehlt. Schließlich bestehen wir aus Körper, Geist und Seele. Wenn wir uns ausschließlich auf den Körper und die Psyche konzentrieren, fühlen wir uns unvollständig. Erst wenn wir den spirituellen Aspekt miteinbeziehen, schwingen wir im Einklang mit dem Universum, und uns widerfahren alle möglichen positiven Dinge.
 
1997 setzte der Deutsche Bundestag eine Enquete-Kommission zur Untersuchung „sogenannter Sekten und Psychogruppen“ ein. Als „Psychogruppen“ bezeichnete die Kommission die „vielfältigen psychologischen und pseudopsychologischen Angebote zur Lebenshilfe, Lebensorientierung und Persönlichkeitsentwicklung außerhalb der fachlichen Psychologie und des Gesundheitswesens“ – der Begriff umfasste sowohl psychologische Erfolgskurse für die Wirtschaft, Reiki-Sitzungen und Aromatherapien als auch medialen Kontakt mit außerirdischen Intelligenzen.
Der entsprechende Dienstleistungssektor wurde als „Psychomarkt“ bezeichnet.
 
Auf den ersten Seiten des Berichts erklärte die Kommission, früher sei die Religion die allein verbindliche Instanz für Sinnstiftung, Identitätsbildung und die Erklärung der Wirklichkeit gewesen. Infolge der zunehmenden Säkularisierung stünden den Menschen heutzutage viele unterschiedliche religiöse und nichtreligiöse Lebenshilfe- oder Sinnangebote zur Wahl. Die Weltanschauungs- und Religionsfreiheit ist in Deutschland durch das Grundgesetz garantiert, und der Staat ist dazu verpflichtet, diese Freiheit zu wahren. Solange unser Alltag hinreichend funktioniert, seien wir nicht mehr auf die Religion angewiesen, um unserem Leben einen Sinn oder ein Ziel zu geben. Doch in Krisenmomenten, wie einer schweren Erkrankung, dem Verlust des Arbeitsplatzes oder dem Tod eines nahen Angehörigen, kann die Frage nach dem Sinn des Lebens plötzlich in den Vordergrund treten und findet möglicherweise keine Antwort mehr. „In dieser Sichtweise ist also nicht der einzelne Mensch religiös indifferent, sondern die soziale Struktur, in der er oder sie leben und handeln“, konstatieren die Autoren des Berichts.

Im weiteren Verlauf des Berichts stellen sie fest, dass die Hinwendung zum Psychomarkt ähnliche Ursachen hat wie das Interesse an der Psychotherapie: das Bedürfnis, die eigenen Motive, Werte und Ziele besser zu verstehen. Der Psychomarkt befriedige dieses Bedürfnis jedoch nicht, sonder verstärke es vielmehr, indem er zu immer weiteren Experimenten einlade. Die Autoren stellen fest, dass 80 Prozent der Konsumenten subjektiv zufrieden mit der von ihnen gewählten Therapie sind. „Der Versuch, im Laufe der in Auftrag gegebenen Studie Kenntnisse über negative Erfahrungen der Verbraucher mit dem alternativen Lebenshilfemarkt zu erlangen, war nicht ergiebig“, lesen wir in der Zusammenfassung. [4]

Wanda sucht nach den Ursachen

Die längsten Schlangen auf dem Esoterik-Markt bilden sich vor dem Stand der polnischen Parapsychologin und Exorzistin Wanda Prątnicka. Ihre Bücher Von Geistern besessen – Exorzismen im 21 Jahrhundert („Was ist eine sehr häufige Ursache verschiedenster Krankheiten, Unglücke, größerer oder kleinerer Misserfolge? Wie kann man da Abhilfe schaffen, sich in der Zukunft davor schützen?“), Im Kreis des Lebens, Band 1-3 („Ich meine […], dass sich das in dem Buch enthaltene Wissen positiv auf das Leben von denen ausgewirkt hat, die wir die Lebenden nennen, und von denen, die wir die Toten nennen“) und Erkenne die Wahrheit und sei frei („Dieses Buch erklärt dir jede Tragödie und ermöglicht es dir, die Wunden in deinem Herzen, die der Tod einer dir in der Vergangenheit eng vertrauten Person geschlagen hat, zu heilen“) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, und Wanda Prątnicka ist in vielen Ländern unterwegs, um Menschen Ratschläge zu geben.
„Die Menschen kommen mit all den Problemen zu mir, mit denen sie nicht selbst fertig werden“, sagt sie. „Mit was für Problemen? Schauen Sie, hier steht alles geschrieben“.
Sie zeigt auf ein großes Banner an ihrem Stand, auf dem die folgenden Fragen zu lesen sind:
– Verfallen Sie leicht in starke negative Gefühlszustände (Wut, Neid, Angst)?
– Verlieren Sie leicht die Kontrolle über Ihre Gefühle?
– Haben Sie Selbstmordgedanken?
– Distanzieren Sie sich emotional von ihren Nächsten und ihrer Umgebung?
 
Wanda Prątnicka ist Exorzistin, kann also bei Problemen übernatürlicher Natur Abhilfe schaffen, aber auch Parapsychologin, berät also auch zu Fragen des Alltags. Bereits als zwölfjähriges Mädchen begann sie, Erwachsenen Ratschläge zu geben.
„Ich wusste einfach, was die jeweilige Person falsch macht und wie sie es richtig machen könnte“, erklärt sie. „Ich verspürte einen starken Drang, ihr dies mitzuteilen, bevor sie sich selbst schadet. Ich hatte keine Kontrolle darüber. Meine Eltern sagten: »Halt dich raus, wenn Erwachsene reden!«, manchmal bekam ich sogar Prügel. Aber dann kam es vor, dass diese Menschen hinterher zu meinen Eltern kamen und sagten: »Sie hatte Recht! Woher wusste sie das?!«.“

Allmählich verbreitete sich die Kunde von Wandas Fähigkeiten. Bis heute macht sie keinerlei Werbung für sich – die Patienten selbst empfehlen sie einer Tante oder Freundin weiter, auch im Ausland. Irgendwann begann sie, nach einer wissenschaftlichen Erklärung ihrer Fähigkeiten zu suchen, und studierte schließlich Psychologie. Wanda Prątnicka nutzt ihr während des Studiums erworbenes Wissen jedoch nicht, sondern zieht es vor, die Ursachen eines Problems in einer einzigen Sitzung festzustellen – anschließend müsse der Patient sich selbst helfen.

„Im Grunde ist das Leben unglaublich einfach“, erzählt sie. „Gerade erst waren ein paar junge Frauen bei mir, bei denen alles schief ging im Leben. Sie hatten hart an sich gearbeitet, meine Bücher gelesen, in denen Schritt für Schritt erklärt wird, was man tun muss, und es auch getan, aber es half alles nichts. Im Verlauf des Gesprächs bemerkte ich, dass eine von sich andauernd in Selbstmitleid erging, sie wiederholte ständig: »Und wieder ging alles schief«. Das Jammern war für sie wie eine süße Droge. Ich habe ihr das gesagt. Wenn jemand ein Opfer sein will, wird er es das ganze Leben lang sein – in einer Beziehung, in der Schule und im Beruf. Manchmal sind es ganz einfache Dinge, man muss sie nur verstehen. Depression ist das Fehlen eines Ziels – sobald man ein Ziel findet, vergeht sie von selbst. Schizophrenie, Krebs, Arbeitslosigkeit – jede Situation hat ihre Ursache.“
 
Wanda Prątnicka ist bereits seit über fünfzig Jahren damit beschäftigt, kranken Seelen zu helfen.
„Nichts verändert sich, weder zum Besseren noch zum Schlechteren,“ beteuert sie. „Es kommen immer wieder neue verlorene Menschen zu mir. Sie haben energetische, mentale oder emotionale Probleme, gegen die es keine Medizin gibt. Sobald ich einem von ihnen helfe, schickt er mir den Nächsten. Alle haben die gleichen Probleme, unabhängig von Kultur und Religion, egal, ob Afrikaner oder Chinese. Ich habe bereits Briefe aus so kleinen afrikanischen Dörfern erhalten, dass ich sie nicht einmal auf der Landkarte finden konnte.“

Franz befolgt die Gebote

Um die Mittagszeit herum wächst der Andrang in der kleinen Küche des Logenhauses. An den Wänden hängen Porträts berühmter Freimaurer, in einer Ecke steht eine Büste von Ludwig Keller, einem ehemaligen Großmeister des Ordens. Einige haben vegane Salate in Plastikbehältern mitgebracht, doch die meisten bestellen sich Würstchen mit Kartoffelsalat und dazu ein Bier. Franz Prohaska richtet seinen schweren grauen Wollanzug und seine gestreifte Krawatte. Dann setzt er sich an einen der Tische.
„Nächstes Jahr sind es bereits 30 Jahre, in denen wir Esoterikmessen in verschiedenen Städten in Deutschland und Österreich organisieren“, erzählt er. „In Berlin findet die Messe seit 27 Jahren statt, immer an demselben Ort.“
 
Herr Prohaska ist geschätzt über sechzig. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Partner hatte er bereits zuvor diverse Messe veranstaltet, zum Beispiel Antiquitätenmessen. Auf der Suche nach etwas Neuem kamen die beiden schließlich auf die Idee, es mit Esoterik zu versuchen – damals gab es in Europa noch keine Esoterikmessen. Sie argumentierten, dass die Menschen sich bereits seit Jahrhunderten für Handlesen und Wahrsagerei interessierten. Und selbst wenn jemand sagt, er interessiere sich nicht dafür, liest er doch sein Horoskop in der Zeitung.
Die Zahl der Besucher und Interessierten überraschte sie selbst.
„Die klassische Medizin hat eine sehr starke Lobby, aber immer mehr Menschen kommen zu der Überzeugung, dass man nicht alles mithilfe von Tabletten lösen kann“, betont Herr Prohaska. „Es tauchen immer neue Techniken auf. Yoga? Das war vor zwanzig Jahren. Der neueste Trend sind Schutzengel.“
 
Herr Prohaska verfolgt die Trends auf dem Psychomarkt, wendet jedoch selbst keine esoterischen Techniken an.
„Ich bin in erster Linie ein Kaufmann, der Dinge organisiert und an den Mann bringt“, betont er. „Obwohl es da jemanden gibt, der so präzise aus der Hand liest, dass er sogar mein Interesse geweckt hat. Ich bin auch kein religiöser Mensch, obwohl ich aus Bayern stamme und somit automatisch Katholik bin. Selbstverständlich befolge ich die Zehn Gebote, das ist die moralische Grundlage unserer Gesellschaft, die Voraussetzung für ein gutes Leben. Aber das war es dann auch schon.“
 
Das größte Interesse an Esoterikmessen bestehe in Wien und München. Warum? Herr Prohaska erklärt das so: „Die Menschen benötigen zum Leben zuallererst einmal eine Arbeit, eine Wohnung und einen Platz in der Gesellschaft. Erst wenn sie all das haben, beginnen sie, über andere Dinge nachzudenken – zum Beispiel über Spiritualität. In Wien und München ist das Wohlstandsniveau sehr hoch, dort kommen bis zu viertausend Besucher zur Messe. Ähnlich ist es in Zürich und Hamburg. Berlin ist wesentlich ärmer, viele Menschen leben hier von Sozialhilfe, viele sind arbeitslos. Vor dem Fall der Mauer kamen viele Künstler und junge Leute, die dem Militärdienst entgehen wollten, in die Stadt. Heute müssen andere Städte Berlin finanziell unter die Arme greifen. Hier kommen ungefähr tausend Menschen zur Messe.“
Herr Prohaska nimmt keinen Einfluss darauf, welche Heilmethoden an den Ständen präsentiert werden. Er überprüft sie nicht auf ihre Wirksamkeit.
„Das, was mir hilft, muss nicht zwangsläufig auch dir helfen“, konstatiert er. „Und umgekehrt.“ 
 

1 Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) wurde 2005 von der Giordano-Bruno-Stiftung ins Leben gerufen.
2 https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-deutschland-2015
3 http://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/archives/ebs/ebs_341_en.pdf
4 http://www.agpf.de/Bundestag-Enquete-Bericht-1998.pdf