Jakob Hein - Feuilletonreihe Berliner Jugend

Berliner Jugend
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Warum die Berliner Jugend inzwischen auch ohne Alkohol und Zigaretten feiern kann und auf Konzerten Vierzigjährige duldet – darauf versucht der Schriftsteller Jakob Hein zu antworten.

Ich sage: Hurra! Ich kann die jungen Leute nicht verstehen. In den letzten zehn Jahren hatte ich mich darüber gewundert, dass den jungen Berlinern nichts mehr einzufallen schien. Sie trugen Kleidung und hörten Musik aus verschiedenen vergangenen Jahrzehnten. Und es war nicht einmal so, dass sie beides auf bestimmte Art miteinander kombinierten. Es konnte sein, dass eine Frau im Hippie-Hemd großer Freund von Popmusik aus den 90-er Jahren war und ein punkiger junger Mann sich als Freund von Soulmusik aus der Motown-Zeit erwies. Die Gründer ihrer Kleidungsmoden und ihrer Lieblingsmusiken hätten es sicher nicht gemeinsam in einem Raum ausgehalten, aber am Anfang des 21. Jahrhunderts schien mir eine gewisse Ratlosigkeit zu stehen.

Am meisten störte mich daran die Verbundenheit der Jugend mit den Erwachsenen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch ich möchte nicht auf der Straße ausgelacht oder angespuckt werden. Aber wenn zu meiner Zeit ein Mensch über dreißig auf einem unserer Konzerte aufgetaucht wäre, hätte er die jugendliche Masse um ihn herum geteilt wie einst Moses das Meer. Niemand wäre in der Nähe eines endpeinlichen alten Sacks gesehen worden wollen. Heute drängeln sich bei den meisten Rockkonzerten die Vierzigjährigen frech an den Sechzigjährigen vorbei, während die Zwanziger mitleidig am Rand stehen. Keiner fühlte sich ausgeschlossen.

Da ich selbst mittlerweile über Vierzig bin und mir meine Liebe zu lauter Musik geblieben ist, sollte ich mich vielleicht nicht beschweren. Dennoch fehlte mir die Revolution und das aus ganz eigennützigen Gründen. Ich glaube, dass der gesellschaftliche Fortschritt so funktioniert, dass die Jungen ungeduldig alles fordern, die Alten mit ihrer Erfahrung vor allem warnen und die Mittelalten in der Mitte versuchen, eine gute Mitte aus beidem zu finden. Wenn sich aber die Jungen anfangen, als Mittelalte zu verstehen, woher sollen dann die neuen Impulse kommen?

Doch neulich fragte mein 15-jähriger Sohn, ob ich damit leben könnte, wenn er zu einer privaten Geburtstagsfeier Bier mitbringen würde. Sie hätten sich darüber beraten und er hätte gesagt, dass sein Vater dafür vielleicht Verständnis hätte. Was auch immer das über mich sagt – man könnte glauben, er hält mich für einen Säufer, ich bevorzuge die Interpretation, dass er mich für einen verständnisvollen Vater hält – hatte er recht. Ich finde es besser, er fragt mich als dass er es so macht wie ich in seinem Alter, in dem ich schon einige Male reichlich Bier von Partys mit nach Hause gebracht hatte – und zwar in meinem Körper.

„Wieviel willst Du denn mitbringen?“, fragte ich. Er musste es ja auch dorthin bringen. „Ich denke, ein Sechser-Pack reicht“, war seine Antwort. „Alles klar“, sagte ich nur, obwohl meine innere Reaktion eine Mischung aus Jubel, Erleichterung und Enttäuschung war. Denn ein Sechserpack hätte damals nur knapp für mich gereicht. Ich finanzierte das Bier.

Nach der Party fragte ich ihn, wie es so war. Es waren ungefähr dreißig Menschen dort, Jungen und Mädchen und sie hatten alle sehr viel Spaß. „Hat denn noch jemand was zu trinken mitgebracht?“ „Ja, der Gastgeber hatte zwei Kästen gekauft.“

„Bier?“ „Nein, Mate natürlich.“ „Und hat noch jemand Bier mitgebracht?“ „Ja, einer hat noch ein Sechserpack mitgebracht.“ „Und hat es gereicht?“ „Nein, wir sind dann alle nochmal los in den Späti und haben noch zwei Kisten Mate gekauft.“ „Und hast Du Bier getrunken?“ „Nein. Muss ich doch nicht, oder?“

Nein, muss er nicht. Und das finde ich, ist neu. Die treffen sich zwar weniger, aber wenn sie sich treffen, dann machen sie tolle Sachen miteinander wie Klettern oder Billard oder Tischfussball oder Tanzen. Und sie finden nicht, dass man dabei saufen oder kiffen muss. Aber sie finden auch nicht, dass Nicht-Saufen oder Nicht-Kiffen eine Lebenseinstellung ist. Wer das machen will, der soll das ruhig machen, nur sie machen das eben nicht. Ach so, und Zigarettenrauchen halten sie einfach nur für dämlich.

Das gab es bei uns nicht. Egal, wo man hinging, egal, welcher Jugendkultur man angehören wollte, es wurde immer mindestens gesoffen und geraucht. Wer nicht gern Alkohol trank, bestellte sich Cola-Weinbrand oder süßen Wein, wo man den Alkohol nicht so herausschmeckte. Hauptsache, man war kein Spielverderber=Nichttrinker. Und geraucht wurde überall, die Luft war so, dass jeder Nichtraucher eine Schachtel pro Abend rauchte. Man musste sehr willensstark sein und tausend Fragen beantworten, wenn man auch nur einen Abend nicht trinken oder rauchen wollte. Und jetzt gibt es in Berlin eine Vielzahl von Szenen und Clubs, in denen das überhaupt nicht so ist. Und ich rufe: „Hurra! Ich kann die jungen Leute nicht verstehen.“