Deutschland heute - Reportagen Deine Stimme für Spaghetti zum Frühstück

Kinder auf einer Bank
Quelle: Pixabay, Foto: tolmacho

Im Dolli Einstein Haus, die erste zertifizierte demokratische Kindertagesstätte in Deutschland, hat jeder eine Stimme – selbst dann, wenn er noch nicht sprechen kann.
 

Die Delphine versammeln sich jeden Dienstag pünktlich um 10.30 Uhr. Dann verwandelt sich ein Teil des Gruppenraums dank mehrerer Sitzkissen und dem obligatorischen Flipchart in einen Konferenzraum. Die Konferenzteilnehmer, Kinder und Pädagogen, bilden zunächst einen Kreis, fassen sich an den Händen und begrüßen einander, dann ertönt ein Gong, der den offiziellen Teil der Gruppenkonferenz einleitet. Anschließend dürfen die Kinder sich auf die Kissen setzen, selbstverständlich im Kreis. Die Anwesenheitsliste verzögert sich einen Moment, denn zunächst einmal muss das heutige Datum ermittelt werden. Dann zählt Jonathan die Mitglieder der Delphin-Gruppe (acht Jungen und acht Mädchen) durch, und Lena, die Älteste in der Gruppe, protokolliert alles an der Tafel. Zehn Minuten später kommen wir schließlich zum wichtigsten Punkt der Tagesordnung: der Organisation der Faschingsfeier.

Die Pädagogin stellt die einzelnen Punkte vor – Dekoration, Essen und Getränke –, und die Delphin Kinder überschlagen sich mit Vorschlägen: Wir können Bilder malen und sie an die Wände hängen, Schokoladenkuchen, Spagetti, Gummibärchen, Pizza, Apfelschorle, Orangensaft, Cola, nein, Cola dürfen wir doch nicht, na gut, dann eben Fanta, Eis, Schokoriegel, wir können Girlanden basteln, lasst uns Wackelpudding bestellen, und Eis, unbedingt Eis. Die ruhige, geradezu routinierte Atmosphäre (schließlich findet eine solche Gruppenkonferenz jede Woche statt) verwandelt sich rasch in eine kaum zu bändigende Erregung. Sobald alles beschlossen und abgestimmt ist, wird ein Protokoll von den Kindern auf dem Flipchart gemalt. Die Liste mit den gesammelten Wünschen wird ausgehängt, und die Eltern der Delfin Kinder können sich aussuchen, was sie mitbringen möchten. Das wäre für die Delfine dann doch etwas zu schwierig, schließlich ist keiner von ihnen über sechs Jahre alt, einige sind sogar erst drei. Doch die Kinder sind bereits daran gewöhnt, Dinge auf diese Weise zu entscheiden. Schließlich besuchen sie die erste zertifizierte Demokratie-Kita Deutschlands.

Das einstöckige Dolli Einstein Haus, das seinen Namen der resoluten Gans aus einem beliebten Kinderbuch von Janosch verdankt, liegt versteckt zwischen weißen Einfamilienhäusern mit akkurat gemähten Rasenflächen in einer Wohnsiedlung in Pinneberg. Die vierzigtausend Einwohner zählende Kreisstadt ist vor allem als Teil des Hamburger Speckgürtels bekannt, auch wenn die Schleswig-Holsteinische Landesregierung noch so sehr versucht, auf die reizvolle Umgebung – mit dem größten zusammenhängenden Baumschulgebiet der Welt – hinzuweisen. Doch zunächst einmal verhilft das Dolli Einstein Haus Pinneberg zu internationaler Anerkennung. Die Kindertagesstätte der AWO (Arbeiterwohlfahrt) Schleswig-Holstein wurde im vergangenen Jahr als erste Demokratie-Kita Deutschlands anerkannt und zertifiziert. Die dortigen Pädagoginnen begannen bereits 2001, mit Formen der Mitbestimmung zu experimentieren. Es dauerte mehrere Jahre, bis das Konzept einer partizipativen Ausrichtung Wirklichkeit wurde. Alle AWO Kitas in Schleswig-Holstein müssen jetzt den Nachweis erbringen, dass sie ihre pädagogische Arbeit an dem Konzept „Die Kinderstube der Demokratie“ orientieren.  Insgesamt wurden 9 Kindertagesstätten in Schleswig-Holstein zertifiziert. Weitere 50 AWO Kitas werden folgen.

Singkreis der Kleinsten im Krippenhaus  

Das demokratische Miteinander beginnt im Dolli Einstein Haus bereits früh am Morgen, wenn die die Krippengruppen (bestehend aus Kindern im Alter zwischen 1 und 3 Jahren) Teddys und Pandas den Tag mit einem Lied auf den Lippen beginnen Die Auswahl des Morgenlieds erfolgt nicht per Dekret, sondern die Kinder dürfen abwechselnd entscheiden, was gesungen werden soll.  Die Pädagogin Tanja Kohnfeld hält hierfür eine kleine Kiste mit Fotos der Kinder und eine Kiste mit Liedkarten in den Händen. Die Kinder werden jeden Morgen ausgelost, der Gewinner darf sich anschließend ein Lied aussuchen, indem er ein Symbolkärtchen zieht. Auch wenn die Teilnahme verbindlich ist, darf jedes Kind selbst entscheiden, ob es mitsingen will oder nicht – die Pädagogin hat nicht das Recht dazu, es zum Mitsingen zu zwingen oder besonders dazu auffordern.   

Pizza zum Frühstück

Auch beim Frühstück geht es streng demokratisch zu. Die Kita-Verfassung, in der die sieben Grundrechte der Kinder festgelegt und mit Bildern illustriert sind, besagt: „Ich entscheide selbst, wo ich sitzen möchte“ und „Ich entscheide selbst, was und wie viel ich essen möchte“. Die Kinder helfen beim Zubereiten des Frühstücks und decken selbst den Tisch. Heute gibt es Käse, mehrere Sorten Wurst (jede mit dem Bild eines Huhns oder eines Schweins, weil einige der Kinder aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen), Gemüse, Joghurt und Eierpaste. Das Frühstück beginnt um acht, doch jedes Kind darf nicht nur selbst entscheiden, was es essen möchte, sondern auch, ob es sich überhaupt mit an den Tisch setzt (bis zehn Uhr hat es jederzeit die Möglichkeit dazu). Hin und wieder hat jede Gruppe ein „besonderes Frühstück“, über dessen Zusammenstellung die Kinder zuvor bei einer der wöchentlichen Gruppenkonferenzen abstimmen – die Möglichkeiten sind dabei praktisch nur durch ihre Fantasie begrenzt.

Abstimmung im Familienzentrum Dolli Einstein Haus Abstimmung im Familienzentrum Dolli Einstein Haus | © AWO-Familienzentrum Dolli Einstein Haus Die Abstimmungen erfolgen mithilfe von bunten Glassteinen, den sogenannten „Muckelsteinen“.
Einmal in der Woche bringen die Kinder zum Frühstück etwas mit, das sie auch bei sich zu Hause essen, und teilen alles miteinander, sodass jeder einmal probieren kann. Da 38% der Kinder aus anderen Kulturkreisen stammen (einige von ihnen wurden in Deutschland geboren, es gibt aber auch welche, die zu Beginn kein Wort Deutsch sprechen), kommen an diesen Tagen neben Würstchen, Nüssen und Kartoffelsalat auch Samosas, Hummus und Pita-Brot auf den Tisch.

Du willst nicht essen? Dann eben nicht!

Das Mittagessen wird zu einer festgelegten Zeit eingenommen, doch auch hier gibt es reichlich Freiraum. „Bei uns müssen die Kinder ihr nicht gegessenes Kotelett nicht unter den Kartoffeln verstecken, denn jeder tut sich nur so viel auf den Teller, wie er möchte. Wir ermuntern die Kinder grundsätzlich dazu, Neues auszuprobieren, deshalb stehen bei uns auch immer ganz viele kleine Schüsseln auf dem Tisch. „Aber alles ohne Zwang, in einem festgelegten Rahmen.“, erklärt die Kita-Leiterin Ute Rodenwald.
„Es kann also theoretisch vorkommen, dass ein Kind während seiner gesamten Zeit bei uns kein einziges Mal Gemüse isst“, schlussfolgert sie.

„Theoretisch ja. In der Praxis erleben wir jedoch, dass eine freundliche Atmosphäre – wenn alles appetitlich angerichtet und der Tisch schön gedeckt ist, und wenn ein Kind sieht, dass sein Tischnachbar mit Begeisterung etwas isst, was ihm selbst als ungenießbar erscheint – den Kindern dabei hilft, sich selbst zu überwinden. Manchmal dauert es nur etwas länger.“

Vor einiger Zeit kam zum Beispiel ein Junge aus einer afghanischen Familie, die gerade erst nach Deutschland eingewandert war, in das Dolli Einstein Haus. Fünf Monate lang rührte er in der Kita kein Essen an, wahrscheinlich, weil alles ganz anders aussah, als er es von zu Hause kannte. Die Pädagoginnen hielten sich konsequent an den Grundsatz, niemanden zum Essen zu zwingen, und forderten den Jungen während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal auf, etwas zu essen, sondern boten ihm jeden Tag aufs Neue die Speisen an. Schließlich begann er zu probieren, und inzwischen isst er das Mittagessen mit Appetit. Was die Eltern dazu sagen, wenn sie sehen, dass ihr Kind hungrig aus der Kita kommt, oder wenn sie sich Sorgen machen, dass es keinen Spinat isst? „Wir begegnen den Sorgen der Eltern mit einem offenen Ohr und bemühen uns um gemeinsame Lösungen im Rahmen Grundsätze.“ antwortet die Leiterin.

Brot und Tränen

Es gibt im Dolli Einstein Haus im Elementarbereich (Kinder von 3 bis 6 Jahren) keine festen Schlafzeiten mehr.  Die Verfassung garantiert den Kindern das „Recht auf Schlaf“, sie können also, wenn sie müde sind, jederzeit in einen speziell eingerichteten Ruheraum schlafen gehen.

„Argumente wie »Weil das so ist« oder »Weil ich das sage« sind bei uns verboten. Wenn die Antwort »Nein« lautet, muss man sie so gut wie möglich begründen, Demokratie setzt schließlich einen partnerschaftlichen Umgang miteinander voraus. Auch wenn das aufgrund des Alters der Kinder selbstverständlich andere Formen annimmt als mit Erwachsenen, ändert das nichts an der Tatsache, sich mit den Kindern auseinanderzusetzen und Verbote / Grenzen zu erklären.“, erklärt die FaZ-Koordinatorin Svea Steingrube.

Das demokratische Experiment erwies sich anfangs als besonders schwierig für die Pädagoginnen, die lernen mussten, Kontrolle abzugeben.  Eine Pädagogin konnte sich zum Beispiel nicht damit abfinden, dass die Kinder nicht mehr nur gesundes Vollkornbrot aßen „Ich hatte natürlich Verständnis für die Haltung meiner Mitarbeiterin, aber ich legte ihr nahe, sie solle sich einmal überlegen, warum ihr das so wichtig ist. Am nächsten Tag kam die Kollegin.“, erinnert sich Ute Rodenwald und erklärte ihr sei bewusstgeworden, wie sehr sie von ihrer eigenen Erziehung geprägt war. Heute gibt Ute Rodenwald jedem, der zu autoritären Erziehungsmustern neigt, den Rat „Frage dich selbst, warum dir das so wichtig ist.“

Ordnung oder Anarchie?

Während wir die anderen Räume besichtigen, ertappe ich mich dabei, dass ich unbewusst nach Anzeichen von Anarchie Ausschau halte. Doch nichts erinnert hier an Dantes Inferno, die Kinder wirken eher höflicher als in einer traditionellen Kita, doch meine Anspannung ist so groß, dass Svea Steingrube sie bemerkt. „Anarchie? Absolut nicht, eher im Gegenteil! Es ist ja nicht so, dass die Kinder hier alles dürfen, was sie wollen. Wir brauchen sogar mehr Regeln als eine gewöhnliche Kita, wenn alles funktionieren soll. Die Älteren, also die Fünf- und Sechsjährigen, dürfen zwar allein auf den Spielplatz gehen, wenn sie es möchten, aber sie betrachten das als Freiheit. Ihnen ist bewusst, dass sie sich an eine ganze Reihe von Regeln halten müssen, unter anderem die, dass sich zu jedem Zeitpunkt nur höchstens vier Kinder allein auf dem Spielplatz aufhalten dürfen. Sie wissen auch, dass sie ihre Freiheit alleine nach draußen gehen zu können verlieren, wenn sie anfangen miteinander zu streiten oder sich zu hauen. Also halten Sie sich an die Regeln, damit sie nach draußen gehen können.“

Ähnliches gilt auch für das ebenfalls in der Kita-Verfassung verankerte „Recht auf Spielen“ („Ich entscheide selbst, was ich spielen möchte“). Dieses Recht kann im Dolli Einstein Haus besonders leicht in Anspruch genommen werden, denn es gibt hier zahlreiche Räume und Nischen, die als Spielzimmer dienen. Doch auch hier müssen sich die Kinder mit ihren Altersgenossen arrangieren, denn vor jedem der mit Puppen, Bausteinen und Gesellschaftsspielen gefüllten Zimmer hängen Tafeln, an denen jeder, der darin spielen möchte, einen Magneten mit seinem Namen anbringen muss. Wenn die Tafel voll ist, muss das Kind es eben woanders probieren, und wenn zum Beispiel einige Kinder so lange mit Bausteinen spielen, dass die anderen keine Möglichkeit dazu haben, wird das Problem bei der nächsten wöchentlichen Versammlung der Gruppenkonferenz geklärt.

Es gibt im Dolli Einstein Haus fünf Gruppen mit besonderen Schwerpunkten (die Frösche haben zum Beispiel den Schwerpunkt Musik und die Raben - Kunst und Gestaltung ) doch es herrscht keine strikte Trennung zwischen den Gruppen – im Grunde kann jedes Kind jederzeit dort spielen, wo es möchte. Die Tatsache, dass jeder hier jeden kennt, erleichtert nicht nur den täglichen Umgang miteinander, sondern auch zum Beispiel die Sitzungen des Kita-Rats. Dieser Rat, der sich aus Vertretern der einzelnen Gruppen – je einem Jungen und einem Mädchen - zusammensetzt, kommt alle sechs Wochen zusammen, um wichtige Entscheidungen zu treffen, wie zum Beispiel gemeinsame Feiern, eine Wasserbahn im Garten oder der Kauf von Bobby Cars für den Kita-Spielplatz. Jedes Kind kann auch offiziellen Protest einlegen, so wie damals, als von einem Tag auf den anderen die echten Kerzen auf den Geburtskuchen durch LED-Lichter ersetzt wurden. Ein Mitarbeiter des Amts für Arbeitsschutz hatte moniert, ein echtes Feuer, und sei es noch so klein, stelle eine lebensgefährliche Bedrohung dar. Die Pädagoginnen folgten dieser Weisung zunächst, als jedoch das nächste Geburtstagskind auf seinem Kuchen statt einer flackernden Kerze ein kaltes LED-Licht vorfand, kam es unter den Kindern zu Protesten. Der Kita-Rat argumentierte unter anderem damit, dass elektrische Kerzen keine Wünsche erfüllen, schließlich könne man sie nicht ausblasen! Gemeinsam fanden Kinder und Pädagoginnen eine Lösung, so dass die Wunschkerze unter neuen Feuerschutzbedingungen weiter brennen darf.

Meine Zähne gehören mir!

„Ich will keine Zähne putzen, ich habe ein Recht Nein zu sagen“, verkündete eines Abends die sechsjährige Pia im Brustton demokratischer Überzeugung ihren verdutzten Eltern. Dabei gibt es ein solches Recht im Dolli Einstein Haus gar nicht (zum Thema Körperhygiene existiert lediglich die Regel „Ich entscheide selbst, wer mir die Windeln wechselt“, doch dass es jemand tun muss, ist unumstritten).

Es lässt sich jedoch nicht von der Hand weisen, dass Kinder, die den ganzen Tag über im demokratischen Geiste erzogen werden, die traditionellen Erziehungsmethoden ihrer Eltern nicht selten auf die Probe stellen. Besonders für konservative Eltern und solche, für die die Erfahrungen ihres Kindes im Dolli Einstein Haus den ersten Kontakt mit Demokratie darstellen, kann dies eine Herausforderung sein. „Wir wissen nicht genau, inwieweit wir die sozialen Beziehungen in den Familien der von uns betreuten Kinder beeinflussen“, gibt Ute Rodenwald zu. „Vielleicht werden Eltern, die nie in einer Demokratie gelebt haben oder die an starren Hierarchien festhalten, unser Konzept nicht besonders ernst nehmen. Das hat jedoch keinen Einfluss auf unsere Arbeit. Die Kinder selbst nehmen die Mitbestimmung in der Kita sehr ernst, von den Regeln, die das Essen betreffen, bis hin zum Recht auf freie Meinungsäußerung“, erklärt sie.

Die Eltern werden im Dolli Einstein Haus mit eingebunden. Pro Gruppe werden jeweils zwei Elternvertreter gewählt, die sich alle zwei Monate mit der Kitaleitung zum Austausch treffen. Damit sie sich selbst ein Bild davonmachen können, wie es ihrem Nachwuchs ergeht, aber auch damit sie die Kita und einander besser kennenlernen können, veranstaltet das Dolli Einstein Haus regelmäßige Treffen für sie. Diese erinnern jedoch weniger an traditionelle Elternabende, sondern vielmehr an ein geselliges Beisammensein um sich untereinander auszutauschen. Dabei müssen die Eltern gar nicht besonders von den Qualitäten der Kita überzeugt werden: Das Dolli Einstein Haus gehört zu den populären Kindertagesstätten in Pinneberg. Die Gebühren sind ähnlich wie für andere Kitaplätze in Pinneberg und betragen etwa 300 € im Monat plus Verpflegung. Die Warteschlange ist so lang, dass manche Eltern ihre Kinder bereits vor der Geburt anmelden.

Eltern, deren Kinder bereits Erfahrungen in der Demokratie-Kita gesammelt haben, melden gerne auch deren jüngere Geschwister dort an. Und viele Kinder besuchen die Kita selbst dann noch, wenn sie bereits zur Schule gehen, zum Beispiel im Rahmen von Praktikumstagen und Festen.

Das große Ganze

Für eine genaue Untersuchung, welchen Einfluss eine frühkindliche demokratische Erziehung auf das spätere Leben, insbesondere das Erwachsenenleben hat, ist es sicherlich noch zu früh. „Wir können den Kindern hier erste basisch demokratische Erfahrungen ermöglichen. Wichtig ist, dass die Schule als nächste Institution den Gedanken der Partizipation weiterführt und den Rechten und Anliegen der Kinder / Jugendlichen Raum gibt.“ Svea Steingrube argumentiert weiter, man könne mit bloßen Augen erkennen, dass es diesen Kindern zum Beispiel hinterher leichter fällt, öffentlich ihre Meinung zu äußern, und dass sie auch häufiger freiwillige Aufgaben übernehmen oder sich in der Schülervertretung engagieren. Sie hat dies an ihren eigenen Kindern – einem Sohn und einer Tochter – beobachtet, die gerade die Grundschule beenden und zuvor selbst die Demokratie-Kita besucht haben. „Wir haben in unserer Familie fast augenblicklich das Konzept einer wöchentlichen Familiensitzung übernommen, die bei uns lange Zeit jeden Montagabend stattfand, und auch eine spezielle Mahlzeit, die dem »Frühstücks-Wunschkonzert« in der Kita nachempfunden ist“, erzählt sie. Pommes frites zum Abendbrot, die man – als besonderen Luxus – sogar im Bett essen kann, sind in Svea Steingrubes Familie eine Tradition, die bis heute fortwirkt, ähnlich wie die Aufteilung der Haushaltspflichten, um die es keine Streitereien gibt. Auch wenn die Familiensitzungen nicht mehr ganz so regelmäßig stattfinden wie früher, werden eventuelle Streitpunkte – wie die Zahl der Stunden, die die Kinder mit Computerspielen verbringen dürfen – nach wie vor auf eine ähnliche Weise gelöst.

„Eine demokratische Erziehung bedeutet für die Eltern sicherlich einen zusätzlichen Aufwand, denn sie müssen sich darauf einstellen, dass eine Menge eigener Meinungen auf sie zukommt. Man kann bei Konflikten nicht einfach sagen »Das ist so, weil ich deine Mutter bin«, sondern muss jede Entscheidung vernünftig begründen. Aber all das ist nichts im Vergleich mit der Genugtuung, die ich empfinde, wenn ich sehe, wie sich meine Tochter und mein Sohn entwickeln, wie gut sie Entscheidungen treffen, wie gerecht sie sich in Konflikten mit ihren Altersgenossen verhalten – und zu was für wertvollen Menschen sie heranwachsen“, sagt Svea Steingrube. Die Demokratie-Kita hatte einen solchen Einfluss auf ihre Familie, dass sie den Entschluss fasste,  eine Ausbildung zur Erzieherin aufzunehmen, obwohl sie zuvor Jura studiert hatte. Heute, nach jahrelangen Erfahrungen, ist sie fest davon überzeugt, dass demokratischen Kindertagesstätten die Zukunft gehört. Und das nicht nur, weil der Ansturm von Gästen, die sich mit eigenen Augen davon überzeugen wollen, wie das Konzept einer partizipativen Ausrichtung in der Praxis funktioniert, und die erwägen, es anschließend auf ihre eigenen Einrichtungen zu übertragen, inzwischen so groß ist. „Vor allem müssen wir diesen Weg in großen Maßstab beschreiten. Wir wünschen uns, dass alle Institutionen die Kinder und Jugendliche besuchen sich aktiv mit dem Thema Mitbestimmung auseinandersetzen“, sagt Ute Rodenwald. „Wir in Deutschland wissen das aus eigener Erfahrung, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist. Unsere Demokratie ist nach wie vor jung, und wir wissen wie kaum ein anderes Volk, wie leicht man sie verlieren kann. Wenn wir also nicht wollen, dass so etwas passiert, dann müssen wir den Menschen bereits von Beginn an demokratische Werte vermitteln. Sie sollen wissen, welch ein großes Gut es ist, seine Rechte zu kennen und die Sicherheit zu haben, dass diese Rechte von anderen respektiert werden. Sie sollen wissen, welche Macht es bedeutet, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Später können sie von diesem Recht Gebrauch machen oder auch nicht, aber es ist gut, wenn sie wissen, dass sie immer ihren Muckelstein in der Hand haben, dass sie immer eine Entscheidung treffen können.“