Jakob Hein – Feuilletonreihe Berlin erster Klasse

In Berlin ist es schwierig, gute Schuhe zu kaufen. Das Personal eines Ladens mit Qualitätsschuhen wirkt, als ob es gar keine Lust hätte, uns irgendwas zu verkaufen. Genau solche Atmosphäre versprüht die ganze Stadt: Berlin muss sich noch daran gewöhnen, eine Weltstadt zu sein, schreibt der Schriftsteller Jakob Hein.

„Diese Schuhe kannst Du nicht mehr anziehen“, sagte meine Frau kürzlich zu mir.
„Wieso denn?“, fragte ich zurück. Im Gegensatz zur ihrer Behauptung zog ich genau diese Schuhe praktisch täglich an.
„Die Sohlen sind rund gelaufen und an den Absätzen fehlen schon Teile der Verkleidung, diese Schuhe sehen unmöglich aus.“
Es gibt diese Momente, in denen die Realität plötzlich in ein anderes Licht gesetzt wird und man nie wieder in das Vorher zurückfindet. So ist es erstaunlich, dass bei den meisten Wohnungsumzügen aus der gemütlichen Einrichtung der alten Wohnung säckeweise Müll entsteht, ohne dass etwas zu Boden fällt oder sonstwie kaputtgeht. Auch der Ex-Partner, mit dem man hunderte Tage und Nächte in größter Nähe und Gemeinsamkeit verbracht hat, erscheint vielen plötzlich als einer der Menschen auf dem Planeten, zu dem man immer am meisten Abstand haben möchte.
So einen Moment bescherte mir meine Frau mit diesen Schuhen. Diese Fullbrogue Derbys waren tatsächlich abgelaufen, das Leder an vielen Stellen rissig, die Sohlen nicht mehr erwähnenswert. Tatsächlich war es an der Zeit, diese Schuhe zu ersetzen, zumal sie als meine offiziellen, gewissermaßen Büro-Schuhe funktionieren sollten. Sie sollten mich also als seriösen Geschäftsmann darstellen, der klassisch und schick gekleidet seine Arbeit verrichtet. Kaputt und rissig, wie sie aussahen, konnten sie diese Aufgabe nicht mehr erfüllen, obwohl sie natürlich innen an meinem Fuß so bequem und passend wie nie zuvor waren.
„Ich hasse es, Schuhe zu kaufen“, sagte ich zu meiner Frau. Aber ich hätte das auch zu meinen Kindern oder der kleinen Holzpuppe auf meinem Schreibtisch sagen können, denn es nützte ja nichts. Egal, wieviel ich jammerte, niemand anders würde mir neue Schuhe kaufen. Man kann für andere Menschen Lebensmittel kaufen, ein Portemonnaie oder vielleicht auch mal einen Schal, aber Schuhe muss man sich selbst kaufen.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob mein Verstand gerade abwesend ist oder ob ich ihn gar ganz verloren habe. Schließlich erwarten Sie einen Text über Berlin und nicht einen Text über eine banale Begebenheit irgendeines banalen Berliners. Aber ich möchte Sie bitten, meinen Text allegorisch zu verstehen. Auch meine Heimatstadt fand sich am Ende des vorigen Jahrtausends in der der Situation wieder, sich neu erfinden zu müssen.
Jahrzehntelang war man eine von den Mächtigen ungeliebte Stadt auf Sozialhilfe gewesen. Die erste deutsche Demokratie hieß nicht umsonst Weimarer Republik, die Nazis mochten Berlin so wenig, dass sie daraus eine ganz neue Stadt Germania bauen wollten. Westberlin war inoffiziell, aber praktisch ein nicht selbständiger Teil der Bundesrepublik Deutschland und die Ostberliner Führung versteckte sich in Wandlitz, vor den Toren Berlins. In beiden Teilen lebte die Stadt von Subventionen und auch nach dem Mauerfall ging das noch ungefähr zehn Jahre lang so weiter.
Aber dann wurde aus Berlin eine richtige Hauptstadt. Die Regierung kam, die Wirtschaft kam und sogar die Touristen kamen. Aus Berliner Lebenkünstlern wurden national und international anerkannte Künstler. Am Ende kam eine ganze Menge Geld in die Stadt. Und Berlin versucht seitdem, seine Rolle neu zu finden.

Weil ich den übernächsten Schuhkauf möglichst weit in die Zukunft verschieben wollte, beschloss ich meine Schuhe in einem neuen Geschäft zu kaufen, die sich einen Namen mit rahmengenähten, also hochqualitativen Schuhen gemacht haben. Ich weiß nicht, was das sein soll, aber ich wollte es ausprobieren.
Das Geschäft sah aus wie ein normaler Schuhladen, nur dass das Personal in Erinnerung an sozialistische Tage desinteressiert hinter einem Tresen stand und mit irgendetwas beschäftigt war, das wesentlich wichtiger und interessanter als Kunden sein musste. Unschlüssig schaute ich mir die ausgestellten linken Schuhe an der Wand an, die leider alle nicht in meiner Größe waren. Da ich außerdem vorhatte, jeweils einen Schuh für jeden
meiner Füße zu kaufen, musste ich die Verkäufer leider in ihrer wichtigen Tätigkeit hinter dem Tresen stören.
„Guten Tag“, sagte ich, möglichst höflich.
„Ja?“, fragte der Mann mit Vollbart und königsblauem Jacket. Vielleicht arbeitete er abends als Einlasser in einer Seemannsbar.
„Ich wollte fragen, ob Sie mir vielleicht kurz helfen könnten?“
„Haben Sie denn schon was gefunden?“
Nun ja, dachte ich, wenn ich ein wenig fachliche Beratung gehabt hätte, dann hätte ich vielleicht schneller etwas gefunden. Als ich mir mal in Szczecin Schuhe gekauft hatte, war ich intensiv beraten worden, in Englisch, Deutsch und Polnisch, mit Händen und Füßen. Aber ich war beraten worden. Doch der Mann schaute nicht so, als ob ihn diese Geschichte interessiert hätte, darum sagte ich einfach: „Ja.“
Immerhin verleitete ihn das dazu, mit mir zu den Schuhen zu gehen. Zum Glück war meine Antwort die richtige. Wenn ich noch nichts gefunden hätte, wäre mir vielleicht die Ehre seiner Begleitung nicht schon zuteil geworden. Ich zeigte ihm ein Modell.
„Welche Größe haben Sie denn?“
„44 wenn die Schuhe groß ausfallen, sonst 45.“ Immerhin konnte ich ihm etwas antworten. Vor zehn Jahren hätte ich meine Schuhgröße noch nicht auswendig gewusst.
„Haben Sie schon bei uns gekauft?“
„Nein.“
Nun verdrehte er die Augen doch tatsächlich. Hatte er schon wieder so einen verdammten Neukunden vor sich, wo sich doch alle Firmen auf der Welt wünschen, nur mit ihren bisherigen Kunden Geschäfte zu machen, musste er hier die Mühe auf sich nehmen, einen Neukunden zu beraten. Er tat mir fast so leid, wie er sich selbst. Nach drei Versuchen stellten wir fest, dass meine Schuhgröße in seinem Laden 9 heißt und dass der Schuh, den ich mir ansehen wollte, nicht in der 9 vorhanden ist.
„Wollen Sie sich noch ein anderes Modell ansehen?“, fragte er und ließ aus einer Art professioneller Höflichkeit den zweiten Halbsatz: „... oder lieber gehen?“ einfach weg.
Ganz der Profi.
„Ja …? Dieses Modell hier“, zeigte ich unsicher.
Jetzt hatte er aber wirklich die Nase voll! „Das ist eine offene Schnürung“, sagte er entnervt.
„Eine was?“ Da ich mir bestimmt schon dreißig Paar Schuhe in meinem Leben gekauft hatte, war ich der Illusion erlegen, dass ich wüsste, wie sowas geht. Ich kam mir vor wie eine Hausfrau, die einem französischen Spitzenkoch zeigen will, wie sie den Binder in ihre Soße einrührt. Ich hatte offensichtlich keine Ahnung, wie man Schuhe für mich kauft, aber das unfassbare Glück, nun endlich den Mann getroffen zu haben, der es besser, der es überhaupt wusste.
„Sie haben sich eine Oxford-Schnürung angesehen und das hier ist eine Blücher“, sagte er mit abnehmender Geduld. „Offen / geschlossen – verstehen Sie.“
Ich dachte immer noch, dass er mich einfach hätte beraten können, wie die nette Frau in dem Laden in Szczecin. Aber ich sagte lieber: „Ja.“
Die Schuhe waren unbequem und drückten, was ich ihm vorsichtig sagte. Aber er sagte, dass das ganz normal sei. Schuhe wie diese würde man eben einlaufen. Ich war in seinen Augen sowieso nicht qualifiziert, seine Qualitätsprodukte mit nach Hause nehmen zu dürfen. Ich probierte noch die falschen Schuhe an, hatte aber schon lange keine Lust mehr, in diesem Laden irgendetwas zu kaufen.

Ich möchte einfach nur so behandelt werden, wie bei Tiffany, denke ich mir in solchen Momenten.Wir haben unsere Eheringe bei Tiffany in New York City gekauft. Wir hatten damals wenig Geld, aber ich hatte die Idee, das wir doch zumindest in diesem berühmten Laden schauen könnten. Wir waren damals kaum durch die Tür getreten, da hatte uns schon ein sehr charmanter Mann unter seine Fittiche genommen und zehn Minuten später hatten wir unsere gravierten Eheringe, die er liebevoll und geduldig verpackt hatte. Wir
haben an dem Tag sicher zwei der zehn preiswertesten Schmuckstücke gekauft, die überhaupt bei Tiffanys im Angebot sind, aber wir fühlten uns wie Könige. Und darum habe ich heute keine Lust, meine Titel zu nennen oder meine Kreditkarte vorzuzeigen, um höflich behandelt zu werden. Eine Stadt muss für alle funktionieren, sonst funktioniert sie für keinen.
Das ist der Unterschied zwischen wahrer Klasse und neureichem Gehabe. Und das ist Berlin. Der Schuhverkäufer hat keine Lust, Dir Schuhe zu verkaufen, der Kellner ist entnervt, wenn Du wissen willst, welche Zutaten in der Suppe für zwanzig Euro enthalten sind und der Immobilienmakler kann nicht verstehen, warum du dir eine Wohnung vor dem Kauf ansehen willst, die nur eine Millionen Euro kostet. Die Stadt wird abgesperrt, weil irgendwas ist. Wer fragt, ist doof oder Tourist oder beides. Und wenn die U-Bahn
nicht fährt, dann fährt auch der Bus nicht, warum denn? Klar könnte man sehen, dass die Polizei besser arbeiten kann, oder, wie der Bürgermeister von Berlin es so schön gesagt hat: „Wer sich nachts in Berlin nicht sicher fühlt, der soll mit dem Taxi fahren.“
Berlin muss sich erst noch daran gewöhnen, was es heißen soll, eine Weltstadt zu sein, so wie man sich an ein Paar neue Schuhe gewöhnen muss.

Ich habe mir meines dann in einem ganz normalen Laden gekauft. Ein Geschäft, das versucht, möglichst jedem Kunden Schuhe zu verkaufen. Mit einer Verkäuferin, die mich beraten hat wie in Polen. Nicht rahmengenäht. Kosteten ein Drittel von den Edelschuhen. Dafür konnte ich sofort darin laufen.