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Bewegung der polnischen Frauen in Deutschland
Vom Protest zum Podest

Od protestu do podestu – Projektlogo
Od protestu do podestu – Projektlogo | © Marta Frej

„Unsere Migrationsgeschichte ist unser Trumpf, nicht unser «Problem», hier muss die Gesellschaft umdenken – und auch wir selbst.“ Ein Gespräch mit Anna Czechowska, Initiatorin des Mentorenprogramms „PolMotion – Bewegung der polnischen Frauen“.

Paulina Olszewska: Wie kam es, dass du dich mit dem Thema Emigranten und Emigrantinnen in Berlin beschäftigst?

Anna Czechowska: Nach Berlin gezogen bin ich ursprünglich für ein interkulturelles Magisterstudium. 2010 habe ich dann angefangen, mich im Verein agitPolska zu engagieren. Bei unseren Projekten mit polnischen Migranten fiel mir immer deutlicher auf, wo die Bedürfnisse dieses Milieus liegen, und ich vertiefte mich in die Thematik. 2015 übernahm ich die Leitung des   Interkulturellen Beratungs- und Begegnungszentrums für Frauen und Familien BOX66, das Frauen mit Migrationsgeschichte berät und unterstützt.
 
Welche Bedürfnisse sind dir denn genau aufgefallen? 

Es gibt in Berlin viele Polen, die gern etwas im politischen oder gesellschaftlichen Bereich bewirken würden, aber nicht wissen, womit sie anfangen sollen, oder die Mechanismen des gesellschaftspolitischen Lebens in Deutschland nicht verstehen. Häufig steht ihrem Engagement der Gedanke im Wege „Die Politik macht ihr Ding, wir machen unser Ding.“ Dabei muss das gar nicht so sein. Außerdem fehlt uns Polinnen in Berlin noch immer eine Struktur, mit deren Hilfe wir schneller und leichter an Informationen gelangen oder auch Unterstützung und Rat bekommen können, um Ideen zu verwirklichen oder Zielgruppen zu erreichen.
 
Ist die Idee für das Projekt PolMotion deswegen entstanden?

PolMotion ist aus zwei Gründen entstanden. Der erste ist mehr beruflicher, der zweite mehr persönlicher Art. Der berufliche Grund hängt mit meiner Tätigkeit bei agitPolska und BOX66 und zwei in diesem Rahmen veranstalteten Projekten zusammen. Das erste war ein Projekt mit Frauen: die Ausstellung und Gesprächsreihe Siehe das Unsichtbare, die wir in Kooperation mit dem Warschauer Institut für öffentliche Angelegenheiten organisiert haben. Das zweite, konkretere Projekt war eine Begegnung mit den Kandidaten und Kandidatinnen zum Auftakt der Bundestagswahlen für wahlberechtigte Polinnen, zu der viele kompetente Frauen erschienen, die eigentlich auch selbst zur Wahl hätten antreten können. Das gab den ersten Impuls.  
 
Den zweiten Impuls gaben meine Beobachtungen bei den Zusammenkünften der verschiedenen Beratungsgremien, in denen ich sitze. Mir fiel auf, dass ich dort häufig die einzige Frau bin, und damit ging die traurige Überlegung einher, dass Frauen immer noch zu wenig von anderen Frauen unterstützt werden.   

In Berlin sind ca. 29.000 polnische Frauen gemeldet, mehr als polnische Männer, und ich begann mich zu fragen: Wo sind all diese Frauen? Ich recherchierte, welche Methoden, Projekte, Arten der politischen Aktivierung von Emigrantinnen es gibt. Eine solche Methode ist das Mentoring, und da ich trotz meiner Recherchen kein geeignetes Projekt für mich fand, beschloss ich, mir einfach selbst eines zu schaffen. 
 
Und worin besteht dieses Projekt?

Das Projekt PolMotion, das im Januar dieses Jahres begann und bis Juni 2019 läuft, basiert, wie gesagt, auf der Idee des Mentoring. Es soll Polinnen, die im Bereich von Politik, Kultur und Medien tätig sind, bei der weiteren Entfaltung ihrer Aktivität unterstützen, und so gleichzeitig die Vielfalt der lokalen Strukturen vergrößern. 
 
Anna Czechowska Anna Czechowska | Foto: Gabriella Falana
Die Teilnehmerinnen des Programms können bereits beruflich in einem dieser Felder tätig sein und im Rahmen des Projekts ihre Betätigung ausweiten, zum Beispiel auf Bereiche, in die sie bis dahin selbst nicht vordringen konnten. Sie müssen aber nicht unbedingt schon Erfahrung haben, es genügt der Wunsch, einen ersten Schritt zu tun. Ein Mentoring bekommen können Beschäftigte in politischen Parteien, Stiftungen, gemeinnützigen Organisationen, aber auch in staatlichen Instituten, Berufsverbänden oder Zeitungsredaktionen. Auch die Art des Engagements darf unterschiedlich sein: Das kann berufliche oder auch ehrenamtliche Arbeit sein, zum Beispiel in einem Volontariat. Beim Mentoring lassen wir die Teilnehmer mit bereits erfahrenen oder in dem konkreten Bereich aktiven Personen Tandems bilden. 
 
Hier muss ich aber gleich hinzufügen, dass der Erfahrungsaustausch auf gleicher Ebene vor sich gehen und in beide Richtungen wirken soll. Es geht dabei nicht um ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, sondern um die wechselseitige Vermittlung von Kompetenzen und Wissen.

Das Motto des Projekts lautet „Vom Protest zum Podest“. Ein sehr konkretes Ziel.

Das Motto speist sich aus meiner Beobachtung, dass zur Zeit viele Menschen protestieren, was natürlich sehr wichtig und notwendig ist, wobei aber der nächste Schritt fehlt: die Umsetzung in konkretes, reales Handeln. Wenn es dort oben mehr von uns Frauen gibt, haben die Frauen unten es einfach leichter. Das Ziel von PolMotion ist, die in den Frauen schlummernde Energie umzuwandeln in weiterführendes, konkretes Handeln, an den Stellen, wo ihre Stimme und ihr Engagement etwas bewirken und unser aller Leben beeinflussen können.
 
Als indirektes Ziel möchte ich – und das ist im Grunde auch schon geschehen – auf die Polinnen in Deutschland aufmerksam machen. Unsere Migrationsgeschichte ist unser Trumpf, nicht unser „Problem“, hier muss die Gesellschaft umdenken – und auch wir selbst.  
 
Und wie sieht das Projekt von organisatorischer Seite aus?
 
Das Projekt richtet sich an alle in Deutschland lebenden Polinnen. Es gibt keine Altersbegrenzung, schließlich können Frauen in allen Lebensabschnitten, ob berufstätig oder nicht, interessiert an einer solchen Tätigkeit sein und von der Teilnahme am Projekt profitieren. Und für uns zählt jeder Blickwinkel und jede Erfahrung.
 
Außer in Berlin findet PolMotion noch in drei anderen Regionen statt: in den Bundesländern Brandenburg und Bayern, außerdem in Norddeutschland, also Bremen und Hamburg. Wichtig war mir, dass das Projekt auch kleinere Städte und ländliche Gegenden erreichen würde, wo Polinnen leben, aber noch weniger sichtbar sind. Insgesamt haben wir 35 Tandems geschaffen.  
 
Die Begegnungen mit den Mentoren sollten mindestens einmal alle vier Wochen stattfinden. Es gibt aber kein festes Schema für das Mentoring, die Tandems können die für sie günstigste Form selbst wählen. Wichtig ist nur, dass sie in regelmäßigem Kontakt bleiben, sonst ist das Mentoring nicht mehr effektiv. Nach der Hälfte der Laufzeit sollen eine Zusammenfassung der individuellen Mentorentreffen und eine Schulung zur Arbeit mit Medien stattfinden. Im Jahr 2019 dann sollen die Tandems Mikroprojekte in ihren Regionen organisieren, gerne in Zusammenarbeit mit anderen Tandems. Ebenfalls für 2019 ist geplant, dass PolMotion den rein deutsch-polnischen Themenbereich verlässt und sich anlässlich der Europawahl auf den europäischen Kontext fokussiert.     
 
Wie sicherst du dir Unterstützung für dein Projekt?

Ich führe das Projekt gemeinsam mit dem Verein agitPolska durch. PolMotion wurde beim „Ideenwettbewerb Polen“ der Bundeszentrale für politische Bildung ausgewählt und prämiert, einem Wettbewerb anlässlich der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der Wiedergewinnung der staatlichen Unabhängigkeit Polens, an dem Projekte zur politischen Bildung teilnehmen konnten. Außerdem erhalte ich Unterstützung von der Landeszentrale für politische Bildung in Berlin, von der Senatskanzlei Berlin, im Rahmen der Städtepartnerschaft Berlin – Warschau, von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und von der „Stiftung :do“ aus Hamburg. Die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e.V. unterstützte uns bei der Entwicklung einer Mentoring-Methode. Darüber hinaus arbeiten wir mit vielen anderen Partnern aus allen vier Regionen zusammen.
 
Hast du schon erste Rückmeldungen bekommen, wie das Projekt aufgenommen wird?

Ich bin überrascht, wie positiv es von Institutionen, Organisationen und auch von den Expertinnen selbst, die anderen ihr Wissen vermitteln möchten, aufgenommen wurde. Nach der Ausschreibung für die Teilnahme am Mentoring trafen positive Rückmeldungen auch aus anderen Bundesländern ein; es kamen Anfragen, wann PolMotion denn bei ihnen stattfinden würde. Es stellte sich heraus, dass es in vielen Regionen ein Potenzial an aktiven Polinnen gibt. Aber mal ehrlich: Wo sind wir denn nicht?   
 
Und was ist längerfristig bei PolMotion geplant?

Im Moment hat das Projekt noch Modellcharakter. Ich gebe aber offen zu, dass ich von einer Weiterführung und einer Ausweitung des Projekts auch auf andere Regionen in Deutschland oder andere Gemeinschaften träume. Ich sehe einen enormen Bedarf an solchen Aktivitäten. Allgemein ist zwar die Ansicht verbreitet, Migranten aus EU-Ländern könnten einfach herkommen und benötigten keinerlei Unterstützung. Sie sind mit Sicherheit gut integriert, aber ob sie auch gesellschaftlich und politisch partizipieren, ob sie wissen, wie und wo und in welchem Maße sie partizipieren können – das wage ich zu bezweifeln. 
 
Glaubst du, dass das Projekt PolMotion auch in Polen erfolgreich wäre?

Aber natürlich! Es wäre wunderbar, wenn die Idee und das Mentoring-Projekt sich auch in Polen durchführen lassen würden. Man müsste nur sehen, wie man das Projekt an die polnischen lokalen Gegebenheiten anpassen kann. Jedes Land hat seine eigene Spezifik, seine eigenen Strukturen und Bedingungen. 2019 möchte ich meine Ergebnisse in Polen vorstellen, und dann sehen wir, in welcher Form sich das Projekt dort durchführen ließe.
 
 

Anna Czechowska 

ist als Organisatorin von interkulturellen Projekten und in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Berufserfahrung sammelte sie unter anderem beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk, bei der RAA Brandenburg e.V, bei der Bildungs- und Begegnungsstätte Schloß Trebnitz e.V. und als Referentin in verschiedenen Kultur- und Bildungsinstituten. Von 2015 bis 2017 leitete sie das Interkulturelle Beratungs- und Begegnungszentrums für Frauen und Familien BOX66. Seit 2011 engagiert sie sich als Vorstandsmitglied im Verein agitPolska.
Ihre Leidenschaft gilt der Migrationspolitik; mit dieser Thematik befasst sie sich bei ihrer Arbeit und ihrem Engagement unter anderem als Mitglied des Landesbeirats für Integrations- und Migrationsfragen des Berliner Senats und als Mitglied der Grünen, wo sie unter anderem im Diversity-Rat tätig ist. 

„PolMotion bewegt die Zukunft“

Am 8.6.2018 fand im Roten Rathaus in Berlin eine Konferenz zur Eröffnung des Projekts statt.

Projektpartner: Polki w Berlinie e.V., Kongres Kobiet/ Berlin, Young Polish International Network, Gesellschaft für deutsch-polnische Nachbarschaft - Sąsiedzi e.V., Powerful Women Community/Hamburg, Instytut Spraw Publicznych, Stowarzyszenie Stacja Muranów/Warschau, Stadtverwaltung Warschau, Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e. V. (EAF)
Medienpatronat: Neue deutsche Medienmacher e.V., berlinpopolsku.com und jobchoice.net.
 

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