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Was ist los mit... der neuen Frankfurter Altstadt?
Neue alte Stadt

Die neue Altstadt in Frankfurt am Main
Die neue Altstadt in Frankfurt am Main | Quelle: Pixabay; Foto (Ausschnitt): moritz320; CC0

In Frankfurt am Main wurde neulich die im Krieg zerstörte Altstadt wieder aufgebaut. Diese Entscheidung wird von vielen deutschen Architekten als kitschig und sogar völkisch empfunden. Christoph Bartmann schildert die Argumente in dieser Debatte. 

Was ist der Unterschied zwischen der Warschauer Altstadt und der Altstadt von Frankfurt am Main? Beide wurden, wie man weiß, im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört. Die Warschauer Altstadt wurde gleich nach dem Krieg anhand von alten Plänen wieder aufgebaut und mutet heute so historisch an, dass man fast vergessen könnte, wie neu sie noch immer ist. Die Frankfurter Altstadt dagegen, eine der größten und besterhaltenen Mitteleuropas, wurde, anders als etwa die von München, nicht wieder aufgebaut. Unklar, ob man nicht wollte oder nicht konnte, jedenfalls schwebte deutschen Stadtplanern der Nachkriegszeit ein anderes Ideal vor: das der amerikanischen, „autogerechten“ Stadt. In Städten wie Hannover, Köln, Düsseldorf oder eben Frankfurt kann man sich die Folgen noch heute anschauen. Frankfurt baute nur sein Rathaus, den „Römer“, samt dem umgebenden Römerberg in Teilen wieder auf. Der Rest der Altstadt wurde von neuen Verkehrsschneisen mit typischer Fünfzigerjahre-Bebauung durchzogen. Als wäre das nicht genug, setzte man in den siebziger Jahren noch den superbrutalistischen Komplex des Technischen Rathauses mitten ins Herz der Stadt. Frankfurt, die Königs-, Bürger- und Goethestadt, wurde noch einmal zerstört, kaum weniger gründlich als im Krieg. Weil nichts zu retten schien, baute man sich eine Skyline, mit der Frankfurt nun wirklich wie Deutschlands amerikanischste Stadt aussieht.

Nun aber ist in Frankfurt Unerhörtes passiert. Die Altstadt ist wieder da, und zwar dort, wo sie hingehört, weder echt noch in der originalen Größe, aber immerhin mit 35 Nachbauten alter Häuser, darunter 15 „schöpferischen“, also nicht originalgetreuen Nachbauten. Nach Jahrzehnte langen Diskussionen hatte man sich tatsächlich entschieden, das Technische Rathaus wieder abzureißen und das historische Zentrum neu zu errichten. Erst im Herbst soll alles fertig und bezogen sein, aber man kann sich bereits im Internet die ersten Drohnenflüge über die „Neue Altstadt“ anschauen. Das Ergebnis ist beeindruckend. Zumindest erfreut es jeden, der in alten europäischen Städten das Maß aller städtebaulichen Dinge erkennt. Hätte man über die Neue Altstadt eine Volksabstimmung veranstaltet, sie hätte mit einem überwältigenden Ja-Votum geendet.
 



Aber natürlich gibt es Kritik: „Puppenstube“ oder „Disneyland“ war noch das Harmloseste. Schwerer wiegt die Kritik von Architekten. Stephan Trüby etwa sprach für viele seiner Fachkollegen, als er in der Architekturzeitschrift Arch+ die „Rekonstruktionsarchitektur“ in Deutschland insgesamt angriff. Sie sei ein „Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten“. So viel ist richtig: Ein Frankfurter Lokalpolitiker mit rechtsradikalen Ansichten hatte einst das Projekt mit auf den Weg gebracht. Reicht das aber für einen Generalverdacht gegen historische Stadtrekonstruktion? Tatsächlich hat in den letzten Jahrzehnten die Rekonstruktion in Deutschland Fahrt aufgenommen. Man denkt an die Dresdner Frauenkirche oder das Berliner Stadtschloss. Trüby und die Kollegen, die sich umgehend mit ihm solidarisierten, fordern nun eine „Rekonstruktions-Watch“. Hinter jedem neuen Giebel, jedem Fachwerk könnte ja, so die Befürchtung, ein AfD-Mann stecken. Und schon ist Stadt(bild)politik wieder zum Politikum geworden. Die Architekten um Trüby setzen sich für „den positiven Beitrag moderner und zeitgenössischer Architektur zur Lösung der Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft“ ein. Sicher meinen sie damit etwas anderes als die autogerechte Stadt. Wäre es nicht möglich, die Debatte mit dem Hinweis zu schlichten, dass uns sowohl neue historische Zentren wie auch zeitgenössische Beiträge hochwillkommen sind, wenn sie nur zu mehr Schönheit und Nützlichkeit im Stadtraum führen?

Wäre es nicht möglich, die Debatte mit dem Hinweis zu schlichten, dass uns sowohl neue historische Zentren wie auch zeitgenössische Beiträge hochwillkommen sind, wenn sie nur zu mehr Schönheit und Nützlichkeit im Stadtraum führen?



Aber das ist wohl ein zu simpler Vermittlungsvorschlag. Die Fronten sind verhärtet, nicht nur weil es um das Erbe des Modernismus geht, dem heute die allermeisten Architekten verpflichtet sind. Im Hintergrund lauert, wie immer in Deutschland, ein geschichtspolitischer Konflikt. Die deutschen Städte sind im Krieg verwüstet worden, nachdem Deutschland einen Angriffskrieg gegen die halbe Welt gestartet und verloren hatte. Ist dann vielleicht der historische Wiederaufbau ein falsches politisches Signal, eine revisionistische Geste, ganz im Sinne des AfD-Politikers Gauland, der jüngst Hitlers Herrschaft bloß einen „Vogelschiss“ in tausend Jahren „erfolgreicher deutscher Geschichte“ nannte? Wer das denkt, liegt selber schief. Auch Städte, die durch eigenes Verschulden zerstört wurde, verdienen Heilung, und keineswegs wird mit Gebäuden schon eine verkehrte politische Haltung mit rekonstruiert. Anders als in Warschau, wo das moralische Recht und die moralische Pflicht zum Wiederaufbau unbestritten waren, lösen vergleichbare städtebauliche Taten in Deutschland stets eine gemischte Reaktion aus. Daran ist nichts falsch, man sollte nur daraus nicht die falschen Schlüsse ziehen und Rekonstruktion grundsätzlich verurteilen. Eines steht nämlich jetzt schon fest: Frankfurt sieht dank der Neuen Altstadt deutlich besser aus als vorher.

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