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Agnieszka Drotkiewicz empfiehlt
Ein phantasievolles Lehrbuch

„Das geheime Netzwerk der Natur“ von Peter Wohlleben liest sich wie ein phantasievolles Lehrbuch für Biologie. Es bietet einen Überblick über die Abhängigkeiten innerhalb des Ökosystems, aber auch einfach zeigt, wie man im Einklang mit der Natur leben kann.

Von Agnieszka Drotkiewicz

Buchcover „Das geheime Netzwerk der Natur“ Buchcover „Das geheime Netzwerk der Natur“ | © Ludwig Verlag, Pressematerial Als Kind interessierte ich mich nur mäßig für die Natur. Mehr als die Steilküste in Międzyzdroje oder das Tal der fünf polnischen Seen in der Hohen Tatra bedeutete mir meine Phantasiewelt. Ich dachte mir Geschichten und Abenteuer für meine Helden aus, während Vogelzwitschern und Fliederbüsche mich relativ kalt ließen, ganz zu schweigen von den Filmen mit David Attenborough (die ich heute liebe!). Irgendwann aber änderte sich das, und heute löst die Natur bei mir bisweilen starke Empfindungen aus – beim Anblick eines blühenden Magnolienbaums oder der ersten zarten Blättchen an den Bäumen treten mir manchmal gar die Tränen in die Augen. Staunend betrachte ich diese Lebenskraft, diese „Tapferkeit des Chlorophylls“, von der Max Frisch in seiner Novelle Montauk schrieb. Leider jedoch stelle ich allzu oft nur anhand von Facebook-Fotos fest, dass Japanische Kirsche oder Pfingstrosen blühen. Mit Sicherheit bin ich also nicht die einzige, die am Computer sitzt und sich nach dem Geruch, der Weite, dem Klang der Natur sehnt. Die Natur ist zur „Mode“ geworden, so absurd sich das auch anhören mag. Allerdings neigt man hinter dem Schreibtisch auch zu einer gewissen Idealisierung – aus der Ferne stellt die Natur sich gern so dar wie Marie Antoinettes Idyll in Petit Trianon. Umso wertvoller erscheinen mir daher die Bücher von Peter Wohlleben, in denen er ohne die geringste Trockenheit sein enormes Wissen und seinen reichen Erfahrungsschatz vermittelt. 

Das geheime Netzwerk der Natur liest sich wie ein phantasievolles Lehrbuch für Biologie. Zu gern hätte ich in der Schule aus solch einem Buch gelernt. Die Lektüre ist anspruchsvoll, man braucht Konzentration, um die wechselseitigen Abhängigkeiten innerhalb des Ökosystems zu verstehen, von deren Existenz die meisten von uns keine Ahnung haben – sei es beispielsweise der Zusammenhang zwischen Lachspopulation und Fichtenbestand an der nordamerikanischen Pazifikküste oder seien es die Folgen der Ausrottung der Wölfe im Yellowstone Nationalpark in den 1920er Jahren für den Flusslauf in der gesamten Region. Man muss aufpassen wie ein Detektiv auf heißer Fährte. Dieses Buch verlangt seinem Leser einiges an Anstrengung ab – die ich gerne auf mich nehme, denn ich möchte mehr über die Gesetze der Natur wissen, möchte mich selbst auf ihrer Landkarte einordnen können.

Besonders beeindruckt mich auch die Person des Autors selbst: Wohlleben, der heute Mitte Fünfzig ist, war jahrelang als Förster in den Wäldern von Rheinland-Pfalz tätig, heute bezeichnet er sich eher als Naturschutzaktivist. Vor einigen Jahren erlitt er ein Burnout, zu sehr belasteten ihn das Gefühl der Ohnmacht und die Enttäuschung, die Natur nicht so schützen zu können, wie sie es verdienen würde. Er wollte schon alles hinwerfen und auswandern, überwand jedoch seine Lebenskrise, indem er Bücher zu schreiben begann, in den Medien auftritt und Exkursionen organisiert, bei denen er den Teilnehmern Wissen über die Natur vermittelt und ihnen erklärt, wie man im Einklang mit ihr leben kann. Diese Haltung – trotz einer misslichen Lage den Mut nicht zu verlieren und einfach weiterzumachen – ist für mich eine große Inspiration.
 

Peter Wohlleben, Das Geheime Netzwerk der Natur, Ludwig Buchverlag, München 2017

[Titel der polnischen Ausgabe: Nieznane więzi natury, aus dem Deutschen von Ewa Kochanowska, Verlag Otwarte, Kraków 2017]
 

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