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Agnieszka Drotkiewicz empfiehlt
„Ich will heim“

In ihrem Roman „Heimsuchung“ beschreibt Jenny Erpenbeck, wie in einem Haus am See in der Nähe von Berlin während der knappen 100 Jahre seines Bestehens die Einwohner wechseln und die turbulente detusche Geschichte des 20. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlässt.

Von Agnieszka Drotkiewicz

Buchcover „Heimsuchung“ Buchcover „Heimsuchung“ | © btb Verlag, Pressematerialien Heute Morgen kam ich an einer vollständigen Wohnungseinrichtung vorbei, die jemand als Sperrmüll auf den Gehsteig gestellt hatte. Außer Möbeln und einem aus der Wand gerissenen Waschbecken stapelten sich dort Bücher, Zeitungen, Geschirr. Darunter war auch ein altes Marmeladenglas mit löslichem Cappuccino (das Etikett mit dem Namen des Kaffeepulvers war sorgfältig über das ursprüngliche Etikett geklebt worden, „Erdbeerkonfitüre leicht gesüßt“). Es gab mir einen Stich, wie immer, wenn ich Alltagsgegenstände sehe, die sich selbst überlassen wurden, aus der Obhut derer gerissen, die sie täglich verwendet hatten. Aussortiert und ohne ihr heimatliches Umfeld verkörpern sie Trauer und Verlorenheit. 
 
Von solchen und anderen Erfahrungen handelt Jenny Erpenbecks Buch: von dem Bedürfnis nach Heimeligkeit, Geborgenheit, einem stillen Eckchen für sich. „Wer baut, klebt nun einmal sein Leben an die Erde. Dem Bleiben einen Körper zu geben, ist sein Beruf. Ein Inneres schaffen. Dort, wo nichts ist, immer tiefer aushöhlen. Von außen erscheint das farbige Glas in den Wohnzimmerfenstern, an denen er jetzt vorbeigeht, stumpf und verweigert den Einblick, lebendig wird das Licht erst, wenn man hinter dem Glas sitzt, erst dann wird es eigentlich sichtbar als Licht (…).“ Es ist eine Geschichte über all das, was Dinge und Orte uns erzählen würden, wenn wir sie hören könnten. Jenny Erpenbeck kann sie hören, und sie hört ihnen aufmerksam und achtungsvoll zu, überhört kein Detail. Indem sie die über hundertjährige Geschichte eines (Ende des 20. Jahrhunderts abgerissenen) Hauses mit Garten an einem Brandenburger See niederschreibt, betrachtet sie das Haus aus einer breiteren Perspektive von Schöpfung und Vernichtung. 
 
Die Protagonistinnen dieses Buches sind meinem Empfinden nach die Natur und die Geschichte. Die Natur bietet dem Menschen einen reizvollen Ort: den See, in dem man schwimmen kann, um sich danach auf dem Steg von der Sonne trocknen zu lassen, Kirschen vom eigenen Baum, den Duft des Waldes nach einem Regen – Schönheit und Ruhe, für die es sich zu arbeiten lohnt. Diese Schönheit verlangt Achtung und Pflege, ihr stummer Hüter ist in Heimsuchung der Gärtner. Die Geschichte als zweite Protagonistin erlaubt mehreren Generationen einer Familie, an diesem wunderbaren Ort zu wohnen, um sie dann zum Verlassen dieses Ortes zu zwingen, sie von dort zu vertreiben.
 
Jenny Erpenbeck schreibt in zurückhaltender, jedoch nicht in kühler Manier. In sparsamen Details beschreibt sie die Atmosphäre der Familiensonntage – eine Atmosphäre, an die sich Doris später erinnern wird, ein Mädchen aus einer jüdischen Familie, das bei der Liquidierung des Warschauer Ghettos umkommt. Bildhaft schildert Erpenbeck die festlichen Krebsessen, die die Frau eines Architekten veranstaltet, der das Grundstück gekauft hat, nachdem es der jüdischen Familie genommen wurde. Mit feinem Strich zeichnet sie das Gefühl der Verlorenheit, das eine Umsiedlerin, die in der Nachkriegszeit das Haus als Gast besucht, in einer Welt der fremden kulturellen Codes ergreift – wie soll sie sich verhalten? Das Brötchen durchschneiden? Beim Mittagessen einen Nachschlag nehmen? Erpenbeck dringt zum Kern vor, zu den Emotionen, die sich mit dem Wort „Haus“ verbinden – einem ursprünglichen Bedürfnis nach Sicherheit. „Heim wolle er, nur noch heim, hatte der als Bürgermeister eines kleinen Städtchens im Warthegau eingesetzte deutsche Beamte in sein Tagebuch geschrieben, nachdem ein Kollege ihm berichtet hatte, daß während seines Urlaubs sämtliche Juden aus der Gegend in der Kirche zusammengetrieben, dort drei Tage festgehalten und dann in Gaswagen in den Wald abtransportiert worden waren.“ Jenes Weinen, „Ich will heim“, kann ich hören, als ich Heimsuchung lese. Es ist kein albernes oder kindisches Weinen; es drückt das überwältigende Bedürfnis nach Geborgenheit aus, nach Schutz. Ein Bedürfnis, das vielleicht noch sichtbarer hervortritt im Kontext der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts – angesichts derer der Mensch nur noch eines will: überdauern leben – dem Rauschen der Blätter lauschen, schwimmen, Kirschen essen, sich auf dem Steg von der Sonne trocknen lassen.
 

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