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Ein deutsches Zuhause für polnische Hunde
„Spacerek“ und andere Freuden

Heniuś (links) und Miluś beim Gassigehen vor dem Haus
Heniuś (links) und Miluś beim Gassigehen vor dem Haus | Foto: Agnieszka Wójcińska

Dank einer Volontärin aus dem Warschauer Tierheim „Na Paluchu“ konnten Lucky, Heniuś, Miluś und Fado ein deutsches Zuhause finden. Sie gehören nun zu den von Deutschen adoptierten Hunden, die aus Griechenland, der Türkei, Spanien oder sogar Mauritius kommen und es dort nicht so gut haben. Oft ist es eine Chance auf ein Zuhause und ein eigenes Herrchen auch für Hunde mit Störungen oder tierische Senioren.

Von Agnieszka Wójcińska

Der erste Hund, den Anita aus Polen nach Deutschland holte, trug den Namen Bidul, was so viel wie „armer Teufel“ bedeutet – der Name passte ausgezeichnet zu ihm. Sie konnte damals nicht wissen, dass er ihr so sehr ans Herz wachsen und ihr Leben völlig auf den Kopf stellen würde. An seinem letzten Tag kaufte sie ihm ein Kilo Fleisch (das er ganz aufaß), dann legte sie sich neben ihn auf die Wiese und wartete mit ihm zusammen auf den Tierarzt, der ihn einschläfern sollte. Als er wieder wegfuhr, bat sie den Gärtner, ihr zu helfen, hinter dem Zaun ihres Anwesens einen kleinen Friedhof anzulegen. Dort beerdigte sie den alten Alaskan Malamute unter Steinen und pflanzte eine Rose auf sein Grab. „Bidul war ein Hund, den man einfach lieben musste“, sagt Renate und zeigt mir ein Bild von ihm, das auf ihrem Schrank steht. 

Boxengenossen 

Anita ist schlank und geschmackvoll gekleidet, ihr blondes, schulterlanges Haar ist künstlerisch zerzaust, sie redet viel und lächelt gern. Nach Deutschland kam sie gemeinsam mit ihrem Mann, gleich nach dem Abitur, aus Katowice. Und sie blieb. Im Moment fährt sie mit mir in ihrem dunkelblauen Volkswagen durch Niedersachsen. Wir sind fast an der holländischen Grenze. Zunächst fahren wir auf der Autobahn, dann auf einer kleineren Landstraße zwischen Feldern entlang. Auf einigen von ihnen blüht leuchtend gelb der Raps. An manchen Stellen ragen Häuser zwischen den Feldern hervor, alte Häuser aus rotem Ziegelstein oder Fachwerk. Anita sagt, dass man an der Dicke des Fachwerks den Reichtum des Hausherren erkennen konnte. Die Fassaden sind mit Fenstern besprenkelt, die schlichten Satteldächer reichen fast bis zum Boden. Um die Häuser herum wachsen Fliedersträuche und sattgrün leuchtende Bäume. Wir biegen ab in Richtung Steinfurt, auf eine Nebenstraße, die sich zwischen dichtem Grün entlang windet, und erreichen schließlich das Anwesen. Das Tor öffnet sich automatisch, dahinter erstrecken sich wunderschön gepflegte Rasenflächen und blühende Rhododendren. Hinter dem Hauptgebäude befinden sich ein Teich und ein Swimmingpool, vor dem Eingang parkt ein Campingwagen, und in der offenen Garage steht ein Porsche. Wir fahren links am Hauptgebäude vorbei zu einem kleineren Nebengebäude. Dort lebt Renate gemeinsam mit Heniuś und Miluś. Miluś kommt uns als Erster entgegengelaufen, der schwarze Mischling reicht mir bis an die Knie. Er schaut mich prüfend an und begrüßt Anita, die er gut kennt. Heniuś schlurft ihm gemächlich hinterher und schnauft geräuschvoll – in letzter Zeit hat er Probleme mit dem Herzen. Er ist von ähnlicher Statur wie Miluś und hat hellbraunes, leicht gestreiftes Fell. Ein Hundesenior, der sich mühsam voranschleppt und dessen Schnauze und Pfoten in Ehren ergraut sind. Anita erhielt ihn, als sie im Warschauer Tierheim „Na Paluchu“ nach dem ärmsten Hund fragte, den sie dort hatten. Heniuś war zwölf Jahre alt und hatte sein ganzes Leben im Tierheim verbracht. Sein ganzes Leben. Sicherlich hatte er längst aufgehört, von einem Herrchen zu träumen, und sich mit der Gesellschaft von Miluś begnügt, der mit ihm zusammen in einer Box lebte. Aus diesem Grund bekam Anita den schwarzen Mischling gleich mit dazu. Miluś hält ein wachsames Auge auf Heniuś. Eigentlich sollten die beiden Hunde im Hauptgebäude leben, zusammen mit Anita und Michael, doch sie verstanden sich nicht mit Anitas Husky Nanuk, also landeten sie bei Renate, der Haushälterin des Anwesens.
 
„Heniuś, Miluś, Spacerek!“, ruft Renate die beiden Hunde auf Polnisch zum Spaziergang und erhebt sich mühsam aus ihrem Sessel. Seit einiger Zeit hat sie Probleme mit der Wirbelsäule und geht auf Krücken. Ihr Arbeitgeber Michael, der Besitzer des Anwesens, hat ihr freigegeben. Sie achtet nur noch darauf, dass alles nach dem Rechten geht, um die Einzelheiten kümmert sich jemand anders. Bis zu ihrer Krankheit hatte Renate sauber gemacht, eingekauft und sich selbstverständlich um die Hunde gekümmert, von denen es schon immer viele auf dem Gut gab. Michael, der von Beruf Ingenieur ist und eine Gutachterfirma besitzt, hat sie seit vielen Jahren bei sich aufgenommen. Vielleicht, weil er keine Kinder hat und nach dem Tod seiner Frau allein lebte, oder vielleicht, weil er ein weiches Herz hat. Er hat sie aus Ländern mitgebracht, in denen sie es schlechter haben als in Deutschland. Man begegnet hier wesentlich seltener streunenden Hunden als zum Beispiel in Polen. Die Tiere tragen einen Chip unter der Haut, und jeder, der einen herrenlosen Hund auf der Straße findet, kann ihn zum Tierarzt bringen und den Besitzer ermitteln lassen. Es gibt auch Krankenversicherungen für Hunde, die die oft hohen Kosten für tierärztliche Behandlungen übernehmen.

Michael besaß also Hunde aus der Türkei, Griechenland und Spanien. Diese Tierliebe war es auch, die ihn mit Anita zusammenbrachte. Die beiden hatten sich über eine Datingseite im Internet kennengelernt. Er war Witwer, und auch Anitas zweiter, deutscher Ehemann war an Krebs gestorben (von ihrem ersten, polnischen Ehemann hatte sie sich scheiden lassen, sobald die Kinder erwachsen waren). Michael und Anita wurden ein Paar und wohnten fortan gemeinsam auf Michaels Anwesen. In dieser Zeit hatten sie bis zu sieben Hunde. Sie reisten viel durch die Welt. Aus Mauritius brachten sie Pepe mit, dem jemand Säure über den Kopf geschüttet hatte. Dann fuhren sie 600 Kilometer mit dem Auto nach Breslau, um mit Bidul spazieren zu gehen, denn so lauteten die Auflagen der Stiftung, die ihn vermittelte. Und schließlich noch einmal, um ihn abzuholen und in sein neues Zuhause zu bringen. Bidul war schon alt und dazu noch blind. Er war ängstlich, scheu und reagierte manchmal aggressiv. Doch Anita liebte er vom ersten Moment an – und Anita erwiderte diese Liebe. Sie tat alles, um ihm einen schöneren Lebensabend zu bereiten. Sie zog sogar für eine Zeit aus dem gemeinsamen Schlafzimmer aus und nächtigte im Hundezimmer, damit sie Bidul helfen konnte, wenn er nachts hinausmusste. Daran zerbrach schließlich ihre Beziehung zu Michael. Anita verließ das Anwesen gemeinsam mit Nanuk. Heniuś und Miluś blieben bei Renate.
 
Heniuś (z lewej) i Miluś z Anitą i Renate na spacerze przed domem. Heniuś (z lewej) i Miluś z Anitą i Renate na spacerze przed domem. | Foto: Agnieszka Wójcińska In Renates Wohnung liegen überall Teppiche und Decken herum, damit die Hunde nicht auf dem harten Terrakottaboden liegen müssen. Das Wohnzimmer ist voller Tierfiguren und -bilder – sie stehen und hängen in der Glasvitrine, auf der Kommode und an den Wänden. Man merkt gleich, dass Hunde und Katzen eine wichtige Rolle in Renates Leben spielen. Gegenüber vom Sofa hängt die Fotografie einer weißen Katze mit schwarzen Flecken, die sich genüsslich auf dem Rücken räkelt und aussieht, als würde sie lächeln. Das war Moritz, ihr erstes Haustier. Renate war 35, als sie den kleinen Kater kläglich maunzend auf der Straße fand. Als Nächstes kam Maxi, ebenfalls ein Straßenkater, der als Einziger aus seiner Familie überlebt hatte, und schließlich Gismo und Diffi, zwei Katzengeschwister mit Katzen-Aids. Heniuś und Miluś waren ihre ersten eigenen Hunde. Renate unterhält sich viel mit den beiden, verbringt fast den ganzen Tag mit ihnen, und wenn sie sich abends auf ihr orangefarbenes Sofa setzt, um Fernsehen zu gucken, macht es sich Miluś augenblicklich neben ihr bequem und will gestreichelt werden. Heniuś, dem es bereits schwerfällt, auf das Sofa zu steigen, legt sich daneben. „Die beiden sind meine Familie“, sagt Renate. Sie ist 63 Jahre alt, hat kurze graue Haare und eine untersetzte Figur. Als Kind erlebte sie den tragischen Tod ihrer Mutter und lebte fortan bei ihren Großeltern. Das Schicksal hat es so gewollt, dass sie – obwohl sie einst einen Mann liebte, der sie ebenfalls liebte – heute allein lebt. Sie hat keine Familie gegründet, hat keine Kinder und auch keine Freunde. Jedenfalls keine menschlichen. Denn ihre tierischen Freunde wuseln gerade um uns herum. Sie sagt zwei Dinge über ihre Tiere. Dass du alles für eine Katze tust, und dass ein Hund alles für dich tut. Und auch, dass jedes Tier seinen eigenen Charakter hat – und etwas, wofür man es einfach lieben muss.

„Miluś will zum Beispiel immer die erste Geige spielen und alles unter Kontrolle haben“, erzählt Renate und krault liebevoll den schwarzen Hundekopf. „Heniuś ist ruhiger. Er hat viele Decken auf seinem Schlafplatz, in die er sich gerne einkuschelt. Als er zu mir kam, gab er fast keinen Laut von sich. Und wenn ich heute zum Hauptgebäude gehe, stellt er sich an den Gartenzaun und bellt. Als wolle er sagen: Geh nicht zu weit weg.“

Renate ruft ihre Hunde und geht mit ihnen in den Garten des Anwesens. Früher unternahmen sie lange Spaziergänge durch die Felder, aber heute können sich weder Renate noch Heniuś das erlauben. Sie verstehen einander gut in ihrem Eingeschränktsein, auch wenn Renate dem sich mühsam voranschleppenden Heniuś bisweilen bange Blicke zuwirft. Sie macht sich große Sorgen um ihn. Was wird sein, wenn er einmal nicht mehr da ist?

Gänse mit Namen 

Als Anita Bidul mithilfe der polnischen Stiftung „Adopcje Malamutów“, die Nordischen Hunden dabei hilft, ein neues Zuhause zu finden, adoptierte, lernte sie Małgosia kennen, eine ehrenamtliche Helferin des Tierheims „Na Paluchu“. Sie vereinbarten, dass Anita die obligatorischen Kontrollbesuche bei potenziellen „Adoptivfamilien“ in Deutschland übernehmen würde. Ein solcher Besuch verläuft ungefähr wie ein Vorstellungsgespräch: Anita sieht sich genau an, unter welchen Bedingungen der Hund leben wird, und fragt den zukünftigen Besitzer, wie er mit dem Tier umzugehen gedenkt, wie viel Zeit er aufbringen kann und was er tun wird, falls der Hund irgendwann einmal zu einem Problem werden sollte.

Auch auf Ebay bot Anita Hunde aus Polen an, die nach einem neuen Zuhause suchten. Eine kurze Lebensgeschichte des Hundes und ein paar Fotografien. Schon bald meldeten sich Interessenten. Für manche kam es nicht infrage, ein Tier aus einem polnischen Tierheim zu adoptieren, ohne es vorher gesehen zu haben. Andere störten sich nicht daran. Zum Beispiel Herbert aus Haltern am See.
 
Haltern am See ist eine kleine, zwischen Wäldern und Feldern gelegene Stadt in Nordrhein-Westfalen. Enge Gassen mit niedrigen, in Reih und Glied stehenden Backsteinhäusern. Die Stadt ist ruhig und ein wenig provinziell. 2015 rückte sie plötzlich in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, als sechzehn Schüler des hiesigen Gymnasiums beim Absturz einer Maschine der Fluggesellschaft Germanwings in den französischen Alpen ums Leben kamen. Einer der Piloten hatte beschlossen, auf diese Weise Selbstmord zu begehen.

Lucky pilnuje swoich ludzi - tu z Petrą i Herbertem. Lucky pilnuje swoich ludzi - tu z Petrą i Herbertem. | Foto: Agnieszka Wójcińska Herberts Gehöft, das etwas außerhalb der Stadt liegt, besteht aus mehreren Backsteingebäuden, zwischen denen ein großer Nussbaum wächst. Als Anita ihm damals den Kontrollbesuch abstattete, erzählte er ihr von seiner Gans. Jemand hatte sie Herbert über den Zaun geworfen, und er hatte sie seinem Nachbarn gegeben. Sie sollte geschlachtet und gegessen werden. Doch die Gans ging Herbert einfach nicht aus dem Kopf. Also stand er mitten in der Nacht auf, nahm eine Taschenlampe und holte sie zurück. Er gab ihr den Namen „Weiß nicht woher“. Bis heute läuft die Gans auf dem Hof herum, zusammen mit zwei anderen, die Henri und Henrietta heißen. Außerdem besitzt Herbert Pferde (die  er züchtet, reitet, an Rennen teilnehmen lässt und manchmal vor die Kutsche spannt), Hühner und Kaninchen. Er tötet keines seiner Tiere.
„Ich bin nicht darauf angewiesen, also macht es keinen Sinn, denn ein paar Monate später müsste ich sowieso wieder neue kaufen“, sagt Herbert, der nicht von der Landwirtschaft lebt, sondern im Wasserwerk arbeitet. Sogar als eines seiner Pferde sehr krank wurde, schickte er das Tier nicht zum Schlachter. Denn wie sollte er ihm in die Augen sehen? Pferde spüren genau, was um sie herum geschieht. Also rief er den Tierarzt, und das Pferd verschied friedlich in seinem Stall.

Anita hatte sofort das Gefühl, dass Lucky hier ein ideales Zuhause finden würde. Auch die Tatsache, dass Herberts Mutter Johanna, die ebenfalls auf dem Hof lebte, sich während ihres Besuchs nicht sicher war, ob sie den Hund wirklich wollte, schreckte sie nicht ab. Heute kann Herberts Mutter sich ein Leben ohne Lucky gar nicht mehr vorstellen. Wenn Herbert in der Arbeit ist, leistet der Hund ihr Gesellschaft oder läuft über den Hof und gibt Laut, wenn sich ein Fremder nähert.
 
Herbert und seine Freundin Petra (die beiden lernten sich über ihre gemeinsame Leidenschaft für Pferde kennen), zeigen uns den Hof: das alte Hauptgebäude, den neuen Anbau, die Stallungen aus dem neunzehnten Jahrhundert, das historische Kutschenhaus, die Kaninchenställe und den Teil des Hofs, auf dem die Hühner und Gänse spazieren. Lucky läuft die ganze Zeit um uns herum und wedelt fröhlich mit dem Schwanz. Der Hund platzt fast vor Lebensfreude. Er ist jung, hat halblanges, lohfarbenes Fell, und in seinen Adern fließt zweifellos Schäferhundblut. Lucky macht Jagd auf Ratten, andere Tiere jagt er nicht. Ein typischer Hofhund, der sein Gehöft und die Menschen, die auf ihm leben, hingebungsvoll beschützt. Auch wenn er frei herumläuft. In der Nähe des Tors steht sein Zwinger mit seiner Hundehütte (in Deutschland sind diese Haltungsbedingungen gesetzlich vorgeschrieben, Hunde dürfen auch nicht an der Kette gehalten werden), doch im Grunde zieht er sich dorthin nur zurück, wenn er einen Leckerbissen bekommt, den er ganz in Ruhe verspeisen will. Die übrige Zeit weicht er seinem Herrchen nicht von der Seite, und nachts legt er sich auf seinen Schlafplatz vor der Tür von Herberts Schlafzimmer. Er ist freundlich zu allen, die Nachbarn vergöttern ihn, und wenn Herbert ihn ins Restaurant mitnimmt, richten sich alle Augen auf Lucky.
 
Herbert erzählt, dass er sich bei ihrer ersten Begegnung darüber freute, dass Lucky kleiner war, als er auf den Bildern aussah. Er ließ sich gleich streicheln, und als sie mit dem Auto nach Hause fuhren, verhielt er sich ganz ruhig. Dann erklärt mir Herbert, wie die lokale Kräfteverteilung aussieht: Ganz oben in der Hierarchie steht Heinz, ein schwarzer Kater, der zuerst hier war, und der Herbert wie ein Hund auf Schritt und Tritt folgt, dann kommt Lucky, und dann die drei Gänse. Auch wenn Lucky einer der Gänse, der streitlustigsten von ihnen, de facto den Vortritt lässt. Wenn Herbert von seinen Tieren erzählt, sprudeln die Worte geradezu aus ihm heraus: Dass sein Hahn vor Kurzem mit einem anderen Hahn kämpfte, den jemand auf den Hof gebracht hatte, oder dass eine seiner Stuten ein totes Fohlen zur Welt brachte. Und dass es, seit er klein war, schon immer Hunde auf dem Hof gab, sie hatten sogar eine spezielle Öffnung in der Mauer, durch die sie in den Stall gelangen konnten. Herbert mag Mischlingshunde, weil sie intelligenter sind und weniger krankheitsanfällig als Rassehunde. Auch Luckys Vorgänger war ein Mischling, fünfzehn Jahre hatte er auf dem Hof gelebt. Herbert war untröstlich, als er schließlich eingeschläfert werden musste. Danach wollte er ein Tier aus dem Tierheim aufnehmen, doch das ist in Deutschland gar nicht so einfach.

„Man muss mehr Formulare ausfüllen, als wenn man ein Kind adoptieren will“, lacht er. „Du musst ein entsprechendes Einkommen und entsprechende Wohnbedingungen nachweisen und alle möglichen Voraussetzungen erfüllen.“ Sicherlich ist auch dies ein Grund dafür, dass viele Deutsche, die nicht unbedingt einen reinrassigen Hund möchten, sondern lieber einem Tier helfen wollen, dem es im Leben nicht so gut ging, sich an Organisationen wenden, die Hunde aus Ländern wie der Türkei, Rumänien oder der Ukraine vermitteln. Hunde aus Polen machen dabei nur einen geringen Anteil aus.

Einer dieser Hunde war Lucky (der in Polen noch Seezer hieß). Als Herbert sein Foto im Internet entdeckte, schlug sein Herz augenblicklich schneller. Herbert ist schlank, sonnengebräunt, er hat kurze blonde Haare und trägt Jeans und ein kurzärmeliges Hemd. Er sitzt aufrecht im Sessel, während er uns lächelnd von seinen Tieren berichtet. Hin und wieder stupst Lucky ihn mit der Pfote an. Der Hund neigt den Kopf, als höre er genau zu, was sein Herrchen da so alles erzählt.

Erst später erfahre ich, dass Lucky und Petra Herbert dabei helfen, ein neues Leben aufzubauen. Sein altes endete vor drei Jahren im März, als seine Tochter von einem Schüleraustausch in Spanien nicht zurückkehrte. Sie kam beim Absturz der Germanwings-Maschine ums Leben.

Meine Öhrchen 

Elke hat ein rundes, von grauen Haaren umrahmtes, sanftes Gesicht. Auch ihre Stimme klingt sanft und leise. Das ist ideal für Fado, denn er hat Angst vor ruckartigen Bewegungen, lauten Geräuschen und Männern. Elke ist 74 Jahre alt, sie hatte einen Schlaganfall und stützt sich beim Gehen auf einen Rollator. Ihr Alltag spielt sich innerhalb ihres Zuhauses ab: im Wohnzimmer, in dem wir gerade sitzen, im angrenzenden Esszimmer und auf der großen, verglasten Terrasse, wo drei mit Porzellan gedeckte Tische stehen, als würde Elke jeden Moment Besuch erwarten – ein blasses Nachbild all der Empfänge, die hier einst für die Crème de la Crème aus ganz Europa gegeben wurden. Und natürlich im Schlafzimmer im Obergeschoss, in das Maja Elke jeden Abend bringt. Wenn es so weit ist, folgt Fado den beiden Frauen nach oben, legt sich neben Elkes Bett und hält die ganze Nacht Wache. Morgens bringt Maja ihnen ein Brot mit Butter und Leberwurst (Margarine würde Fado niemals anrühren), mit dem Elke den Hund häppchenweise füttert. Das ist ihr gemeinsames Morgenritual.
Die Innenräume sind mit stilvollen Möbeln, Bildern und Figuren ausgestattet, die Wände mit grünem Stoff bezogen. Das Gebäude im Stil eines alten englischen Herrenhauses wurde in den Fünfzigerjahren von Elkes Eltern, die eine Lederfabrik besaßen, errichtet: Die Küche ist mit wunderschönen azurblauen Fliesen gefliest, das Badezimmer ist mit Blumenmustern verziert, und in der Bibliothek stehen bis zur Decke reichende, verglaste Bücherregale, ein Kamin aus schwarzem Marmor und mehrere Clubsessel.

Obwohl Fado einen riesigen Garten zum Laufen hat, hält er sich lieber den ganzen Tag bei Elke im Haus und auf der Terrasse auf Obwohl Fado einen riesigen Garten zum Laufen hat, hält er sich lieber den ganzen Tag bei Elke im Haus und auf der Terrasse auf | Foto: Agnieszka Wójcińska Ohne Maja, Elkes polnische Haushaltshilfe, wäre Fado nie hierhergelangt. Maja ist schlank und zierlich, etwas über fünfzig Jahre alt und geschmackvoll gekleidet, ihre langen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. In ihrer Stimme klingt Entschiedenheit mit. Maja stammt aus Bytom. Sie hat drei Kinder großgezogen, sich von ihrem Mann scheiden lassen und hat bereits drei Enkel. Seit einigen Jahren hilft sie deutschen Familien bei der Pflege älterer Angehöriger. Mit Elke versteht sie sich ausgesprochen gut, die beiden Frauen fühlen sich wohl miteinander. Maja war es auch, die Elke, als diese den Wunsch nach einem Hund äußerte, dazu überredete, ein Tier aus Polen zu adoptieren, dazu auch noch ein älteres – Elkes Tochter Vera wollte ihrer Mutter schon einen Beagle-Welpen kaufen. So leben sie heute zusammen in dem großen Haus: zwei Frauen und ein Hund.
 
„Wir und Fado bilden eine Einheit“, erklärt Maja. Sie beugt sich liebevoll über die braune Liege, und der alte Mischlingshund leckt ihr das Gesicht. „Ich will gar nichts an ihm verändern, ich nehme ihn so, wie er ist. Er hat einiges durchgemacht. Fado ist ein sehr kluger Hund. Allein schon, wie er uns beobachtet und uns zuhört – als würde er alles verstehen.“
 
Fado war von einer Gruppe Studenten in das Tierheim „Na Paluchu“ gebracht worden. Sie hatten ihn im Warschauer Stadtteil Praga entdeckt: angebunden an einen Schilderpfosten, ausgezehrt, zerschunden und mit zwischen den Beinen eingeklemmtem Schwanz. Der Tierarzt schätzte ihn auf elf Jahre. Wenn man ihn von hinten an der Hüfte oder am Rücken berührte, begann er zu zittern. „Wahrscheinlich wurde er geschlagen“, sagt Maja. Bis heute hat Fado Angst davor, ins Auto zu steigen, er macht einen breiten Bogen darum. Maja überlegt noch immer, wie sie ihn dazu überreden kann. Fado kann frei über das Grundstück laufen, doch er hält sich den ganzen Tag bei Elke im Haus auf. Als fürchte er, die Menschen, bei denen er endlich ein Zuhause gefunden hat, könnten plötzlich verschwinden. Doch er wird von Tag zu Tag mutiger und selbstsicherer.
 
„Meine Öhrchen, so nenne ich ihn“, sagt Elke und reicht Fado einen Leckerbissen, dann streichelt sie seinen Kopf. „Egal, was er für ein Hund wäre, ich würde ihn lieb haben,“ sagt sie und verrät mir, dass sie gerne noch einen weiteren Hund adoptieren würden, sicherlich auch wieder einen älteren Hund und sicherlich auch wieder einen aus Polen. Elke hatte die Kriegsjahre, so wie viele deutsche Kinder damals, in einem Waisenhaus verbracht, doch nachdem sie zu ihren Eltern zurückgekehrt war, gab es in ihrem Haus immer mehrere Hunde, die wie Familienmitglieder behandelt wurden. „Eine Familie ohne Hunde ist keine Familie“, sagt sie.
 
Unser Gespräch wird vom Klingeln des Telefons unterbrochen. Vera, Elkes Tochter, ist Chirurgin in einem Krankenhaus. Sie lebt sechzig Kilometer von hier entfernt. Elke sagt es nicht laut, doch sie würde sie gerne häufiger sehen. Jetzt hellt sich ihr Gesicht auf, doch gleich darauf bekommt es einen traurigen Ausdruck, denn morgen ist Muttertag. Vera sagt, sie könne nicht kommen, sie habe Dienst im Krankenhaus. Elke sieht Fado an, als wolle sie ihm sagen, dass ihr Leben aus Warten besteht. Und dass sie einander sehr ähnlich sind, alt und enttäuscht von der Welt. Gut, dass sie sich gegenseitig haben. Und dass Maja bei ihnen ist. 

In der Warteschleife

Małgosia arbeitet bereits seit drei Jahren ehrenamtlich für das Tierheim „Na Paluchu“. Sie kümmert sich um die Tiere, geht mit ihnen spazieren und gewöhnt sie an die Außenwelt, denn traumatisierte Hunde haben Angst davor, Treppen zu steigen oder sich in ein Auto zu setzen. Außerdem versucht sie, ein neues Zuhause für sie zu finden. Es war Małgosia, die auf Idee kam, polnische Hunde nach Deutschland zu vermitteln. Auch andere polnische Tierheime, zum Beispiel in Ruda Śląska, in Orzechowce bei Przemyśl und in Mielec, bieten inzwischen ähnliche Programme an, oft in Zusammenarbeit mit lokalen Stiftungen in Deutschland.
 
Małgosia hat bereits sieben Hunde nach Deutschland vermittelt. Bei jeder dieser Adoptionen gab es jemanden vor Ort wie Anita, der sich das neue Zuhause genauer ansah, sich mit den potenziellen Besitzern unterhielt, ihnen ein Video von ihrem zukünftigen Hund zeigte und selbst Aufnahmen von dem potenziellen neuen Zuhause machte. Alles, um sicherzustellen, dass die Tiere auch wirklich in gute Hände gelangen. Bisher waren alle Adoptionen ein voller Erfolg.
 
Małgosia ist bereits über vierzig, doch in ihrer Cargo-Hose und ihrem roten Sweatshirt wirkt sie wesentlich jünger. Wir sitzen in einer Warschauer Milchbar in der Nähe der Schule ihrer Tochter – in Kürze muss Małgosia sie vom Französischunterricht abholen und zur Ballettschule bringen. Sie erzählt mir die Lebensgeschichten von Fado, Miluś, Heniuś und Lucky. Und von anderen Hunden, die noch immer im Tierheim auf ein neues Zuhause warten. Zum Beispiel Lungo, ein mittelgroßer, weißer Mischling mit schwarzen Flecken. Er ist fröhlich, verträgt sich gut mit anderen Hunden und ist freundlich zu Kindern und Fremden. Lungo leidet im Tierheim, weil es ihm an Liebe mangelt. Oder die kleine flauschige Florka, die so gerne gestreichelt und geschmust wird. Oder der alte Hugo, der nach dem Tod seines Herrchens von dessen Familie geradewegs ins Tierheim gebracht wurde. Und schließlich den kleinen, ältlichen und blinden Pucuś. Er könnte nach Deutschland kommen, doch ob ihn dort jemand will?

P.S. Bereits nach Fertigstellung dieser Reportage fand Pucuś ein neues Zuhause in Polen.

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