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Eric Schütt im Gespräch
Dorfköniginnen

Die „Dorfköniginnen“ von Eric Schütt sind angezogen, als entstammten sie dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch sie leben hier und heute, und sie tragen ihre traditionellen Bauerntrachten jeden Tag. Der Fotograf ist durch ganz Deutschland gereist, um sie bei ihren alltäglichen Verrichtungen zu treffen. Dabei ist ein geradezu ethnographischer Porträtzyklus entstanden, der die Tür zu einer vergangenen Epoche aufstößt.

 

  • Engel Marie Meier, Christian Holiday garb for church, Schaumburger Land Foto © Eric Schütt
    Engel Marie Meier, Christian Holiday garb for church, Schaumburger Land
  • Anna Pawelczyk, garb for everyday life, Schaumburger Land Foto © Eric Schütt
    Anna Pawelczyk, garb for everyday life, Schaumburger Land
  • Emma Krahl, Sunday garb for church, Protestant Sorb, Area Schleife, Lusatia Foto © Eric Schütt
    Emma Krahl, Sunday garb for church, Protestant Sorb, Area Schleife, Lusatia
  • Luise Ketterer, Sunday garb for church, Area Titisee Neustadt, Schwarzwald Foto © Eric Schütt
    Luise Ketterer, Sunday garb for church, Area Titisee Neustadt, Schwarzwald
Anna Tatarska: Wie ist Ihr Projekt „Dorfköniginnen“/„Village Queens“ entstanden?
 
Eric Schütt: Ich bin von meiner Ausbildung her Historiker und befasse mich mit Kunstgeschichte und Philosophie. Die Vergangenheit hat mich interessiert, solange ich mich erinnern kann. Schon als Kind habe ich meinen Großvater ständig über die Zeit des Zweiten Weltkriegs ausgefragt, und diese Geschichten haben mich nie gelangweilt. Bestimmt habe ich deswegen diesen und keinen anderen Berufsweg eingeschlagen. Im Alltag arbeite ich in einem Museum. Ich leite Exkursionen und Veranstaltungen mit Kindern, auch solche, die mit Kunst überhaupt nichts zu tun haben: Zum Beispiel lernen wir gemeinsam Brot zu backen. Mein Abenteuer mit der Fotografie habe ich 2004 in Berlin begonnen. Ich hatte das Glück, mit Arno Fischer zusammenarbeiten zu können, einem berühmten Fotografen aus Ostdeutschland. Anfangs habe ich das als Wochenendbeschäftigung betrieben, habe mich an freien Tagen weitergebildet, Techniken erlernt, meine Methode perfektioniert. An meinem ersten Fotozyklus habe ich im Rahmen eines Museumsprojekts gearbeitet, und dabei ging es darum, Porträts von Handwerkern anzufertigen, die in aussterbenden Berufen arbeiten. Ich habe Schmiede fotografiert, Korbmacher, die ihre Ware aus Weidenruten geflochten haben und Frauen, die Stroh benutzt haben, um daraus Schuhe anzufertigen. Ich hatte auch ein Diktaphon dabei, mit dem ich die Gespräche mit diesen Menschen aufgezeichnet habe. Im Jahr 2008 habe ich dann bei einem Besuch im Schwarzwald, in Südwestdeutschland, eine ältere Frau getroffen, die als Spinnerin gearbeitet hat. Sie trug eine altmodische Bauerntracht aus der Region, wie man sie, dachte ich, heute nur noch bei Paraden oder auf Jahrmärkten trägt. Aber sie trug diese Tracht jeden Tag. Ich weiß das noch genau, sie sah aus wie eine Erscheinung, ganz anders als alle von mir fotografierten Frauen zuvor. Es war ein bisschen, als hätte mich jemand auf eine Zeitreise geschickt.
 
Sie haben eine Welt entdeckt, von der Sie bis dahin nichts wussten.
 
Durch dieses Treffen ist mir klar geworden, dass es in der heutigen Zeit eine Gruppe von Frauen gibt, in der Mehrheit Witwen, die auf die Neunzig zugehen, die diese Kleidung täglich anlegen oder sie wenigstens als elegante Ausgehtracht in die Kirche tragen. Diese Kleidung enthält eine Art Code, denn ihre Farbe und ihr Schnitt bestimmen den Familienstand, das Alter und auch das Vermögen der Trägerin. Ich habe dann angefangen, detailliertere Informationen zu diesem Thema zu suchen, habe in Büchern und anderen Quellen geblättert, um festzustellen, welche Trachten welche Region repräsentieren und wo man sie im Alltag noch trägt. Dabei hat sich herausgestellt, dass diese Tradition über die Grenzen Deutschlands hinausreicht und auch in Nordostfrankreich, im Elsass, anzutreffen ist. Ich wohne nicht weit von der französischen Grenze, so dass ich auch diesen Raum durchdringen konnte; außerdem den erwähnten Schwarzwald, Hessen in Mitteldeutschland und den deutschen Teil der Lausitz an der Grenze zu Polen. Das ist ein Gebiet mit einer eigenen Sprache, die wie eine Mischung aus Polnisch und Tschechisch klingt, aber auch mit einem völlig anderen Kleidungsstil. Mir ist es gelungen, die Bewohnerinnen all dieser Gegenden zu fotografieren.
 
Warum haben Sie gespürt, dass das gerade ein Projekt für Sie ist? Hat vorher denn niemand Bilder von diesen Frauen gemacht?
 
Es wurden in jüngerer Zeit durchaus Bücher mit Bildern von Trachtenfrauen veröffentlicht. Inhaltlich sind sie interessant, die Fotografie als Porträt steht dort aber nicht im Mittelpunkt. Die Bilder zeigen die Frauen nicht als Individuen. Sie sind methodisch schwach, einfach uninteressant. Eben eine bloße Dokumentation, ohne künstlerischen Wert. Diesen Fotografen ging es um die Trachten, und die Frauen, die sie tragen, haben sie ein bisschen wie Kleiderbügel behandelt. Das wollte ich besser machen. Natürlich waren auch mir die Trachten selbst wichtig, aber sie waren nicht das wichtigste. Ich wollte Fotos machen, die das Außergewöhnliche und die Persönlichkeit der Frauen zeigen, eben echte Porträts! Auch den Raum, in dem sie sich bewegen, ihre Küchen und Wohnzimmer, die manchmal aussahen, als entstammten sie direkt dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Ich wollte zeigen, dass das, was für uns Folklore ist, für sie die Wirklichkeit ist. Ich denke, diesen Anspruch, eine größtmögliche Authentizität zu erreichen,  wurde mir während meines Studiums vor allem von Arno Fischer beigebracht.
 
Warum tragen die Frauen traditionelle Trachten?
 
Die Motivationen dieser Frauen sind sehr unterschiedlich. Einige sagen, dass ihnen dieser Stil einfach gefällt und sie sich in dieser Kleidung am besten fühlen. Andere argumentieren, dass es billiger ist, als die Kleidung mit jeder neuen Mode auszutauschen. Das ökonomische Argument ist dabei insofern wesentlich, als viele der Bäuerinnen eher keine vermögenden Frauen sind. Wieder andere haben sich wegen ihrer Ehemänner so gekleidet: „Ich habe dich in dieser Kleidung geheiratet, und ich will nicht, dass du sie änderst“ – so etwas habe ich oft gehört. Schließlich gab es eine kleine Gruppe, die diese Trachten ausdrücklich deshalb trug, weil sie eine untergehende Tradition aufrechterhalten wollte. Und Damen, die sagten, dass sie für Veränderungen zu alt seien. Nur bei wenigen von ihnen gab es Lebensabschnitte, in denen sie sich anders angezogen haben. Die meisten haben die „altmodische Tracht“ ihr ganzes Leben lang getragen und sind dafür oft, zum Beispiel in den 1960er Jahren, heftig gescholten worden. Man hat sich über sie lustig gemacht und mit dem Finger auf sie gezeigt. Heute sind sie eine Attraktion, die Leute schauen sie an und wollen von ihnen Fotos machen, nicht jede ist darüber begeistert. Die Trachtenfrauen wollen als ganz normale Menschen wahrgenommen werden. Sie mögen diese Kleidung einfach, sie ist total unspektakulär und alltäglich für sie, und niemand zwingt sie dazu, sie zu tragen.
 
Zieht die Wahl einer traditionellen Tracht auch einen Konservatismus in anderen Bereichen nach sich?
 
Nicht unbedingt. Diese Frauen sehen fern, fahren Autos, sind ganz gewöhnliche Menschen. Natürlich gibt es Ultratraditionalistinnen unter ihnen, aber es gab auch Frauen, die davon träumten, in der Stadt zu studieren, aber als sie vor 70 Jahren jung waren, hatten sie diese Möglichkeit einfach nicht. Das waren Bäuerinnen, denen ihre Familie eine weitere Bildung verboten hat, weil „sich irgendjemand um die Kühe kümmern musste“. Diese Gruppe ist ebenso differenziert wie jede andere.
 
War es schwer, sie zur Teilnahme an dem Projekt zu überreden?
 
Wenn es mir gelungen ist, neue potenzielle Teilnehmende zu finden – es gibt ja wirklich nicht viele – wollten sie nicht immer mit mir reden, und einige konnte ich nur sehr schwer dazu bringen, mir ein Foto zu erlauben. Manchmal musste ich sie wirklich sehr bitten. Ich habe für dieses Projekt wohl meinen ganzen persönlichen Charme genutzt, und trotzdem haben mich einige gar nicht in ihr Haus gelassen. Manchmal war das Schüchternheit, Verlegenheit, aber es gab auch welche, die vorher schon fotografiert worden waren und die keine guten Erinnerungen daran hatten. Da hatte jemand ihr Vertrauen missbraucht, sie nicht respektvoll genug behandelt. Ich wusste aber, dass daraus ein wertvoller, künstlerisch ausgearbeiteter, inhaltlich interessanter Bildzyklus zu machen war, und ich habe mich bemüht, den Frauen zu versichern, wie ernst ich meine Aufgabe nehmen würde. Mein Referenzpunkt waren die Arbeiten von August Sander, der in seinem Lebensprojekt Menschen des 20. Jahrhunderts Individuen aus ganz verschiedenen Gesellschaftsschichten porträtiert hat. Aber er war in den 1920er und 1930er Jahren aktiv, viel Zeit ist vergangen, und seitdem ist kaum jemand einer solchen Aufgabe mit gutem Erfolg nachgegangen. Ich wollte darauf irgendwie zurückkommen. Sander war in gewisser Weise ein Ethnograph, und ich habe mich selbst bisher so nicht gesehen. Aber es ist wohl etwas daran.
 
Wie haben Sie den richtigen visuellen Schlüssel für dieses Projekt ausgewählt?

Ich habe mich für Bilder in einem puristischen Stil entschieden. Ohne Blitz. Ich wusste, dass ich sie in ihren Häusern fotografieren wollte, in ihren Küchen, Wohnzimmern, Gärten. Ich wollte mit dem verfügbaren, natürlichen Licht arbeiten und nichts auf Teufel komm raus inszenieren. Die Umgebung musste ruhig sein, damit sie von den porträtierten Frauen nicht ablenkte. Oft haben wir einen Platz am Fenster gewählt, wo das Licht wie von selbst ihre Gesichter finden konnte. Die Bilder aus dem Zyklus sind auch mit einem analogen Apparat geschossen. Mir ist es lieber, ein Negativ zu haben, zu wissen, dass es etwas physisch Existierendes gibt und nicht bloß Daten in einem Ordner. Ich denke, dass analoge Bilder eine unnachahmliche Atmosphäre haben und überhaupt besser sind. Seit einigen Jahren habe ich auch einen sehr ordentlichen Digitalapparat, aber trotzdem sind die Bilder, die ich damit mache, atmosphärisch nicht so außergewöhnlich gut wie die, die auf die Platte gebracht sind. Sie wirken gewöhnlich, wie eine Million anderer Bilder. Einfach und perfekt. Aber ich möchte, dass meine Bilder außergewöhnlich sind. Außerdem mag ich das quadratische Format mit sechs mal sechs Zentimetern am meisten, die ich mit meiner Pentacon 6 mache. Das ist ein älteres, noch in der DDR hergestelltes Modell. Ich wähle einen Film mit besonderer Lichtempfindlichkeit, einen Achthunderter oder so etwas, und ein klassisches Objektiv. Zum Weitwinkel greife ich nur selten. Aber ich denke, der technische Aspekt meiner Arbeit ist nicht so wichtig wie das, was ich vor dem Objektiv habe.
 
Was denken Sie, welchen Mehrwert hat Ihr Projekt über die Präsentation konkreter Bräuche und Frauen hinaus?

 
Wir leben in Zeiten, in denen sich alle langsam einander angleichen. Ich denke, es lohnt sich, daran zu erinnern, dass es einmal anders war. Die „Village Queens“ sind ein wenig eine Reflexion über die Natur der Zeit, über Wechselwirkungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die meisten dieser Bäuerinnen leben in alten Häusern. In Deutschland werden alte Häuser oft nur in den Städten erhalten. Wir konzentrieren uns auf die großen städtischen Zentren, während die alten Häuser in den Dörfern leerstehen, langsam verfallen und verschwinden. Ich habe diese Erfahrung gemacht, als ich die Provinz bereist habe. Die von mir porträtierten Frauen sind für mich die letzten Bindeglieder zu einer Wirklichkeit, die allmählich verschwindet. Ich freue mich, dass ich ihre Welt dokumentieren konnte, während sie noch existierte.

 

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