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Agnieszka Drotkiewicz empfiehlt
Ratgeber für schlechte Zeiten

Brillant beschriebene Spaziergänge durch das nächtliche Paris der Zwischenkriegszeit – so sieht die Szenerie von „Arc de Triopmhe“ von Erich Maria Remarque aus. Ein wichtiges Thema dieses Romans ist aber auch eine nach wie vor aktuelle Frage: die Situation von Flüchtlingen. Über „Arc de Triomphe“ und die mehrjährige Geschichte ihrer Faszination für dieses Buch schreibt Agnieszka Drotkiewicz.

Arc de Triomphe - Buchcover © Dom Wydawniczy REBIS, Pressematerialien Ich kann mich noch gut an mein Exemplar von Erich Maria Remarques Arc de Triomphe erinnern. Das Buch war beim Verlag Czytelnik erschienen, in der von mir geliebten Reihe „Nike“. Ich konnte mich kaum losreißen von der Liebesgeschichte zwischen der Sängerin Joan Madou und dem deutschen Chirurgen Ravic, die in Paris und an der Côte d’Azur kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spielt. Ich nutzte jeden Moment, um weiterzulesen: in der Schule unter der Bank, in der Straßenbahn und im strömenden Regen – halbwegs geschützt unter dem Dach einer Bushaltestelle. Ich schrieb ganze Hefte mit Zitaten voll: „Verloren …, dachte er. Wie schnell sie das sagt! Wer wirklich verloren ist, spricht nicht mehr.“ Der nächtliche Besuch Doktor Ravics im Louvre und die Worte: „Sentimentalität, dachte Ravic. Die Göttin des Sieges und der Refugié Schmetterling. Billiges Symbol. Aber was rührte anders als die billigen Dinge, die billigen Symbole, die billigen Gefühle, die billige Sentimentalität? Was hatte sie denn so billig gemacht? Ihre überdeutliche Wahrheit? Der Snobismus verflog, wenn es einem an die Kehle ging.“ dienten mir als Argument in meiner Abiturarbeit, für die ich eine Eins bekam. Ich war fasziniert von dem Männertyp, der sich in der Figur des Chirurgen Ravic ausdrückte – geistreich, mutig, rational und gleichzeitig völlig irrational, jedoch durch und durch romantisch – und von der Szenerie des Romans – die endlosen Spaziergänge durch das nächtliche Paris, in dem es ständig regnete, und der Genuss von Calvados als Heilmittel gegen alle Widrigkeiten des Lebens.
 
Wenn ich das Buch heute erneut lese, erkenne ich all das wieder, was mich bereits damals faszinierte. Die brillante Konstruktion des Romans, seine epische Wucht und zugleich seine erzählerische Leichtigkeit. Und auch sein zentrales Thema, das heute, im Jahr 2018, von geradezu erschütternder Aktualität ist: die Situation von Flüchtlingen. Auch Erich Maria Remarque war aus Deutschland geflohen (seine Schwester wurde 1943 von der Gestapo ermordet, weil sie Remarques Schwester war), ebenso wie Marlene Dietrich (mit der Remarque eine Affäre hatte und der die Figur der Joan Madou nachempfunden ist). Auch Doktor Ravic ist ein Geflohener: Ein überzeugter Antifaschist, der die Brutalität des nationalsozialistischen Regimes am eigenen Leib erfahren hat und dessen Verlobte Sybil von der Gestapo ermordet wurde. Ravic lebt illegal in Paris, er hat keine Dokumente und wohnt im Hotel „International“, das es – dank der guten Verbindungen der Wirtin – mit der polizeilichen Anmeldung nicht ganz so genau nimmt. Im „International“ leben Menschen, denen nichts mehr geblieben ist, und Menschen, die etwas von ihrem Besitz haben retten können (ein Zimmernachbar besitzt Bilder von Van Gogh und Monet, mit deren Verkauf er sich eine Überfahrt auf der Normandie, der Rettungsarche der Flüchtenden, finanzieren will). Ravic ist ein hervorragender Chirurg – er verdient sich seinen Lebensunterhalt, indem er Operationen für bekannte Pariser Ärzte durchführt, die weniger qualifiziert sind als er. Er arbeitet schwarz und erhält nur einen geringen Anteil an den dicken Honoraren der Ärzte, für die er die Operationen durchführt.
 
„Lebe gefährlich, sagte Nietzsche. Die Emigranten tun es – wider Willen“, sagt Ravic. Die Situation von Flüchtlingen wird im Roman sehr eindringlich beschrieben. Ist es von Bedeutung, dass der Roman von Flüchtlingen aus Deutschland handelt (also einem Land, das heute selbst so viele Flüchtlinge bei sich aufnimmt)? Oder geht es allgemein um das Leben in der Emigration? Remarque beschreibt sowohl die Lebensumstände und die Überlebensstrategien der Flüchtlinge als auch die emotionalen Folgen, die sich aus ihrer Situation ergeben. „Aber so, angezogen für niemand und nichts, aus einer Gewohnheit heraus, die jetzt nichts mehr bedeutete, hatte sie etwas, daß Ravic einen Schlag aufs Herz gab. Er kannte das – er hatte Hunderte von Menschen so sitzen sehen, Emigranten, verschlagen in fremdeste Fremde. Eine kleine Insel ungewissen Daseins – so saßen sie da und wußten nicht wohin – und nur die Gewohnheit erhielt sie am Leben.“ Das Leben in der Emigration verleiht, so Remarque, auch der Liebe eine neue Dimension. Eben dies macht die Liebesgeschichte zwischen Ravic und Joan so ergreifend: „Nach Hause – was für ein anderes Zuhause gab es für den, der nirgendwohin gehörte, als das stürmische im Herzen eines andern für eine kurze Zeit? War das nicht der Grund, daß die Liebe, wenn sie in das Herz der Heimatlosen einschlug, sie so schüttelte und sie so ganz besaß – weil sie nichts anderes hatten? […] Es war schwerer, sich auf dem schlüpfrigen Eis der Fremde wieder aufzurichten als auf der vertrauten Erde des Gewohnten.“
 
Es ist, als erwecke die Nähe des Todes den Wunsch zu leben. Der Roman sprüht vor Enthusiasmus. Für Paris, seine Schönheit, seine Lebendigkeit, seine Energie. Für den Geschmack von Speisen und alkoholischen Getränken, für die Lichter der Riviera, für die Freundschaft und die Liebe und auch für die kleinen Gesten, die Menschen einander erweisen. Zuweilen nimmt dieser Lebenstrieb jedoch auch beunruhigende Formen an (wie der besondere Andrang im Bordell Osiris, den die Aufseherin Madame Rolande unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges beobachtet ...).
 
 „[...] aber in schwierigen Situationen ist das Primitive das beste. Verfeinerung ist etwas für ruhige Zeiten“, sagt Ravic zu Joan, während er ihr Kognak in ein Wasserglas einschenkt. Arc de Triomphe ist auch so etwas wie ein Ratgeber für schlechte Zeiten. Ravic – immerhin ein Arzt – erklärt an einer Stelle: „Es war besser, zu treiben, als Kraft zu verschwenden, sie war das einzige, was unersetzbar war. Überstehen war alles, bis irgendwo wieder ein Ziel sichtbar wurde. Je weniger Kraft man azu anwandte, um so besser; man hatte sie dann nachher. […] Eine Lawine war nicht aufzuhalten, wenn sie im Rollen war – wer es versuchte, kam darunter. Besser abzuwarten und später die Verschütteten auszugraben. Wenn viel marschiert wurde, mußte man leichtes Gepäck haben. Auf der Flucht auch …“
 
Arc de Triomphe ist ein Buch, das den Leser durch seine Schönheit bezaubert und ihn ganz in seine Welt hineinzieht – ihm jedoch gleichzeitig bewusst macht, dass diese Welt inzwischen nicht mehr existiert. Doch obwohl die Wirklichkeit um uns herum heute eine andere ist, können wir – so paradox es auch klingen mag – viel von Remarque über unsere heutige Zeit lernen.
 

Quelle der Zitate: Remarque E. M.: Arc de Triomphe, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1988
 

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