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Deutschland auf Polnisch
Die Frau entscheidet

Beratung
© Colourbox

Katarzyna Brejwo im Gespräch mit Zuzanna, Sozialarbeiterin in einer Berliner Schwangerenberatungsstelle.

Sie beraten Frauen, die über eine Abtreibung nachdenken.
 
Das ist ein Teil meiner Arbeit. Seit 16 Jahren bin ich als Sozialarbeiterin tätig, erst in einer Beratungsstelle für schwangere Frauen in einer Kleinstadt in Brandenburg, jetzt in Berlin. Zu mir kommen sowohl Frauen, die schwanger sind und Beratung oder Unterstützung benötigen, wie zum Beispiel finanzielle Unterstützung, Unterhalt, die nach einer Hebamme suchen oder medizinische Versorgung in der Schwangerschaft benötigen, als auch Frauen, die abtreiben möchten und das verpflichtende Beratungsgespräch durchführen müssen. Aber bevor ich Ihnen von diesen Gesprächen erzähle, ist es wichtig zu wissen, wie die Rechtslage aussieht.
 
Das Strafgesetzbuch besagt, dass Abtreibung in Deutschland verboten ist.
 
Das steht in den Paragraphen 218 und 219 des StGB. Es gibt allerdings drei Ausnahmen. Die erste ist die medizinische Indikation, also wenn das Leben der Mutter bedroht ist oder eine schwere Schädigung des Embryos vorliegt. Die zweite Ausnahme tritt ein, wenn die Schwangerschaft das Ergebnis einer Straftat ist. Und die dritte ist die sogenannte Beratungsregelung – die in der Praxis bedeutet, dass die Frau bis zur 12. Schwangerschaftswoche einen Abbruch vornehmen lassen kann, wenn sie vorher ein Beratungsgespräch mit einem Psychologen oder Sozialarbeiter führt. Eine zusätzliche Bedingung ist, dass zwischen diesem Gespräch und dem Abbruch drei volle Tage liegen müssen – in denen die Frau Zeit hat, ihre Entscheidung zu überdenken.

„Ich gebe es mir nicht heraus, über andere zu urteilen“ 

Wie geht ein solches Gespräch vonstatten?
 
Es soll eine Entscheidungshilfe für die Frauen sein, die zu uns kommen. Wir sagen ihnen nicht, was sie tun oder lassen sollen, sondern geben, nach der gültigen Rechtslage, Informationen, die ihnen helfen können, sich doch für das Kind zu entscheiden – zum Beispiel nennen wir ihnen Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung oder Beihilfen, die sie vom Staat erhalten können. Das ist der erste Teil des Gesprächs. Im zweiten Teil sprechen wir über die möglichen Methoden einer Abtreibung – wo man den Abbruch vornehmen lassen kann, welche Formalitäten zu erfüllen sind. Oft steht die Entscheidung der Patientinnen schon fest und sie brauchen bloß die Beratungsbestätigung, doch es kommen auch Frauen, die sich in einem Konflikt befinden.
 
Das heißt?
 
Dass sie nicht wissen, ob sie sich für oder gegen das Kind entscheiden sollen.
 
Und diese Frauen erwarten dann Hilfe von Ihnen?
 
Meine Hilfe besteht darin, dass ich der Frau Instrumente an die Hand gebe, damit sie selbst die Entscheidung treffen kann.
 
Das muss schwierig sein.
 
Wir probieren verschiedene Methoden aus, zum Beispiel eine Pro-und-Contra-Liste: Was spricht dafür, die Schwangerschaft zu beenden? Und was spricht dafür, das Kind auszutragen? Manchmal hilft der Blick in die Zukunft; dann bitte ich die Frau, sich selbst in fünf Jahren nach erfolgtem Abbruch vorzustellen. Wie fühlt sie sich dann? Und danach die umgekehrte Situation: Sie hat das Kind behalten, wie sieht sie sich und ihr Leben in fünf Jahren? Wie geht es ihr mit dieser Entscheidung?

Eine andere Methode bei der Beratung sind die sogenannten systemischen Fragen. Dabei frage ich die Frau, was ihre Mutter zu ihrer Situation sagen würde, ihre Freunde, ihre Familie? Was denkt sie darüber, welche Rolle spielt das ihrer Meinung nach für sie? Ist das wirklich so wichtig? Das Ziel ist es, dass die Frau so gut wie möglich herausfindet, was sie selbst wirklich will.

Sie muss wissen, ob sie dieser Aufgabe gewachsen ist – schließlich geht es nicht nur um die Geburt des Kindes, sondern auch darum, es die nächsten 20 Jahre lang großzuziehen, darum, dass das ganze Leben sich verändert.  
 
Sie selbst haben zwei Kinder.
 
Trotzdem nehme ich es mir nicht heraus, über andere zu urteilen. Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht immer die Frau, sie hat das Recht zu entscheiden. Und Sie können mir glauben – die Entscheidung über eine Abtreibung ist für die meisten Frauen nicht einfach. Viele Überlegungen, Gespräche mit dem Partner, den Menschen, die der Frau nahestehen und den Ärzten gehen ihr voraus. In meiner 16-jährigen Praxis ist es praktisch nicht vorgekommen, dass eine Frau diese Entscheidung mit leichter Hand, nebenbei getroffen hätte.  
 
Und wenn ein Sozialarbeiter katholisch ist und gegen das Recht zur Abtreibung? Ich könnte mir vorstellen, dass er dann versuchen würde, die Frau zum Austragen des Kindes zu überreden.
 
Nicht jeder Psychologe oder Sozialarbeiter darf solche Beratungsgespräche durchführen. Man muss eine spezielle zweiwöchige Schulung durchlaufen, über geltende Rechtsvorschriften, medizinische Aspekten einer Abtreibung, aber auch über Methoden der Gesprächsführung. Jede Beratungsstelle, die Schwangerschaftskonfliktberatung anbietet und Beratungsbescheinigung ausstellt, benötigt eine staatliche Anerkennung. In Berlin gibt es über sechzig Beratungsstellen für Schwangere – manche sind ein Teil der Berliner Verwaltung, andere in freier Trägerschaft; auch katholische und evangelische Stellen sind darunter. 
 
Die Beratungsstelle der Caritas besitzt keine Lizenz?
 
Nein. Sie kann zwar ungewollt schwangere Frauen beraten, aber keine Bescheinigungen ausstellen.

Die Erfahrung gemeinsam durchstehen

Und nun zu den Frauen, die bei Ihnen vorstellig werden.
 
Das sind ganz unterschiedliche Fälle. Es kommen Frauen, die wahrscheinlich alleinerziehend sein werden – der Partner hat sie verlassen, als er von der Schwangerschaft erfuhr, und nun fürchten sie, allein nicht zurechtzukommen. Es kommen verheiratete Frauen zwischen 30 und 40, die schon zwei oder drei Kinder haben und keinen Familienzuwachs mehr planten, oder Frauen, die studieren oder eine Ausbildung machen. Manchmal kommen Paare, die uneins sind – ein Partner will das Kind behalten, der oder die andere nicht. Wir helfen ihnen, die Entscheidung so zu treffen, dass es die Beziehung nicht belastet, dass sie diese Erfahrung gemeinsam durchstehen können. Das sind sehr persönliche, schwierige Gespräche. Manchmal spüre ich, dass ich als Sozialarbeiterin an die Grenzen meiner Möglichkeiten stoße; dann empfehle ich ein Gespräch mit den Psychologinnen unserer Beratungsstelle.
 
Teenager?
 
Kaum. Vielleicht, weil unsere Beratungsstelle in einem Stadtteil liegt, in dem nicht viele Menschen mit niedrigem sozialem Status wohnen; in ärmeren Regionen kann die Situation anders sein. Dazu müssen Sie aber wissen, dass in ganz Deutschland Verhütungsmittel für Jugendliche und junge Erwachsene unter 20 Jahren kostenlos sind, in Berlin außerdem für alle Menschen mit niedrigem Einkommen, egal welchen Alters. 
 
Angenommen, ich sei eine schwangere junge Frau ohne Partner. Mit welchen Unterstützungen kann ich rechnen, wenn ich mich entscheide, das Kind zu bekommen?
 
Das hängt natürlich von der konkreten Situation ab. Wenn Sie zum Beispiel Studentin sind, ein Stipendium vom Staat bekommen und Ihr Studium ein Jahr aussetzen müssen, zahlt Ihnen das Jobcenter eine Unterstützung. Sie bekommen auch einen Zuschuss zur Miete und Ähnliches. Wenn der Vater des Kindes keinen Unterhalt zahlen kann, wird dieser vom Jugendamt übernommen. Dazu kommt das sogenannte Elterngeld in Höhe von ca. 300 Euro monatlich, das ein Jahr lang bezogen werden kann. Das Kindergeld wird gezahlt, bis das Kind eine Ausbildung abgeschlossen hat, längstens aber bis zum 25. Lebensjahr – beim ersten Kind sind das 194 Euro im Monat. Außerdem steht Ihnen vom Amt eine einmalige Unterstützung für Schwangerschaftskleidung und die Babyausstattung zu – 746 Euro. Bei uns kann auch ein Antrag bei einer Stiftung gestellt werden, die notwendige Anschaffungen für die Babyausstattung finanziert – das geht von 300 bis 1500 Euro, je nachdem, wie schwierig ihre Situation ist.
 
Und wenn ich keine Wohnung habe?
 
Dann können Sie sich um eine Sozialwohnung bewerben, bei der die Miete um einiges geringer ist. Leider ist die Wohnungssituation in Berlin zunehmend schwierig, es mangelt an solchen Wohnungen. Wir unterstützen die Frauen natürlich bei der Wohnungssuche, wir verweisen sie an Genossenschaften, wo man um eine Wohnung anfragen kann, und wir helfen beim Ausfüllen der Anträge. 
 
Ein anderer Fall: Ich bin Immigrantin, arbeitslos und besitze keine Krankenversicherung.
 
Dann werden wir Sie unterstützen, eine Krankenversicherung zu bekommen. Sollte das nicht möglich sein, haben Sie bei uns in der Beratungsstelle die ganzen neun Monate hindurch die Möglichkeit zur kostenlosen ärztlichen Betreuung. Das größte Problem sind die Kosten für die Geburt, die sehr hoch sind. In Berlin gibt es einen speziellen Fonds für Frauen aus EU-Ländern, der die Kosten übernehmen kann. 

Umfassende Unterstützung 

In Polen trifft man in der Beratungsstelle für Schwangere einen Arzt und eine Hebamme. Dort kann man eine Ultraschalluntersuchung machen lassen, doch Informationen über finanzielle Beihilfen oder psychologische Beratung muss man sich an anderer Stelle holen. 
 
In Deutschland ist beides miteinander verbunden. Die Stelle, bei der ich arbeite, ist ein Zusammenschluss von Spezialisten verschiedener Berufe. Wir haben Gynäkologinnen, eine Hebamme, Krankenschwestern, zwei Psychologinnen und vier Sozialarbeiterinnen. Alles ist so organisiert, dass wir der Schwangeren eine umfassende Unterstützung anbieten können. Wir beraten auch in Verhütungsfragen, klären auf. Meine Kollegin arbeitet mit Erwachsenen, zusammen mit einer unserer Gynäkologinnen besucht sie Flüchtlingsheime und informiert die Menschen dort – über Frauengesundheit, Schwangerschaftsverhütung, über alles, was wir in der Beratungsstelle tun. Ich arbeite mit Jugendlichen, gebe Sexualkundeunterricht in Schulen.
Die Beratungsgespräche zum Schwangerschaftsabbruch sind nur ein Teil unserer Tätigkeit.
 
Wie groß ist dieser Teil?
 
Manchmal habe ich zwei solcher Gespräche in einer Woche, manchmal zehn. In Berlin treiben 10.000 Frauen jährlich ab, in ganz Deutschland 100.000. Auch Polinnen kommen zu uns, die extra für den Schwangerschaftsabbruch nach Deutschland fahren – aber von meinen Kolleginnen aus den Grenzregionen weiß ich, dass es dort viel mehr sind. 
 
Das Beratungsgespräch ist beendet – und nun?
 
Nun stelle ich eine Bescheinigung aus, dass die Frau bei der Pflichtberatung gewesen ist. Wenn sie die Schwangerschaft abbrechen möchte, kann sie das erst drei Tage später vornehmen lassen – das ist eine zusätzliche Zeitspanne, in der sie ihre Entscheidung genau überdenken kann. Wenn also das Beratungsgespräch am 15. September war, dann kann der Abbruch frühestens am 19. stattfinden. Den Eingriff kann man im Krankenhaus oder in einer gynäkologischen Praxis durchführen lassen.  
 
Kostenlos?
 
Erstattet werden nur Schwangerschaftsabbrüche mit medizinischer Indikation oder wenn die Schwangerschaft das Ergebnis einer Vergewaltigung ist; in allen anderen Fällen muss die Frau selbst zahlen. Wenn ihr Einkommen aber zu niedrig ist, kann sie bei der Krankenkasse einen Antrag auf Kostenübernahme stellen.
 
Kommt es denn vor, dass eine Frau, die eigentlich abtreiben wollte, nach dem Gespräch mit Ihnen ihre Meinung ändert?
 
Manchmal habe ich schon Frauen, mit denen ich gesprochen hatte, in unserer Beratungsstelle wiedergetroffen, die zur Schwangerenberatung kamen. Mit den meisten habe ich aber danach keinen Kontakt. Während unseres Gesprächs müssen die Frauen ja auch gar keine Entscheidung treffen, deswegen weiß ich in den meisten Fällen nicht, wie diese Entscheidung ausfällt.
 
Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
 
Nach der Matura wusste ich nicht recht, was ich studieren sollte. 1988 zog ich von Danzig nach Deutschland, da war ich 19. Meine Familie ist deutscher Abstammung, deswegen konnte ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Als ich sie dann bekam, schickte man mich in Hannover zu einem Deutsch-Intensivkurs. 
 
Davor sprachen Sie kein Deutsch?
 
Gar nicht. Doch der Kurs ging acht Monate lang, täglich sechs bis acht Stunden, danach sprach ich schon einigermaßen fließend. Dann musste ich noch das deutsche Abitur machen, die polnische Matura wurde damals nicht anerkannt. Ich zog nach Göttingen, wo es für Menschen wie mich ein einjähriges Vorbereitungsprogramm für das Abitur gab.

Matura bzw. Abitur machte ich also zweimal, doch dadurch hatte ich etwas mehr Zeit, mir zu überlegen, was ich mit meinem Leben machen wollte. Zum Glück kümmert man sich in Deutschland recht intensiv um die jungen Menschen, um ihnen bei dieser Entscheidung zu helfen. Die Arbeitsämter bieten Beratungen in den Schulen an. Deutschland ist ein geordnetes Land, und so lagen in jedem Arbeitsamt auch zwei dicke Bücher mit verschiedenen Berufsbeschreibungen aus. Ich arbeitete sie durch, und dabei kam heraus, dass Sozialarbeiterin etwas für mich wäre: Im Gespräch mit Menschen sein und in Bewegung bleiben.
 
Und wie lief das Studium ab?
 
Ich studierte an einer Fachhochschule Sozialarbeit. Wir hatten sieben Unterrichtssemester und ein praktisches Jahr. Nicht alle Fächer machten mir Spaß, doch mein Praktikum umso mehr; ich absolvierte es in einer Klinik in Göttingen wo ich mit Krebskranken arbeitete. Es war sehr lehrreich und herausfordernd, und ich wäre gerne in diesem Bereich geblieben, doch dann zogen wir um, meine Kinder wurden geboren... Damals kam ich auf den Gedanken, dass eine Arbeit im Bereich der Schwangerenberatung sicherlich interessant wäre. Und ich habe mich nicht geirrt. Das ist eine Arbeit, in der ich mich voll und ganz wiederfinde.

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