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Internationaler Koproduktionsfonds
Zuschüsse für Stücke

Fotos der aus dem Internationalen Koproduktionsfond des Goethe-Instituts geförderten Theaterproduktionen
Fotos der aus dem Internationalen Koproduktionsfond des Goethe-Instituts geförderten Theaterproduktionen |

Wie kann man einen Zuschuss für deutsch-polnische Theaterproduktionen bekommen? Mit welchen Themen befassen sich deutsch-polnische Stücke? In diesem Jahr bereiten gleich zwei polnische Theater Aufführungen mit Unterstützung aus dem Internationalen Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts vor, nämlich das Breslauer Polnische Theater im Untergrund und das Krakauer Neue Theater. Tomasz Kireńczuk und Piotr Rudzki erzählen, wie die internationale Zusammenarbeit anfing und wie die Arbeit an der Koproduktion läuft.

Von Magda Piekarska

Der Fonds existiert seit drei Jahren, und mit ihm sind schon über 60 Neuproduktionen in den Bereichen Theater, Tanz und Musik entstanden, unter anderem in Litauen, Chile und Burkina Faso. Und doch muss dieses Jahr aus unserer Perspektive wie ein Durchbruch erscheinen: Nach 2016, als die in Polen und Deutschland lebende Agnieszka Krzemińska gemeinsam mit dem Kenianer Daniel Mburu Muhuni und dem Deutschen Sven Kacirek ihr musikalisches Dokumentationsprojekt durchgeführt hat, kehren jetzt polnische Künstler ins Spiel zurück. Und sie sprengen die Bank: In diesem Jahr bereiten gleich zwei Gruppen Theateraufführungen mit Unterstützung des Goethe-Instituts vor: das Breslauer Polnische Theater im Untergrund (Teatr Polski w Podziemiu) und das Krakauer Neue Theater (Teatr Nowy).
 
Während das Polnische Theater im Untergrund erst im Januar 2017 als Antwort auf die Krise am Polnischen Theater in Breslau ins Leben gerufen wurde, aus dem auch die Mehrheit des Ensembles stammt, und das Abenteuer einer internationalen Koproduktion mit seinen „Arbeitenden Frauen“ erst beginnt, kann sich das Krakauer Neue Theater mit seinem Projekt schon auf langjährige Erfahrung stützen.

Vertrauensvorschuss – das Neue Theater und Kainkollektiv

„Wir kennen Mirjam Schmuck und Fabian Lettow von Kainkollektiv, mit denen wir für ‘Das goldene Zeitalter der Extreme’ zusammenarbeiten, seit Jahren”, sagt Tomasz Kireńczuk, der Programmdirektor des Neuen Theaters. „Unsere erste Koproduktion ist vor acht Jahren entstanden; wir können also heute von einem gegenseitigen Vertrauen und Verstehen sprechen, und zwar sowohl auf der Ebene der Ideen, als auch auf der ganz grundlegenden Ebene, wo es um die Funktionen und Aufgaben geht, die vor unseren Ensembles stehen.
 
Tomasz Kireńczuk, Programmleiter am Neuen Theater in Krakau Tomasz Kireńczuk, Programmleiter am Neuen Theater in Krakau | © In 2011 haben das Neue Theater und Kainkollektiv gemeinsam „Fassade 1/2“ realisiert, eine Erzählung über Krakau in den Augen junger deutscher Künstler. Mirjam Schmuck und Fabian Lettow sind für einige Monate nach Krakau gezogen, um das Leben der Stadt zu beobachten und mit ihren Bewohnern zu sprechen. „Damals sind ganz andere Fragen in den Vordergrund getreten“, erinnert sich Kireńczuk. „Wir haben angefangen, über Gentrifizierung zu reden, was für uns ein neuer Gedanke war. Unseren deutschen Mitarbeitern sind deren Symptome sofort aufgefallen. Sie haben bemerkt, dass in Kazimierz alle Gebäude bis zum ersten Stockwerk renoviert sind, bis zu einer Höhe also, die auf Touristenfotos passt – daher auch die Fassade im Titel.“

(...) der Gedanke, jemanden von außen einzuladen, um uns etwas über uns selbst zu erzählen, das keine eingefahrenen Schemen kopiert, mochte erst einmal halsbrecherisch erscheinen.


„Ihre Arbeitsmethode hat uns eingenommen, wir haben sofort einen Verständigungsfaden gefunden und aufgenommen. Kainkollektiv arbeitet in verschiedenen Kontexten, wobei interkulturelle Elemente eine Schlüsselstellung in ihrer kreativen Arbeit haben. Sie gelangen durch gründliche Recherche zu ihren Aufführungen, und deshalb haben wir ihnen vertraut, obwohl der Gedanke, jemanden von außen einzuladen, um uns etwas über uns selbst zu erzählen, das keine eingefahrenen Schemen kopiert, erst einmal halsbrecherisch erscheinen mochte. Aber der außergewöhnliche Ernst und die Redlichkeit, mit der sie an ihre Arbeit gehen, haben diese Befürchtungen zerstreut. Die Verständigung ist uns insofern leicht gefallen, als sie – ähnlich wie wir – eine unabhängige, mit keiner Institution verbundene Gruppe sind. Es arbeitet sich leichter zusammen, wenn einen ähnliche Erfahrungen auf der Organisationsebene verbinden.

Ein gemeinsames Projekt für eine Wirklichkeit im Wandel

Die Idee für das nächste Projekt kam von Kainkollektiv. Mit ihr ging die Grundannahme einher, dass sich der gesellschaftliche und politische Kontext in beiden Ländern, auch derjenige, der die deutsch-polnischen Beziehungen betrifft, sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts in einem solchen Maße verändert hat, dass es sich lohnt, die Zusammenarbeit zu erneuern, die unter anderem auf die Stereotype in diesen Beziehungen und auf deren Entschärfung zielte. „Vor zehn Jahren konnte man es sich erlauben, eine Aufführung über Probleme zu inszenieren, die aus heutiger Sicht wenig bedeutsam erscheinen“, sagt Kireńczuk. „Heute verschlingen Themen unsere Aufmerksamkeit, die ein ganz anderes Gewicht haben – der stärker werdende Nationalismus, die Flut der Extremismen, die Einschränkung von Freiheiten, die Verwendung von Fake news in den Medien, Hate Speech. Aus dieser Perspektive kann es einem so vorkommen, dass wir während der Arbeit an der ‚Fassade‘ in einer perfekten Welt lebten, obwohl wir genau wissen, dass sie überhaupt nicht so ideal war.
 
Die Probleme mit der Freiheit der Rede, die Verluste, die wir im Kampf um die Unabhängigkeit der Künstler oder der Gerichte erlitten haben, der immer weiter schrumpfende Raum, in dem wir keine Selbstzensur anwenden, die immer verzweifelteren Versuche, all dem Widerstand zu leisten – diese Landschaft, die in Polen gerade Wirklichkeit wird und aus deutscher Perspektive immer deutlicher am Horizont zu sehen ist, ist der Ausgangspunkt für das „Goldene Zeitalter der Extreme”. Der Titel verbindet das „Zeitalter der Extreme“, einen Buchtitel des britischen Historikers Eric Hobsbawm, der das 20. Jahrhundert, die Epoche der Weltkriege und der totalitären Systeme so bezeichnet hat, mit einem Adjektiv, das – in einer historischen Perspektive – einige Phasen unserer Geschichte umstrahlt. Auf einem halben Schritt zwischen Paradies und Abgrund bieten uns die Künstler des „Goldenen Zeitalters der Extreme“ eine dritte Option an – einen Raum, in dem sich Vergangenheit und Zukunft treffen, wo Ideen aufeinanderstoßen, alles, um eine Lösung zu finden, die es uns ebenso gestattet, die Unterordnung unter immer unmenschlichere Regeln zu vermeiden, wie die Flucht zu ergreifen oder in der Katastrophe zu enden.

Was wird das für eine Lösung sein? „Diese Frage überlassen wir den Künstlern”, sagt Kireńczuk. „Die Arbeitsweise des Kollektivs kennen wir gut: sie verknüpft Beobachtungen, Materialien aus dem Alltag und der Presse mit Konzepten von Futurologen und philosophischen Theorien, was sich zu einer utopischen, fiktiven Wirklichkeit zusammenfügt.“

Das internationale Debüt des Polnischen Theaters im Untergrund

Im Falle der „Arbeitenden Frauen” ging der Impuls zur Zusammenarbeit von Iwona Uberman aus, einer Übersetzerin, die sich auf die Übersetzung von Theaterstücken spezialisiert. Sie war es, die dem Breslauer Theater im Untergrund eine Koproduktion mit der deutschen werkgruppe2 vorgeschlagen hat. Das vom Goethe-Institut unterstützte Projekt wird die erste internationale Koproduktion in der Geschichte dieser Bühne sein. Mit den „Arbeitenden Frauen” debütiert es auch in der Konvention des Dokumentartheaters.
 
Piotr Rudzki, künstlerischer Kurator, Polnisches Theater im Untergrund Piotr Rudzki, künstlerischer Kurator, Polnisches Theater im Untergrund | fot. Natalia Kabanow Die Dramaturgin Silke Merzhäuser und die Regisseurin Julia Roesler sind nach Breslau gekommen, um sich zwei Theateraufführungen anzuschauen: „Die Gestalt des Tages“ („Postać dnia”) in der Regie von Sebastian Majewski und die „Nationalallee“ („Aleję narodową”) von Katarzyna Dudzic-Grabińska. Die Zusammenarbeit begann mit einem Treffen, Gesprächen und dem Austausch von Erfahrungen.
„Unsere Aufführung wird das Problem der Identität von Frauen in wirtschaftlich und technologisch zurückgebliebenen Gegenden betreffen, im deutschen Ruhrgebiet und in der Umgebung von Wałbrzych in Niederschlesien, wo in der Transformationszeit die Grubenschließungen der Grund für eine lang andauernde Krise gewesen sind“, sagt Piotr Rudzki vom Polnischen Theater im Untergrund. „Der Entstehung des Szenarios geht ein Rechercheteil voraus. Wir werden einige Monate lang Erzählungen aus diesen Regionen suchen, aber nicht von der Geschichte der Männer, sondern von Frauen aus drei Generationen, der Enkelinnen, Mütter und Großmütter. Wir wollen, dass sie uns von ihren alltäglichen Problemen erzählen, über ihre Identität, über ihre politischen Neigungen. Der Ausgangspunkt für unsere Arbeit ist die Reflexion über die zunehmende Stärke der Populismen sowohl in Polen als auch in Deutschland. Der Grund für diesen Prozess liegt vielleicht in diesen Regionen, die in der Krise sind. Ich glaube, dass es uns gelingen wird, zum Kern dieses Problems vorzudringen.

Der Ausgangspunkt für unsere Arbeit ist die Reflexion über die zunehmende Stärke der Populismen sowohl in Polen als auch in Deutschland. Der Grund für diesen Prozess liegt vielleicht in Regionen, die in der Krise sind.

Die Künstler dieser Aufführung werden während ihrer Interviews Antworten auf die Frage suchen, wie sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts die Beziehungen zwischen Arbeit und Identität in Polen und Deutschland verändert haben, und wie der Niedergang der Industrie sich auf die Erwartungen an das Leben und auf politische Wahlen ausgewirkt hat. Bei ihrer Arbeit wenden sie die Methode Verbatim an, die unter anderem das in Polen sehr bekannte Moskauer Teatr.doc nutzt. Ziel ist die größtmögliche Annäherung der Theatererzählung an die Wirklichkeit – die erzählten Geschichten sind authentisch, und auf der Bühne fallen Worte, die den von den Künstlern geführten Interviews entnommen sind. Das Bühnenbild ist einfach und konventionell, die Schauspielerei streng. Dabei reicht das Engagement der Schauspielerinnen, die an dem Projekt teilnehmen, über den Rahmen einer gewöhnlichen Theateraufführung hinaus: Es stellt sie vor die Frage nach ihrer Verantwortung für die Heldinnen der Erzählungen und nach der besonderen Rolle eines Sprechers von Personen und Problemen im Alltag einer Gesellschaft von Unsichtbaren.

Bewerben lohnt sich

„Ich bin überrascht und glücklich, den Juroren dankbar, die uns die Förderung aus dem Fonds bewilligt haben”, sagt Piotr Rudzki. „Silke und Julia haben stets an eine positive Entscheidung geglaubt, und ich muss zugeben, dass mir dieser Glaube gefehlt hat. Heute kann ich nur alle Ensembles ermutigen, Anträge einzureichen, wenn sie sich mit ernsthaften Projekten befassen und einen Partner in Deutschland haben. Angst muss man nicht haben; das Verfahren ist sehr freundlich, die Unterlagen werden in englischer Sprache eingereicht, und es ist wichtig, eine Idee für eine ernsthafte, gesellschaftlich relevante Aufführung zu haben.“
 
Kireńczuk betont, dass der internationale Charakter der Koproduktion nicht nur ein gemischtes deutsch-polnisches Künstlerensemble bedeutet, sondern auch einen Zusammenstoß von Künstlerperspektiven. „Die Zusammenarbeit mit Institutionen, die in verschiedenen Systemen, rechtlichen und kulturellen Ordnungen agieren, bringt gewisse Erschwernisse mit sich und macht es notwendig, verschiedene Fragen zu verhandeln; sie provoziert dazu, die eigene Komfortzone zu verlassen, was für beide Seiten belebend ist“, fügt Kireńczuk hinzu. „Deshalb ist das Programm des Instituts so wichtig: es unterstützt Projekte, die eine intensive Zusammenarbeit verwirklichen, die sich nicht nur auf eine gemeinsame Finanzierung der Produktion stützt, sondern vor allem auf ein gleichmäßiges, authentisches Engagement von Künstlern aus beiden Ländern. Überdies ist der Fonds besonders daran interessiert, in politisch „heißen“ Ländern zu wirken, weshalb er gesellschaftlich und politisch orientierte Projekte unterstützt, für die es heute in Polen so schwer ist, finanzielle Unterstützung zu finden. Ich könnte ins Träumen darüber kommen, dass ein ähnliches Programm auch in Polen entsteht.“
 

Der Internationale Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts

Um Unterstützung aus dem Fonds können sich Künstler, Ensembles oder Kollektive bewerben, die ihren Sitz außerhalb von Deutschland haben. Ziel ist eine internationale Koproduktion einer Aufführung mit nichtkommerziellem Charakter. Da die Idee für den Fonds auf dem Dialog beruht, müssen Partner mit vereinten Kräften arbeiten, wobei einer von ihnen seinen Sitz in Deutschland haben muss. Je mehr Partner beteiligt sind, desto besser – zwar reichen theoretisch zwei Koproduzenten aus, aber eine Partnerschaft mit drei oder gar vier kann die Chance auf eine Förderung erhöhen. Das Gleiche gilt für den Ort der Aufführung – es ist unbedingt besser, diese in zwei Ländern zu planen.
 
Schon bald wird es möglich sein, sich um die nächsten Zuschüsse aus dem Fonds zu bewerben. Die Frist für die Antragsabgabe läuft am 15. April 2019 um Mitternacht ab. Bewerbungsformulare sind auf der Website des Goethe-Instituts ab Anfang März verfügbar. 
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