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Was ist los mit… Claas Relotius und anderen Fällen?
Schwierigkeiten mit der Wahrheit

Der Sitz des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ in Hamburg
Der Sitz des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ in Hamburg | Quelle: Flickr, Foto © Hans Permana; CC BY-NC 2.0

Der ehemalige „Spiegel“-Journalist Claas Relotius hat seine Texte mit erfundenen Geschichten gefälscht. Dabei wurde er für die spektakulären Reportagen mehrfach ausgezeichnet. Welche Lehren die deutschen Medien daraus ziehen müssen, erklärt Christoph Bartmann.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas von Claas Relotius gehört oder gelesen zu haben, obwohl er jahrelang ein Jung-Star im „Gesellschaft“-Ressort des Nachrichtenmagazins Der Spiegel war und reihenweise Preise erhielt für seine so außerordentlich spannenden und obendrein toll erzählten Reportagen. Nun ist aufgeflogen, dass seine Geschichten, nicht nur die im Spiegel, großenteils erfunden oder jedenfalls geschönt waren. Oft war Relotius gar nicht am Schauplatz seiner angeblichen Recherchen gewesen, er hatte sich Zitate und Figuren ausgedacht und auch sonst alles unternommen, damit sich seine Texte schön lasen. So etwa fängt ein typischer Relotius-Text an, und man wundert sich, dass dieser Sound nicht schon viel früher alle Alarmlampen hat angehen lassen: „Vier Minuten bevor Nadim, Kind mit geröteten Augen, den Auslöser an seiner Weste ergriff, um sich mit neuneinhalb Kilo Sprengstoff in den Tod zu reißen, riefen die Muezzine von Kirkuk über Lautsprecher in alle Viertel der Millionenstadt zum Abendgebet.“ Relotius liebt es, zwei unverbundene Ereignisse – hier: der kindliche Selbstmordattentäter und der Ruf der Muezzine“ – so zu kombinieren, als hätten die „vier Minuten“ irgendeine faktische Bedeutung. Stattdessen sollen sie nur auf einfache Art Stimmung und Spannung erzeugen. Schlimm, wenn solche Journalistenprosa auch noch Preise gewinnt.

Fortan werden Journalisten es hoffentlich mit der Wahrheit wieder genauer nehmen, auch dann, wenn sie nicht schön ist, sondern nur wahr.

Nun ist der Katzenjammer groß, beim Spiegel, dem sein Gründer Rudolf Augstein den Auftrag mitgab, nur zu „sagen, was ist“, und bei allen anderen Qualitätszeitungen, die sich auf Relotius verließen. Sie alle waren verführbar für einen Journalismus der schönen Feder und der moralischen Überlegenheit, der es nur eben mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Haben jetzt also auch die liberalen Medien ihr „Fake News“-Problem? Das wäre eine gute Nachricht für all diejenigen, die schon immer an eine Meinungs-Hegemonie links von der Mitte geglaubt haben. Entsprechend schadenfroh waren die Reaktionen. Aber tatsächlich müssen sich die deutschen Leitmedien an die eigene Nase fassen. Etwas läuft ziemlich schief, wenn Lügengeschichten wie die von Claas Relotius ohne Faktencheck den Weg ins Blatt finden und vor allem nach ihrer literarischen Qualität beurteilt werden. Schon hört man die Einschätzung, es könnte sich dabei um ein spezielles Problem des deutschen Journalismus handeln. Das ist insofern interessant, als man sich in Deutschland gerne am Vorbild der anglo-amerikanischen Reportage orientiert. Auch Relotius wollte wahrscheinlich so gut schreiben und so berühmt werden wie einst Truman Capote oder Hunter S. Thompson. Nur wird im amerikanischen Journalismus jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, und zwar allein schon aus rechtlichen Gründen. Niemals wäre etwa im New Yorker einer der nebulösen Relotius-Texte zum Druck freigegeben worden. In Deutschland hat sich dagegen die Vorstellung festgesetzt, Reportagen müssten vor allem „schön geschrieben“ und „emotional“ sein; anders würden sie die Leser nicht packen. Vielleicht ist die Relotius-Affäre ja eine gute Lektion für eine ganze Generation von Journalisten und Redakteuren. Fortan werden sie es hoffentlich mit der Wahrheit wieder genauer nehmen, auch dann, wenn sie nicht schön ist, sondern nur wahr.

Um die Auflage zu halten, müssen spektakuläre Erzählweisen her, die Leser müssen „mitgenommen“ werden, Reportage und ebenso die fiktionale Erzählung müssen „großes Kino“ sein.

Damit nicht genug, es folgte im Januar gleich eine weitere Causa, diesmal um den Roman Stella von Takis Würger. Würger, auch er im Hauptberuf „Spiegel-Reporter“, hat die wahre Geschichte der jüdischen NS-Kollaborateurin Stella Goldschlag in einen Roman verwandelt, an dem viele Kritiker Anstoß nahmen (die meisten Leser scheinen dagegen begeistert zu sein). Natürlich ist das kein zweiter Fall Relotius, aber die Parallelen liegen auf der Hand. Vor allem im Stilistischen. Über einen NS-Überlebenden heißt es hier etwa: „Er lebt heute in Israel am Ende einer Palmenallee. Seine Geschichte geht weiter.“ Wieder diese bewusst vernebelnde Erzählweise, die vor allem eines soll: Stimmung erzeugen, „Atmosphäre“. Beide Autoren neigen (berufsbedingt?) zu einem tendenziell unredlichen Umgang mit der Sprache und lassen, irgendwo zwischen Fakten und Fiktion, die Dinge gern im Ungefähren. Dort sollen sich dann die Leser emotional angesprochen fühlen. Wenn man sich vor Augen führt, was journalistische Reportage und dokumentarischer Roman alles können und auf wie komplexe Weise sie sich schon gegenseitig bereichert haben, dann sind die schriftstellerischen Werke und Taten von Relotius und Würger ein Armutszeugnis. Zwei junge Journalisten, hoch gehandelt als Stars ihres Gewerbes, huldigen einem falschen Schreibideal. Vielleicht kommt in diesen Fällen auch die Krise der Qualitätsmedien zum Ausdruck: um die Auflage zu halten, müssen spektakuläre Erzählweisen her, die Leser müssen „mitgenommen“ werden, Reportage und ebenso die fiktionale Erzählung müssen „großes Kino“ sein. So arbeiten auch die Qualitätsmedien mit an der fortschreitenden Vereinfachung und Trivialisierung von Inhalten. Höchste Zeit, dass sich das ändert.
 

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