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Agnieszka Drotkiewicz empfiehlt
Glaubensbekenntnis an das Leben

Der Himmel in den Pfützen
Quelle: pixabay.com; Foto © pitoutepitoute

Im Buch „Der Himmel in den Pfützen: ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm“ blickt Anatol Gotfryd auf sein Leben zurück – von der vom Krieg geprägten Kindheit in seiner Heimatstadt Kolomyja, in Lemberg und Warschau bis zu seiner Karriere als Berliner Zahnarzt, der u.a. Günter Grass behandelte. Dabei behält er stets die Empathie und die Liebe zum Leben.

Buchcover „Niebo w kałużach“ © Verlag Czarna Owca, Pressematerial Anatol Gotfryd und seine wunderbare Frau Danka lernte ich im Herbst 2010 kennen; in Berlin-Nikolassee tranken wir zusammen Tee in ihrem schönen Muthesius-Haus. Zwei Monate später brachte mir der Kurier ein Manuskript von Gotfryds Buch Der Himmel in den Pfützen: ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm, das damals gerade in der polnischen Übersetzung von Katarzyna Weintraub erscheinen sollte. Es war bereits Abend, ich war sehr müde – doch als ich einmal zu lesen begonnen hatte, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Bis zum frühen Morgen. Dann hatte ich es durchgelesen. Und hätte liebend gern noch einmal von vorne angefangen.

Anatol Gotfryd wurde 1930 als Kind einer jüdischen Familie in Jabłonów in der heutigen Ukraine geboren. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, lebte die Familie einige Zeit im Ghetto in Kolomyja; später gelang es Anatol, seiner Mutter und seinem Stiefvater, aus einem fahrenden Zug zu springen, der sie ins Vernichtungslager Bełżec hatte bringen sollen. Um zu überleben, mussten die drei sich trennen, und so war der kleine Junge den ganzen Krieg hindurch auf sich allein gestellt – er versteckte sich zunächst in Lemberg, dann auf dem Land, schließlich in Warschau, wo er den Aufstand miterlebte. Nach dem Krieg studierte er Zahnmedizin in Breslau und lernte dort, während des Studiums, auch seine Frau Danka kennen. Gemeinsam emigrierten die beiden 1958 nach Berlin, wo sie im Herbst 1962, nach mehreren Jahren Tätigkeit im US-Militärhospital, eine private Zahnarztpraxis am Lehniner Platz eröffneten. Nebenbei bemerkt wurde am selben Tag die Schaubühne eingeweiht, mit deren Direktor Jürgen Schitthelm sie eine langjährige Freundschaft verbindet. Im Freundeskreis der Gotfryds fanden und finden sich ohnehin viele Künstlerinnen und Künstler – so haben sich im Gästebuch ihrer Praxis Günter Grass, Zbigniew Herbert, Sławomir Mrożek, Roman Opałka, Maria Lassnig, Cees Nooteboom und viele andere verewigt. Praxis und Wohnsitz von Anatol und Danka Gotfryd wurden rasch zu wichtigen Adressen auf der kulturellen Landkarte Westberlins.  

Der Himmel in den Pfützen, das sind Anatol Gotfryds Erinnerungen – aber auch einiges mehr: Das Buch ist ein inspirierendes Glaubensbekenntnis an das Leben, eine Motivation, nach dem Schönen im Leben zu suchen. Von Kind an empfänglich für die visuellen Künste, ist Anatol Gotfryd nicht nur ein Liebhaber, sondern auch ein Kenner und Sammler von Kunst – so war er unter anderem viele Jahre lang Kuratoriumsmitglied beim Verein der Freunde der Nationalgalerie und bei der Graphischen Gesellschaft zu Berlin. Seinen Sinn für Kunst spiegelt auch Der Himmel in den Pfützen: Das Buch gliedert sich in die Kapitel Unschuldsweiß, Nazibraun, Polnischrosa und Preußischblau, die Bilder hingegen, die der Autor skizziert, sind häufig sparsam, denn es wäre vermessen, wie er in einem Interview sagte, dem Leser keine Vorstellungskraft zuzugestehen. Ein Sinn des Buches, das Gotfryd seinem Sohn gewidmet hat, ist die Bewahrung von Erinnerungen. Auf welch schöne Weise man Erinnerung pflegen kann, zeigt der Autor, indem er seines Freundes gedenkt – eines kleinen Jungen, der im Ghetto von Kolomyja erschossen wurde, als er sich auf einem Nussbaum versteckte: „Seit dieser Zeit pflanze ich einen Nussbaum, wo auch immer ich ein eigenes Stückchen Erde habe.“

Anatol Gotfryd ist ein Meister der Anekdote – die bei ihm zur Metapher, zum Gleichnis wird. Lapidare, aber anschauliche Schilderungen, eine gute Beobachtungsgabe, die Liebe zum Leben, vor allem aber die Fähigkeit zur Empathie – das alles sind wichtige Zutaten zu seinem exzellenten Buch. Der Himmel in den Pfützen ist eine ergreifende Lektüre – und zugleich eine Lektüre, die glücklich macht.
 

Anatol Gotfryd, Der Himmel in den Pfützen: ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm, wjs-Verlag 2005
 

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