Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Was ist los mit... Städterankings
Was macht Städte „lebenswert“?

Der Olympiapark in München
Der Olympiapark in München | Quelle: pixabay.com; Foto (Ausschnitt): designerpoint

In den Top Ten des diesjährigen Mercer-Rankings befinden sich drei deutsche Städte: München, Frankfurt und Düsseldorf. Obwohl es eher keine Traumstädte wie Paris oder New York sind, bieten sie ihren Einwohnern Sicherheit und Gemütlichkeit. Was noch muss eine Stadt haben, um es an die Spitze zu schaffen? Eine subjektive Bewertung von Christoph Bartmann.

Jedes Jahr präsentiert die Unternehmensberatungsfirma Mercer ein so genanntes „City Ranking“, und jedes Jahr gewinnen dabei (fast) dieselben Städte aus denselben Ländern. Diesmal gewinnt Wien vor Zürich und Vancouver, drei deutsche und drei Schweizer Städte befinden sich in den Top Ten, der Rest kommt aus Österreich, Dänemark, Kanada und Neuseeland. Was ist jetzt eigentlich so toll an Auckland, Düsseldorf und Frankfurt? Mercer hat natürlich alle möglichen Analysekriterien herangezogen: Freizeitangebote, wirtschaftliche Lage, Wohnungsmarkt, Umwelt, Bildung, Einkaufsmöglichkeiten, Verkehrsinfrastruktur und anderes. Dabei gewinnen dann erwartungsgemäß die Städte, die auch bei den Lebenshaltungskosten vorne liegen. Der Zielgruppe von Mercers City Ranking dürfte das eher egal sein. Eigentlich geht es bei dieser Rangliste darum, wie angenehm es sich als gut verdienender „Expat“, sagen wir als Unternehmensberater, in einer bestimmten Stadt leben lässt.

Interessanterweise schneiden bei solchen Rankings unsere Traumstädte (meistens auch die beliebtesten Touristenziele) eher schlecht ab. Paris: Platz 39. New York: Platz 44, Tokyo: Platz 49. Rom: Platz 56. Man ahnt den Grund: sie sind zu groß, zu voll, zu laut, zu un- (oder im Falle von Tokyo vielleicht auch zu über-) organisiert. Mercer mag lieber Städte deutlich unter 2 Millionen Einwohnern. Basel, das auf Platz 10 liegt, hat gerade einmal 171.000 Einwohnern. Richtige Groß- und Weltstädte wie, sagen wir Buenos Aires (Platz 91) oder Mexico City (Platz 129) sind natürlich aufregender als Basel, Genf und Vancouver, aber Mercers Index betrachtet das Abenteuerliche von Städten eher als Nachteil. Zu viel Kriminalität, zu schlechte Luft, unzureichende Verkehrswege und anderes Negative.

Andererseits sind die Top Ten nicht nur deshalb ausgewählt worden, weil es in ihnen besonders harmlos, ordentlich und ungefährlich zugeht. Als jemand, der längere Zeit in Wien und Kopenhagen (und auch in Düsseldorf und München) zugebracht hat, verstehe ich ganz gut, warum diese Städte in puncto Lebensqualität stets am besten abschneiden. Also: Wien hat bezahlbare Wohnungen, wunderbare öffentliche Verkehrsmittel, große Kulturinstitutionen, Berge, Wald und Wein fast in der Stadt, Radwege, öffentliche Schwimmbäder, Kaffeehäuser und Heurigenlokale in Hülle und Fülle. Kopenhagen hat noch bessere Radwege, ein Meeresschwimmbad mitten in der Stadt, fabelhafte neue Architektur, eine erfinderische Gastronomie, und es entwickelt am laufenden Band neue Ideen für ein noch besseres Zusammenleben in der Stadt. Ach ja, und beide Städte sind sozialdemokratisch geprägt: hohe Steuern, eine hohe Staatsquote, starke Regulierung durch die öffentliche Hand. Beide Städte verkörpern somit glückliche Gegenentwürfe zur neoliberalen Stadt der Investoren und der „Gated Communities“. Beide Städte sind teuer, aber man bekommt als Bürger (und nicht nur als Expat) etwas dafür.

Für mich ist es ein ganz entscheidendes [Kriterium]: ob es Orte gibt oder nicht, an denen die Stadtgesellschaft miteinander kommuniziert.


Und Warschau? Rangiert auf Platz 82 nicht nur vor Port Louis (Mauritius), sondern auch vor Athen, Riga, Santiago, Tel Aviv und anderen. Wie gesagt: man soll dieses Ranking nicht zu ernst nehmen. Aber irgendetwas kann man ihm schon ablesen. Wie fällt denn meine eigene, auch ein bisschen expat-hafte Beurteilung meines aktuellen Wohnorts Warschau aus? Nun, Warschau ist sicher, „gefühlt“ sicherer als zum Beispiel Düsseldorf und Frankfurt (die auch eher sicher sind). Die Luft ist nicht besonders gut, wie man weiß. Ich bin aber ein großer Anhänger des Warschauer öffentlichen Nahverkehrs. Busse und Bahnen sind preiswert, zuverlässig und sympathisch. Ich finde auch die Warschauer Parks und Grünanlagen Spitze (besser als etwa die in Wien, das, unter uns, viel zu dicht bebaut ist). Die Einkaufsmöglichkeiten sind in Warschau wahrscheinlich so, wie sie überall in westlichen Großstädten sind. Es gibt alles, aber man müsste dafür in die Shopping Mall gehen, worauf ich keine Lust habe. Von mir aus könnte das Einkaufsangebot unter freiem Himmel größer sein. Die Warschauer Restaurantszene finde ich großartig, was ich aber vermisse, sind Orte der Begegnung oder der wirklich übergreifenden, klassenlosen Geselligkeit.

Warum gefällt mir beispielsweise München? Eigentlich aus zwei Gründen: wegen der wilden Isar, an deren Ufern sich man niederlassen und in der man neuerdings sogar baden kann. Und wegen der unzähligen Bierhallen und Biergärten, wo man beim Trinken gewaltiger Biere an langen Holztischen wunderbar ins Gespräch kommt. Und zwar vor allem mit Fremden. Ich weiß nicht, ob Mercer auch dieses Kriterium im Blick hat, aber für mich ist es ein ganz entscheidendes: ob es Orte gibt oder nicht, an denen die Stadtgesellschaft miteinander kommuniziert, und zwar „inklusiv“, und nicht nur in der jeweils eigenen Kleingruppe.

Beim Nachdenken über die Reize von Düsseldorf und Frankfurt, die ja nicht zu den Sehnsuchtsorten der meisten Menschen gehören, fällt mir etwas Ähnliches auf. Das Leben hier kann für Fremde und Einheimische „gemütlich“ sein, und zwar deshalb, weil die Leute hier klassenlos zum Trinken und Reden zusammenkommen, in großen Gastwirtschaften, in denen das lokale Lieblingsgetränk Altbier (Düsseldorf) und „Äppelwoi“ oder Apfelwein (Frankfurt) serviert wird. Düsseldorf und Frankfurt sind nicht unbedingt schöne Städte, aber man lebt in ihnen gerne, auch weil in ihnen die Fußgänger und Radfahrer zunehmend eine Chance bekommen. Hinzu kommt, dass beide Städte für ihre eher geringe Größe (etwa 700.000 Einwohner) über ein reiches Kulturleben verfügen, mit Museen, Theatern oder Opernhäusern von internationalem Niveau. Am besten, das zeigt der Mercer-Index, lebt es sich in Städten, die überschaubar und kosmopolitisch zugleich sind.

Warten wir also gespannt, wann Warschau in die Top Ten (oder vielleicht die Top Twenty) der lebenswerten Städte vordringt. Die richtige Größe hat es schon jetzt.

Top