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Was ist los mit... der Arbeit von Lehrern?
Beruf: Lehrer

Blackboard
Quelle: pixabay.com; Foto: Katie Phillips

Der Lehrerstreik in Polen hat auch in Deutschland Aufmerksamkeit erregt. Die meisten Menschen glauben, dass deutsche Lehrer, von denen viele den Beamtenstatus genießen, sich nicht beklagen können. Doch sehen wir auch die Nachteile ihrer Arbeit? – fragt Christoph Bartmann.

Der eben zu Ende gegangene polnische Lehrerstreik hat auch in Deutschland Aufmerksamkeit erregt. Die veröffentlichten Zahlen über die Gehälter der polnischen Lehrerschaft lassen nicht nur bei deutschen Berufskollegen die Frage aufkommen: warum nicht mehr? Oder: wann endlich mehr? „Der Anreiz, Lehrer zu werden, ist bei der Situation in Polen gering“, schreibt die Frankfurter Allgemeine. Nachdem zuvor schon die jungen Krankenhausärzte wegen schlechter Bezahlung in den Streik getreten sind, stellt sich erst recht die Frage: wann will die polnische Regierung den öffentlichen Dienst besser bezahlen? Dass der Premierminister die Antwort offenbar noch nicht weiß, bewies er mit der Bemerkung, Lehrer hätten ja auch „ein bisschen mehr Freizeit“ als andere.

Auch in Deutschland hatte die Politik nicht immer die höchste Meinung vom Lehrerberuf. Legendär ist der Ausspruch des späteren Bundeskanzlers Gerhard Schröder aus dem Jahre 1995. Ausgerechnet einer Schülerzeitung sagte er damals, bezogen auf die Lehrer: „Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“ Die Lehrer reagierten damals empört, verwiesen auf die hohe Zahl von Unterrichtsstunden, den Stress und anderes mehr, was bis dazu heute führt, dass Lehrer häufig den Dienst vorzeitig quittieren. Trotzdem ist es mit dem Sozialprestige des Lehrerberufs nicht weit her, gemessen an „richtigen“ Akademikerberufen wie Arzt, Rechtsanwalt oder Ingenieur – vielleicht auch deshalb, weil der überwiegende Teil des Lehrpersonals weiblich ist? Etwa 80 Prozent der deutschen Lehrer sind Beamte, also Staatsbedienstete. Das jährliche Durchschnitts-Bruttogehalt eines Lehrers in Deutschland beläuft sich nach neueren Zahlen auf 55.262 Euro, das sind im Monat 4605 Euro. Hinzu kommt, dass die verbeamteten Lehrer im Alter eine Pension beziehen, die in der Regel deutlich höher ist als die Renten der Angestellten. „Lehrer müsste man sein“, sagen sich viele, wenn sie sich ein finanziell komfortables Leben ausmalen. Noch besser wäre, ein Lehrerehepaar zu sein. Zwei Gehälter, unkündbarer Beamtenstatus, ein Häuschen im Grünen, ein sorgloses Alter, was will man mehr? Schullehrer in Deutschland verdienen oft nur unwesentlich weniger als Hochschullehrer, also Professoren. Was wiederum diese ärgert, denn müssen sie sich nicht deutlich mehr anstrengen, um eine der wenigen festen Stellen an einer Universität zu ergattern?

Eines dürfen deutsche Lehrer, sofern sie Beamte sind, aber nicht: sie dürfen nicht streiken.


Lehrer haben es doch gut, denken die meisten Nicht-Lehrer, aber dem würden die meisten Lehrer energisch widersprechen. Wer kennt schon wirklich den heutigen Alltag an einer Schule, ob Grund- oder Hauptschule, Gymnasium oder Berufsschule? Die Morawiecki-These, dass Lehrer ja „ein bisschen mehr Freizeit“ hätten, scheint jedenfalls unhaltbar. Stunden müssen vorbereitet und erteilt werden, nicht selten vor einer undisziplinierten und wenig motivierten Schülerschaft, es folgen Klassenkonferenzen, Projektwochen, Exkursionen, Elternabende… Man wundert sich, wie passioniert und engagiert viele Lehrer trotz ihrer hohen Arbeitsbelastung ihre Arbeit verrichten. Das Gehalt allein kann es nicht sein. Nein, es gibt eine große pädagogische Leidenschaft, die sich die meisten Lehrer auch durch widrige Bedingungen nicht nehmen lassen. Sind nicht Lehrer, und gerade die an so genannten Problemschulen in schwieriger sozialer Umgebung, geradezu Helden (wie etwa auch junge und unterbezahlte Krankenhausärzte, Krankenschwestern und -pfleger etc.), denen die Gesellschaft großen Dank schuldet? Und natürlich auch eine angemessene Bezahlung.

Eines dürfen deutsche Lehrer, sofern sie Beamte sind, aber nicht: sie dürfen nicht streiken. Wie andere Staatsdiener haben sie kein Streikrecht. Wenn deutsche Lehrer mit ihrer Bezahlung unzufrieden sind, müssen sie sich an die Gewerkschaft wenden, die dann mit dem jeweiligen Bundesland Tarifverhandlungen führt. Im Großen und Ganzen scheinen die deutschen Lehrer mit ihrer Bezahlung zufrieden zu sein, und wären sie es nicht, würde dies auch nicht viel ändern. Die Beamtengehälter sind, wie sie sind, sie steigen nur moderat, aber keiner würde die vielen Vorteile leugnen, die der Status als Staatsdiener mit sich bringt. Zufrieden sind deshalb auch die deutschen Lehrer noch lange nicht. Die Bezahlung mag in Ordnung sein, aber der Beruf führt viele in den „Burnout“.

Während in Polen die Lehrerstreiks für Aufregung sorgten, sind es in Deutschland die Schülerstreiks.


Lehrer dürfen nicht streiken, die Schüler hingegen schon – wenn wir die aktuellen Freitagsdemonstrationen von „Fridays for Future“ wirklich als Streik bezeichnen wollen. Eigentlich muss man zum Streiken ja angestellt sein und seine Arbeit organisiert niederlegen. Sprechen wir also besser von organisiertem, aber unentschuldigtem Fernbleiben vom Unterricht. Während in Polen die Lehrerstreiks für Aufregung sorgten, sind es in Deutschland die Schülerstreiks. Noch ist nicht klar, wie lange sie anhalten werden und wie lange die Schulbehörden sie tolerieren werden. Bis das Klima gerettet ist? Man wird sehen.
 

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