Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Agnieszka Drotkiewicz empfiehlt
Der Sommer des Jahrhunderts

Victoria Hotel, Unter den Linden, Berlin, ca. 1900
Victoria Hotel, Unter den Linden, Berlin, ca. 1900 | Foto (Ausschnitt) aus der Photochrom Print Collection, Library of Congress © CC BY 2.0

In seinem Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ nimmt uns Florian Illies mit auf eine Reise durch Städte, in denen die Quellen des intellektuellen und künstlerischen Lebens sprudeln, wie Wien, Berlin oder Paris, im Schatten des nahenden Ersten Weltkriegs.


Eine meiner Vorlieben bei Stadtbesichtigungen ist die, Informationstafeln an Häusern darüber zu lesen, wer früher einmal dort gewohnt hat. Auf meinen Gängen habe ich zum Beispiel schon die Wohnungen von Franz Kafka, Marcel Proust, Maria Callas, Colette und Jacques Tati gefunden. Ich mag es, unter meinen Füßen die Pflastersteine zu spüren, die diese Menschen spürten, wenn sie ihre Häuser verließen, ich mag es, die Wege nachzugehen, die sie wahrscheinlich gegangen sind, und – mit ein bisschen Glück und einer unveränderten Kaffeehauslandschaft – meinen Kaffee dort zu trinken, wo sie den ihren getrunken haben könnten. Eine ähnliche Wohltat wie diese Rundgänge auf den Spuren „meiner“ Künstler ist für mich die Lektüre von Florian Illiesʼ Buch 1913. Gleich einem exzellent erdachten Brettspiel nahm es mich mit auf seine Fährten, verzauberte mich wie ein Kaleidoskop mit seinen vielfarbig schillernden Motiven, in denen sich intellektuelle und künstlerische Strömungen miteinander verflechten, deren Wirkung und Bedeutung erst aus heutiger Perspektive voll zu erkennen sind. Der Sommer des Jahrhunderts ist ein ausgezeichneter Unterhaltungsroman und ein ebenso gutes Instrument zur Selbsterkenntnis.

Buchcover der polnischen Ausgabe von „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ Buchcover der polnischen Ausgabe von „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ | © Wydawnictwo Czarna Owca, Pressematerial Tag um Tag des Jahres 1913 reißen Autor und Leser gemeinsam ein Kalenderblatt ab, gemeinsam besuchen sie Künstlerateliers, literarische Salons, Konzertsäle, aber auch verdächtige Spelunken sowie Spitäler und Obduktionsräume. 1913 ist das Jahr, in dem Marcel Proust In Swanns Welt veröffentlicht, den ersten Teil seiner Suche nach der verlorenen Zeit; Oskar Kokoschka malt das Bild seiner Liebe zu Alma Mahler – Die Windsbraut, Thomas Manns Tod in Venedig ist eben erschienen, nun gibt ihm ein Besuch bei seiner Gattin in einem Bergsanatorium die Idee für den Zauberberg ein. Auch ist 1913 das Jahr, in dem Josef Stalin einige Wochen in Wien verbringt, just zu der Zeit, als Adolf Hitler, der sich ebendort in einer billigen Absteige eingemietet hat, mit dem Malen von Stephansdom-Ansichten sein Brot verdient und Erzherzog Franz-Ferdinand die Missbilligung des europäischen Adels zu spüren bekommt, weil er seine Frau aus Liebe und nicht der guten dynastischen Verbindungen wegen geheiratet hat. Franz Kafka und Felice Bauer schreiben sich Briefe, Ernst Ludwig Kirchner skizziert Frauen auf dem Potsdamer Platz in Berlin, während in Paris die Premiere von Igor Strawinskys Ballett Le sacre du printemps in der Choreographie von Wacław Niżyński stattfindet.

Erstaunlich finde ich, dass in der Kunst solch fortschrittliche Gedanken aufkommen konnten, während zur selben Zeit bei den politischen Machthabern derart rückschrittliche Gedanken vorherrschten.


Florian Illies beschenkt seinen Leser zudem mit sehr sinnlichen Porträts all jener Städte, in denen 1913 die Quellen des intellektuellen und künstlerischen Lebens sprudeln: Wien, Berlin, München, Paris, Venedig. Eine besondere Stellung genießt hierbei Wien – die Hauptstadt der Psychoanalyse sowie einer verdrängten und nach Befreiung drängenden Erotik, wie Illies schreibt. „Zwischen Porno und Bambi – das war genau die Janusköpfigkeit, die den besonderen Zauber und die besondere subversive Kraft Wiens in jenen Jahren ausmachte. Adolf Loos fand für all die Gestalten aus den Analysen von Sigmund Freud, aus den Geschichten von Arthur Schnitzler und aus den Bildern von Gustav Klimt die einzigartige Formel: »Ornament und Verbrechen«.“

1913 ist außerdem das Jahr, in dem Marcel Duchamp sein erstes Readymade Roue de bicyclette kreiert – das Rad eines Fahrrads, befestigt auf einem Hocker; Kasimir Malewitsch wiederum verfällt bei der Arbeit an der Szenographie für die futuristische Oper Sieg über die Sonne auf den Einfall für sein Schwarzes Quadrat. Erstaunlich finde ich, dass in der Kunst solch fortschrittliche Gedanken aufkommen konnten, während zur selben Zeit bei den politischen Machthabern derart rückschrittliche Gedanken vorherrschten. Sie überhörten das Grollen des nahenden Ersten Weltkriegs, so wie sie die Anzeichen für einen unausweichlichen gesellschaftlichen Wandel übersahen. Außerordentlich lehrreich ist Illiesʼ Buch, eine Anregung, die heutige Welt um uns herum mit aufmerksamem und klarem Blick zu betrachten.  
 
Florian Illies, 1913. Der Sommer des Jahrhunderts, S. Fischer, Frankfurt am Main, 2012
 

Top