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Geburtshäuser
Wenn nicht im Krankenhaus, wo dann?

Baby
Quelle: Unsplash, Foto: Peter Oslanec

„Gebt den Frauen die Geburt zurück!“ Immer mehr Frauen in Deutschland entscheiden sich für eine Geburt außerhalb des Krankenhauses – fern von Ärzten, medizinischer Apparatur und standardisierten Verfahren. Eine Alternative sind natürliche Geburten in Geburtshäusern.

Von Urszula Jabłońska

Das Haus wirkt ein wenig wie ein Boutique-Hotel. Die Zimmer tragen Namen wie Afrika oder Mittelmeer. Die Wände sind in warmen Farben gestrichen, die Möbel aus Holz oder Rattan, und die breiten Betten sind mit Bettwäsche im Ethno-Look bezogen. Man kann die Fenster mit dunklen Vorhängen oder Holzrollos verdunkeln und die stimmungsvolle Beleuchtung einschalten.

Also alles wie in einem Hotel, bis auf einige nicht alltägliche Einrichtungsgegenstände: große Badewannen mit stabilen Haltegriffen, Hocker, Matten und Gymnastikbälle. Alle möglichen Dinge, die während einer Geburt von Nutzen sein können, denn zu eben diesem Zweck besuchen Frauen das hinter einem Krankenhauskomplex versteckte, dunkle Ziegelgebäude in Berlin-Charlottenburg – um in einer entspannten und familiären Atmosphäre, ohne Ärzte und medizinische Apparaturen ihr Kind auf die Welt zu bringen.

Martha hält Eiswürfel in der Hand

„Geburt ist keine Krankheit“ verkündet ein neben der Rezeption hängendes Plakat. Es scheint, als sei dies das Motto des Geburtshauses, denn schon kurz darauf höre ich diese Worte erneut.

„Ich war ja nicht krank“, antwortet Martha, eine neunundzwanzigjährige Religionslehrerin, auf meine Frage, warum sie ihre beiden Kinder nicht im Krankenhaus zur Welt bringen wollte. Es ist heiß, sie trägt ein weites rosafarbenes Kleid, in dem sie gut stillen kann, gerade gibt sie ihrer neun Monate alten Tochter die Brust. „Die Schwangerschaft verlief sehr gut, es gab keinerlei Komplikationen – eine natürliche Geburt war für mich die logische Konsequenz.“

Kurz darauf räumt sie jedoch ein, dass sie, bevor sie zum ersten Mal schwanger wurde, noch nie etwas von Geburtshäusern gehört hatte. Sie hatte gedacht, alle Kinder kämen im Krankenhaus zur Welt. Erst als ihre Hebamme ihr vom Geburtshaus Charlottenburg erzählte, begann Martha sich mit dem Thema außerklinische Geburt auseinanderzusetzen. Sie dachte auch über eine Hausgeburt nach, doch in ihrer Mietwohnung hätte sie sich nicht ungezwungen genug gefühlt – sie fürchtete, die Nachbarn könnten ihre Schreie hören. Aus diesem Grund entschied sie sich schließlich für eine Geburt in einem Geburtshaus.

Während ihrer Schwangerschaft besuchte Martha gemeinsam mit ihrem Partner einen der Geburtsvorbereitungskurse, die von den im Geburtshaus tätigen Hebammen geleitet werden. Zunächst kam der theoretische Teil, in dem erklärt wurde, was während der einzelnen Phasen einer Geburt genau geschieht. Anschließend wurden Übungen vorgestellt, die die Frauen auf den Schmerz vorbereiten sollten. Im Geburtshaus kann man sich allenfalls eine Tablette geben lassen, es gibt keine Injektionen und keine Periduralanästhesie. Martha hielt also zum Beispiel anderthalb Minuten lang Eiswürfel in der Hand, um ein Gefühl für die Dauer der Wehen zu bekommen, und lernte unterschiedliche Atemtechniken.
Geburtshaus Charlottenburg, das Zimmer „Mittelmeer“ Geburtshaus Charlottenburg, das Zimmer „Mittelmeer“ | © Geburtshaus Charlottenburg Im Geburtshaus Charlottenburg kann jede Frau selbst entscheiden, in welchem Zimmer und in welcher Position sie ihr Kind zur Welt bringen möchte. Dabei werden sie von erfahrenen Hebammen begleitet. Ein Plakat auf dem Flur zeigt eine Frau, die mit angezogenen Knien auf dem Bauch liegt. Später erfahre ich, dass es sich hierbei um eine der am häufigsten gewählten Geburtspositionen handelt. Die wenigsten Geburten erfolgen hier in der traditionellen Rückenlage, die meisten Frauen gebären im sogenannten Vierfüßlerstand. Ungefähr die Hälfte der Frauen entscheiden sich für eine Wassergeburt. Auch Martha probierte es zunächst in der Wanne, fühlte sich dort jedoch nicht wohl und entschied sich schließlich für einen Gebärhocker.

„Bei meiner ersten Geburt konzentrierte ich mich ganz auf die Atemtechniken, die ich gelernt hatte“, erzählt sie und nimmt ihre allmählich unruhig werdende Tochter liebevoll auf den Arm. „Aber die konnten mir nicht wirklich helfen, ebenso wenig wie das erfahrene Hebammenteam. Die Schmerzen waren fast unerträglich, die Geburt dauerte fünf Stunden. Und anschließend musste ich noch ins Krankenhaus, um mir die Wunden nähen zu lassen.“

Auch ihr zweites Kind brachte Martha im Geburtshaus zur Welt. Dieses Mal wählte sie eine andere Technik: Sie dachte an angenehme Dinge und versuchte, den Schmerz anzunehmen, anstatt gegen ihn anzukämpfen. Sie versuchte, ihn sich als einen Freund vorzustellen, der sie dem Ziel, also der Geburt ihres Kindes, näher brachte. Und die zweite Geburt verlief wie am Schnürchen: Nach einer halben Stunde hielt sie ihre Tochter bereits im Arm. Ein paar Stunden erholte sich Martha noch in ihrem Geburtszimmer mit den Rattanmöbeln und der Ethno-Bettwäsche, dann konnte sie bereits mit ihrer Tochter nach Hause fahren.

In ganz Deutschland gibt es 118 Geburtshäuser, davon sechs in Berlin. Im Geburtshaus Charlottenburg finden jeden Monat durchschnittlich 26 Geburten, das sind also 320 im Jahr. Nach einer Studie, die im Auftrag der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe erstellt wurde, wurden 2017 12 738 außerklinisch geplante Einlingsgeburten dokumentiert, etwa 500 mehr als im Jahr zuvor. Der Anteil der geplant außerklinisch beendeten Geburten betrug etwa 1,3 Prozent aller Geburten in Deutschland. Über 7 000 Frauen entschieden sich für eine Geburt in einer hebammengeleiteten Einrichtung.
Wie mir scheint, gibt es noch wesentlich mehr Frauen, die ihr Kind gern auf natürliche Weise zur Welt bringen würden.

„Eine Freundin von mir wollte ihr Kind auch in einem Geburtshaus zur Welt bringen, aber sie bekam keinen Platz mehr, weil sie sich zu spät angemeldet hatte“, erzählt Martha mir zum Abschluss des Gesprächs. „Ich hatte mich schon einen Tag, nachdem mein Schwangerschaftstest positiv war, im Geburtshaus angemeldet.“

Auch Patrycja, eine neunundzwanzigjährige Mitarbeiterin in einem Start-Up, hatte bei ihrer ersten Schwangerschaft erwogen, ihr Kind in einem Geburtshaus zur Welt zu bringen.
„Ich wollte keine Periduralanästhesie, keinen prophylaktischen Dammschnitt und kein Oxytocin“, erklärt sie ihre Motivation. „Leider waren die Plätze sehr begehrt, ich war Nummer acht auf der Warteliste. Schließlich brachte ich meine beiden Kinder in der Caritas-Klinik Maria Heimsuchung in Berlin-Pankow zur Welt, deren Geburtshilfeabteilung auf natürliche Geburten spezialisiert ist. Das Beste war, dass ich jedes Mal schon vier Stunden nach der Geburt wieder entlassen wurde, denn das eigene Zuhause bietet meiner Ansicht nach die beste Umgebung für die ersten Tage mit dem Kind.“

Sheila gibt den Frauen die Geburt zurück

Ohne die britische Autorin Sheila Kitzinger gäbe es in Deutschland wohl keine Geburtshäuser. Kitzinger, die auch als die „Hohepriesterin
der natürlichen Geburt“ bezeichnet wird, verfasste zahlreiche Bücher zu diesem Thema, unter anderem A Celebration of Birth. Ihrer Ansicht nach ist die Art und Weise, in der Frauen gebären, ein wichtiger Bestandteil ihrer psychosexuellen Gesundheit. Doch im 20. Jahrhundert wurde die Geburt den Frauen aus den Händen genommen und in die Verantwortung des Gesundheitswesens gelegt. Klinikgeburten und die mit ihnen verbundenen prophylaktischen Eingriffe können sich negativ auf die psychische Gesundheit von Frauen auswirken. Kitzinger schrieb, dass ganze 5,6 Prozent der Frauen nach einer Geburt unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Sie leitete ein Krisentelefon für durch die Geburt traumatisierte Mütter. Ihre wichtigste Forderung lautete: „Gebt den Frauen die Geburt zurück!“ Frauen sollten selbst entscheiden dürfen, wie sie gebären wollen. Dank Sheila Kitzinger begannen Ärzte in Großbritannien und später auch in anderen Ländern, die Notwendigkeit von Einläufen und Dammschnitten zu hinterfragen.

Es ist also auch Sheila Kitzinger zu verdanken, dass ich jetzt in einem bequemen Sessel im Geburtshaus Charlottenburg sitze und mich mit der Psychologin Christine Bruhn unterhalte, die dort seit 2012 als Geschäftsführerin tätig ist. Sie erzählt mir, dass die deutsche Soziologin Hanne Beitel Sheila Kitzinger 1982 zu einem Workshop nach Berlin einlud. Aus diesem Workshop heraus entstand schließlich der Verein für eine selbstbestimmte Geburt e. V.

„Erstaunlicherweise war keine dieser Frauen Hebamme“, erzählt Christine. „Es waren Mütter, Sozialpädagoginnen und Feministinnen, die den Frauen das Recht auf eine selbstbestimmte Geburt ermöglichen wollten.“
Geburtshaus Charlottenburg, Kursraum Geburtshaus Charlottenburg, Kursraum | © Geburtshaus Charlottenburg Die Mitglieder des Vereins bemängelten, dass in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg immer mehr Geburten in Krankenhäusern stattfanden und mit immer mehr medizinischen Eingriffen verbunden waren. Christine erzählt, dass die Gebärenden einfach nebeneinandergelegt wurden und keinerlei Privatsphäre hatten. In manchen Fällen wurden den Kindern während der Geburt Elektroden an den Kopf gesetzt, um die Sauerstoffsättigung zu messen. Eine Geburt wurde nicht mehr als ein natürlicher Prozess, sondern als ein medizinischer Eingriff verstanden.

Der Verein für eine selbstbestimmte Geburt setzte in Deutschland eine Bewegung in Gang, die schließlich zur Entstehung der Geburtshäuser führte. Das Geburtshaus Charlottenburg, in dem wir uns gerade unterhalten, wurde 1987 eröffnet. Es war die erste Einrichtung in Deutschland, in der Entbindungen ohne ärztliche Aufsicht vorgenommen wurden.

Heute können Frauen in Deutschland selbst entscheiden, wo sie ihr Kind zur Welt bringen möchten: bei sich zu Hause, in einem Geburtshaus oder in einem Krankenhaus. In allen drei Fällen werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen.


„Die Geschichte verläuft in Wellenbewegungen“, erklärt Christine, die ihr erstes Kind von 36 Jahren nicht in einem Krankenhaus, sondern in einer Hebammenpraxis zur Welt brachte. „Früher gab es überwiegend Hausgeburten, dann verlagerte sich alles in die Krankenhäuser – und Medizin und Technik begannen, eine immer größere Rolle zu spielen. Heute kehren wir zurück zur Natur.“

Heute können Frauen in Deutschland selbst entscheiden, wo sie ihr Kind zur Welt bringen möchten: bei sich zu Hause, in einem Geburtshaus oder in einem Krankenhaus. In allen drei Fällen werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen. Doch die Diskussionen und Verhandlungen zur Finanzierung von Geburtshäusern dauerten in Deutschland bis zum Ende der Neunzigerjahre. Die meisten Hebammen sind freiberuflich tätig, doch in einem Geburtshaus fallen zusätzlich Kosten für Personal und Räumlichkeiten an. Heute erhalten die Geburtshäuser von den Krankenkassen für jede Geburt eine Betriebskostenpauschale. Dafür müssen sie jedoch strenge Qualitätsstandards einhalten.

Zum einen dürfen Geburtshäuser ausschließlich Frauen betreuen, bei denen keine gesundheitlichen Risiken bestehen. Die Liste der Ausschlusskriterien ist lang und umfasst unter anderem HIV-positive Schwangere, Schwangere mit insulinpflichtiger Diabetes und Schwangere, die bei einer vorherigen Geburt bereits einen Kaiserschnitt hatten.

Zum anderen muss sofort eine Verlegung ins Krankenhaus erfolgen, falls während der Geburt irgendwelche Komplikationen auftreten. Im Geburtshaus Charlottenburg ist das kein Problem, denn es befindet sich unmittelbar neben dem Krankenhausgelände, aber das ist keineswegs die Regel. Eine Verlegung ins Krankenhaus erfolgt, wenn die Frau einen Krampfanfall bekommt oder die Geburt ins Stocken gerät. Wenn das Kind auf der Welt ist, prüft die Hebamme seinen Herzschlag, und falls irgendwelche Unregelmäßigkeiten auftreten, werden die Mutter und das Kind ebenfalls in ein Krankenhaus verlegt. Eine Verlegung erfolgt auch dann, wenn die Frau erklärt, dass sie die Schmerzen nicht erträgt und um eine Betäubung bittet.

Schmerz ist sicherlich ein wichtiges Thema, doch Christine ist der Meinung, dass man ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit widmen sollte. Sie wundert sich, dass ich so viele Fragen zu diesem Thema stelle.
„Selbstverständlich treten während einer Geburt Schmerzen auf, aber Frauen sind durchaus in der Lage, diese Schmerzen zu ertragen“, versichert sie. „Das hat sehr viel mit Psychologie zu tun. Wenn eine Frau Stress und Angst empfindet, verstärkt sich augenblicklich der Schmerz. Und die Institution Krankenhaus suggeriert bereits, dass es wehtun wird. Eine Frau muss zunächst ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass eine Geburt nicht zwangsläufig ein schmerzhafter Eingriff in den Organismus sein muss, bevor sie irgendwelche Schritte in Richtung einer außerklinischen Geburt unternimmt.“
Geburtshaus Charlottenburg, Beratungsraum Geburtshaus Charlottenburg, Beratungsraum | © Geburtshaus Charlottenburg

Birgit verändert ihren Ansatz

Geburtshäuser erfreuen sich wachsender Beliebtheit, doch die meisten Frauen gebären ihre Kinder nach wie vor im Krankenhaus. So wie Stefanie, eine Marketing-Managerin, die mit 35 Jahren ihren Sohn bekam.

„Die Geburt im Krankenhaus war die einzige Option für mich“, erklärt sie. „Ich wollte sicher sein, dass, falls irgendetwas passiert, Ärzte in der Nähe sind, die wissen, was zu tun ist. Eine Geburt ist eine extreme Situation, sowohl in körperlicher als auch in emotionaler Hinsicht. Für mich und meinen Mann war sofort klar, dass wir einen oder zwei Tage im Krankenhaus bleiben wollten, um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung ist, und uns von Experten erklären zu lassen, wie man mit einem Kind umgeht. Wie sich später herausstellte, war das die richtige Entscheidung, denn einige Stunden nach der Geburt trat bei unserem Sohn eine Infektion auf. Die Ärzte reagierten sofort und verlegten uns sofort in eine andere Klinik.“
Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe steht auf dem Standpunkt, „dass die größtmögliche Sicherheit für Mutter und Kind während der Geburt nur in einer Geburtsklinik gewährt werden kann“. Christine seufzt, als ich sie mit dieser Aussage konfrontiere.

„Es gibt keine große Sympathie zwischen Ärzten und Hebammen“, erklärt sie. „Ärzte betrachten das Thema Geburt grundsätzlich von einem medizinischen Standpunkt aus, der besagt, dass immer irgendwelche Komplikationen auftreten können. Hebammen hingegen vertreten die Annahme aus, dass eine Geburt ein ganz natürlicher Vorgang ist, bei dem man Frauen lediglich unterstützen muss. Bisher wurden Hebammen überwiegend an Hebammenschulen ausgebildet, künftig sollen sie studieren müssen. Vielleicht führt diese Entwicklung ja dazu, dass sich Ärzte und Hebammen einander ein wenig annähern werden.“
Geburtshaus Charlottenburg, das Zimmer „Afrika“ Geburtshaus Charlottenburg, das Zimmer „Afrika“ | © Geburtshaus Charlottenburg Ab 2020 müssen Hebammen ein entsprechendes Studium abschließen, derzeit können sie noch wählen, ob sie studieren oder lieber eine Hebammenschule besuchen möchten. Die meisten Hebammen sind freiberuflich tätig und werden für unterschiedliche Leistung wie Schwangerschaftsberatungen oder Hausbesuche nach einem festen Tarif bezahlt. Die Hebamme stellt eine Rechnung aus, die Schwangere unterschreibt, und die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen.

Birgit Brunner ist eine der Hebammen im Geburtshaus Charlottenburg. Sie hat blaue Augen und ein warmes Lächeln. Seit 2004 arbeitet sie als Hebamme. In den Neunzigerjahren hatte sie Soziologie studiert und sogar ihren Bachelor-Abschluss gemacht, doch anschließend hatte sie genug von abstrakten Ideen und Theorien. Zu dieser Zeit wurde an ihrer Universität ein neuer Studiengang eingeführt, für den sie sich interessierte: Gender Studies. Birgit kam zu dem Schluss, dass es insbesondere Hebammen sind, die die in diesem Studiengang vermittelten Theorien in die Praxis umsetzen: Schließlich helfen sie Frauen dabei, über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Also machte sie nach ihrem Bachelor-Studium eine dreijährige Ausbildung zur Hebamme. Sie weiß noch genau, wie glücklich sie war, als sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte und endlich zur Tat schreiten konnte. Doch bevor es so weit war, musste sie sich erst noch darüber klar werden, was für eine Hebamme sie sein wollte.

Als ich Hebammen aus dem Westen kennenlernte, fiel mir sofort auf, dass sie wesentlich lockerer und natürlicher waren, dass sie keinen Druck ausübten


„Ich komme aus Ostdeutschland, und dort dominiert eindeutig der Typ der strengen und resoluten Hebamme“, erzählt Birgit. „Übrigens nicht nur in Ostdeutschland. Ich habe später auch mit polnischen Hebammen zusammengearbeitet, die hervorragend ausgebildet waren, aber eine ähnliche Einstellung hatten. Als ich Hebammen aus dem Westen kennenlernte, fiel mir sofort auf, dass sie wesentlich lockerer und natürlicher waren, dass sie keinen Druck ausübten, sondern versuchten auf jede Frau individuell einzugehen. Ich beschloss, dass ich auch so arbeiten wollte. Und in der jüngeren Generation ist dieser Typ Hebamme ohnehin bereits weit verbreitet.“

Birgit arbeitet gern im Geburtshaus. Besonders gut gefällt ihr, dass sie in einem Team arbeitet und sich mit den anderen Hebammen absprechen kann. Der Hebammenberuf bedeutet eine große Verantwortung, auch in rechtlicher Hinsicht. 2008 ging der Fall der Hebamme Anna Rockel-Loenhoff durch die deutschen Medien, die zu sieben Jahren Haft und lebenslangem Berufsverbot verurteilt wurde, weil sie eine Entbindung in einem Hotelzimmer durchgeführt hatte, bei der das Kind gestorben war. Die kleine Greta hatte in Beckenendlage gelegen, also hatten die Ärzte den Eltern einen Kaiserschnitt empfohlen. Doch die Eltern wünschten sich für ihr Kind eine natürliche, sanfte Geburt, und Anna Rockel-Loenhoff entschied sich, das Kind auf natürliche Weise zur Welt zu bringen. „Größer als ihr Wunsch, Greta zu helfen, sei ihre Furcht gewesen, in die Kritik von Ärzten zu geraten, die sie als Konkurrenten und Gegner sah: »Die Kliniker würden ihren Regelverstoß nicht für sich behalten, nicht nur ihre Reputation würde darunter leiden, sondern alles, wofür sie stand, ihr gesamtes Geburtskonzept.« Deshalb habe sie sich gegen eine Verlegung entschieden und es dem Zufall überlassen, ob Greta gesund, behindert oder tot geboren werde“, schrieb 2014 Der Spiegel.

„Es gibt in jedem Beruf Menschen, die Grenzen überschreiten“, kommentiert Birgit diesen Fall. „Eine Beckenendlage des Kindes gilt als mögliches Ausschlusskriterium für eine außerklinische Geburt. Die Hebamme hat die Entbindung trotzdem durchgeführt und damit ihre Befugnisse überschritten. Außerdem führte sie die Entbindung allein durch, es gab niemanden, der sie kontrollierte. Im Geburtshaus gibt es bestimmte Prozeduren, die eingehalten werden müssen. Wir wissen genau, wann wir eine Frau ins Krankenhaus verlegen müssen. Solange wir uns an diese Richtlinien halten, kann nichts Schlimmes passieren.“

Nach Angaben der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe wurden 2016 16,6 Prozent der außerklinisch geplanten Geburten in eine Klinik verlegt. Strenge Richtlinien sorgen dafür, dass die Frauen sich sicher fühlen. So wie Katrin, eine 35-jährige PR-Spezialistin, die sich vor vier Jahren für eine Geburt im Geburtshaus entschied. Ihr gefiel die lockere Atmosphäre und die Tatsache, dass die Hebammen sich bemühten, Vertrauen aufzubauen und ihre weibliche Kraft zu stärken. Leider stellte sich während der Geburt heraus, dass ihr Sohn sich in Beckenendlage gedreht hatte, und die Geburt geriet ins Stocken. Katrin versuchte mehrere Stunden lang, ihr Kind auf natürliche Weise zur Welt zu bringen, doch schließlich war sie mit ihren Kräften am Ende. Als die Hebamme erste Anzeichen für einen fetalen Gefahrenzustand erkannte, ordnete sie sofort eine Verlegung ins Krankenhaus an. Dort erhielt Katrin eine Betäubung und brachte ihren Sohn zwei Stunden später per Kaiserschnitt zur Welt.
„Im August bekomme ich mein nächstes Kind“, sagt sie heute. „Ich habe mich wieder für eine Geburt im Geburtshaus entschieden und hoffe, dass dieses Mal alles glattgeht.“

 

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