Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Was ist los… in deutschen Freibädern?
Bleib cool am Pool

Ein Freibad in Erfurt
Ein Freibad in Erfurt | Quelle: flickr.com; Foto (Zuschnitt): Michael Panse © CC BY-ND 2.0

Deutsche Medien schlagen Alarm – in Freibädern in multikulturellen Stadtvierteln herrscht Unfrieden. In einem von ihnen kommen sogar „Konfliktlotsen“ zum Einsatz. Wie viel Wahrheit und wie viel politische Agenda steckt in diesen Meldungen?

Wieder scheint ein deutsches Kulturerbe bedroht. Neuerdings: das Freibad. Das Freibad ist der Sommerort schlechthin, jedenfalls für alle, die den Sommer in der Stadt verbringen. Wer käme schon auf die Idee, im Sommer ein Hallenbad aufzusuchen? Nein, ein Freibad muss es sein, natürlich ein öffentliches. Auf der Liegewiese haben wir es uns mit einem Eis am Stiel bequem gemacht, hohe Bäume spenden Schatten, ein feiner Duft von Sonnenöl und Pommes Frites schwebt über der Szenerie, am meisten aber entzückt uns das Kindergeschrei vom Beckenrand. Nichts kann das Idyll trüben, sollte man denken – aber leider ist das Idyll getrübt. „Gewalt im Freibad. Bademeister schlagen Alarm“, melden die Medien. Und ganz schnell verwandelt sich unser geliebtes Freibad in einen Krisenherd, in einen sozialen Brennpunkt.

Aber Moment mal: gab es im Freibad nicht schon immer Rowdys oder „Halbstarke“, die quer über die Liegewiese tobten, andere Badegäste nass spritzten oder ihnen auch schon mal den Kopf unter Wasser drückten? Wenn es zu viel wurde, schritt der Bademeister an. Nun aber werden immer öfter die Bademeister von aggressiven Badegästen direkt bedroht. Nicht von Einzelnen, sondern von ganzen Gruppen oder Schwärmen, die sich mit ihrem Kumpel solidarisieren, wenn ihn der Bademeister etwa aus dem Becken verbannen möchte. Man kennt dieses Phänomen auch aus deutschen Innenstädten, wenn die Polizei irgendeinen jungen Mann wegen Falschparkens verwarnen möchte. Der „Täter“ ruft schnell mal drei Dutzend rauflustige „Freunde“ herbei, die sich von der Staatsgewalt bestimmt nicht einschüchtern lassen. Die Polizei muss Verstärkung anfordern und hat alle Mühe, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Immerhin können sie über Funk ein paar Kollegen anfordern. Für Bademeister ist das etwas schwieriger.

Zwischen den sozialen Brennpunkt und die Szene-Kultstätte passt bekanntlich oft kein Badetuch.

Im Freibad also herrscht Unfrieden, sagen die Medien. Gilt das nur für ein paar Krisen-Bäder? Oder macht man am besten einen großen Bogen um öffentliche Badeanstalten? Als ein „Problembad“ (FOCUS) gilt seit Längerem schon das Prinzenbad in Berlin-Kreuzberg. Vom rauen Charme dieser Berliner Institution erzählt der Dokumentarfilm Prinzessinnenbad aus dem Jahre 2007. Schon damals ging es im Prinzenbad „multikulturell“ zu. Das trug durchaus zur Attraktivität dieses Bades bei – schwimmen kann man notfalls anderswo, aber hier lässt sich hautnah Berlin erleben. Zwischen den sozialen Brennpunkt und die Szene-Kultstätte passt bekanntlich oft kein Badetuch. Inzwischen ist das Prinzenbad nicht nur für seine Ausschreitungen bekannt – manchmal muss das Bad kurzfristig schließen, wenn der Bademeister den Überblick verliert – sondern auch für eine kluge De-Eskalationspolitik, bei der etwa „Konfliktlotsen“, männliche und weibliche, zum Einsatz kommen. Sie können Türkisch oder Arabisch und versuchen, präventiv auf mögliche Gewalttäter einzuwirken. „Bleib cool am Pool“, heißt die Devise, die seit einiger Zeit im Prinzenbad praktiziert wird.

Ob das nun erfolgreich ist oder nicht, kann nur wohl der eigene Besuch im Prinzenbad oder einem anderen „Problembad“ zeigen. Prompt gingen nach den letzten Gewalt-Nachrichten  ein paar Journalistinnen im Prinzenbad probeschwimmen und fanden alles ganz prima. Der Artikel las sich dann so, als sei die ganze Berichterstattung über Gewaltprobleme in deutschen Freibädern eine Erfindung „rechter“ Medien. Auch das Freibad ist jetzt ein Schauplatz unserer Kulturkämpfe geworden: wer über Probleme spricht, tut das selten ohne politische Agenda. Das Gleiche gilt für ein anderes Thema, das unsere Sommerferien füllt: es gibt mehr Badeunfälle und mehr Todesfälle durch Ertrinken, vor allem deshalb, weil es deutlich mehr Nichtschwimmer in der Bevölkerung gibt als noch vor ein paar Jahren. Nur noch die Hälfte aller Viertklässler könne sicher schwimmen, wurde gemeldet – früher waren es mal (fast) alle. Wir wollen gerne glauben, dass hierfür auch kulturbedingte elterliche Abneigungen gegen das Schwimmen (vor allem von Mädchen) verantwortlich sind. Aber es genügt bereits ein Blick auf die überfüllten Ufer von Rhein oder Elbe mitten in den großen Städten. Da trauen sich große und kleine Leute in das schnell fließende, stark von Schiffen befahrene Wasser, ohne irgendeine vernünftige Gefahrenabschätzung vorzunehmen. Das wiederum ist ein ähnliches Phänomen wie auch im Hochgebirge: immer mehr Menschen machen leichtsinnige und extreme Sachen, und sei es nur für ein Instagram-Foto. Auch die Zahl von Leuten, die wegen großer Hitze sich irgendwo schnell mal „abkühlen“ wollen, indem sie in einen Fluss, Teich oder Tümpel steigen, den sie nicht kennen, nimmt zu. Komisch, vor alledem hatte man uns doch damals im Schwimmunterricht gewarnt. Aber vielleicht ist der Schwimmunterricht auch nicht mehr, was er einmal war. Wenn viele Städte, gerade die ärmeren, ihre Schwimmbäder schließen, darf man sich nicht wundern, wenn die Leute nicht mehr schwimmen können. Die neuen „Spaß“- oder „Erlebnis“-Bäder sind dafür kein Ersatz, denn in ihnen kann man so ziemlich alles tun außer schwimmen lernen. So, und jetzt erst mal schön ins Freibad. Ich kenne ein paar, in denen noch nicht der Notstand ausgebrochen ist.
 

Top