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Gertrud Grunow und das Bauhaus
Sie bewegen sich gegen eine Mauer von der blauen Farbe

Gertrud Grunow, 1936 (Zuschnitt)
Gertrud Grunow, 1936 (Zuschnitt) | © Bauhaus-Universität Weimar, Archiv der Moderne; Fotograf unbekannt

Das Bauhaus gehörte zu den ersten Hochschulen in Deutschland, die auch Frauen aufnahm. Eine von ihnen war Gertrud Grunow – sie untersuchte die Verbindungen zwischen dem menschlichen Körper, der Farbe und dem Ton. Die innovativen Ideen dieser Dozentin präsentiert Paulina Olszewska.

Wenn wir ihr Porträt aus dem Jahr 1936 anschauen, sehen wir eine Frau im besten Alter mit hochgestecktem Haar. Sie trägt einen weißen Jabot, den am Hals eine altmodische Brosche ziert und steht vom Aussehen her einer alten Jungfer aus Romanen des 19. Jahrhunderts sicher näher als jenen athletischen Bauhausmädchen, die T. Lux Feininger mit seinem Objektiv festgehalten hat. Und doch verbirgt sich hinter diesem altmodischen Äußeren eine außergewöhnliche Gestalt: es ist Gertrud Grunow, eine Lehrerin und Theoretikerin, die durch ihren innovativen Unterricht von 1920 bis 1924 im Weimarer Bauhaus Studenten und Dozenten stark beeinflusst hat – alles spätere Künstler, Architekten und Designer, die eine neue, modernistische Welt schufen.
 
1870 in Berlin geboren, war Gertrud Grunow von ihrer Ausbildung her Sängerin und Gesangslehrerin, die mit 28 Jahren eine Stelle an einer Schule in Remscheid erhielt. Dort erfuhr sie von dem schweizerischen Pädagogen Émile Jaques-Dalcroze, der an der Universität Genf neue Methoden zur musikalischen Erziehung von Kindern und Jugendlichen erarbeitete. Sein Unterricht wird als rhythmische Gymnastik bezeichnet und vereint Solfeggio-Übungen mit einer Reihe rhythmischer Bewegungsabläufe, die zu Musik ausgeführt werden. Ziel dieser Übungen ist es, Harmonie zu erlernen, die als Quelle der Gesundheit wie auch einer richtigen nervlichen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen gilt. Mit Interesse an diesem neuen Ansatz nahm Grunow an Jaques-Dalcrozes Kurs teil und integrierte diesen dann in ihren eigenen Unterricht, allerdings in einer eigenen Interpretation. Ihre pädagogischen Beobachtungen und Erwägungen publizierte sie in einer Reihe von Zeitschriften, was natürlich von anderen Theoretikern nicht unbemerkt bleiben konnte. 1917 nahm Grunow – nun schon wieder seit über einem Jahr in Berlin – an der ersten Ästhetischen Konferenz teil, wo sie auf Walter Gropius traf. Dieser erinnerte sich zwei Jahre später an Grunow, als er in Weimar eine neue künstlerische Schule gründete – das Bauhaus.
 
Die Bewegungen von Jaques Dalcroze (Buchillustration von M. Thévenez, 1912) Die Bewegungen von Jaques Dalcroze (Buchillustration von M. Thévenez, 1912) | Quelle: flickr.com, Internet Archive Book Images, Keine bekannten Urheberrechtseinschränkungen Das Bauhaus sollte grundsätzlich anders sein als alle anderen Hochschulen, seine Innovationskraft auf der Verbindung zweier voneinander völlig unabhängiger Disziplinen beruhen: der schönen Künste, wie sie an den Akademien gelehrt wurden, und dem Kunsthandwerk, wie es die Berufsschulen unterrichteten. Bis dahin waren diese beiden Felder getrennt behandelt worden: Die schönen Künste galten als schöpferisch, vom Genie berührt, während das Kunsthandwerk eine produktive Beschäftigung war, die von ausgebildeten Handwerkern ausgeübt wurde. Aus der Erfahrung englischer Künstler aus dem Arts and Crafts Movement und der Wiener Werkstätten schöpfend, träumte Walter Gropius von einer Schule, die Künstler, Handwerker und Architekten ausbilden sollte, welche dann imstande sein würden, einen neuen Menschen zu erschaffen. Es gelang ihm, einen Professorenkader zu bilden, der sich aus den avantgardistischsten und progressivsten Künstlern und Theoretikern der damaligen Zeit zusammensetzte: Oskar und Carla Schlemmer, Johannes Ittens, Lyonel Feininger und Paul Klee gehörten ihm an. Gertrud Grunow ist die einzige Frau in diesem Kreis.
 
Dem eigentlichen Unterricht am Bauhaus ging das sogenannte Nulljahr voraus, das der allseitigen intellektuellen und kreativen Entwicklung der Studenten gewidmet war. Nach bestandener Prüfung konnten ausgewählte Studenten ihre Ausbildung an der Weimarer Schule fortsetzen. Im Rahmen dieses Nulljahrunterrichts erarbeitete Gertrud Grunow vom Jahr 1920 an eine Reihe von Übungen, die sie selbst Harmonisierungslehre nannte.

Ihre Methode verband Elemente der rhythmischen Erziehung, die zusätzlich um eine Farbentheorie ergänzt wurde, so dass sie ein Dreieck wechselseitiger Abhängigkeiten bildeten. Grunow kombinierte zwölf von ihr selbst gewählte Farben, die nach ihr als „Grunows Kreis“ bezeichnet werden, mit zwölf Musiktönen und zwölf Bewegungsabläufen. Der Unterricht hatte einen sehr individuellen, aber auch einen praktischen Charakter. Im Vortragsraum gab es nichts außer einem Klavier und einigen Farbpunkten an der Wand. Im Unterricht wurden den Studenten Aufgaben gestellt, die sie dann selbständig interpretieren mussten. So bestand eine dieser Übungen darin, die Augen zu schließen und nach der Anweisung „Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem gelben Meer aus Licht“, so zu reagieren, wie es der eigenen Person am ehesten entsprach, sei es stehend, sei es, indem man sich mit seinem Körper bewegte, sei es, indem man durch den Raum ging.

 

Die Harmonisierungslehre von Gertrud Grunow – Dokumentarfilm, Regie: René Radrizzani

Während sie ihren Studentinnen und Studenten Aufgaben stellte, notierte Grunow diese und systematisierte sie, wobei sie nach Regelmäßigkeiten und gewissen wiederkehrenden Mustern in den Reaktionen des menschlichen Körpers suchte. Sie untersuchte, wie ein entspannter Körper entsprechende Farben aufnimmt und welche Körperteile auf sie reagieren. Wie unser Atem in Verbindung mit einer entsprechenden Farbe und einem entsprechenden Klang reagiert, aber auch, welche Farbe welche Emotionen hervorruft und welche Sinne in Abhängigkeit von der Farbe oder von dem Klang reagieren, mit denen sie konfrontiert werden. Dabei schuf sie eine ganze Reihe von Beschreibungen und Tabellen, denen sich entnehmen lässt, wie der menschliche Körper funktioniert und seine Umgebung, zum Beispiel warme oder kalte Farben oder tiefe oder hohe Töne, wahrnimmt. Diese Stunden wurden, anders als andere, von den Studenten sehr geschätzt und gemocht, und sogar Professoren des Bauhauses nahmen an ihnen teil.
 
Von seinen innovativen Lehrmethoden abgesehen, setzte das Bauhaus auch neue gesellschaftliche Trends, denn es war eine Schule, die jedem ungeachtet seiner Herkunft zugänglich war und die als eine der ersten in der Weimarer Republik auch Frauen zum Studium zuließ, und zwar nach denselben Regeln wie Männer. Infolgedessen melden sich in den ersten Rekrutierungsjahren auch mehr Frauen als Männer.

Die Organisationsstruktur des Bauhauses hatte trotz seiner sehr progressiven Prinzipien einen patriarchalischen Charakter.


Gleichwohl hatte die Organisationsstruktur des Bauhauses trotz seiner sehr progressiven Prinzipien einen patriarchalischen Charakter. Zwar nahmen Studentinnen und Studenten im Nulljahr gemeinsam am Unterricht teil, doch nach der Zulassung zum ersten Studienjahr erfolgte eine Aufteilung in Studienrichtungen, die dem jeweiligen Geschlecht entsprachen. Walter Gropius war der Ansicht, dass das weibliche Gehirn anders konstruiert ist als das männliche und daher nicht in der Lage sei, bestimmte Probleme zu verstehen, besonders nicht solche, die das Erfassen eines Raumes oder das abstrakte Denken betreffen. Daher seien Frauen nicht fähig, Fächer wie Architektur, Entwerfen oder Handwerk zu studieren. Da sie aber – nach Gropius‘ Ansicht – über überlegende manuelle Fähigkeiten verfügten, sollten Frauen sich in Fächern wie Weberei und dem Entwerfen von Textilien, Metall und Schmuck bilden. Entsprechend mit Studentinnen überfüllt waren die Webwerkstätten und die Räume für das Entwerfen von Dekorationsgegenständen. Dagegen war die Teilnahme von Frauen an den Architektur- oder Theoriekursen einfach nicht angesagt.

Auch im Professorenkader war die Geschlechtergleichheit eine reine Fiktion. Die Bezeichnung „Frau Meisterin“ bedeutet nichts weiter als „Ehefrau des Meisters”, also eines Bauhaus-Professors. Selbst Gertrud Grunow erfuhr diese Ungleichheit während ihrer Arbeit in Weimar sehr deutlich. Sie leitete eigene Theorieübungen, und ihre abschließende Bewertung nach dem Nulljahr entschied darüber, ob ein Student zur Fortsetzung des Studiums angenommen wurde oder nicht. Trotzdem erreichte sie nie die Stellung eines Bauhausmeisters, und während ihres gesamten Aufenthalts wurde sie schlicht als „Fräulein“ angesprochen. Darüber hinaus offenbaren die Sitzungsprotokolle des Professorenrates ein geradezu misogynes Bild der Schule. In einer Sitzung verbat sich Carl Schlemmer die Anwesenheit Grunows, weil sie eine Frau ist und drohte mit dem Boykott der Beratung. Damit diese überhaupt stattfinden konnte, musste Grunow den Raum verlassen.
 
Grunow verließ das Bauhaus aber aus einem anderen Grund, der mit Veränderungen in der gesamten Struktur der Hochschule zu tun hatte. Die von Gropius erdachte Methode zur allseitigen Entwicklung stieß mit der Zeit auf große Kritik, auch auf den Widerstand der Behörden das Landes Thüringen, das die Hochschule finanzierte. Andere fragten, warum Grunows Lehrveranstaltungen so teuer waren, wenn ihr Hörsaal doch eigentlich leer war? Diese kritischen Stimmen, aber auch die wachsenden finanziellen Probleme, mit denen das Bauhaus zu kämpfen hatte, führten zu einer Kehrtwende in den Lehrmethoden. Der Schwerpunkt wurde von der Allgemeinbildung auf die Berufsausbildung verlegt, die es erlaubte, konkrete Verfahren und Fertigkeiten zu erwerben. Zugleich sollte die Schule nicht mehr nur eine reine Bildungseinrichtung sein, sondern auch eine Firma, die Produkte wie Möbel und Gegenstände des täglichen Gebrauchs liefert. Dieses Konstrukt sollte der Schule eine zusätzliche Einkommensquelle sichern.

Grunows Forschungsarbeit war jahrelang unbekannt oder wurde in verschiedener Hinsicht missdeutet und als Esoterik wahrgenommen.

Indessen fiel gegen Ende des Jahres 1923 die Entscheidung, die Harmonielehre im Nulljahr einzustellen. Grunow blieb bis zum Herbst 1924, um ihre begonnenen Lehrveranstaltungen abzuschließen und einige Sommerkurse zu geben.
Wie bekannt, erholte sich die Hochschule trotz dieser Änderungen nicht mehr und musste 1925 wegen finanziellen Bankrotts und ausbleibender Unterstützung des Landes Thüringen geschlossen werden.
 
Gertrud Grunow verlegte ihren Wohnsitz von Weimar nach Hamburg, wo sie eine Anstellung an der Universität fand und ihre Methode weiter verfeinerte. In den 1930er Jahren lebte sie in der Schweiz und in England, wo sie Privatstunden in Musik und rhythmischer Ausbildung gab. Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs war sie in London und sah sich zur Rückkehr nach Deutschland gezwungen. Sie zog nach Düsseldorf und beschloss, die Ergebnisse ihrer jahrelangen Forschung zur Verbindung von Farbe, Klang und Bewegung zu ordnen und zu systematisieren. Leider fiel ihr Düsseldorfer Haus im Jahr 1944 dem Bombenhagel zum Opfer, und ihre jahrelange Arbeit wurde zerstört. Grunow zog nach Leverkusen, wo sie noch im selben Jahr starb.
 
Von ihrem gewaltigen Werk ist nur wenig erhalten – Fragmente ihrer Forschungen und Materialien, die ihre Schüler, insbesondere ihre Schülerin und spätere Assistentin Hildegarda Nebel-Heitmeyer, zusammengetragen haben. Grunows Forschungsarbeit war jahrelang unbekannt oder wurde in verschiedener Hinsicht missdeutet und als Esoterik wahrgenommen. Grunow teilte das Schicksal vieler anderer Frauen im Bauhaus, deren Arbeit mit der Zeit in Vergessenheit geraten ist und die erst allmählich auf den ihnen gebührenden Platz zurückkehren.
 
Beim Nachdenken über Grunow ist es lohnend sich zu vergegenwärtigen, dass die von ihr erarbeiteten Methoden, mögen sie auch sehr abstrakt erscheinen, sich unmittelbar auf uns und unsere Umgebung beziehen. Denken wir nur daran, wie unser Körper in einem Raum reagiert, der grellrot angestrichen ist, und wie er sich in einem Raum verhält, der in einem sanften Blau gehalten ist. Wie wirkt die Musik auf uns, die in einem Geschäft läuft, und welche Emotionen löst die Erinnerung an die Farbe eines Pullovers in uns aus, den unsere Großmutter getragen hat? Die Anfänge solcher Forschungen wurden in jenem scheinbar leeren Hörsaal der Universität in Weimar gemacht, wo eine in einen altmodischen langen Rock und ein Korsett gekleidete Frau einer Gruppe junger Menschen eine Anweisung wie diese gibt: „Stellen Sie sich eine Kugel vor, und stellen Sie sich weiterhin vor, dass Sie sich im Inneren dieser Kugel befinden. Sie berühren sie von innen. Und nun stellen Sie sich diese Kugel in den folgenden drei völlig unterschiedlichen Farben Gelb, Blau und Rot vor...“

 
 

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