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Eisenach
Eisenach, Bach und...

Eisenach – die Wartburg
Eisenach – die Wartburg | Quelle: pixabay.com; Foto (Zuschnitt): Thomas Wolter

Zu DDR-Zeiten wurde in Eisenach der legendäre Wartburg produziert und fast fünfhundert Jahre früher in der gleichnamigen Burg übersetzte Martin Luther die Bibel. Wie es sich heute in dieser Stadt lebt, erkundet Ewa Wanat.

Von Ewa Wanat

Es ist 9.00 Uhr morgens. Der graue Februarhimmel lädt nicht gerade zu einer Stadtbesichtigung ein, es ist kalt. Laut der Eisenacher Presse kann man in Thüringen bereits von einer Grippeepidemie sprechen. Ich würde gerne etwas Warmes trinken, doch sämtliche Cafés auf dem Marktplatz haben noch geschlossen. Also betrete ich eine offene Buchhandlung mit dem Namen Leselust.

Noch vor zehn Jahren gab es in Eisenach vier Buchhandlungen, heute sind nur noch zwei übrig geblieben. Die in dem historischen Gebäude am Marktplatz und eine Thalia-Filiale in der Fußgängerzone, die im Gegensatz zur Buchhandlung Leselust neben Büchern auch andere Produkte verkauft. Gernod Siering erklärt, man müsse schon ein ziemlicher Idealist sein, wenn man heutzutage eine Buchhandlung in einer Kleinstadt betreibt. Siering ist seit 2008 Besitzer der Buchhandlung Leselust, nebenbei betreibt er das Kulturportal www.kritikatur.de mit Buchrezensionen und Veranstaltungstipps für die Region. Viele seiner Kunden kommen nicht nur, um etwas zu kaufen, sondern auch, um sich mit ihm über Literatur zu unterhalten.

„Man kann sich nicht beklagen“

„Man kann sich nicht beklagen“, sagt Siering lächelnd. „Es gibt in Eisenach keinen Bevölkerungsschwund, im Gegensatz zu vielen anderen ostdeutschen Städten.“ Zu DDR-Zeiten wurde in Eisenach der legendäre Wartburg produziert, heute gibt es das BMW-Werk, das Opel-Werk und das Bosch-Werk, und im Sommer kommen Touristen. Dreiundvierzigtausend Menschen leben in Eisenach. Gegenüber der Buchhandlung Leselust befindet sich die Georgenkirche, in der bereits der am 31. März 1685 in Eisenach geborene Johann Sebastian Bach getauft wurde. Hundert Jahre zuvor hatte Martin Luther in der Georgenkirche gepredigt. Das Taufbecken aus dem Jahr 1503, in dem der kleine Johann Sebastian getauft wurde, befindet sich auch heute noch in der Kirche und erfüllt weiterhin seinen Zweck. Ich mache ein Foto von dem Taufbecken und schicke es einer befreundeten Violinistin, einer glühende Bewunderin von Johann Sebastian Bach. Sie kann gar nicht glauben, dass ich mich tatsächlich an diesem Ort befinde.
Eisenach – der Marktplatz und die Georgenkirche Eisenach – der Marktplatz und die Georgenkirche | Quelle: flickr.com; Foto: Nick Thompson © CC BY-NC-SA 2.0 Als Nächstes besuche ich das Bachhaus, das weltweit größte Museum zum Leben und Schaffen des großen deutschen Komponisten. Auf dem Weg dorthin komme ich an einem italienischen Restaurant vorbei, das sich einiger prominenter Gäste rühmen kann, deren Fotografien in einem gläsernen Schaukasten ausgestellt sind. Unter anderem aßen hier David Hasselhoff, Bruce Willis sowie mehrere bekannte deutsche Schauspieler und Journalisten. Ich kann mir nicht helfen, aber mir kommen augenblicklich die Schaukästen mit Porträts von Helden der Arbeit in den Sinn – schließlich befinde ich mich in der ehemaligen DDR.

Das Museum ist äußerst eindrucksvoll, besonders wenn man es sich in vollkommener Einsamkeit ansieht (und anhört). Man kann in einem runden Sessel Platz nehmen, sich Kopfhörer aufsetzen und den Werken Bachs in der Interpretation der bedeutendsten Musiker lauschen. Ich muss ein wenig grinsen, als ich im Museum ein Holzbrett mit einem Loch und einer Klappe entdecke – einen alten Abort, der hier als ein wertvolles Exponat ausgestellt wird. Man kommt nicht um den Gedanken herum: Durch dieses Loch entleerte sich ein musikalisches Genie. Nicht minder amüsant ist eine Sammlung von Bach-Porträts, die von unterschiedlichen Künstlern angefertigt wurden und lauter unterschiedliche Gesichter zeigen, die nicht die geringste Ähnlichkeit miteinander haben.

Nicht nur ein Museum

Auf der über der Stadt gelegenen Wartburg schrieb Martin Luther 1522 seine Bibelübersetzung. Die Wartburg steht auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes. Leider bekomme ich nur die Eingangstür zu sehen, denn die Burg schließt um 17.00 Uhr. Schade, ich hätte mir gerne die Sammlung mit Gemälden von Lucas Cranach angesehen. 

Sowohl die Wartburg als auch das Bachhaus dienen – wie die meisten Einrichtungen dieser Art in Deutschland – nicht nur als Museen und Ausstellungsräume, sondern auch als Tagungsorte, als Orte der Begegnung und des Austauschs. Die kulturelle Vergangenheit soll ein Ansporn für die Gegenwart und die Zukunft sein. Nichts ist abgeschlossen, alles ist im Fluss.

Zu Zeiten Bachs, Luthers und Cranachs war Thüringen ein Zentrum der Hexenverfolgung. Zwischen 1525 und 1731 fanden in Thüringen 1565 Prozesse gegen Hexen und Zauberer statt, neunzig Prozent der Angeklagten waren Frauen, in drei Vierteln der Fälle wurde das Todesurteil verhängt.
Eisenach – das Bachhaus Eisenach – das Bachhaus | Quelle: Wikimedia Commons; Foto: Bachhaus.eisenach © CC BY 3.0 Fast fünfhundert Jahre später, im März 2018 feiert im Landestheater Eisenach das Stück On the Edge Premiere, ein getanzter Diskurs zu #MeToo. Die Macher des Tanzstücks suchen nach Antworten auf die Frage, wie Frauen und Männer heutzutage miteinander umgehen können und sollen, ohne dass Flirten unter Generalverdacht gerät, aber Machtmissbrauch ausgeschlossen ist. Zu hören gibt es unter anderem bissige Texte von Elfriede Jelinek sowie Musik von den Einstürzenden Neubauten, Johnny Cash und Michael Nyman.

Ein Jahr später findet unweit der Kirche, in der einst Luther predigte, eine Demonstration für Frauenrechte statt. Über politische und weltanschauliche Grenzen hinweg demonstrieren die Teilnehmerinnen gegen die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen: In Deutschland verdienen Frauen nach wie vor rund zwanzig Prozent weniger als Männer.
Es wäre interessant, zu wissen, was Martin Luther zu dieser Kundgebung neben seiner Kirche gesagt hätte.

Jede Menge Attraktionen

Ich bin eine typische Großstädterin. Je größer eine Stadt ist und je anonymer ich mich in ihr bewegen kann, desto besser. In kleineren Städten fühle ich mich immer ein wenig unwohl, sie deprimieren und erschrecken mich. Als ich Gernod Siering frage, was man in einer so kleinen Stadt wie Eisenach unternehmen kann, sieht er mich an, als sei ich verrückt. Er sagt, es gebe hier jede Menge Attraktionen, unter anderem zwei Theater. Besonders empfiehlt er mir das Theater am Markt, ein freies, engagiertes Theater, das zahlreiche Projekte mit Jugendlichen organisiert. Ich sehe mir die Internetseite des Theaters am Markt an, das Repertoire wirkt eher konservativ: Ibsen und Yasmina Reza. Doch es finden auch Improvisationsabende zu vom Publikum vorgegebenen Themen statt. Das Spielzeitmotto 2018 lautet: „Zeit für Bekenntnisse: Weil wir uns weiterentwickeln. Weil wir uns immer wieder neu erfinden. Weil wir gestalten wollen. Weil wir unsere Komfortzonen verlassen. Weil wir uns ständig selbst hinterfragen [...]“
 
Siering selbst geht gerne in die Kleinkunstkneipe Schorschl, in der Konzerte, Theateraufführungen, Ausstellungen und Kabarettabende stattfinden. Einige Hundert Meter weiter gibt es Konkurrenz: das Kleinkunstcafé Lebemann, das Live-Konzerte, Stand-up-Comedy und Auftritte lokaler Künstler anbietet. Und dann gibt es selbstverständlich noch das Landestheater Eisenach, in dem Theater-, Oper- und Ballettaufführungen stattfinden und das alljährlich ein Bachfest veranstaltet.

Freiwilligenarbeit spielt in Deutschland eine wichtige Rolle. Vierundvierzig Prozent der Deutschen sind ehrenamtlich tätig – auch die Einwohner Eisenachs. Diana Artschwager, die von der Thüringer Allgemeinen als „Energievulkan“ bezeichnet wurde, ist Tänzerin, Kassenwartin und Tanzlehrerin im Tanzverein Eisenach, sie engagiert sich im Theater am Markt, organisiert einen alternativen Adventsmarkt und ist Mitglied des Stadtrats. 2018 wurde sie vom Bürgermeister für ihr soziales Engagement ausgezeichnet, ebenso wie das Team des Jugendhauses East End, das ein Projekt mit dem Titel Old meets Jung organisiert: eine Veranstaltungsreihe zur Förderung des intergenerativen Dialogs, aus der bereits mehrere Freundschaften zwischen jungen und älteren Menschen hervorgingen.
 

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