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Was ist los mit... der deutschen Nationalmannschaft?
Champion oder kranker Mann?

Die deutsche Nationalmannschaft mit dem Pokal nach dem gewonnenen Finale der Fußball-WM 2014
Die deutsche Nationalmannschaft mit dem Pokal nach dem gewonnenen Finale der Fußball-WM 2014 | Foto: Marcello Casal Jr/Agência Brasil © CC BY 3.0 BR

Wenn den Deutschen etwas gelingt, wie z.B. der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, kennt der Jubel keine Grenzen. Wenn aber gerade keine großen Erfolge verzeichnet werden, heißt es oft, Deutschland werde „nach unten durchgereicht“. Wie findet man das Gleichgewicht? – fragt Christoph Bartmann.

Ist es in anderen Ländern auch so, dass im aktuellen Erfolg oder Misserfolg der Fußball-Nationalmannschaft (der Männer-Nationalmannschaft natürlich) sich irgendwie die Lage der gesamten Nation spiegelt? In Deutschland hat diese Parallelisierung von Fußball und nationaler Stimmungslage jedenfalls Tradition. Man erinnert sich gerne an das „Wunder von Bern“, als Deutschland 1954 völlig überraschend Weltmeister wurde. (West-)Deutschland, wiedergeboren als Wirtschaftswunderweltmeister, das war eine Legende, die vielen gefiel, in Deutschland, und im Ausland auch. Oder dann der Weltmeistertitel von 1990: im Jahr der deutschen Wiedervereinigung kennt der Jubel keine Grenzen. Trainer Franz Beckenbauer behauptet, wenn erst die ost- und die westdeutschen Spieler eine Mannschaft bildeten, sei Deutschland überhaupt nicht mehr zu schlagen – was sich als Irrtum herausstellen sollte. Stattdessen begann eine längere Krise des deutschen Fußballs (eine Krise, die immer dann registriert wird, wenn Deutschland nicht Weltmeister wird), die erst 2006 endete, nicht mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft, aber mit Platz Drei und dem sogenannten „Sommermärchen“, bei dem, auch wieder eine Legende, die Deutschen sich als friedlich-nette Patrioten wieder entdeckten.

Der letzte deutsche Fußball-Höhepunkt war dann der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014, mit dem sagenhaften 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale. Im Jahr davor hatte auch noch Bayern München im Finale gegen Borussia Dortmund die Champions League gewonnen, womit das deutsche Fußballglück perfekt war. Die internationalen Medien wurden dann auch nicht müde, diese Erfolge als Konsequenz deutscher Tüchtigkeit und anderer deutscher Tugenden zu beschreiben, was man sich in Deutschland nicht ungern anhörte.

Aber der Ball ist rund, wie der deutsche Alt-Bundestrainer Sepp Herberger zu sagen pflegte. Deshalb rollt er ja nie verlässlich in Richtung Erfolg – oder wüssten wir von einem Land, das jedes Mal Weltmeister wird? In Deutschland gibt es, was den Fußball angeht, leider nur zwei Übertreibungen, die sich zyklisch wiederholen. Die eine besteht darin, dass wir uns für die „logischen“ Weltmeister halten, die deshalb natürlich immer Weltmeister bleiben werden. Die andere Übertreibung besagt, dass wir tief in einer Krise stecken, aus der wir keinen Ausweg wissen, wahrscheinlich weil wir noch nie so gut Fußball spielen konnten wie die anderen, die Brasilianer, Spanier, Franzosen und so weiter.

Nach dem Erfolg von 2014 hat Fußballdeutschland wieder mal auf Krise umgeschaltet. Erst gab es eine enttäuschende Europameisterschaft 2016, dann eine noch viel enttäuschendere Weltmeisterschaft 2018, und dann flog Deutschland auch prompt aus der A-Gruppe der neu geschaffenen „Nations League“, einem Pseudo-Wettbewerb der UEFA, der für noch mehr Fußball im TV sorgen soll. Inzwischen wurde Deutschland gnadenhalber (aus Gründen, die uns hier nicht interessieren müssen) wieder aufgenommen, aber der Schock saß tief. Deutschland zweitklassig? B-Liga? Schnell macht sich dann der Fatalismus breit: Haben wir es nicht immer schon gewusst? Wir können eben nicht Fußball spielen. Dabei hatte es gerade noch geheißen, Bundestrainer Jogi Löw könne aus einem derart unendlichen Talent-Reservoir schöpfen, dass er gar nicht wüsste, wen er aufstellen soll.

Mal sehen, was als nächstes kommt. Meine Erwartung sagt, dass Deutschland sich wieder aufrappeln wird, aber keinesfalls zwingend der nächste Europa-, Weltmeister oder sonst etwas sein muss. Andere Länder halten es auch aus, nicht jedes Mal Weltmeister zu werden – warum fällt das vielen Deutschen schwer? Und warum verfallen sie nach ein paar Misserfolgen gleich in tiefe Resignation? Diese Gefühlslage endet nicht beim Fußball, sie prägt überhaupt die Wahrnehmung des eigenen Landes, gerade auch durch die Medien. Deutschland ist entweder Weltmeister in irgendetwas (Fußball, Export, Tourismus und anderes), oder es ist in der Krise. Aktuell lässt sich dieses Schema wieder gut beobachten: jahrelang wuchs die deutsche Wirtschaft, die Steuereinnahmen sprudelten, die Staatschulden schwanden, es lief überhaupt wie geschmiert – und jetzt haben wir gerade mal eine kleine Konjunkturdelle, was wohl auch mit der Weltwirtschaft zu tun hat, und augenblicklich ist Deutschland wieder der „kranke Mann Europas“. Im Vokabular des Fußballs gesprochen, wandelt sich Deutschland gerade wieder mal vom Champion zum Absteiger. Deutschland würde, weil es die Digitalisierung und anderes „verschlafen“ hätte, jetzt blitzschnell „nach unten durchgereicht“, munkeln schon manche deutschen Wirtschaftsvertreter.

Das alles hat man schon zu oft gehört, um es wirklich glauben zu können. Fehlt vielleicht in Deutschland ein bisschen das Verständnis dafür, dass es zwischen Triumph und Desaster noch eine dritte, viel realistischere Dimension gibt? Nämlich die des Mittelmaßes. Freuen wir uns also an unserer aktuell eher mittelmäßigen Fußball-Nationalmannschaft, die uns mit ihrem Mittelmaß die Chance gibt, von größeren Erfolgen zu träumen.

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