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Was ist los mit... dem Literaturnobelpreisträger?
Der Fall Peter Handke

Der Nobelpreis für Literatur löst in den letzten Jahren verstärkt Kontroversen aus. Während sich in Polen alles um die Auszeichnung für Olga Tokarczuk dreht, entbrannte im deutschsprachigen Raum eine Debatte über den anderen Preisträger Peter Handke und seine problematischen Aussagen zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien.

Von Christoph Bartmann

Peter Handke Peter Handke | © Nobel Media 2019. Illustration: Niklas Elmehed Zwei Literaturnobelpreise in einem Jahr überfordern vielleicht unsere Aufmerksamkeit. Jedenfalls drehte sich in Polen alles um Olga Tokarczuk, während man sich hier in Sachen Peter Handke erst mal kundig machen musste. Im deutschsprachigen Raum war es genau umgekehrt. Olga Tokarczuk kennen nur ein paar Insider, aber Peter Handke kennen alle. Während sich aber über Tokarczuk auch die freuten, die sie nicht kennen, hat der Nobelpreis für Handke eine alte und bittere Kontroverse frisch entfacht.

Es geht um Jugoslawien, genauer um die Artikel und Bücher, die Peter Handke in den Neunziger- und frühen Nuller-Jahren über die Bürgerkriege in Ex-Jugoslawien sowie den NATO-Einsatz im Kosovokrieg 1999 geschrieben hat. Warum überhaupt schreibt ein berühmter Schriftsteller, der sonst das politische Engagement scheut und ein stilles Leben am Pariser Stadtrand führt, plötzlich über Serbien im Krieg, warum trifft er den Kriegsverbrecher Radovan Karadžić und warum hält er sogar auf Slobodan Miloševićs Begräbnis eine Rede? Wer es verstehen will, muss Handkes Bücher lesen, nicht nur die über Jugoslawien, sondern auch die anderen. Zum Beispiel den Roman Die Wiederholung von 1984, in dem Handke, der Sohn einer slowenischstämmigen Mutter aus Südkärnten, ein alter ego auf eine Reise nach Slowenien schickt. Slowenien, und dann auch das ganze übrige Jugoslawien, der multikulturelle Tito-Staat mit seinem „dritten Weg“, sind für Handke der utopisch-poetische Gegenentwurf zu Deutschland und Österreich. Der Roman endet mit einem großen Hymnus auf den slowenischen Karst, in dem der Erzähler erstmals so etwas wie das Reich der Freiheit erblickt. 1991 wird Handkes Traumreich kaputt gemacht, und von wem? Natürlich von den Deutschen, die Slowenien und Kroatien als erste diplomatisch anerkennen und damit eine furchtbare Eskalation in Gang setzen. Jedenfalls nach Handke.

Die Älteren erinnern sich, dass es auch einen Peter Handke „vor Jugoslawien“ gab.


Die Älteren erinnern sich, dass es auch einen Peter Handke „vor Jugoslawien“ gab. Handke, Jahrgang 1942, war der große Provokateur, das enfant terrible der deutschsprachigen Literatur der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Er war so etwas wie der John Lennon der Literatur, aggressiv, narzisstisch und unberechenbar. Berühmt machte ihn schon sein erster Auftritt. 1966, beim Treffen der „Gruppe 47“ in Princeton, beschimpfte er die etablierten Kollegen pauschal als „impotent“. Ein Star war geboren, der dann auch Buch um Buch, Stück um Stück vorlegte, die bis heute international bekannt sind: Publikumsbeschimpfung, Kaspar, Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Wenig später erfolgte die erste von Handkes vielen „Wenden“ oder „Kehren“: die Bücher erzählten nun von existenzieller Not, Verzweiflung und rauschhaften Zuständen bei der Versenkung in die kleinen Dinge. Handkes vielleicht bestes Buch, Wunschloses Unglück (1972), schildert in dieser radikal-subjektiven Art das Leben und Sterben seiner Mutter.

Der Nobelpreis für Handke würde von vielen gefeiert, wenn es nicht die vielen Texte und Statements gäbe, in denen er Zweifelhaftes über den Jugoslawienkrieg geäußert hat. Nicht nur können ihm viele Leute seine damaligen Aussagen nicht verzeihen, gerade die Leidtragenden der Jugoslawienkriege. Hinzu kommt, dass Handke, wie es seine Art ist, mit jedem Erklärungsversuch neue Probleme aufwirft und neue Fronten eröffnet. Das hat zur Folge, dass Handke keinen Preis entgegen nehmen kann, ohne dass auf der Straße demonstriert wird; besonders heftig war es in Oslo, als dort vor einigen Jahren Handke den Ibsen-Preis entgegen nahm. Mit dem Nobelpreis haben sich nun die Affekte vervielfältigt. Alle, auch diejenigen, die Handke gar nicht gelesen haben, haben nun eine Meinung und tun sie in den sozialen Medien kund. Wenige Tage nach der Nobelpreisnachricht nahm Saša Stanišić, der Gewinner des diesjährigen Deutschen Buchpreises, seine Dankesrede zum Anlass für eine Attacke gegen Handke. Stanišić, geboren in Bosnien, war 1992 mit seiner Familie aus dem von Serben eingenommenen Višegrad geflohen. Handke, so meint er und so meinen es viele, habe den Genozid in Bosnien, namentlich in Srebrenica, geleugnet oder wenigstens verharmlost.

Früher sprangen Handke stets ein paar seiner Freunde zur Seite und verteidigten, manchmal auch wider besseres Wissen, den Autor gegen solche Angriffe. Jetzt aber überwiegt deutlich die Handke-Kritik. Das Meinungsklima hat sich verändert: die Zahl derjenigen nimmt ab, die finden, dass Kunst und Literatur über politische Irrtümer erhaben seien. Dagegen wächst die Zahl der Menschen, die das Ästhetische nicht vom Ethischen getrennt betrachten wollen. Und ist der Literaturnobelpreis nicht einst geschaffen worden für Autoren, die „das Beste in idealistischer Richtung geschaffen“ haben? Das Tragische am Fall Handke ist: auch sein Einsatz für die vom „Westen“ bombardierten Serben war „idealistisch“ gemeint. Vor lauter Idealismus musste er alle schmähen, die die Dinge anders sahen. Peter Handke hat seinen literarischen Ruhm im Einsatz für Serbien aufs Spiel gesetzt. Der Nobelpreis wird an dieser Beurteilung nichts ändern, im Gegenteil, er wird Handkes Namen für immer mit diesem unglücklichen Engagement verknüpfen.
 

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