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Gnadenlose Schönheit

Gustave Surand (1860-1937), „Orpheus Charming the Animals“ (Ausschnitt)
Gustave Surand (1860-1937), „Orpheus Charming the Animals“ (Ausschnitt) | Quelle: flickr.com; Foto: Sofi, gemeinfrei

Polskie wydanie „Sonetów do Orfeusza i innych wierszy“ Rainera Marii Rilkego oczarowuje już samą okładką, ale w tym przypadku treść dorównuje formie. Imponujący wybór Adama Pomorskiego sprawia, że ten tom to przygoda na całe lata.

Wenn wir über Lektüren sprechen, die uns im Gedächtnis geblieben sind, über Bücher, die uns etwas bedeuten, dann bleiben deren materielle Eigenschaften häufig unerwähnt – ihr Gewicht, ihre Farben und Illustrationen –, so, als bestünden Bücher einzig in der Aneinanderreihung von Buchstaben, Wörtern, Sätzen, als existierten sie ausschließlich textuell, nicht aber in ihrer einzigartigen physischen Gestalt. 

„Sonety do Orfeusza i inne wiersze“, Rainer Maria Rilke „Sonety do Orfeusza i inne wiersze“, Rainer Maria Rilke | © Oficyna Literacka Rainer Maria Rilkes Gedichte aus dem Band Sonety do Orfeusza i inne wiersze [Sonette an Orpheus und andere Gedichte], ausgewählt und übersetzt von Adam Pomorski, gehören zu den literarischen Werken, die mich mit ihrer Schönheit vollkommen, absolut, gnadenlos in ihren Bann geschlagen haben; ich weiß noch genau, wie ich die blau-ockerfarbene Banderole mit dem Blütenmuster im Jugendstil, den dunkelblauen Leineneinband mit den aufgeprägten goldenen Lettern, die gezeichneten Vignetten bewunderte, als ich den Band zum ersten Mal im Buchladen sah. Rilke, natürlich – zunächst aber war da die Begeisterung über das Äußere dieser Ausgabe und nicht über ihr Innenleben. Die Begeisterung über den Kontrast zwischen Glanz und Mattheit, über die herrlichen ornamentalen Zeichnungen. Nun werfe ich einen Blick ins Impressum und stelle fest, dass die erste Ausgabe zwei Jahre zuvor erschienen war, 1994, und dass der Grafiker, Dmitrij Szewionkow-Kismiełow, beim Wettbewerb der Polnischen Gesellschaft der Buchverleger um das schönste Buch des Jahres für seine Arbeit ausgezeichn et wurde. Damals jedoch wusste ich weder davon noch interessierte es mich – was zählte, war allein die Schönheit. Um das zu verstehen, muss man die Scheußlichkeit der damaligen Bucheinbände vor Augen haben – auf die zwangsläufige Eintönigkeit der krisenhaften 1980er Jahre folgte eine Zeit des blinden Farbenrausches, des Schrillen und Grellen, der Grafikprogramme mit zweihundert verschiedenen Schriftarten. Eine billige Überfülle, Gewimmel wie auf einem Basar. Vor dieser Kulisse war der Rilke eine Erleuchtung. Auch preislich stach er hervor – besonders in Anbetracht der Möglichkeiten des Gymnasiasten, der ich damals war –, trotzdem kaufte ich mir den Band, wenn ich auch über Rilke kaum mehr wusste, als dass er „ein großer Dichter war“.

Liebe auf den ersten Blick übersteht selten den Moment, in dem man das Objekt seiner Begierde näher kennenlernt. Bei diesem Gedichtband aber entzündete sich meine Begeisterung in all den Jahren immer wieder neu.


Liebe auf den ersten Blick übersteht selten den Moment, in dem man das Objekt seiner Begierde näher kennenlernt. Bei diesem Gedichtband aber entzündete sich meine Begeisterung in all den Jahren immer wieder neu. Ihn in einem Zug durchzulesen ergibt keinen Sinn – vielleicht kann man es auch gar nicht. Pomorskis Gedichtauswahl erwies sich als überwältigend, auch was die Übersetzung betraf (soweit meine mangelnden Deutschkenntnisse mir dieses Urteil erlaubten; ich kannte nur verschiedene Übertragungen derselben Gedichte ins Polnische), und so kehrte ich immer wieder zu diesen Übersetzungen zurück, stieß jedes Mal auf neue Wunderdinge.

Nun öffne ich den blauen Leineneinband und erinnere mich nicht nur an die Gedichte selbst, sondern auch an mich, wie ich sie las, jung und naiv; hier und da sehe ich Texte, die mir Anstoß gaben für eigene, vertraut sind sie mir, wie alte Bekannte. Manchmal liegen dem konkrete Bilder zugrunde, manchmal nur die Melodie. Venezianischer Morgen und Ein Doge, Sonette an Orpheus („...Und er gehorcht, indem er überschreitet“), Selbstbildnis aus dem Jahre 1906. Und die Hetären-Gräber – ja, auch daran erinnere ich mich: wie eine Freundin mich besuchen kam und mir in dem Band, den ich doch in- und auswendig zu kennen glaubte, genau dieses Gedicht zeigte, das mir danach viele Jahre lang, und auch heute noch, unerreichtes Beispiel war: 
 
In ihren langen Haaren liegen sie
mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.
Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.
Skelette, Munde, Blumen. In den Munden
die glatten Zähne wie ein Reise-Schachspiel
aus Elfenbein in Reihen aufgestellt.
Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,
Hände und Hemden, welkende Gewebe
über dem eingestürzten Herzen.
[...]
           
Selbst jetzt, wo ich diese Worte schreibe, unterbreche ich mein Tun immer wieder, um in dem Band zu blättern; manche Gedichte sprechen mich mehr an, andere weniger, hier und da stößt man auf einen arg zurechtgebogenen Reim oder Satzbau – so etwas kommt selbst in den besten Übersetzungen vor –, bei manchen Gedichten ist der Zauber für  mich verblasst, andere haben im Laufe der Zeit ganz andere Bedeutungen gewonnen. Eines jedoch weiß ich: Diese Lektüre nimmt ihren Leser für ganze Jahre gefangen, und der dunkelblaue Buchrücken ist einer der Anker in meiner kleinen Bibliothek.
 

Rainer Maria Rilke, Sonety do Orfeusza i inne wiersze [Sonette an Orpheus und andere Gedichte], in der polnischen Übersetzung von Adam Pomorski, Oficyna Literacka, Kraków 1996; zweite, überarbeitete Auflage)

 

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