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Biobusiness
„Lebe so, als ob es ein Morgen gäbe”

Das Weingut und die Familie Wöhrle
Das Weingut und die Familie Wöhrle | Foto (Ausschnitt): © privat

Ständig lese ich, dass wir unseren Umgang mit der Natur und den Tieren ändern müssen, um zu überleben. Und dass man mit dieser Änderung am besten bei sich selbst beginnt. Ich like, teile und schäme mich. Geht es doch bei einfachen Einkäufen schon los. Anstatt zum örtlichen Geschäft mit Biolebensmitteln zu fahren, wo Erzeugnisse von naturfreundlichen Bauernhöfen verkauft werden, entscheide ich mich für den Supermarkt, zu dem ich es näher habe und der auf dem Weg liegt. Und dann bricht mir das Herz, wenn ich höre, dass noch ein Geschäft eingegangen ist, dass es den kleinen Markt nicht mehr gibt und dass die Frau mit den frischen Eiern vom glücklichen Huhn aufgegeben hat. Und gerade von ihnen handelt dieses Lied. Das heißt – diese Reportage.

Von Joanna Strzałko

68 Stunden an sechs Tagen in der Woche

Grünstadt ist so ein kleines und, wie schon der Name sagt, grünes Städtchen in Rheinland-Pfalz. Das Grün tritt hier in verschiedenen Konstellationen auf: in den Kronen der Platanen, die den Hauptplatz umgeben, an den Ständen der Landwirte, die samstags vormittags im Stadtzentrum ihre ungespritzten Salate, Lauch, Broccoli und Zucchinis auslegen, und auch in den großen Schaufenstern des Ökoladens „herrlisch“, der ein Eckgebäude direkt an der Fussgängerzone der Stadt eingenommen hat.

Mich treibt nicht nur die Neugier dorthin, sondern auch der Duft von frisch gebackenem Brot.

Der Laden „herrlisch“ in Grünstadt Der Laden „herrlisch“ in Grünstadt | Foto: © privat Bevor Niels-Holger Albrecht seinen Ökoladen eröffnete, hat er einige Jahre als Elektriker, einige in der Film- und Fernsehproduktion und noch einige weiterer in der Organisation von Business-Seminaren gearbeitet. „Aber die Neugier hat mich in immer neue Gefilde getrieben”, sagt Niels-Holger. „Uns als vor sechs Jahren ein Freund bei mir erwähnte, dass der Eigentümer eines Ladens mit gesunder Ernährung in Bad Dürkheim einen Nachfolger suchte, haben meine Frau und ich uns gemeldet. Ja, ich liebe Herausforderungen, sie geben mir so einen positiven Drive. Nach viereinhalb Jahren im Biobusiness haben wir Appetit auf mehr bekommen, und wir haben ein großes Geschäft mit 180 Quadratmetern Ladenfläche in Grünstadt eröffnet, wo wir bis heute sind.“

Gute, gesunde Ernährung hat Niels-Holger schätzen gelernt, als er in Frankreich lebte. „Dort scheut man sich nicht, Geld für eine gute Mahlzeit auszugeben”, betont er. „Und bei uns?” Er macht eine Kunstpause. „Gewiss, die Deutschen geben enorme Summen für die besten und teuersten Öle aus, aber es sind Automotorenöle, die die Deutschen über alles lieben. Dafür schütten sie das billigste Olivenöl über den Salat zum Mittagessen. Das ist schwer zu verstehen“, seufzt Niels-Holger.

„Na ja, aber es gibt nichts zu meckern, denn auch zu uns kommen, wenn auch langsam, ökologische Trends, und ‘Fairness’ ist für viele Kunden ein Schlüsselkriterium bei der Produktauswahl geworden”, sagt Niels-Holger. Und er fügt hinzu, dass die Kunden in seinem Geschäft wissen wollen, von wem der Käse oder das Brot stammen und bei wem ihr Geld ankommt.“

Nils-Holger Albrecht an der Käsetheke im Laden „herrlisch“ Nils-Holger Albrecht an der Käsetheke im Laden „herrlisch“ | Foto: © privat „Und du kannst auf diese Fragen antworten?“, frage ich.

„Sicher! Ich kenne alle meine Lieferanten”, sagt er. „Ich habe sie gleich nach der Geschäftseröffnung besucht. Die meisten von ihnen betreiben ökologische Landwirtschaften und haben Biozertifikate. Wobei das Ausnahmen sind. Die Tomaten zum Beispiel kaufe ich bei einer Frau, die sie im kleinen Maßstab anbaut und keine Zertifikate hat, weil die für sie einfach zu teuer sind. Aber für mich ist das kein Problem, weil sowohl die Qualität der Tomaten als auch deren Anbauweise hervorragend sind.“

„Und hast du keine Angst vor der Konkurrenz der Supermärkte, die mehr ökologische Erzeugnisse in ihren Regalen haben?“, frage ich nach.

„Leider wird die Konkurrenz immer schärfer”, seufzt Niels-Holger. „Und nicht nur für uns Eigentümer kleiner Geschäfte ist es schwer. Der wachsende Bedarf an Bioprodukten drückt die kleinen Ökolandwirtschaften an die Wand. Denn wieviel können die produzieren? Alles hat schließlich seine Grenzen. Und die großen Supermärkte setzen die Lieferanten unter Druck, besonders, wenn es um die Preise geht. Ich mache das nicht. Ich frage die Bauern, denen ich ihre Ware abkaufe, immer, wieviel sie wert ist und zu welchem Preis sie sie verkaufen möchten. Ich verhandele nicht. Ich zahle den Preis, den sie verlangen, und schlage selbst nur eine Marge von 20 bis 30 Prozent auf, weil ich schließlich von etwas leben muss. Bestimmt wäre es viel leichter und für die Kunden gesünder, wenn die konventionellen Landwirte auf ökologischen Anbau und Zucht umstellen würden. Aber dazu braucht es Zeit. Zum Glück sind die jungen Leute aktiv geworden und zeigen uns, wo es lang geht.“

Ich schaue mir an, wie Niels-Holger um seine Kunden kreist. Man sieht, dass sie gerne mit ihm reden, stehen bleiben und zuhören, ohne Hetze oder Eile. Hier erzählt er über Käse und Wein, dort über Brot und Olivenöl, hier verteilt er ein Infoblatt über die Landwirtschaft, bei der er Eier kauft, dort Informationen über Reinigungsmittel, die er bald direkt aus Kanistern verkaufen will, um Plastikverpackungen zu vermeiden.

„Bereust du es nicht, dass du ins Biobusiness gegangen bist?“, frage ich.

„Weißt du, warum ich meine Arbeit mag?“, antwortet Niels-Holger mit einer Gegenfrage. „Ich sehe einen Sinn in ihr! Ich verkaufe Lebensmittel, die gesund sind und schmecken, ich arbeite mit Landwirten aus der Umgebung zusammen und unterstütze ihre kleinen Höfe. Ich beschäftige Schüler, Behinderte, Flüchtlinge, helfe der lokalen Gesellschaft und unterstütze Projekte der hiesigen Grundschule aus zusätzlichem Geld, das ich für einige Tage altes, nicht verkauftes Brot bekomme. Es geht darum, dass ich nicht imstande bin, auch nur einen Brotkrümel wegzuwerfen. Deshalb habe ich die Aktion „Kindergartenbrot” ins Leben gerufen. Sie beruht darauf, dass wir ein Vollkornbrot, das am ersten oder zweiten Tag nicht verkauft wird, am dritten zum halben Preis angeboten und am vierten kostenlos abgegeben wird. Dafür stelle ich dann eine Sparbüchse hin, in die die Kunden ein paar Groschen für die Kinder werfen können“, sagt Niels-Holger.

„Nein, ich beklage mich nicht, auch wenn ich viel Arbeit habe und wenig Geld dafür bekomme”, verrät Niels-Holger, als unser Treffen zu Ende geht. „Meine Frau und ich arbeiten 68 Stunden an sechs Tagen in der Woche. Eine Woche Urlaub haben wir das letzte Mal vor anderthalb Jahren gemacht. Aber ich glaube, dass unser Geschäft schließlich doch anfängt, Einkünfte zu bringen.“

Der Laden „herrlisch“ in Grünstadt Der Laden „herrlisch“ in Grünstadt | Foto: © privat Als ich das „herrlisch” verlasse, treffe ich in der Tür ein Pärchen, beide in ihren Zwanzigern. „Und was hat euch hierher gezogen?”, spreche ich sie an.

Sie erklären mir, dass sie Vegetarier sind und bei Niels-Holger hervorragende Joghurte und Quarks kaufen, die überdies in Glasbehältern verkauft werden, die man zurückgeben kann. „Die Milchprodukte im ‘herrlisch’ kommen von glücklichen Kühen, von Höfen, auf denen Behinderte leben und arbeiten“, sagt die junge Frau. „So können wir auch sie unterstützen.”

„Wir kaufen hier ein, weil wir sicher sein wollen, dass unser Essen nicht mit Pestiziden oder anderen Schweinerein belastet ist”, fügt ihr Partner hinzu. „Ich habe kürzlich ein Interview mit Felix Klare gelesen, einem Schauspieler, der aus der Krimiserie „Tatort” bekannt ist. Der hat dort eine großartige Frage gestellt: ‘Warum müssen die Hersteller von gesunder Ernährung ihre Erzeugnisse mit den Etiketten „Bio“ oder „Öko“ versehen? Es sollte doch umgekehrt sein! Eigentlich müsste auf Nahrung, die mit Chemie vollgestopft ist, eine Warnung stehen, ‚Achtung! Gesundheitsschädlich‘”.

Ein streng gehütetes Geheimnis

Im Edeka-Supermarkt, der am nächsten an meiner Wohnung liegt, gab es einmal ein kleines Regal, in dem Produkte für Veganer, Vegetarier und solche waren, die launisch überprüften, ob nicht bei einigen Zutaten der Buchstabe „E” vorne stand. Dort konnte man Päckchen mit Linsen, Tofu, Bohnen oder grünem Tee finden.

Heute haben sich die Bioerzeugnisse vermehrt; die Logos von Bioland und Demeter sind im ganzen Laden verstreut, auf den Regalen mit Haferflocken, Zucker, Mehl, Milchprodukten, Soßen, Nudeln, Eingemachtem, Kaffee und Tee. Uns selbst unter dem Obst und dem Gemüse hat sich Platz für diese gekrümmten, unebenen Exemplare mit matter, aber gesunder Schale gefunden, die gar nicht weiß, was Chemie ist. Es fehlt mir nur jemand wie Niels-Holger, der etwas mehr über die Menschen erzählen könnte, die hinter dem Erzeugnis stehen, über ihre Landwirtschaft und darüber, wer am Ende das Geld der Kunden bekommt. Auch wenn ich im Hinblick auf Korporationen keine Illusionen habe.

Götz Rehn, der Gründer von Alnatura, einer der größten Marktketten mit gesunder Ernährung in Deutschland, sieht auf dem Firmenbild zufrieden aus. Die Umsätze seiner 135 Geschäfte in 62 Städten sind im vergangenen Jahr um 9,5 Prozentpunkte gestiegen und beliefen sich auf 901 Millionen Euro netto. Wie die Internetseite mitteilt, hat Alnatura über 6.000 ökologische Erzeugnisse im Angebot.

Ich besuche das älteste Geschäft der Kette, das 1987 in Mannheim eröffnet wurde. Es ist sehr gut besucht, und die Auswahl ist wirklich groß. Ich schaue mir einen Haufen aus einigen Dutzend folienverpackten Stücken gelben Käses an. Ich überlege, ob Alnatura seine Lieferanten unter lokalen Bauernhöfen auswählt, aber auf den Erzeugnissen sehe ich keine entsprechende Information. Ich versuche, einen Verkäufer zu finden, um ihm einige Fragen zu stellen, aber ohne Erfolg. An der Kasse steht eine Schlange. Ich will den Verkehr nicht aufhalten, außerdem sehe ich am Gesichtsausdruck der Kassiererin, dass sie auch so schon genug hat.

Ich schreibe also meine Fragen auf, die denjenigen ähneln, die ich Niels-Holger schon gestellt habe, und schicke sie an die Abteilung, die bei Alnatura für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist: Wie wählt die Kette die Bauernhöfe aus, von denen sie ihre Ware kauft? Verhandelt sie mit ihnen über die Preise? Welche Marge schlägt sie auf?

Zur Antwort bekomme ich eins auf die Nase. Es ist doch klar, dass die Firmenstrategie ein streng gehütetes Geheimnis ist. Ich soll zahlen und nicht bohren.

Auf die Gesundheit!

Wein her, das ist zum Weinen!

Aber wie soll ich hier nicht bohren, wenn ich meinen Lieblingswein, einen Gewürztraminer vom Weingut Wöhrle, nicht finden kann? Ich bin über zehn Kilometer zum Globus-Markt gefahren, wo er immer in der dritten Reihe auf der rechten Seite stand, und jetzt gehe ich hin, suche, und er ist nicht da!

Ich frage den Verkäufer, aber er kann mir nicht helfen.

Ich rufe also das Weingut an und Andreas Wöhrle bestätigt. Es gab ihn mal, aber der Supermarkt hat ihn gestrichen. Warum? Er weiß es nicht.

Ich fahre also zu Andreas, um mit ihm über die Verwicklungen seines Business zu sprechen.

Das Gut Wöhrle, vier mächtige, gemauerte Gebäude mit einem einige Meter hohen hölzernen Einfahrtstor und einem großen Hof, liegt an einer Seitenstraße des Städtchens Bockenheim, an dem die „Deutsche Weinstraße” beginnt. Andreas hat das Weingut von seinen Eltern übernommen, die vor 40 Jahren Pioniere des ökologischen Weinanbaus gewesen sind.

„Ihnen ist recht früh klar gewesen, dass die konventionelle Landwirtschaft der Natur schadet”, erklärt mir Andreas. „Und für sie kam der Einsatz von Pestiziden oder Kunstdüngern, die das Grundwasser verschmutzen, nicht in Frage. Außerdem wussten sie, dass der konventionelle Anbau gleichbedeutend ist mit der Abhängigkeit von der chemischen Industrie. Diesen Weg wollten sie nicht gehen.”

„Und du?”, frage ich.

„Als ich das Weingut von meinen Eltern übernommen habe, war für mich klar, dass ich ihnen auf ihrem Weg folgen würde”, sagt Andreas. „Natürlich ist es für mich viel leichter. Ich habe Maschinen und Technologie, die sie nicht hatten. Ich muss viele Arbeiten nicht mehr von Hand machen, und das Angebot an Mitteln, die Pestizide sehr gut ersetzen, ist so reichhaltig, dass selbst konventionelle Landwirte darüber nachdenken, von der Chemie Abstand zu nehmen.

„Nun gut, dann kehren wir zu Globus zurück und zu der Frage, warum sie deinen Wein dort nicht haben?“, frage ich.

„Ich weiß nicht, sie haben mich nicht informiert. Vielleicht war es eine Preisfrage“, seufzt Andreas.

„Du meinst, sie setzen dich unter Druck?”, frage ich nach.

„Natürlich tun sie das!”, antwortet. „Obwohl, weißt du, andererseits, wenn sie mir sieben Euro für die Flasche anbieten und mir viele abnehmen, lohnt es sich für mich trotzdem.“ (der Durchschnittspreis für einen Wein vom Weingut Wöhrle liegt bei ca. acht bis neun Euro – Anm. d. Red.).

„Ja, und wie läuft das Biobusiness für dich?”, will ich wissen.

„Ich klage nicht“, lacht Andreas. „Ich kann meine Familie problemlos ernähren. Außerdem läuft die Zusammenarbeit mit zwei anderen Ketten, mit Edeka und Rewe, gut. Meinen Wein verkaufe ich mit Hilfe von Handelsvertretern und Großhandlungen, über das Internet und direkt in meinem Weinladen, der samstags für Kunden geöffnet ist.“

„Heißt das, die Leute sind inzwischen von ökologischen Weinen überzeugt?“, frage ich.

„Weinkenner haben früher einmal gesagt, dass die ‘gesunden’ Weine nicht schmecken“, sagt Andreas. „Aber sie haben ihre Meinung geändert.”

Der Weinkeller im Weingut Wöhrle Der Weinkeller im Weingut Wöhrle | Foto: © privat Und er erklärt mir, dass die Wirtschaften, die aufs Biobusiness umgestellt haben, Zeit brauchten, um neue Herangehensweisen im Anbau und in der Produktion zu lernen. „Heute haben sie schon das nötige Wissen und auch die Erfahrung”, erzählt Andreas. „Und der Ökowein unterscheidet sich im Geschmack vom konventionellen Wein nicht. Das Geheimnis liegt im ökologischen Anbau und der höheren Qualität der Lese.“

„Warum gehen dann nicht alle Landwirte zu ‘Bio’ über?“, wundere ich mich.

„So einfach ist das nicht”, erklärt mir Andreas. „Es müsste das entsprechende Signal von den Kunden kommen, die sich dann aber auch zu hundert Prozent für den Kauf von Bioprodukten entscheiden müssten. Und das führt uns zu einem anderen Problem, und das sind ehrliche Preise für unsere Ware.”

„Und meinst du nicht, dass das Bioessen zu teuer ist?“, frage ich.

„Nein, Bio ist kein Luxus”, antwortet Andreas. „Wir können uns das problemlos erlauben, wenn wir nur weniger Fleisch essen, das in Bioläden teurer ist. Und das liegt daran, dass die Tiere in ökologischen Landwirtschaften nicht mit dem billigsten, aus dem Ausland importierten Soja gefüttert werden. Wir müssen uns schließlich nicht jeden Tag mit Fleisch vollstopfen. Das ist noch nicht einmal gesund! Aber wenn der ‘durchschnittliche Deutsche’ jährlich weniger als 200 Euro für ökologisches Essen ausgibt, dann ist das sehr wenig.“

„Erhältst du Unterstützung vom Staat?“, frage ich nach.

„Ja, wie alle Landwirte erhalte ich Subventionen, 300 Euro pro Hektar. Außerdem bekomme ich weitere 600 Euro pro Hektar zusätzlich, weil mein Weingut „bio“ ist. Insgesamt habe ich 14 Hektar. Trotzdem ist die Verteilung der Subventionen meiner Meinung nach nicht gerecht. Denn auf der einen Seite haben wir große, industrielle Wirtschaften mit 1.500 Hektar und, wie man leicht ausrechnen kann, sammeln solche Potentaten jährlich fast eine halbe Million Euro ein. Und eine kleine, familienbetriebene Landwirtschaft, die zum Überleben wirklich Hilfe braucht, erhält bei 40 Hektar 12.000 Euro. Außerdem denke ich, dass die Zuschüsse einen ökologischen Ansatz in der Landwirtschaft berücksichtigen und fördern sollten, nicht die Zahl der Hektar.“

„Und hast du die grünen Kreuze gesehen, die konventionelle Landwirte auf ihren Feldern aufgestellt haben?“, frage ich.

„Auch sie stehen unter großem Druck und fürchten die Veränderung”, seufzt Andreas. „Indem sie diese Kreuze aufstellen, protestieren sie gegen die kürzlich eingeführten Begrenzungen beim Einsatz von Düngemitteln. Denn einerseits, wenn sie weiter düngen wie bisher, brechen sie geltendes Recht. Auf der anderen Seite, wenn sie das Düngen reduzieren, ernten sie weniger, und dann droht ihnen der finanzielle Ruin.”

„Was genau bedeutet für dich ‘Bio’”?, frage ich Andreas am Ende.

„Das ist eine Frage der Verantwortung”, erklärt Andreas. „Mein Weingut gehört zu der größten Vereinigung ökologischer Weingüter, Ecovin, mit der wir gemeinsam das wichtigste Ziel erreicht haben: Wir verwenden weder Pestizide noch Kunstdünger. Unsere nächste Aufgabe ist die Pflege der Insekten und der wildblühenden Pflanzen, denn Weinberge sind schließlich Monokulturen. Wir müssen dem Ökosystem dabei helfen, mehr Diversität zu erreichen, sonst wird es nicht überleben. Ich glaube, dass das gelingt!

Eine Frage der Prioritäten

Die Kleinen dieser Welt haben es nicht leicht, besonders dann nicht, wenn sie mächtige Korporationen gegen sich haben. Als Niels-Holger Albrecht aus dem Bioladen „herrlisch” erwähnt, dass einer seiner Lieferanten ein Unternehmen ist, das ökologische Landwirte aus der Region Saar-Pfalz-Hunsrück gegründet haben, beschließe ich daher, etwas mehr über sie zu erfahren.

Die Familie Bensel Die Familie Bensel | Foto: © privat Eine kurze Geschichte. Im Jahr 1987 gründen Kornelius Burgdörfer-Bensel und seine Frau Annette die ökologische Landwirtschaft Hof am Weiher in Albessen. Im Jahr 2001 machen sie sie zur Aktiengesellschaft. Die Aktionäre einigen sich darauf, dass das gesamte Kapital in die Entwicklung des Hofes von Kornelius und Annette fließen soll. 2015 geht die Familie Bensel einen Schritt weiter und gründet mit über zehn anderen ökologischen Betrieben die Öko Marktgemeinschaft Saar-Pfalz-Hunsrück GmbH (ÖMG). Sie wollen zusammenarbeiten, um den Verkauf gesunder Produkte in der Region zu beleben und effizienter zu machen.

Eva Bensel mit Waren für einen Einzelkunden Eva Bensel mit Waren für einen Einzelkunden | Foto: © privat Zum Gespräch verabrede ich mich mit Eva Bensel, der Tochter des Landwirts, die im Biobusiness arbeitet.

„Wie funktioniert euer Unternehmen?”, frage ich.

„Wir betreiben gemeinsam einen regionalen Großhandel”, erklärt Eva. „Wir treffen uns immer am Anfang eines Jahres und entscheiden gemeinsam, wie viele und welche Produkte die ÖMG im Angebot haben sollte. Es geht schließlich um finanzielle Absicherung: Wir müssen planen, was wir verkaufen werden und welches Einkommen uns das sichert. Umso mehr, da in unserem Erzeugerzusammenschluss zurzeit 40 Produzenten von Bionahrung sind. Dann kaufen wir im Laufe des Jahres die Ware, lagern sie und fahren sie dann mit LKWs zu unseren Kunden.“

„Wer kauft bei euch?”, frage ich nach.

„Vor allem Geschäfte mit gesunder Ernährung, Dorfläden, Kindergärten, Restaurants und Privatpersonen, wobei diese meist unseren Onlineshop nutzen”, antwortet Eva. „Wir sammeln Bestellungen für Gemüse, Kartoffeln, Obst, Käse, Eier, Fleisch, Wurst, Milch- und Getreideprodukte, Nudeln, Wein, Eingemachtes, Honig, Olivenöl, Gewürze, Senf, dann planen wir die Trasse, beladen die Lieferwagen und los geht’s!“

„Und beliefert ihr auch Supermärkte?“, bohre ich.

Öko Marktgemeinschaft, Lieferwagen Öko Marktgemeinschaft, Lieferwagen | Foto: © privat „Nein, wir wären gar nicht imstande, ihnen eine solche Menge an Produkten zu sichern, wie sie sie benötigen“, sagt Eva. „Außerdem sind uns kleinere Strukturen lieber.”

„Und läuft das Geschäft gut für euch?“, frage ich.

„Gute Frage”, sagt Eva. „Weißt du, der Kapitalismus ist nicht allzu freundlich zu kleinen Wirtschaftsbetrieben. Aber es entstehen immer mehr Bioläden, die Leute haben ein immer größeres Bewusstsein dafür, was sie essen sollten, um ihre Gesundheit zu erhalten. Sie fangen auch an, den Kontakt zu ihrer regionalen Umgebung zurückzugewinnen und lokale Erzeugnisse zu kaufen. Das ist für uns eine Chance.”

„Das heißt, ihr kommt zurecht?”, frage ich nach.

„Weißt du, uns hilft, dass wir Idealisten sind”, lacht Eva. „Aber ohne Hilfe von außen könnten wir nicht überleben. In den ersten fünf Jahren hat unsere GmbH Hilfe vom Staat bekommen. Anfangs waren das fünf Prozent vom Verkauf der 17 Gründungsbetriebe. Dieses Jahr bekommen wir die Unterstützung zum letzen Mal. Deshalb suchen wir neue Quellen und bemühen uns, Leute zum Crowdfunding zu bewegen. Wir haben ausgerechnet, dass wir zurechtkommen können, wenn wir 1.000 Personen finden, die uns im Monat mit fünf Euro unterstützen. Im Moment haben wir 126 Personen zusammen, die uns regelmäßig zehn oder 20 Euro zahlen. Na und die 211 Stammkunden, es ist also gar nicht so schlecht.“

„Und meinst du nicht, dass gesunde Lebensmittel zu teuer sind?“, frage ich.

„Natürlich gibt es in der Gesellschaft immer noch Menschen, die so arm sind, dass sie am Essen sparen müssen”, antwortet Eva. „Aber alle anderen, die Smartphones und Autos haben und ans andere Ende der Welt in den Urlaub fliegen, für die ist es doch nur eine Frage der Prioritäten. Sie müssten verstehen, dass es sich lohnt, gesunde Produkte aus der Region zu kaufen und sich nicht nur am Preis zu orientieren.“

„Wird alles gut?”, frage ich Eva zum Abschied.

„Ich habe gemischte Gefühle“, seufzt Eva. „Manchmal habe ich von all dem genug. Das Management der GmbH kostet mich viel Zeit und Energie. Es gibt Tage, an denen ich mich von den Problemen, mit denen unser Biobusiness zu kämpfen hat, unglaublich erdrückt fühle. Aber andererseits... am leichtesten wäre es, aufzugeben. Und dann denke ich an meine Eltern, die bei Null angefangen haben. Ja, von ihnen habe ich etwas von einem Kämpfer, und bestimmt verliere ich deshalb auch weiterhin nicht die Hoffnung (lacht).

Kreuz am Wegesrand

Ich wollte noch mit den Biohühnerzüchtern sprechen, deren eingezäunte „mobile Siedlungen” an Weihern und Feldern von den lokalen Straßen aus immer sichtbarer sind. Ich habe bei einem von ihnen angehalten, aber außer Tieren habe ich dort niemanden gefunden, mit dem ich ein paar Worte hätte wechseln können. Ich habe mir die Hühner angeschaut, die mit Vorliebe in der Erde pickten, zwischen Sträuchern umherliefen oder sich in der Tür ihres geräumigen, hölzernen Geheges mit ihrem Gegacker gegenseitig übertönten. Leider verstehe ich ihre Sprache nicht. Ich hätte sie gefragt, ob sie wirklich glücklich sind. Stattdessen habe ich ihre Eier in dem Automaten gekauft, der an der Umzäunung steht, und mich summend auf den Weg gemacht. Das mich vorwurfsvoll anschauende grüne Kreuz habe ich dabei hinter mir gelassen.
 
Im Jahr 2018 haben die Deutschen rund 11 Milliarden Euro für ökologische Produkte ausgegeben, was einem Zuwachs von 5,5 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Am beliebtesten sind Bioeier, -gemüse und -obst sowie Milchprodukte und Fleisch. Und obwohl die Deutschen weiterhin 90 Prozent aller Produkte in Supermärkten kaufen, entscheiden sich immer mehr Menschen aus verschiedenen Gründen für Bioläden: 95 Prozent wollen, dass es den Tieren besser geht, 93 Prozent wollen lokale Wirtschaften unterstützen und 89 Prozent sorgen sich um die Umwelt. Vielleicht ist eben deshalb die Zahl der „biologischen” Wirtschaften in Deutschland im vergangenen Jahr um sechs Prozentpunkte gestiegen. Zurzeit sind es 31.122. Die Fläche mit ökologischem Anbau ist indes um acht Prozentpunkte gewachsen; insgesamt wird sie auf 1.483.020 Hektar geschätzt, von denen wiederum 940.000 Hektar nach besonders hohen „biologischen“ Standards bestellt werden.**

Zahl der Bioläden in Deutschland (Daten aus dem Jahr 2017):***

641 Läden bis zu 100 Quadratmetern, Rückgang um 34 Prozentpunkte (im Vergleich zu 2010)
497 Läden zwischen 100 und 200 Quadratmetern, Rückgang um fünf Prozentpunkte (im Vergleich zu 2010)
389 Geschäfte zwischen 200 und 400 Quadratmetern, Anstieg um 45 Prozentpunkte (im Vergleich zu 2010)
678 Supermärkte, Anstieg um 130 Prozentpunkte (im Vergleich zu 2010)
332 Dorfgeschäfte, Anstieg um 10 Prozentpunkte (im Vergleich zu 2010)

Insgesamt 2.516 Geschäfte, Anstieg um sieben Prozentpunkte (im Vergleich zu 2010)

Zum Einkaufen in Bioläden soll die Kunden eine vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) initiierte Aktion mit den Slogans „Öko statt Ego”, „Öko kostet nichts, nicht öko inzwischen schon” und „Lebe, als ob es ein Morgen gäbe“ ermuntern soll.

In der Reportage kamen vor:

„herrlisch” – das Geschäft der Familie Albrecht mit gesunden Lebensmitteln

Weingut Wöhrle – das Ökoweingut der Familie Wöhrle in Bockenheim, das dieses Jahr sein vierzigjähriges Bestehen feiert

Öko Marktgemeinschaft – ein Erzeugerzusammenschluss aus Biowirtschaften, der 40 Produzenten gesunder Ernäherung angehören, die von Bioland oder Demeter zertifiziert sind

Alnatura – eine Marktkette mit gesunder Ernäherung
Der Titel des Artikels, „Lebe so, als ob es ein Morgen gäbe”, ist der Name der jüngsten Kampagne des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren (BNN)

**Quelle:
https://www.boelw.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Zahlen_und_Fakten/Brosch%C3%BCre_2019/BOELW_Zahlen_Daten_Fakten_2019_web.pdf , https://www.boelw.de/themen/eu-oeko-verordnung/ und https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Ernaehrung/Oekobarometer2018.pdf?__blob=publicationFile

***Quelle: bio-markt.info

 

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