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Feste am Bauhaus
Lass uns feiern!

Tanzabend in Dessau, 1925-1932
Tanzabend in Dessau, 1925-1932 | Foto (Ausschnitt) © Bauhaus-Universität Weimar, Archiv der Moderne; Fotograf unbekannt

Im Bauhaus wusste man, wie man sich amüsiert. Feste und Kostümbälle wurden zu vielen Anlässen organisiert. Gefeiert wurden unter verschiedenen Leitmotiven Begrüßungen und Abschiede von Dozenten*innen oder beispielsweise Diplomverleihungen. Alles kreiste um die Grundidee der Schule: gemeinsam arbeiten und gemeinsam feiern.

Von Paulina Olszewska

In den ersten Szenen des Films Lotte am Bauhaus sehen wir die Protagonistin Lotte Brendel, wie sie mit ihrer Schwester Fahrrad fährt. Dabei trifft sie auf eine Gruppe junger Männer und Frauen, die nackt durch den Park laufen, sich mit farbigem Pigment bestreuen und schließlich in die Ilm springen. Nebenbei sorgen sie damit für Empörung unter den achtbaren Bürgern Weimars. Ob diese Szene nur der Vorstellungskraft des Regisseurs entstammte und nur für diesen Film gedreht wurde? Oder hatte sie vielleicht doch wenigstens ein wenig mit der Wirklichkeit des Bauhauses zu tun?

Anders als alle anderen Schulen

Wir wissen nicht erst seit heute, dass das Bauhaus von Anfang an anders als alle anderen Schulen sein sollte. Es bot ein für die damalige Zeit innovatives Modell der künstlerischen Ausbildung an und stellte Personen als Professorinnen und Professoren ein, die originelle Ansätze in der Kunst und in der Bildung der Jugend verfolgten. Die Schule stand Frauen und weniger vermögenden, aus verschiedenen Milieus, Ländern und Kulturen stammenden Personen offen. Man kann sagen, dass Walter Gropius mit der Gründung des Bauhauses einen wahrhaft egalitären Ort schaffen wollte. Es sollte eine Schule sein, die in den Schülerinnen und Schülern eine unbegrenzte künstlerische Freiheit entwickeln, aber auch auf wechselseitigem Respekt basieren und ohne Hierarchien und Klassentrennungen auskommen sollte. Dieses demokratische Verhältnis betraf nicht nur die Beziehungen zwischen den Studentinnen und Studenten selbst, sondern auch diejenigen zu Dozentinnen und Dozenten. In der Lehre ging es darum, das traditionelle Abhängigkeitsverhältnis von Meister und Schüler zu durchbrechen und neue zwischenmenschliche Beziehungen herzustellen. Für Walter Gropius war indes nicht nur die Wissenschaft selbst wesentlich, sondern auch die Freizeit, die nicht nur für die (selbstverständlich aktive und körperliche) Erholung, sondern auch zum Vergnügen bestimmt war.

Schon im Gründungsmanifest der Schule fand sich ein passender Eintrag dazu. In den „Prinzipien des Bauhauses“ lesen wir von der „Pflege freundschaftlichen Verkehrs zwischen Meistern und Studierenden außerhalb der Arbeit, dabei Theater, Vorträge, Dichtkunst, Musik, Kostümfest, Aufbau eines heiteren Zeremoniells bei diesen Zusammenkünften“. Diesen Grundsatz aus den Regularien des ersten Bauhausdirektors verinnerlichten die Studentinnen und Studenten ganz besonders.

Improvisation, Spaß und Experimente

Im Bauhaus wusste man, wie man sich amüsiert. Und wie! Im akademischen Jahr der Schule waren vier Feiern fest vorgesehen, mit denen jede neue Jahreszeit begrüßt wurde. Die Ankunft des Frühlings wurde mit dem Laternenfest begangen, und eine weitere Feier fand zur Sommersonnenwende statt. Das Drachenfest leutete das neue akademische Jahr ein. Zu Weihnachten wiederum beschenkte man sich gegenseitig (Julklapp). Allen diesen Festlichkeiten gingen wochenlange Vorbereitungen voraus, bei denen in den Werkstätten und Ateliers mit viel Zeitaufwand an passenden Dekorationen, Masken und Kostümen gearbeitet wurde. Die Professoren entwarfen zu diesem Anlass spezielle Einladungskarten. Alles kreiste um den Leitgedanken der Schule: gemeinsam arbeiten und gemeinsam feiern. Die Vorbereitungen sollten sich auf Improvisation, Spaß und natürlich auf das Experimentieren stützen. Deshalb waren die Dekorationen, die dabei entstanden, am Ende auch sehr überraschend. Die Drachen, die für das Festival angefertigt wurden, waren wunderschön und phantasievoll in der Form. Allerdings hätte kein physikalisches Gesetz diese Konstruktionen in die Luft befördern können, jedenfalls nicht mit Windkraft. Dies entmutigte ihre Erbauer aber nicht, die stolz mit ihren Drachen durch die Stadt marschierten, zur allgemeinen Freude von Passanten und Schaulustigen.
Filmstill aus „Die neue Zeit“: Dörte Helm (Anna Maria Mühe) und Walter Gropius (August Diehl) lernen sich bei einem Fest in Ittens Atelier besser kennen Filmstill aus „Die neue Zeit“: Dörte Helm (Anna Maria Mühe) und Walter Gropius (August Diehl) lernen sich bei einem Fest in Ittens Atelier besser kennen | Foto (Ausschnitt) © ZDF/Julia Terjung Außer diesen vier offiziellen Feiern gab es jeden Monat einen Maskenball. Als Veranstaltungsort wurde das Ilmschlösschen im Stadtteil Oberweimar gewählt. Dieses war in den 1880er Jahren enstanden und dürfte für alle Fürsprecher eines neuen Stils in Kunst und Architektur ein einziger Alptraum gewesen sein. Doch verlor das kitschige Palais mit all seiner künstlichen Pracht seinen Glanz in der Konfrontation mit der Dekoration und den Kostümen, die für diese Bälle entworfen wurden. Gewiss liefern die Serie Die Neue Zeit oder der schon erwähnte Film Lotte am Bauhaus Kostproben dieser Bälle. Wie lebendig und einfallsreich diese Feiern waren. Wenn sich die Damen als Herren verkleideten und die Herren Frauenkleider anzogen, dann war das wohl noch eine der eher schlichten Ideen. Mit der Zeit wurden Themenbälle populär, bei denen der Phantasie bei der Auswahl von Leitmotiven keine Grenzen gesetzt waren. Daher gab es auch einen Ball unter der Ägide der „Neuen Sachlichkeit“, und auch Wortspiele wie „Elf Elfen“, die für elf der gleichnamigen Fabelwesen oder für elfmal die Zahl elf stehen konnten. Leitmotive konnten Bärte und Schnurbärte, aber auch schlicht die Röhre sein. Auf die Vorstellungskraft konnte eher das Metallische Fest wirken. Zur größten Finesse trieb die Kreativität aber gewiss „Das weiße Fest, 2/3 weiß, 1/3 gedippelt, gewefelt, gestreift“, das bei den Kostümen dahingehend umgesetzt wurde, dass abgesehen von der Farbe Weiß die Grundfarben Rot, Blau und Gelb nur in den vorgegebenen Formen und Proportionen verwendet werden durften.

Leider sind auf den Archivbildern von einigen dieser Bälle, die alle schwarzweiß sind, nicht alle diese Farben zu sehen! Es lässt sich nicht verbergen, dass es den angefertigten Kostümen an Phantasie nicht mangelte. Deshalb ist es manchmal schwer, eindeutig festzustellen, ob auf dem Bild wirklich „nur“ ein Kostüm für eine Feier zu sehen ist und nicht etwa ein künstlerischer Entwurf zum Beispiel für das Mechanische Ballett oder für ein anderes Projekt, an dem die Bauhausprofessoren gerade arbeiteten.

Zu jedem Fest gehörte selbstverständlich auch Musik. Daher spielte bei den Bauhausfesten eine Jazzband zum Tanz auf. Auch sie umrankte mit der Zeit eine Legende, unter anderem deshalb, weil die Musiker auf Instrumenten spielten, die sie nach eigenen Ideen selbst hergestellt hatten.

Ein Grund zum Feiern

Und wo ist bei alledem das Lehrpersonal, könnte man sich fragen. Es nahm natürlich nicht nur an den Vorbereitungen selbst, sondern auch an den gemeinsamen Feiern aktiv teil. Und es ist ziemlich schwierig, sich den Direktor der Schule in einer dieser fröhlichen Verkleidungen vorzustellen.
 
Beim Aufbau der „Bauhausfamilie“ sollten nicht nur wilde Tänze helfen, sondern auch samstägliche Eskapaden außerhalb der Stadt, an denen die Familien der Dozenten und deren Freunde sowie die Weimarer Jugend teilnehmen konnte, die dabei Gelegenheit hatte, sich mit den Studentinnen und Studenten der Schule zu verbrüdern. Es war klar, dass keine dieser Expeditionen ohne lebhafte Musikbegleitung stattfinden konnte. Die Weimarer nahmen an diesen Ausflügen gerne teil, und fanden mit der Zeit auch an den Abendvergnügungen Gefallen, zu denen ab einem bestimmten Moment alle Interessierten ohne Einschränkung zugelassen wurden. Manchmal übernahmen immer vermögendere Bewohner der Stadt die Initiative bei der Organisation abendlicher Empfänge, und dann übertrug sich die lockere Atmosphäre dieser Treffen auch auf die Gastgeber. Wie endeten solche Veranstaltungen? Einer Anekdote zufolge soll Wassily Kandinsky nach einem Abend bei der Gräfin Dürckheim, die dem einflussreichsten Weimarer Adelsgeschlecht angehörte, einen „herrenlosen“ Hemdkragen in seiner Manteltasche gefunden haben, und es gelang trotz längerer Suche nicht, den Eigentümer des Fundstücks aufzuspüren.
 
Im Bauhaus war jeder Grund zum Feiern recht, ob in kleineren oder größeren Gruppen. Wenn es jemandem gelungen war, eine Aufgabe abzuschließen, wie zum Beispiel einen Teppich zu weben, oder einen Entwurf zu verwirklichen, wie zum Beispiel eine neue Sesselform, dann musste das selbstverständlich gefeiert werden!

„Hat einer von den Professoren Geburtstag? Dann lasst uns das feiern!“ Und wenn Gropius selbst am 18. Mai Geburtstag hatte, dann erforderte dies selbstverständlich einen besonderen Rahmen.

Gefeiert wurde auch, wenn Professoren aus der Schule zu verabschieden oder Neuzugänge zu begrüßen waren. Als Nina und Wassily Kandinsky die deutsche Staatsangehörigkeit erhielten, wurde für sie eine Fete nach Bauhausart organisiert. Freunde von Kandinsky organisierten eine „offizielle“ Konkurrenzveranstaltung.

Die Eröffnung des neuen Bauhaus-Sitzes in Dessau wurde gefeiert, noch bevor die Schulgebäude zur Benutzung freigegeben waren.

Die Spannung lösen

Waldemar Alder, der in der Bauhaus-Band Trompete spielte, vergleicht in seinen Erinnerungen all diese verrückten Vergnügungen mit einem Ventil, das es gestattete, den Ton zu ändern und half, die Spannung zu lösen, die sich aus dem Tempo ergab, in dem die aufeinanderfolgenden Schulprojekte realisiert wurden. Diese Veranstaltungen waren einfach notwendig. In Momenten besonderer Anspannung und bei besonderem Stress, die mit der Verwirklichung immer neuer Aufgaben und Projekte verbunden waren, in Phasen angespannten Lernens und Arbeitens half das Amüsement bei der Auflockerung und konnte eine unangenehme und deprimierende Atmosphäre entladen.
 
Es gab auch rührende Momente. Gunta Stölzl erinnert sich an das erste Weihnachtsfest im Bauhaus. In einem Land, das gerade einen Krieg verloren hatte, waren die Studentinnen und Studenten so arm, dass sie oft Schwierigkeiten hatten, ihr Schuldgeld zu bezahlen. An diesem besonderen Tag aber sorgte Walter Gropius für die Bedürfnisse aller Mitglieder der Bauhausgemeinschaft. Dazu wurde der Speisesaal mit Bäumchen, Lichtchen und Äpfeln geschmückt. Es wurden weiße Tischdecken aufgelegt und Kerzen angezündet. Jeder erhielt ein kleines Geschenk, und Walter Gropius persönlich servierte den Studenten das Essen, von dem es reichlich gab.
 
Mit der Zeit verbreitete sich der Ruhm der Bauhausfeiern nicht nur in der näheren Umgebung, sondern in der ganzen Weimarer Republik und zog allmählich nicht nur eine vergnügungshungrige Öffentlichkeit, sondern auch die auf Sensationen wartende Presse aus Leipzig und sogar aus Berlin an. Dieser Ruhm half besonders in Momenten, die für die Schule selbst schwierig waren. Als nach 1933 in Berlin schwere Zeiten anbrachen, beschloss die Bauhaus-Gemeinschaft aus Studenten und Dozenten, das Schulbudget aufzubessern. Mit der weiterhin lebendigen Legende ihrer Schule im Rücken organisierten fast 130 Bauhäusler eine Feier für rund 700 Gäste. Der Clou dabei war eine Lotterie, bei der man die Arbeiten von Professoren und von Künstlern gewinnen konnte, die der Schule freundschaftlich verbunden waren. So konnten Mittel gesammelt werden, die es der Schule erlaubten, ihre Arbeit fortzusetzen.
 
Diese Sorge für freundschaftliche Verhältnisse an der Schule hatte auch messbare Resultate. In der Zeit, die das Bauhaus bestand, sind zwischen Studentinnen, Studenten und Dozenten 71 Verbindungen entstanden. Zu denjenigen, die der Kunstgeschichte ihren besonderen Stempel aufgedrückt haben, waren unter anderem Anni und Josef Albers, Gertrud und Alfred Arndt, Lucia und László Moholy-Nagy oder auch Irene und Herbert Bayer. Die Geschichten dieser Paare sind freilich unterschiedlich verlaufen. Einige blieben bis an ihr Lebensende zusammen, während sich die Wege anderer wieder trennten. Aber das ist schon das Thema einer völlig anderen Geschichte…

   

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