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Handwerker in Deutschland
„Es kommt noch so weit, dass eine Handwerkerstunde 100 Euro kostet.“

In Deutschland fehlen 161 Tausend Fachkräfte
In Deutschland fehlen 161 Tausend Fachkräfte | Foto (Ausschnitt): pexels.com

​Derzeit gibt es in Deutschland rund 160 000 offene Stellen im Bereich Handwerk. Davon, wie groß die Nachfrage nach Fachkräften in diesem Bereich ist, konnte ich mich selbst überzeugen, als mich unmittelbar nach der coronabedingten Schließung der polnischen Grenzen einer meiner Nachbarn ansprach. „Weißt du vielleicht, wo Andrzej ist? Ich versuche ständig, ihn anzurufen, aber er geht nicht ans Telefon“, fragte er mich beunruhigt.

Von Joanna Strzałko

Das Nachrichtenportal Gazeta.pl und das Goethe-Institut starten eine Reportagereihe mit dem Titel „Das ist Deutschland“. Im Rahmen dieses Projekts werfen polnische Reporterinnen und Reporter einen Blick auf den Alltag unserer westlichen Nachbarn. Der erste Teil der Reihe beschäftigt sich mit dem Handwerk.
Nach der von der Bundeskanzlerin verhängten Kontaktsperre machten sich die Deutschen – gründlich, wie sie eben sind – zunächst einmal daran, Ordnung zu schaffen, um schließlich in die zweite Phase überzugehen: Reparaturen und Renovierungen. Die häusliche Isolation war doch eine gute Gelegenheit, mal wieder die Wände zu streichen, die tropfenden Wasserhähne auszutauschen oder die Treppe zu fliesen, dachten sie sich. Also riefen sie erst einmal bei Andrzej an.

Andrzej kam vor 30 Jahren als Saisonarbeiter nach Deutschland. Heute hat er hier eine Wohnung, und viele seiner Nachbarn nehmen seine Dienste gern in Anspruch. Er ist ein unersetzlicher Helfer bei kleineren Reparaturen und größeren Renovierungsmaßnahmen. Als Andrzej plötzlich verschwunden war – höchstwahrscheinlich war er nach Polen zurückgekehrt – schlugen alle die Hände über dem Kopf zusammen.

Wer ist der typische Handwerker und wie viel verdient er? Ich habe einmal genauer nachgefragt.

Also hört gut zu: Es waren einmal ein Deutscher, ein Türke und zwei Polen …

Acht Arbeitsstellen in fünf Jahren

Es ist langes Wochenende und es ist windig. Der 51-jährige Zbigniew rafft seinen Fallschirm zusammen. Dies war sein 2275. Sprung. Seine Stimme ist ruhig und beherrscht. Ich denke mir, dass er Nerven wie Stahl haben muss.

Nach Deutschland kam Zbigniew vor fünf Jahren. Zuvor hatte er 17 Jahre lang eine eigene Sanitär- und Heizungsbaufirma in Gliwice geleitet.

„Dann bekam ich jedoch gesundheitliche Probleme. Und obwohl ich im Schlesischen Zentrum für Herzkrankheiten ausgezeichnet betreut wurde, war nicht auszuschließen, dass ich längere Zeit arbeitsunfähig sein würde“, erzählt Zbigniew. „Ich hätte meinen Betrieb nicht aufrechterhalten können, die Verluste wären zu groß gewesen. Also entschloss ich mich, nach Deutschland auszuwandern, weil ich dort auch bei längerer Arbeitsunfähigkeit einen Anspruch auf Krankengeld – in Höhe von circa 80 Prozent des Regelarbeitsentgelts – gehabt hätte.“
Zbigniew Zbigniew | Foto: privat Der Anfang war vielversprechend: Zbigniew schickte seinen Lebenslauf, seine Referenzen und seinen Meisterbrief an eine polnische Arbeitsvermittlung, die mit einer deutschen Agentur zusammenarbeitete. Die Agentur vermittelte ihm einen zweimonatigen Sprachkurs und einen dreimonatigen Arbeitsvertrag bei einer Installationsfirma in der Nähe von Augsburg.

„Die Freude währte jedoch nicht lange“, erzählt Zbigniew. „Kurz bevor der Arbeitsvertrag auslief, ein paar Tage vor Weihnachten, wurden sämtliche in der Firma beschäftigten Polen einfach entlassen. Man teilte uns mit, dass wir erst im nächsten Jahr neue Arbeitsverträge erhalten würden. Ich war gekränkt, dass die Firma versuchte, auf meine Kosten Geld zu sparen, und machte mich auf die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle.“

Dies war nicht die einzige Kränkung, die Zbigniew in den folgenden fünf Jahren in Deutschland widerfahren sollte. Doch er macht den Eindruck eines Menschen, der weiß, was er will, und der sich nicht so leicht unterkriegen lässt.

„In einigen Fällen ging es um unklare Arbeitsverträge, die sich leicht zugunsten des Arbeitgebers auslegen ließen, in anderen um mangelnde Aufträge oder zu lange Anfahrten“, erklärt Zbigniew. „Handwerker in Deutschland müssen oft viel unterwegs sein. Heute arbeitest du in Frankfurt, nächste Woche in Fulda und nächsten Monat in Stuttgart. Das ist hier so üblich, und niemand wundert sich darüber. Aber diese Art zu leben ist nichts für mich. Ich besuche zweimal in der Woche einen Deutschkurs für Fortgeschrittene. Deutsch zu lernen ist für mich sehr wichtig. Wenn ich auf Montage gefahren wäre, hätte ich über 20 Euro die Stunde verdient. Mir war es jedoch wichtiger, Deutsch zu lernen. Also wechselte ich vor einem Jahr zu einem kleinen Betrieb in Hessen, der überwiegend in der näheren Umgebung tätig ist. Das ist meine achte Arbeitsstelle. Es ist okay.“

Zbigniew kommt morgens um 6:55 Uhr in den Betrieb und erhält einen Auftrag von seinem Chef. Anschließend bespricht er mit ihm und seinen Kollegen die Einzelheiten: Wer mit wem zusammenarbeitet und wer welche Arbeiten übernimmt. Um 7:30 Uhr laden sie ihr Werkzeug und ihr Arbeitsmaterial in die Wagen und fahren los. „Nach einer Reparatur schreiben wir ein Protokoll, in dem die Arbeitsstunden und der Materialverbrauch aufgeführt sind“, erzählt Zbigniew. „Der Kunde unterschreibt das Protokoll, und der Chef stellt ihm daraufhin eine Rechnung aus. Der Rechnungsbetrag wird anschließend per Überweisung beglichen. So wird das hier gehandhabt. Zwischen 16 und 17 Uhr fahren wir zurück in den Betrieb, laden die Wagen aus und bestellen das Material für den nächsten Tag“, erzählt Zbigniew weiter. „Anschließend trinken wir alle zusammen ein Bier, unser Chef hält ständig einen Vorrat bereit. Erst dann fahren wir nach Hause.“

„Und wie behandeln dich die Kunden?“, frage ich.

„Genauso wie in Polen“, sagt Zbigniew. „Wenn sie schlechte Erfahrungen mit Handwerkern gemacht haben, sind sie misstrauisch, und wenn sie gute Erfahrungen gemacht haben, bieten sie uns einen Kaffee an und unterhalten sich mit uns, genauso wie in Polen. Und wenn sie mit unserer Arbeit zufrieden sind, geben sie uns sogar manchmal ein Trinkgeld.“

„Du arbeitest also gerne in Deutschland?“, frage ich nach.

„Mir gefällt die deutsche Arbeitskultur“, sagt Zbigniew. „Auf polnischen Baustellen werden viele ungelernte Arbeiter beschäftigt. In Deutschland müssen in meiner Branche sogar die Betriebsinhaber einen Meister- oder Gesellenbrief – also eine abgeschlossene Ausbildung und mehrjährige Arbeitserfahrung – vorweisen können. Berufliche Qualifikationen werden hier sehr geschätzt. Ein Glück, dass ich immer alles so gut dokumentiert habe.“

„Du wirst also genauso wie ein deutscher Handwerker behandelt?“, frage ich ihn.

„Naja, das ist ein heikles Thema. Viele meiner polnischen Kollegen beschweren sich über ihre deutschen Arbeitgeber. Aber das hat zwei Seiten. Auf der einen Seite sind da das Misstrauen meiner polnischen Kollegen, ihre mangelnden Qualifikationen und ihre schlechten Deutschkenntnisse. Und auf der anderen Seite die Zurückhaltung der deutschen Arbeitgeber, die ausländische Arbeiter nur mit Zeitarbeitsverträgen ausstatten. Aber ich habe dasselbe auch in Polen erlebt, und in meiner jetzigen Firma behandelt der Chef alle Mitarbeiter gleich. Für ihn zählen lediglich das Engagement und die Erfahrung eines Mitarbeiters, und nicht seine Nationalität.“

„Gibt es etwas, das dich hier überrascht hat?“, frage ich nach.

In Polen ist man Neuerungen gegenüber aufgeschlossener. Durch den Krieg und den Kommunismus waren wir gezwungen, alles von Grund auf neu zu lernen.

„Ja, die Vorliebe der Deutschen für Kontinuität – das ist etwas, das es in Polen in dieser Form nicht gibt“, antwortet Zbigniew nach kurzer Überlegung. „Sie geben nicht nur Wissen und Erfahrung von Generation zu Generation weiter, sondern halten auch gern an bewährten Technologien fest. Ich weiß noch, wie ich in Gliwice einmal Installationen aus der Vorkriegszeit auseinandergenommen und mir bei der Gelegenheit all die alten Bauteile angesehen habe. Dann komme ich nach Deutschland und sehe, dass alle diese Teile nach wie vor produziert werden. In Deutschland gilt die Regel: Warum soll man etwas ändern, wenn es gut funktioniert? In Polen ist man Neuerungen gegenüber aufgeschlossener. Durch den Krieg und den Kommunismus waren wir gezwungen, alles von Grund auf neu zu lernen. Nur dass bei uns oft der Preis das wichtigste Kriterium ist. Die Deutschen haben mehr Geld und können sich bessere Geräte leisten, die länger funktionieren. Sie wünschen sich vor allem zuverlässige Lösungen und geben dafür auch gerne etwas mehr aus. Aber natürlich achten auch die Deutschen auf den Preis. Sie sind schließlich dieselben Menschen wir, nur dass sie auf der anderen Seite der Oder wohnen.“

„Dann hast du wohl nur wenig Reparaturen?“, überlege ich laut.

„Dadurch, dass die Arbeitsstunden hier so teuer sind – sie liegen zwischen 65 und 95 Euro pro Stunde –, sind die Kosten für eine Reparatur oft halb so hoch wie die Kosten für eine Neuanschaffung zum Beispiel einer Armatur oder einer Heiztherme“, erklärt Zbigniew. „Wenn es sich um kleinere Arbeiten handelt, dann repariere ich. Aber bei größeren Reparaturen, die mehrere Stunden erfordern und deren Erfolg zweifelhaft ist, rate ich dem Kunden zu einer Neuanschaffung.“

„Und wie verkraftet dein Herz das alles?“, frage ich ihn schließlich.

„Ich muss halt leben und kann nicht nur darauf warten, bis es endgültig den Geist aufgibt“, lacht Zbigniew, wirft seinen Fallschirm in den Kofferraum und fährt davon.
Im Juni 2019 waren bei der Bundesagentur für Arbeit über 161 000 offene Stellen im Handwerk, insbesondere in den Bereichen Elektronik und Installation, gemeldet. Im Schnitt verdienen Handwerker in Deutschland rund 43 000 Euro brutto im Jahr. Ein Meistertitel lohnt sich im Handwerk, denn er verspricht eine Gehaltssteigerung von durchschnittlich rund 15 000 Euro im Jahr und damit ein Brutto-Jahresgehalt in Höhe von rund 58 000 Euro. Am wenigsten verdienen Maler, Dachdecker oder Schlosser (unter 35 000 Euro brutto im Jahr), am meisten Techniker wie Mechatroniker oder Elektrotechniker (bis zu 53 000 Euro brutto im Jahr).

Ich habe mehrere Zehntausend Euro gespart

Um ein Uhr nachts klingelt bei dem 27-jährigen Tim das Telefon.

„Ich habe einen Notfall“, sagt die Frau in der Zentrale am Bodensee und gibt Tim die Kontaktdaten.

Tim benötigt nur wenige Sekunden, um sich seine grau-roten Arbeitshosen, ein weißes T-Shirt und seine schwarzen Schnürschuhe mit Stahlkappen anzuziehen. Als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr ist er Eile gewohnt: Wenn die Sirene erklingt, muss er in wenigen Minuten auf der Wache sein auf. In seinem Firmenwagen hat er alle nötigen Werkzeuge und Materialien. Er schleicht auf Zehenspitzen aus dem Haus, um seine Frau, seine Tochter und die beiden auf dem Sofa schlafenden Hunde nicht zu wecken.

„Ein solcher Hausbesuch kostet rund 75 Euro pro Stunde“, erzählt Tim. „Um meinen Kunden unnötige Kosten zu ersparen, versuche ich, manche Probleme direkt am Telefon zu lösen. Wenn ein Heizkörper pfeift, erkläre ich ihnen, wie man ihn richtig entlüftet, und wenn irgendwo Wasser tropft, rate ich ihnen, erst einmal die Dichtungen zu überprüfen. Manchmal beschränkt sich meine ganze Hilfe auf ein solches kostenloses Telefongespräch.“
Vor der Entscheidung über eine Reparatur erfolgt telefonische Beratung Vor der Entscheidung über eine Reparatur erfolgt telefonische Beratung | Foto: pixabay.com Tim arbeitet als Monteur. Die 24-stündige Notdienstschicht, die er einmal im Monat leisten muss, mag er nicht besonders. Als er klein war, hatte er davon geträumt, Ingenieur zu werden. „Als ich in die Schule kam, ging dieser Traum jedoch schnell in die Brüche“, lacht er. „Zu meiner großen Enttäuschung hatte der Unterricht nur wenig mit dem Bauen von Maschinen und Kränen aus K'Nex-Bausteinen gemeinsam. Erst Jahre später, als ich bereits erwachsen war, entschloss ich mich dazu, den Meisterbrief zu machen. Ich besuchte die Abendschule, und es klappte.“

Ich besuche Tim in seinem zweistöckigen Haus in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kirchheimbolanden in Rheinland-Pfalz. Der Fußboden ist voller Staub, überall liegen Schleifmaschinen, Bohrmaschinen, Kabel und Schrauben herum.

„Ich habe vor ein paar Jahren mit dem Umbau begonnen“, erklärt Tim. „Weißt du, wie viel ich dadurch gespart habe?“

Er rechnet mir vor, dass eine Handwerkerstunde zwischen 40 und 60 Euro kostet. Und wenn eine Firma zwei oder drei Arbeiter schickt, steigen die Kosten eben entsprechend.

„Die Renovierung meines Badezimmers hätte mich zwischen 16 000 und 20 000 Euro gekostet“, sagt Tim. „Aber so musste ich nur die nötigen Baumaterialien kaufen und habe für alles zusammen nur rund 3 000 Euro bezahlt.“

In seinem neuen Haus hat Tim hat bereits die Heizungsrohre, die Wasserleitungen und die Elektroleitungen ausgetauscht, er hat eine Wand entfernt und eine neue eingezogen, verputzt und gestrichen, er hat Fußbodenfliesen verlegt und die Fenster ausgetauscht. Er könnte noch Stunden so weiter erzählen. Der Umbau nimmt seine gesamte Freizeit in Anspruch. Im Urlaub war er das letzte Mal vor drei Jahren: dreieinhalb Tage in Österreich. Aber er bereut nichts, für all das ist später noch Zeit.

„Natürlich könnte ich auch eine günstige Firma beauftragen. Aber ob sich das im Endeffekt lohnt?“, überlegt Tim. „Einer meiner Nachbarn hat sich von einer solchen Firma eine Terrasse anlegen lassen, aber die war hinterher krumm und schief. Ein paar Monate später kamen die Handwerker erneut, um den Pfusch zu reparieren. Sie entfernten einen Teil der Steinplatten, aber dann begann es, zu schneien, und sie fuhren wieder nach Hause. Das war im April letzten Jahres. Seitdem haben sie sich nicht mehr blicken lassen. Der viel gerühmte „deutsche Perfektionismus“ gehört leider zunehmend der Vergangenheit an. Heute muss alles nur noch husch, husch gehen.“

Tims Ansicht nach ist die schlechte Bezahlung dafür verantwortlich, dass die besten Fachkräfte in die Industrie abwandern. „Von den 75 Euro, die ein Kunde für eine Arbeitsstunde bezahlt, geht das meiste für Steuern, Versicherungen und Betriebskosten drauf“, erklärt Tim. „Als Stundenlohn bleiben nur etwa 20 Euro brutto. Es kommt noch so weit, dass eine Handwerkerstunde 100 Euro kostet, weil die Betriebe die Löhne erhöhen müssen. Schließlich will sonst irgendwann niemand mehr den Beruf erlernen.“

Vor einigen Jahren versuchte auch Tim, den Beruf zu wechseln. Er schickte 43 Bewerbungen an den größten Chemiekonzern in Ludwigshafen, der für seine attraktiven Löhne bekannt ist. Er erhielt jedoch nur Absagen, es gibt einfach zu viele Bewerber.

„Gerade jetzt, in der Corona-Krise, weiß ich, was ich an meinem Beruf habe“, sagt Tim zum Abschied. „Ich muss mir keine Sorgen um mein Einkommen und meine Versicherungen machen. Ich habe jeden Monat meinen Lohn auf dem Konto, das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Und sobald ich den Umbau abgeschlossen habe, werde ich mir in meiner Freizeit noch etwas auf den umliegenden Baustellen dazuverdienen. Zuverlässigkeit, Vielseitigkeit und Ehrlichkeit werden mein Markenzeichen sein. Schließlich zählt jeder Cent.“

27 Euro pro Stunde. Bar auf die Hand!

Der 31-jährige Krzysztof hat es nur vier Jahre in Deutschland ausgehalten. Vielleicht wäre er länger geblieben, wenn er nicht Probleme mit dem Herzen bekommen hätte. Im Januar dieses Jahres packte er seine Siebensachen und kehrte zurück nach Polen, in die Nähe von Posen.

2016 war er noch voller Enthusiasmus nach Deutschland gekommen. Dabei war es nicht so, dass es ihm in Polen nicht gefallen hätte. Krzysztof war immer gut zurechtgekommen. Seinen ersten Job nahm er bereits mit 13 Jahren an. Er fuhr Pizza mit dem Fahrrad aus und gab seinen Wochenlohn in Höhe von 50 Złoty plus Trinkgeld an seine Mutter weiter, weil es zu Hause oft nicht einmal fürs Brot reichte. Nach der Mittelschule versuchte er unterschiedliche Ausbildungswege, jedoch ohne Erfolg. Schließlich fand er eine Lehrstelle als Lackierer in einem privaten Betrieb. Einige Jahre später wurde er als Schlosser und Monteur angestellt, arbeitete jedoch überwiegend als Schweißer.

„Wahrscheinlich hätte ich einfach so weitergemacht, wenn mich nicht eines Tages ein polnischer Bekannter aus Deutschland angesprochen hätte“, erzählt Krzysztof. „Er sagte mir: »Du als Schweißer, mit deinen Fähigkeiten findest du in Deutschland in Handumdrehen Arbeit! Für 27 Euro die Stunde! Netto! Ganz legal! Komm einfach her, ich helfe dir«.“

Krzysztof arbeitete als einziger Pole in einem deutschen Betrieb (...). Er sah, dass er auf demselben Niveau arbeitete wie seine deutschen Kollegen. Nur die Arbeitseinstellung war eine andere als in Polen.

Diese Aussicht war für Krzysztof so verlockend, dass ihm sein polnischer Stundenlohn plötzlich nicht mehr gut genug war.

Wenigstens einmal im Leben wollte er sich anerkannt fühlen.
Doch die Wirklichkeit sah anders aus: Nach seiner Ankunft in Landau in der Nähe der deutsch-französischen Grenze entschuldigte sich sein Bekannter bei ihm und erklärte, dass es im Augenblick keine Arbeit gebe, sondern erst wieder in sechs Wochen, und dann auch nicht für 27, sondern nur für acht Euro die Stunde.

Krzysztof arbeitete als einziger Pole in einem deutschen Metall- und Stahlbaubetrieb, aber er hatte deswegen keine Komplexe. Er sah, dass er auf demselben Niveau arbeitete wie seine deutschen Kollegen. Nur die Arbeitseinstellung war eine andere als in Polen.

„Alles musste absolut perfekt sein, bis der Chef der Ansicht war, dass es nicht mehr besser ging“, erinnert sich Krzysztof. „Und wenn es nicht perfekt war, durfte man es nicht reparieren, sondern musste wieder von vorn anfangen, ohne Diskussionen. Mir imponierte auch das Verhältnis der Deutschen zur Arbeit. Niemand kam verspätet oder verkatert in den Betrieb oder ließ sich bei jeder Gelegenheit krankschreiben. Wenn wir zu unseren Kunden fuhren, trugen wir die gleichen T-Shirts, Pullover und Jacken. Und keine Überstunde wurde vergessen, alles wurde sorgfältig abgerechnet.“

Drei Jahre später, als Krzysztof bereits ein wenig Deutsch gelernt hatte, wurde ihm bewusst, dass nicht alles in der Firma okay war und dass er anders behandelt wurde als die anderen Mitarbeiter. „Es stellte sich heraus, dass meine Kollegen einige Euro mehr pro Stunde verdienten als ich“, sagt er. „Das kränkte mich.“

Als er seinen Chef um eine Lohnerhöhung bat, lehnte dieser rundweg ab. Schließlich fand Krzysztof eine andere Arbeit, für 16,50 Euro die Stunde. Sein Chef war daraufhin beleidigt und redete nicht mehr mit ihm.

In der anderen Firma verdiente Krzysztof zwischen 1 900 und 2 100 Euro pro Monat, je nach Anzahl der geleisteten Überstunden. „Ich kam wieder auf die Beine, auch wenn der Großteil meines Einkommens für die Lebenshaltungskosten draufging: Ich zahlte 630 Euro Miete und 150 Euro Nebenkosten“, erzählt Krzysztof. „Ich weiß nicht, wie sich mein Berufsleben weiterentwickelt hätte, wenn ich nicht nach Polen zurückgekehrt wäre. Mein zweiter Chef ruft mich ständig an und fragt, ob ich nicht nach Deutschland zurückkommen möchte. Er hat mir sogar angeboten, meinen Lohn zu erhöhen und mir bei der Suche nach einer günstigen Wohnung zu helfen. Im Augenblick versuche ich, mich in Polen selbstständig zu machen. Aber es ist schon angenehm, zu wissen, dass ich woanders noch eine Alternative habe.“

Früher war ich eine Katze, heute bin ich ein Fuchs

In dem grauen, mehrstöckigen Gebäude im Zentrum Mannheims, direkt neben dem Bahnhof, befindet sich eine Heilpraktikerschule. Im ersten Stock des Gebäudes hat der 63-jährige Cetin sein Büro. Er hat es sich gemütlich eingerichtet, fast wie ein Wohnzimmer. Der Raum ist voller Familienfotos, Schallplatten und Bücher, dazwischen stehen ein Radio im Retrodesign, ein Fernseher und sogar ein Hundekorb und Fressnäpfe.

Wir sitzen am Fenster und trinken warmen, starken Kaffee. Draußen ducken sich die Passanten unter ihren Regenschirmen, die Tische und Bänke des benachbarten Irish Pubs glitzern im Regen und eine Straßenbahn voller Menschen mit Schutzmasken fährt bimmelnd unter uns vorüber.

„Ich habe vor zwölf Jahren meinen Meisterbrief gemacht“, beginnt Cetin seine Erzählung. Er ist gekleidet, wie es sich für einen deutschen Handwerker gehört: eine blaue Arbeitshose mit zahlreichen Taschen, ein farblich passender Fleecepullover und schwarze Sicherheitsschuhe mit dicken Sohlen. „Ich bin für den technischen Zustand des Gebäudes verantwortlich und auch für sämtliche Reparaturen und Reinigungsarbeiten. Ich wasche die Teppiche, putze die Fenster und reinige die Fassade. Mein Chef ist der Besitzer der Schule, ihm gehören insgesamt 56 Heilpraktikerschulen, darunter auch zwei in der Schweiz. Ich habe bereits in den meisten von ihnen gearbeitet. Nur leider …“

Ich sehe, dass Cetin zögert. Er trinkt einen Schluck Kaffee und rückt sich die Brille zurecht. Schließlich setzt er sich an den Computer.
Cetin in seinem Büro Cetin in seinem Büro | Foto: privat „Ich habe meinem Chef in den letzten Jahren mehrfach geschrieben“ sagt Cetin und klickt sich durch seinen E-Mail-Ordner. „Ich habe ihn in kurzen und knappen Worten um eine Lohnerhöhung gebeten, weil die acht Euro, die er mir pro Stunde zahlt, unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns liegen. Er hat mir nicht ein einziges Mal geantwortet. Schließlich kam ich auf die Idee, ihm einen richtigen, offiziellen Brief zu schreiben. Meine Adoptivtochter, die derzeit in London studiert, half mir dabei. Schon nach wenigen Tagen erhielt ich eine Antwort. Eine ganze Seite lang! Mein Chef schrieb mir: »Herr Cetin, ich weiß, dass sie ein ausgezeichneter Fachmann sind, aber Sie wissen ja: die Corona-Krise. Ich würde Ihnen gerne mehr zahlen, aber ich weiß nicht, wie.«“

Cetin hält inne und blickt auf seine Hände. „Alles was ich habe, oder vielmehr hatte, habe ich mir mit diesen Händen erarbeitet“, seufzt er.

Cetin kam 1957 aus Anatolien nach Deutschland. In seiner Familie war er das Jüngste von neun Kindern gewesen. Eigentlich hätte er sich später um seine Eltern kümmern sollen. Doch als er 22 Jahre alt war, fuhr er nach Deutschland, um seinen Bruder und seine Schwester zu besuchen. Gerade zu der Zeit wurde in der Türkei das Kriegsrecht verhängt, und die Grenzen wurden geschlossen. „Meine Mutter hat lange geweint, als ich ihr erklärte, dass ich nicht zurückkehre“, sagt Cetin leise.

Zunächst eröffnete er in Mannheim einen Dönerimbiss, der schon bald sehr erfolgreich war. Einige Monate später verkaufte er den Imbiss mit Gewinn weiter und gründete eine Fassadenreinigungsfirma. „Ich hatte keine Ahnung von der deutschen Bürokratie“, erzählt er. „Ich meldete meine Firma einfach beim Gewerbeamt an und war froh, als ich meinen ersten Auftrag erhielt, direkt auf der Hauptstraße in Heidelberg. Ob ich wusste, wie man so etwas macht? Selbstverständlich nicht. Aber ich ließ mich nicht entmutigen und bekam es irgendwie hin. Eine Woche später erhielt ich ein Schreiben von der Gewerbeaufsicht, in dem ich aufgefordert wurde, meinen Meisterbrief vorzulegen, denn ohne Meisterausbildung dürfe man in Deutschland keine Fassaden reinigen. Ich musste daraufhin eine Strafe zahlen und meine Tätigkeitsbeschreibung ändern.“

Eigentlich wollte Cetin anschließend sofort seine Meisterausbildung machen, doch das Leben hatte anderes mit ihm vor. Zur selben Zeit ging die von seinen Eltern arrangierte Ehe in die Brüche. Seine Frau trennte sich von ihm und ließ ihn mit den drei Töchtern zurück. „Ich stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, machte meinen Töchtern ihr Frühstück und brachte sie zur Schule. Ich wollte, dass sie etwas lernten, damit sie es später einmal besser hätten als ich. Und dann ging ich zur Arbeit“, erzählt er.

Cetins Firma entwickelte sich schnell. „Meine Kunden waren sehr zufrieden, weil ich alles tat, um ihre Erwartungen zu erfüllen. Wenn sie mich fragten: »Cetin, schaffst du das auch?«, antwortete ich immer: »Klar doch!«“, erinnert er sich.

Dann erklärt mir Cetin, dass die Menschen sich in zwei Gruppen teilen: Katzen und Füchse. Füchse sind schlau, sie wissen genau, was zu tun ist, und wägen das Für und Wider gegeneinander ab. Katzen hingegen kennen nur einen einzigen Weg, und wenn es gefährlich wird, flüchten sie auf den nächstbesten Baum. „Ich habe mich manchmal an Dinge gewagt, von denen ich überhaupt keine Ahnung hatte“, gibt Cetin zu. „Vielleicht war das sogar besser so, weil ich sonst überhaupt nichts gewagt hätte. Ich war nicht nur wie eine Katze, sondern auch wie eine Hummel, die nicht wahrhaben will, wie schwer ihr Körper eigentlich ist. Denn wenn sie es wüsste, könnte sie nicht fliegen.“

Auf meine Frage, wie er es geschafft hat, auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu bestehen, antwortet er mir: „Ich musste lernen, diszipliniert, pünktlich und sorgfältig zu arbeiten. In der Türkei, in Griechenland oder Italien sagt ein Handwerker dem Kunden einfach: »Wir kommen morgen vorbei.« Und wenn der Kunde fragt: »Um welche Uhrzeit?«, sagt der Handwerker einfach: »Keine Ahnung, irgendwann«. Und der Kunde muss dann den ganzen Tag zu Hause bleiben und auf ihn warten. In Deutschland wäre so etwas undenkbar.“

Cetins guter Ruf sprach sich sogar bis zur jüdischen Gemeinde in Heidelberg herum, die über ein streng geschütztes Archiv, eine Bibliothek und eine Synagoge verfügt. „Anfangs waren sie sehr misstrauisch, weil sie immer irgendwie im Hinterkopf hatten, dass ich ja Muslim war. Aber mit der Zeit lernten sie, nicht nur meine Arbeit, sondern auch meinen Charakter zu schätzen, und vertrauten mir die Schlüssel zu sämtlichen Gebäuden an“, sagt Cetin stolz. „Ich habe 13 Jahre dort gearbeitet.“

Als Cetin acht Jahre später endlich seinen ersehnten Meisterbrief erhielt, wuchs seine Firma auf 28 Mitarbeiter an. „Ich weiß nicht, wie mein Leben weitergegangen wäre, wenn ich nicht meiner Frau eine zweite Chance gegeben hätte, als sie sich entschied, zu mir zurückzukehren“, seufzt Cetin. „Wir haben es ein zweites Mal miteinander versucht, und wieder ging es schief. »Weshalb bloß?« fragte ich mich immer wieder und war so verzweifelt, dass ich mein Geschäft nicht mehr weiterführen konnte. Ich meldete Konkurs an, arbeite mal hier, mal da, bis ich schließlich meine jetzige Anstellung fand.“

„Und wie soll es jetzt weitergehen?“, frage ich ihn und trinke meinen letzten Schluck Kaffee.

„Ich habe nur noch zwei Jahre bis zur Rente“, sagt Cetin. „Ich werde 650 Euro vom deutschen und rund 350 Euro vom türkischen Staat erhalten. In Deutschland werde ich davon kaum leben können, ich zahle monatlich 800 Euro Miete. Aber meine Töchter sind bereits erwachsen und stehen auf eigenen Füßen, also werde ich wohl mit meiner zweiten Frau nach Anatolien zurückkehren. Ich würde dort gerne neben dem Haus ein paar Bienenstöcke aufstellen und den Bienen bei der Arbeit zusehen. Wer weiß, vielleicht werde ich sogar eigenen Honig haben?“, fantasiert Cetin. „Mein Imkerdiplom habe ich bereits, dort drüben hängt es eingerahmt an der Wand. Siehst du, was für ein schlauer Fuchs ich geworden bin?“, lacht er.
 

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