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Selbständige und Freiberufler in Zeiten der Coronakrise
Ein angebrochener Ast

Der Alltag von Freiberuflern
Der Alltag von Freiberuflern | Quelle: Unsplash; Foto (Zuschnitt): Brad Neathery

Die Coronakrise hat auch die Situation von Selbständigen und Freiberuflern auf dem deutschen Arbeitsmarkt erschwert. Abgesagte Kurse, langfristige Schließungen kleiner Betriebe und ein Mangel an Aufträgen – dies sind nur einige Folgen der Pandemie. Agnieszka Wójcińska hat sich erkundigt, wie Selbständige und Freiberufler in Deutschland mit dieser ungewöhnlichen Situation umgehen.

Das Coronavirus hat das Leben vieler Menschen völlig auf den Kopf gestellt und viele Wirtschaftszweige hart getroffen. Zwei der am stärksten betroffenen Gruppen sind Selbständige und Freiberufler. Trainer, Schauspieler und Cutter verloren von einem Tag auf den anderen ihre Aufträge, Friseure und Kosmetikerinnen mussten ihre Salons für mehrere Wochen schließen, und viele, insbesondere freiberuflich tätige Journalisten wurden von den Redaktionen im Regen stehen gelassen. Und ein Mangel an Aufträgen bedeutet für Freiberufler einen Mangel an Einkommen. Ohne Hilfe von außen fällt es ihnen schwer, über die Runden zu kommen.

Ich habe mich erkundigt, wie Selbständige und Freiberufler in Deutschland mit der Corona-Krise umgehen. Die Zahl der Selbstständigen in freien Berufen wächst in Deutschland ständig, im vergangenen Jahr betrug sie fast 1,5 Millionen. 

Juliane – immer einen Schritt vorausdenken

„Am 14. März hatte ich abends einen Auftritt in dem bekannten Berliner Jazzklub b-flat, als plötzlich die Polizei auftauchte. Die Polizisten sagten: »Wenn du hier singst, schließen wir das Lokal«“, erzählt die Jazzsängerin Juliane Johannsen. „Ich war geschockt. Der Klubbesitzer übrigens auch, weil ihn niemand vorgewarnt hatte. Ich kehrte also nach Hause zurück und schenkte mir, obwohl ich sonst kaum Alkohol trinke, erst einmal einen Whisky ein. Ich saß in meinem Sessel und wusste nicht, was ich von all dem halten sollte. Schließlich rief ich meine Eltern an, die beide selbständig als Physiotherapeuten tätig sind. Meine Mutter sagte mir: »Wir werden nicht arbeiten können. Und du wirst auch dein Studio schließen müssen.«“

Juliane während des Zoom-Gesprächs Juliane während des Zoom-Gesprächs | © Agnieszka Wójcińska Juliane ist nämlich nicht nur Jazzsängerin (sie hat Operngesang studiert), sondern betreibt auch ein Yogastudio, das sie vor eineinhalb Jahren in einem ehemaligen Ladengeschäft in Berlin-Wedding eröffnet hat. Auf den Bildern, die ich im Internet finde – denn ich darf das Studio in der gegenwärtigen Situation nicht betreten –, sehe ich einen Saal mit Spiegeln auf der einen und dem Bild eines großen blauen Panthers mit gelben Augen auf der anderen Seite (Julianes Studio nennt sich Blue Panta Yoga), große Fenster, einen Flur, einen kleinen Umkleideraum und einen Duschraum. 

Ich unterhalte mich mit Juliane per WhatsApp. Sie hat lange lockige Haare und ein breites Lächeln, ihre Energie überträgt sich sogar über den Bildschirm. „Ich bin 28 Jahre alt und habe noch keine Familie gegründet. Genau der richtige Zeitpunkt, um sich etwas Eigenes aufzubauen“, sagt sie. „Ich habe jede Menge Energie und eine gesunde Dosis Naivität. Und wenn man doch mal auf die Nase fällt, fällt es einem leichter, sich wieder aufzurappeln, als wenn man älter ist und diverse Verpflichtungen hat.“

Die Idee zu ihrem Yogastudio hat Juliane gemeinsam mit ihrer Mutter entwickelt. Zuvor hatte sie über sechs Jahre in den USA gelebt. Sie hatte dort als Kellnerin, Musiklehrerin und Jazzsängerin gearbeitet und in ihrer Freizeit eine moderne, dynamische Variante des Yoga namens Vinyasa-Yoga gelernt. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland hatte sie nach einer entsprechenden Yoga-Schule gesucht, jedoch ohne Erfolg. Allmählich entstand in ihr die Idee, selbst eine solche Schule zu gründen. Als sie ihr Training ihrer Mutter vorführte, war diese so begeistert, dass sie ihre Tochter überredete, ein eigenes Studio zu eröffnen. Als Tochter von zwei Physiotherapeuten hatte Juliane keine Angst vor dem Schritt in die Selbständigkeit. Sie begann, nach geeigneten Räumlichkeiten zu suchen, zunächst im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, in dem viele junge Leute leben. Doch dort gab es bereits praktisch an jeder Ecke ein Yogastudio, und die Mieten waren hoch. Anders in Wedding, einem ehemaligen Arbeiterbezirk, der heute zunehmend gentrifiziert wird und sich nicht nur bei Einwanderern, sondern auch bei jungen Deutschen immer größerer Beliebtheit erfreut. Dies war ausschlaggebend für Juliane. Die Räumlichkeiten, die sie schließlich fand, waren zwar ziemlich heruntergekommen, hatten aber genau die richtige Größe. Der Besitzerin gefiel die Idee eines Yogastudios. Sie trug die Kosten für den Umbau, den Juliane gemeinsam mit ihren Eltern fast ein Jahr lang beaufsichtigte. Um die nötige Ausrüstung wie Matten und andere Utensilien zu kaufen, nahm Juliane einen Kredit mit einer Laufzeit von fünf Jahren auf. „Das sind erhebliche Verbindlichkeiten“, sagt sie. 

Studio Blue Panta Yoga Studio Blue Panta Yoga | © Blue Panta Yoga „Zur Eröffnung des Studios kamen viele Besucher, überwiegend aus der Nachbarschaft“, erzählt Juliane. „Die meisten meiner Schüler sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und pflegen einen überwiegend sitzenden Lebensstil – die ein bis zwei Stunden intensive Bewegung pro Woche sind für sie eine echte Wohltat. Alles lief wunderbar, nach etwa einem Jahr hatte ich bereits zahlreiche regelmäßige Besucher“, fügt sie hinzu. „Und plötzlich, bums, das Coronavirus.“

Als Juliane sich von dem ersten Schock erholt hatte, begann sie, Videos von ihrem Training auf Instagram zu posten. „Die Leute überwiesen Spenden auf das Konto des Studios, und auch meine Nachbarn fragten mich, wie ich zurechtkäme“, erzählt sie. „Ich erfuhr viel Unterstützung. Schließlich hörte ich auf, mir Sorgen um die Zukunft zu machen.“

Doch die Betriebskosten ihres Studios blieben unverändert. Obwohl keine Kurse mehr stattfanden, musste Juliane weiterhin jeden Monat 1300 Euro Miete und 500 Euro für die Tilgung ihres Kredits zahlen. Dazu kamen noch die Heizkosten sowie die Kosten für Telefon und Internet. „Insgesamt rund 2500 Euro im Monat“, sagt Juliane. „Als ich von der Corona-Soforthilfe hörte, stellte ich sofort einen Antrag, obwohl ich mir keine großen Hoffnungen machte. Ich reichte den Antrag online ein, und schon drei Tage später erhielt ich 14 000 Euro, das ist der Maximalbetrag in Berlin (die Soforthilfe fällt je nach Bundesland unterschiedlich aus). Das war eine große Hilfe. Selbstverständlich werde ich das irgendwann zurückzahlen müssen, und wenn es auch über die Steuern ist. Aber fürs Erste habe ich genügend Geld, um die laufenden Kosten zu decken. Schließlich weiß niemand, wie lang die Situation noch andauern wird.“
  • Studio Blue Panta Yoga Foto (fragment) © Blue Panta Yoga
    Studio Blue Panta Yoga
  • Studio Blue Panta Yoga © Blue Panta Yoga
    Studio Blue Panta Yoga
  • Studio Blue Panta Yoga Foto (fragment) © Blue Panta Yoga
    Studio Blue Panta Yoga
Seit Juni kann Juliane in ihrem Studio zwar wieder Kurse abhalten, jedoch nur unter sehr strengen Auflagen. Es dürfen sich nur sechs Personen gleichzeitig im Studio aufhalten (vorher hatte sie zwanzig Teilnehmer pro Kurs gehabt), damit der obligatorische Zwei-Meter-Abstand eingehalten werden kann. Die Teilnehmer müssen sich online registrieren und dürfen die Yogaschule nur einzeln betreten – bereits umgezogen und mit eigenen Trainingsmatten. Auch die Duschen dürfen nicht benutzt werden. Der Kursleiter muss das Studio nach jedem Training gründlich lüften, seine Hände und den Fußboden desinfizieren und während der Übungen einen entsprechenden Abstand zu den Schülern halten.

„Mein Studio hatte schon vor der Corona-Krise einen guten Ruf, ich bin also guter Dinge“, sagt Juliane. „Aber natürlich musst du, wenn du selbständig bist, immer einen Schritt vorausdenken und offen für Veränderungen sein. Ich musste zum Beispiel die Anzahl der Kurse erhöhen, um die Wirtschaftlichkeit zu sichern, und einen zweiten Kursleiter einstellen, weil ich nicht mehr alle Kurse allein leiten konnte. Auch mit meiner Musik habe ich einen Plan B, denn Live-Auftritte wird es sicherlich so bald nicht wieder geben. Mein Bruder hat vor Kurzem eine Musikschule gegründet, und ich kann dort jederzeit als Gesangslehrerin arbeiten. Die Situation hat mir eines ganz klar vor Augen geführt“, fügt Juliane hinzu. „Ich habe fast sieben Jahre in den USA gelebt und mich mit dem Gedanken getragen, für immer dort zu bleiben. Schließlich bin ich doch nach Deutschland zurückgekehrt – und als die Corona-Krise losging, hat mir der deutsche Staat enorm geholfen. Ich fand das großartig und werde wohl auch in Zukunft in Deutschland bleiben.“

Stefan – ein Händchen für neue Technologien

Stefan während des Zoom-Gesprächs Stefan während des Zoom-Gesprächs | © Agnieszka Wójcińska Stefan lebt in einer Familie von Freiberuflern. Seine Frau Sonia ist selbständig als Radiojournalistin tätig. Er selbst arbeitet seit 15 Jahren freiberuflich im Bereich Grafik und Design. Er findet es gut, dass er sich seine Arbeitszeit frei einteilen und sich selbst seine Aufträge aussuchen kann.

Als die Zoom-Verbindung steht, sehe ich auf der anderen Seite der Kamera einen schlanken Mann mit Brille, Bart und lockigen Haaren. Im Hintergrund stehen ein Bücherregal und ein kleiner Schreibtisch. Stefan versucht, mir zu erklären, worin seine Arbeit genau besteht. Visual Thinking ist eine Methode, um selbst komplizierte Ideen mithilfe von grafischen Symbolen (auf Flipcharts oder iPads) zu strukturieren und zu kommunizieren. Die Methode wird überwiegend in den Bereichen Produktentwicklung, Ausbildung, Coaching, Führung, Projektmanagement und IT eingesetzt. Stefan leitet entsprechende Kurse an einer Trainings-Akademie in Köln. Außerdem erstellt er kurze Werbeanimationen, in denen er auf verständliche und unterhaltsame Weise die Vorzüge bestimmter Produkte oder neuer Angebote (zum Beispiel im Versicherungswesen) präsentiert. Die Computeranimation beherrscht er aus dem Effeff. 

Während der Corona-Krise erwiesen sich Fachkenntnisse im Bereich neuer Technologien als äußerst vorteilhaft. „Viele meiner Bekannten haben durch das Coronavirus Aufträge verloren. Auch mir sind einige Filmaufträge entgangen, weil zum Beispiel ein Soundtrack, in dem Kinder singen sollten, nicht rechtzeitig eingespielt werden konnte – wir durften die Kinder nicht ins Studio einladen“, erzählt Stefan. „Und in der Akademie, an der ich unterrichte, mussten wir unsere Visualisierungstrainings so anpassen, dass wir sie im Internet – mithilfe von Zoom oder anderer Videokonferenzsoftware – durchführen können. Das war gewissermaßen ein positiver Effekt der Corona-Krise: Sie hat uns dazu motiviert Trainings als Online-Format anzubieten. Das hatten wir eigentlich schon lange als zusätzliches Angebot geplant. Jetzt mussten wir in kurzer Zeit unsere Trainings neu ausrichten. Und weil ich mich mit neuen Technologien gut auskenne, war ich von Anfang an daran beteiligt. Es war viel Arbeit aber es hat auch Spaß gemacht dabei zu sein und dadurch die Trainings am laufen zu halten.“ 

Stefan war also nicht auf die Corona-Soforthilfe angewiesen. Auch Sonia benötigte keine Unterstützung. Sie arbeitet weiterhin als Autorin für das Radio, auch wenn sie ihre Beiträge seit dem Lockdown nicht mehr im Studio, sondern zu Hause oder in einem angemieteten Büro erstellt. Stefan erklärt, dass sich die Senderleitung zuvor lange gegen Telearbeit gesträubt hatte. Doch jetzt hatte sie keine andere Wahl und konnte sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass es funktioniert. Stefan hält dies für einen weiteren positiven Effekt der Corona-Krise. Seine Frau geht bereits am frühen Morgen auf Sendung – jetzt kann sie länger schlafen, weil der Weg zur Arbeit wegfällt.

Sonia arbeitet gerade in dem von ihr angemieteten Büro, und Stefan unterhält sich mit mir in seiner Wohnung im fünften Stock eines Wohnhauses in der Kölner Innenstadt. Einer von ihnen muss zu Hause bleiben, um ihre siebeneinhalb Jahre alte Tochter Nika zu betreuen und zu unterrichten. Stefan und Sonia teilen sich diese Aufgabe. „Deutschland hat in vielen Bereichen hervorragend auf die Krise reagiert, jedoch leider nicht im Schulwesen“, sagt Stefan. „Viele Schulen sind nicht auf den Online-Unterricht vorbereitet, weil sie keine oder nur veraltete Computer haben. Außerdem gibt es datenschutztechnische Bedenken. In Nikas Schule dürfen die Lehrer zum Beispiel kein Zoom verwenden, weil es angeblich nicht sicher ist. Also müssen wir unsere Tochter selbst unterrichten, obwohl wir praktisch keine Unterstützung haben, nur die Schulbücher. Ein Glück, dass Nika erst in die zweite Klasse geht. Und dass wir freiberuflich arbeiten, weil wir uns unsere Zeit flexibler einteilen können, als Eltern, die fest angestellt sind. Wir versuchen, Nika wenigstens eine Stunde pro Tag zu unterrichten. Anschließend geht sie zum Spielen in den Garten oder malt oder puzzelt in ihrem Zimmer. Der einzige Fernunterricht, den sie hat, ist der, für den wir zahlen: eine Stunde Musikunterricht pro Woche.“

„Die größte Belastung im Zusammenhang mit der Corona-Krise ist für mich die Situation der Kinder“, fügt Stefan hinzu. „Sie dürfen immer noch nicht in die Schule gehen, ihr Leben ist völlig auf den Kopf gestellt. Restaurants und Geschäfte haben wieder geöffnet, die Menschen versammeln sich in den Parks, als ob nichts gewesen wäre, nur in den Schulen gibt es nach wie vor so viele Auflagen. Zurzeit geht Nika nur einmal in der Woche für zweieinhalb Stunden in die Schule, um sich dort mit einem Lehrer und drei oder vier anderen Kindern zum Unterricht zu treffen. Die Eltern dürfen die Schule überhaupt nicht betreten. Das ärgert mich. Es gibt keine Lobby, die die Rechte der Schüler vertritt – und auch die Rechte der Eltern, die nach wie vor nicht normal arbeiten können.“

„Ob ich mir Sorgen mache? Nicht im Bezug auf meine berufliche Zukunft. Eher im Bezug auf die allgemeine Situation: die Rezession, eine mögliche Stärkung extremistischer Parteien (ein entsprechender Trend ist in Umfragen bisher nicht bemerkbar, Anm. d. Red.). Wer weiß, wie es in Deutschland und in der ganzen Welt im Herbst, in einem Jahr oder in mehreren Jahren aussehen wird. Das macht mir Angst.“

Lisa – Kinder werden immer geboren

Lisa während des Zoom-Gesprächs Lisa während des Zoom-Gesprächs | © Agnieszka Wójcińska Auch Lisa, die freiberuflich als Hebamme arbeitet, hat keine Corona-Soforthilfe beantragt. Sie sitzt mir am Bildschirm gegenüber, vor dem Hintergrund weißer Küchenschränke. Nur in der Küche kann sie sich in Ruhe mit mir unterhalten. In dem einen Zimmer ihrer Wohnung spielt die viereinhalbjährige Finola, genannt Nola, und in dem anderen arbeitet ihr Mann Benedict. Er ist in der Touristikbranche tätig, die besonders stark von der Corona-Krise betroffen ist, doch zum Glück hat er seinen Job behalten. Lisa lächelt unter ihrem Pony hervor. Sie freut sich, dass sie keine zusätzlichen Kosten, wie zum Beispiel die Miete für ein Büro, zu tragen hat – die Corona-Krise hat sie nicht allzu schwer getroffen. Andere Hebammen, die Praxen für Geburtsvorbereitungs- oder Rückbildungskurse unterhalten, befinden sich einer wesentlich schwierigeren Situation: Die Anzahl der Kurse wurde reduziert, und die Teilnahme ist ausschließlich online möglich, doch die Miete für die Praxis muss weiterhin gezahlt werden. Lisa arbeitet von zu Hause aus: Sie plant ihre Termine, führt telefonische Beratungen durch und dokumentiert den Betreuungsverlauf. Ihre Patientinnen besucht sie zu Hause. In der Regel betreut sie jeden Monat etwa fünf werdende oder frischgebackene Mütter, momentan sind es jedoch – aufgrund eines für Juni und Juli geplanten Urlaubs – nicht ganz so viele. Ein Glück, denn auch wenn aus dem Urlaub schließlich nichts wurde, mussten sich Lisa und Benedict doch um ihre Tochter kümmern, als deren Kindertagesstätte geschlossen wurde. Sie haben kein Kindermädchen und auch keine hilfreichen Großeltern, die mal eben einspringen könnten – auch schon vor der Corona-Krise nicht. Nach dem Abschluss der Hebammenschule hatte Lisa eine Zeit lang in einer Universitätsklinik gearbeitet. Seit der Geburt ihrer Tochter ist sie als freiberufliche Hebamme tätig. 

„Als Hebamme kann ich alles, was ein Arzt auch kann, außer Ultraschalluntersuchungen“, erzählt Lisa. „Ich nehme Blut ab, erkläre der Mutter, wie man stillt und worauf man achten sollte, ich kontrolliere das Gewicht des Kindes und achte auf Nachblutungen bei der Mutter. Ich betreue die Frauen vor und nach der Geburt, führe jedoch keine Entbindungen durch. Dazu müsste ich einen Vertrag mit einer Klinik schließen und wesentlich höhere Versicherungsbeiträge zahlen, rund 8 000 Euro pro Jahr, im Augenblick zahle ich nur 80 Euro. Außerdem müsste ich rund um die Uhr verfügbar sein, was nahezu unmöglich ist, wenn man selbst ein Kind hat.“

Vor der Corona-Krise brachte Lisa ihre Tochter morgens in die Kindertagesstätte, machte anschließend von 9 bis 14 Uhr Hausbesuche, fuhr nach Hause, um dort die Patientinnenakten auszufüllen, und holte ihre Tochter um 16 Uhr wieder ab. Jetzt beginnt sie um 8 Uhr und muss alles in den drei Stunden erledigen, in denen sich ihr Mann um ihre Tochter kümmert. Das Wohnzimmer ihrer Wohnung in der Nähe des Kottbusser Tors in Berlin hat Benedict in ein Homeoffice umfunktioniert. Nur Lisas bevorzugtes Fortbewegungsmittel hat sich nicht geändert. Sie fährt weiterhin mit dem Fahrrad – in Zeiten von Corona die ideale Lösung.

Während der Nachsorge muss Lisa ihre Patientinnen zu Hause besuchen – selbstverständlich unter Einhaltung sämtlicher Sicherheitsmaßnahmen. „Ich desinfiziere meine Hände und trage eine medizinische Gesichtsmaske, die ich anschließend in einer Plastiktüte mit nach Hause nehme und so oft wie möglich reinige“, erzählt Lisa. „Ich versuche, einen entsprechenden Sicherheitsabstand einzuhalten, aber manchmal muss ich die Patientinnen berühren, um etwas zu kontrollieren. Wenn ein Hausbesuch nicht erforderlich ist, berate ich meine Patientinnen am Telefon. Auf diese Weise habe ich auch Mütter betreut, die sich mit ihrer Familie in Quarantäne befanden. Über mangelnde Arbeit kann ich mich jedenfalls nicht beklagen – Kinder werden immer geboren.“

Seit Anfang Juni darf Nola wieder in die Kindertagesstätte gehen, und Lisa kann wieder sieben Stunden pro Tag arbeiten. Doch im Augenblick kann sich alles schnell wieder ändern: Ein Elternteil eines Kindes aus Nolas Kindergruppe ist möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert. Sollte sich der Verdacht bestätigen, wird die Kindertagesstätte wieder geschlossen. Eben dies stört Lisa am meisten an der derzeitigen Situation: Dass einfach kein Ende in Sicht ist. „Zu Beginn erhielten die Menschen Unterstützung vom Staat, und alle dachten, das Ganze sei in drei Monaten überstanden. Doch diese drei Monate sind längst vorbei, und noch immer weiß niemand, wie es weitergeht, das macht einem schon Angst. Ich bin ein Mensch, der immer einen Plan braucht, doch im Augenblick kann ich nicht mehr als drei Tage im Voraus planen. Diese Unsicherheit wird wohl ein fester Bestandteil unseres neuen Alltags bleiben. Aber es gibt auch positive Seiten: Wir entdecken neue Arbeitsformen und neue Möglichkeiten. Wir haben erkannt, dass wir für eine Konferenz nicht mehr unbedingt ans andere Ende der Welt fliegen müssen, wenn es auch per Zoom geht.“

Michał – zwei Wirklichkeiten

„Die Menschen in Berlin legen großen Wert auf Freiheit, und während der Corona-Krise wurde diese Freiheit – zum ersten Mal seit dem Fall der Berliner Mauer – von Tag zu Tag mehr eingeschränkt“, erklärt Michał, der Besitzer einer Berliner Möbelfirma. „Die Menschen haben den Lockdown zwar akzeptiert, doch es wurden schon bald Stimmen laut, die die Maßnahmen für übertrieben hielten. Alle haben ungeduldig auf die Rückkehr zum Alltag gewartet, auch wenn dieser Alltag möglicherweise ein wenig anders aussehen würde als bisher.“

Michał während des Zoom-Gesprächs Michał während des Zoom-Gesprächs | © Agnieszka Wójcińska Michał kennt die deutsche Hauptstadt ziemlich gut, er und seine Frau Ewa leben bereits seit zehn Jahren in Berlin und haben sich gut eingelebt. Beide stammen aus Stettin, doch Michał kam bereits zum Studium nach Deutschland: Er studierte Polonistik, Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Greifswald. Nach Berlin verschlug es Michał und Ewa eher zufällig. Die Stadt galt als ein Paradies für Selbständige, und beide waren selbstständig tätig. Ewa arbeitet als Grafikerin, und Michał betreibt eine Eventagentur und eine kleine Möbelfirma. Die Möbelfirma hat gemeinsam mit seinem Schulfreund Przybyrad gegründet, der die Produktion in Polen leitet. Michał betreibt ein Ladengeschäft in Berlin, denn 90 Prozent ihrer Kunden stammen aus Deutschland. Unter der Marke „Politura“ stellen sie Sessel, Stühle und Sofas her, die in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren in Polen entworfen und gebaut wurden, jedoch nie in Serienproduktion gingen. Außerdem restaurieren sie Möbel aus dieser Epoche. Vor sieben Jahren gingen sie mit ihrer Idee auf den deutschen Markt und waren ziemlich erfolgreich – in den vergangenen Jahren hatten sie einen stetigen Zuwachs an Aufträgen.

Doch dann machte ihnen das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung. Die Produktion in Polen, wo neben Michałs Freund Przybyrad noch zwei weitere Mitarbeiter tätig sind, kam vollständig zum Erliegen. Ihr Berliner Ladengeschäft mussten sie schließen. Hotels zogen ihre Bestellungen zurück, und neue Aufträge kamen nicht herein. Daraufhin versuchten Michał und Przybyrad, ins Online-Geschäft einzusteigen, sie kommunizierten per Telefon und E-Mail mit ihren Kunden und schickten ihnen Materialproben. Leider zeigte sich jedoch schon bald, dass eine Transaktion, die im Ladengeschäft, nur etwa zwei Stunden in Anspruch nahm, auf diese Weise zwei bis drei Wochen dauerte. Auch in der Eventbranche herrschte Flaute. Was blieb, waren die laufenden Kosten für Internet und Telefon, die Leasingkosten für einen Transporter und einen Dienstwagen, die Kosten für Internetwerbung sowie die Miete für das Ladengeschäft mit Büro, Lager und Showroom. In diesem Büro sitzt Michał mir gerade am Bildschirm gegenüber, vor dem Hintergrund einer weißen Wand. Seine Frau Ewa ist zu Hause und kümmert sich um ihre einjährige Tochter. Auch Ewa hat aufgrund der Corona-Krise schon seit Längerem keine Aufträge mehr erhalten. Beide haben die Corona-Soforthilfe beantragt. Michał erhielt für seine beiden Unternehmen insgesamt 14 000 Euro – 9 000 Euro vom Bund und 5 000 vom Land Berlin.

„Natürlich hatten wir in unserer Firma auch ein paar Rücklagen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass man auf alles vorbereitet sein muss“, sagt Michał. „Doch dank der Soforthilfe mussten wir diese Rücklagen nicht vollständig aufbrauchen und hatten noch ein wenig finanziellen Spielraum. Die Bundesregierung hat ein Hilfspaket in Höhe von 750 Milliarden Euro geschnürt. Davon wurden 50 Milliarden Euro für kleine Unternehmen, Soloselbstständige und Freiberufler bereitgestellt“, erklärt er.

„Was mich überrascht hat und allgemein gelobt wurde, ist, dass der Prozess der Antragstellung nicht mehr als zehn Minuten dauerte“, fügt Michał hinzu. „Das war eine Geste des Vertrauens. Ich meldete mich einfach an und reihte mich in eine virtuelle Warteschlange ein. Zwei Tage später erhielt ich die Nachricht, dass ich den Antrag jetzt ausfüllen könne. Ich musste lediglich den geplanten Verwendungszweck des Zuschusses, meine Steuernummer, die Rechtsform und das Gründungsdatum des Unternehmens sowie meine Bankverbindung angeben und erklären, inwieweit mein Unternehmen unmittelbar von der Corona-Krise betroffen ist. Das Geld war schon am nächsten Tag auf meinem Konto.“

Michał betont, dass sich in Deutschland alle darüber im Klaren waren, dass insbesondere kleine Unternehmen, Soloselbstständige und Freiberufler so schnell wie möglich Hilfe benötigen. Es fällt kleinen Unternehmen wesentlich schwerer, die Krise zu überstehen, als großen Unternehmen mit entsprechenden finanziellen Ressourcen – auch solchen, die mehrere Hundert Mitarbeiter entlassen haben.“

Die Wirklichkeit seines polnischen Mitunternehmers sah ein wenig anders aus. „Przybyrad stellte einen Antrag auf eine dreimonatige Befreiung von der Sozialversicherungspflicht für seine beiden Angestellten. Das ging zwar auch online, doch anschließend musste er mehrere Wochen auf einen Entscheid warten. Auch einen Antrag auf Unterstützung durch das Kreisarbeitsamt konnte er online stellen, musste dafür jedoch erst einmal berechnen, wie viel weniger er im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres verdient hatte. Den Zuschuss erhielt er erst drei Wochen später: ein Darlehen in Höhe von 5 000 Złoty, das nicht zurückgezahlt werden muss, wenn das Unternehmen drei Monate lang weitergeführt wird und ein entsprechender Nachweis erbracht wird.“

Die 5 000 Złoty sind keine große Hilfe. Aber auch wenn die 14 000 Euro, wie Michał sagt, aus polnischer Sicht wie ein wahrer Geldregen erscheinen, sind sie für die deutschen Kleinunternehmer doch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die laufenden Kosten fressen die Soforthilfe schnell auf – und niemand weiß, was noch alles kommen wird. Und doch schaut Michał wieder mit einem gewissen Optimismus in die Zukunft. Im Geschäft tauchten schon wieder die ersten Kunden auf, vorläufig noch in Schutzmasken. Größere Auftraggeber, wie Architekten und Hotels, übten sich zwar nach wie vor in Zurückhaltung, doch Einzelkunden seien schon wieder bereit, Geld auszugeben.

Aktuelle Statistiken zeigen allerdings, dass Michałs Optimismus – und auch der meiner anderen Gesprächspartner – möglicherweise verfrüht ist. Eine repräsentative Umfrage, die das Institut für Freie Berufe (IFB) an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zwischen Mitte Mai und Anfang Juni 2020 unter 2 600 selbständigen Freiberuflern durchführte, ergab, dass rund ein Viertel aller Selbstständigen von der Corona-Krise sehr stark betroffen und etwas mehr als ein Drittel stark betroffen ist. Noch ist nicht bekannt, wie viele Selbständige und Freiberufler die Corona-Soforthilfen des Bundes und der Länder in Anspruch genommen haben, da das Programm noch bis Ende Mai läuft. Doch schon jetzt wird deutlich, dass viele dieser Arbeitsplätze bereits jetzt vom Arbeitsmarkt verschwinden. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stellten im April 2020 rund 33 000 Selbständige einen Antrag auf Arbeitslosengeld (normalerweise liegt diese Zahl bei etwas unter 2 000). Es ist also durchaus möglich, dass die Corona-Krise auch auf dem deutschen Selbständigen- und Freiberuflermarkt ihre Spuren hinterlassen wird.
   

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