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Beerdigungsformen anderer Art
Wenn der Tod personalisiert wird

Trauer ist ein Amalgam aus verschiedensten komplexen Emotionen.
Trauer ist ein Amalgam aus verschiedensten komplexen Emotionen. | Foto: Pexels

In den letzten Jahren entstanden in deutschen Großstädten viele Bestattungsinstitute, die sich von traditionellen Beerdigungsformen zugunsten personalisierter Begräbnisvarianten abwenden. Karolina Sulej befasst sich mit diesen Ideen – ein persönlicher Abschied vom Verstorbenen im Kontext neuer Bestattungstrends.

Der Mantel aus Filz umhüllt ein zylindrisches Aschengefäß. Der Mantel aus Filz umhüllt ein zylindrisches Aschengefäß. | @ Steffen Kawelke „Augen zu und Hände auf.“

Conny legt mir etwas in die Handfläche. Es hat die Form einer Vase und ist von weichem Filz ummantelt. Reflexartig drücke ich den kleinen Gegenstand ans Herz. Der Filz fühlt sich angenehm an, wie Fell. Ich mache die Augen wieder auf und sehe, dass Conny mich zufrieden beobachtet.

„So reagieren alle auf meine Urnen.“

Ich betrachte das orangefarbene, hübsch anzusehende und anzufassende kleine Gefäß in meinem Schoß genauer. Nein, das ist kein gruseliges Utensil des Todes. Im Gegenteil – es ist niedlich, kuschelig, herzerwärmend. Diese Urne ist gemütlich [im Original deutsch; Anm. d. Übers.]. 

Der Mantel aus Filz umhüllt ein zylindrisches Aschengefäß. Das Material ist biologisch abbaubar, erfahre ich, denn heute erlauben die Krematorien immer seltener nicht-abbaubare Stoffe. Die wollene Ummantelung ist an keiner Stelle vernäht; sie besteht aus einem Stück, das sich nach oben hin entfaltet wie Blütenblätter. Conny Webers Urnen sind kleine Kunstwerke. Sie könnten auch in einer Galerie ausgestellt werden.

Mit dieser besonderen Art des Handwerks befasst Conny sich erst seit wenigen Jahren. Eigentlich ist sie Computergrafikerin, bemerkte aber irgendwann, dass sie sich mehr und mehr für das Haptische interessierte – wie sich die Tablets, die Tastaturen anfühlten. Auf einer Designmesse entdeckte sie dann Objekte aus Filz, ein Material, das sie schon immer fasziniert hatte: plastisch, weich, organisch ist es zugleich Gewebe und Skulptur. Connys Großvater und Vater waren beide Bildhauer gewesen; der eine arbeitete mit Stein, der andere mit Holz. Und nun spürte sie, dass sie selbst etwas mit Filz machen wollte. Nur was, das wusste sie noch nicht, und es fehlte ihr auch an Mut. Die Eingebung kam mit dem Schmerz über den Tod ihres Vaters. Mit in den Sarg legte sie ihm ein selbstgenähtes rotes Filzherz. Und dann, nach der Einäscherung, als sie seine Urne in den Händen hielt, kam ihr ein Gedanke, der sie nicht mehr losließ: Ihr Vater habe es nicht verdient, dass seine sterblichen Überreste nun in einem so nichtssagenden, gewöhnlichen Behältnis lagen.
Für die Herstellung der Urnen verwendet Conny Merinowolle der höchsten Qualität. Für die Herstellung der Urnen verwendet Conny Merinowolle der höchsten Qualität. | @ Steffen Kawelke „Eine Urne aus dem Katalog ist wie eine Kaffeetasse von Tchibo. Ein billiges Ding vom Fließband, eines wie das andere.“

Für ihren Vater war es zu spät, trotzdem beschloss sie, etwas für andere zu verbessern. So traf der Wunsch nach künstlerischer Verwirklichung auf die persönliche Erfahrung, und seither ist Connys Leidenschaft das Design und die Anfertigung von Filzurnen. Zwar arbeitet sie auch mit Bestattungsfirmen zusammen, doch meistens finden die Kunden sie von sich aus über Internet. Sie selbst empfindet sich als Künstlerin, nicht als Unternehmerin.

Connys Urnen sind keine Luxusartikel. Sie bewegen sich preislich auf einem ähnlichen Niveau wie Schmuck aus der Manufaktur – zwischen 70 und 200 € für ein Exemplar. Lachend erklärt Conny, dass sich inzwischen sogar die Begräbnisindustrie der Slow-Life-Bewegung anpasst: Slow ist nicht mehr nur Lebensstil, sondern immer mehr auch Sterbensstil.

Sie erzählt, dass deutsche Unternehmer bis vor kurzem extra nach Polen fuhren, um Materialkosten zu sparen. Und trotzdem noch riesige Provisionen für sich selbst auf den Artikelpreis packten. Den Markt verstopften Kitschprodukte aus künstlichen Materialien. Jetzt ändert sich das allmählich. Dieser Wandel in der Ästhetik besteht laut Conny nicht nur in einem Wandel der Dekorationen, er sei auch eine Frage der Ökonomie. Es gehe immer weniger darum, Gewinn zu machen, und immer mehr um Kunst und Menschlichkeit. Die junge Generation von Bestattern sehe sich eher als Berater denn als Verkäufer.

Wir sitzen in Connys Wohnzimmer. Ihr Haus steht in der Nähe des weitläufigen Parks Tempelhofer Feld. Dieser Teil Berlins ist wie ein Dorf in der Stadt. Aus dem Fenster blicke ich auf Kletterrosen im Garten und auf eine schmale, ruhige Straße. Im Zimmer, zwischen vollgestopften Bücherregalen und den Globen von Connys Mann, stehen mehrere Urnen. Bunte, einfarbige, gemusterte. Ausstellungsstücke.

Bis die Asche des Verstorbenen unter die Erde kommt, erklärt Conny, vergehen meist nur wenige Tage. Manchmal sogar Stunden. Oft halten Angehörige die Urne nur für einen kurzen Moment in der Hand. Deswegen sei es sehr wichtig, dass sie so persönlich, so vertraut wie möglich wirkt. Denn schließlich soll sie das Behältnis für einen geliebten Menschen sein.

Manche ihrer Kunden wollen sich die eigene Urne schon einmal selbst aussuchen, für alle Fälle. Andere wollen sie einfach in Ruhe betrachten. Man kann sein Testament darin aufbewahren. Oder Schmuck. Oder man stellt Blumen hinein. Im Regal macht sie sich jedenfalls gut. Zurzeit arbeitet Conny zum Beispiel am Auftrag einer Kundin, die sich für den Fall ihres Todes eine rote Urne gewünscht hat: Ihr Lieblingsplatz ist nämlich die rote Bank in ihrem Garten. Außerdem mag sie Punkte, und deswegen wird auch die Urne gepunktet.

Auf ihrer Internetseite präsentiert Conny Fotos von Urnen in den beliebtesten Farben – hellblau, weiß, grau, wollweiß, eine Hälfte hell, die andere bunt eingefärbt, beige, pastellfarben. Häufig fertigt sie aber auch individuelle Einzelstücke an. Vor kurzem hat sie etwa eine Urne für eine Kundin gefilzt, die einen Pullover in einem speziellen Rosé besonders mochte. Dieser Farbton findet sich jetzt auch an ihrer Urne wieder.

Für die Herstellung der Urnen verwendet sie Merinowolle der höchsten Qualität. Nach der Methode „Versuch und Irrtum“ hat Conny gelernt, exakt so viel Wolle zu filzen, dass das Filzstück sich nach dem Schrumpfen passgenau um die Urne legt. Sie arbeitet an einem breiten Tisch, auf dem sich auch jetzt, während unseres Gesprächs, Wolle in verschiedenen Farbschattierungen türmt. Conny Webers Urnen sind kleine Kunstwerke, die auch in einer Galerie ausgestellt werden könnten. Conny Webers Urnen sind kleine Kunstwerke, die auch in einer Galerie ausgestellt werden könnten. | @ Steffen Kawelke

„Mir gefällt die Arbeit mit Filz, weil er so eigenwillig ist und sich nicht ganz kontrollieren lässt. Die Metapher geschieht von selbst unter meinen Händen.“

In ihrem Atelier gibt es einen Gegenstand, den ich nicht einzuordnen weiß. Ein wenig erinnert er an einen Traumfänger: Von einem dicken Ast hängen lose Flechten aus roter Wolle. Ein gutes Dutzend Flechten sind es, manche haben Knoten in einer bestimmten Höhe, andere nicht. Ein Faden ist blau.

„Das ist mein Altar. Jede Flechte symbolisiert das Leben eines Menschen, der mir nahesteht. Und der Knoten ist sein Tod. Das geht vom höchsten Knoten – ein 17-jähriger Junge – bis zum tiefsten – meine Nachbarin, die 98 geworden ist. Der blaue Faden ist meiner.“

Conny hat auch eine eigene Urne. Sie hat sie aus der Wolle von Heidschnucken gemacht, einer Schafrasse aus der Lüneburger Heide bei Hannover. Die Wolle ist kraus und grau, sie fühlt sich rau und fest an, ein wenig wie Menschenhaar. Einfärben wird Conny ihre Urne nicht.  

„Macht diese Arbeit dich nicht manchmal traurig?“, frage ich sie.

„Aber warum denn?“, wundert sich Conny. „Der Tod ist ein Teil des Lebens. Wenn jemand glaubt, es ist anders, dann wird es höchste Zeit, dass er das Leben verstehen lernt.“

Diesen Satz würde Jan Möllers sofort unterschreiben. Er gehört zur „neuen Bestatter-Generation“, wie Conny es nennt. Zu ihm führt mich ein langer Spaziergang durch die Bezirke Tempelhof und Schöneberg bis zur S-Bahn-Station Friedenau – eine beschauliche, wohlhabende und auf eine Weise bürgerliche Gegend, wie sie sich im heutigen Berlin kaum mehr finden lässt. Ganz in Bewunderung für die schmucken Altbaufassaden versunken, bemerke ich Möllers Bestattungsinstitut zuerst gar nicht. Zwischen Kindergarten, Kanzlei, Klamottenladen und kunstvoll gestaltetem Treppenaufgang ist es aber auch allzu leicht zu übersehen. Es fehlen die branchentypischen dunklen Farben oder gediegenen Schriftzüge, es fehlt das Firmenschild und die sprechende Schaufenstergestaltung. Wüsste ich nicht die genaue Adresse, so hätte ich geglaubt, es handele sich um eine Parfümerie oder ein Spa. Vor einem klaren großen Fenster liegt ein kleiner Vorgarten mit Bäumen. Der Firmenname ist diskret an der Seite angebracht, wie ein Name auf dem Klingelschild. Hinter der Schaufensterscheibe sieht man einen Zweig, an Fäden hängen frische und getrocknete Blumen. Die Tür steht weit offen und gibt den Blick auf ein Plüschsofa, einen Tisch mit brennender Kerze, ein paar stilvolle Stühle vor einer grün gestrichenen Wand frei. Eleganter Minimalismus.

„Ein ästhetisches Umfeld, hübsche Dinge lindern den Schmerz. Das ist wissenschaftlich belegt“, begrüßt mich Jan mit einem Lächeln. 

Er trägt einen grünen Fleecepullover, der sanft mit der Wand hinter ihm verschmilzt, dazu Jeans und Socken mit Superman-Logo. Jan ist studierter Kulturwissenschaftler. Seit er denken kann, faszinieren ihn die Rituale des Übergangs, die Momente des „Dazwischen“. Gern sagt er mit Arnold Van Gennep, es seien „immer neue Schwellen zu überschreiten“. Rituale – Handlungen, die in einem bestimmten Rahmen unter Verwendung bestimmter Kostüme und Requisiten vollzogen werden – sollen es uns leichter machen, die Schwellen in unserem Leben zu überschreiten und zu verstehen. In unserer Kultur, die so viel Wert auf Individualität legt, seien viele dieser Schwellen mit sehr persönlichen Ritualen umgeben, sagt Jan. Viele – aber nicht die Trauerzeit. Hier ordnen wir uns immer noch häufig Traditionen und universellen Mustern unter. Seiner Meinung nach liegt das unter anderem daran, dass wir uns fürchten oder schlicht nicht in der Lage sind, den Tod in unseren Alltag einzubinden, eine eigene Geschichte über ihn zu erschaffen. Und genau dabei will Jan den Menschen helfen. Er erklärt, dass die Trauerzeit, die Zeit zwischen Tod und Begräbnis, eine Phase sei, in der der Mensch eine Etappe beendet, die nächste aber noch nicht beginnen kann. Daher sei in dieser Zeit das Risiko besonders hoch, dass der Trauernde sich verloren fühle. Entsprechende Rituale könnten ihn durch diese schwere Zeit führen. Unter Anleitung durch diejenigen, die sich damit auskennen.

„Nicht unter Anleitung“, verbessert er mich sofort. „Mit unserer Begleitung.“
memento Bestattungen: Danny Klein, Andrea Regulin, Cass Yousef, Jan Möllers und Leo Ritz. memento Bestattungen: Danny Klein, Andrea Regulin, Cass Yousef, Jan Möllers und Leo Ritz. | @ memento Bestattungen „Persönliche Abschiede gestalten“, so bezeichnet das Bestatter*innenteam seine eigene Arbeit. Bei jedem Trauerfall erstellt Jan gemeinsam mit dem Kunden ein neues, besonderes Ritual. Beziehungsweise mit dem Begleitungsbedürftigen. Oder besser – dem Menschen im Trauerprozess? Es ist schwierig, hier die passenden Worte zu finden. Besonders, wenn ich versuche, die deutschen Bezeichnungen ins Polnische zu übertragen.

Anja Franczak, die erste zertifizierte Trauerbegleiterin aus Polen, die bei Jan gelernt hat, erklärt mir, was sich die Leute in Polen häufig vorstellen, wenn sie den Begriff „Trauerbegleitung“ in polnischer Übersetzung hören: dass jemand einem beruhigend den Rücken tätschelt oder einen in den Arm nimmt, wenn man weinen muss. Eher als der physische Beistand ist jedoch gemeint, dass die begleitende Person einem mit Rat und Tat zur Seite steht. Man erarbeitet sich etwas gemeinsam mit jemandem, der über ein bestimmtes Wissen verfügt, mit dem er andere bei dem, was sie durchmachen, stützen und leiten kann, ohne sie zu belehren oder zu beurteilen. Dieser Jemand ist aber kein Therapeut, der eine Veränderung bei einem Patienten bewirken will. Er ist auch kein Betreuer, der sich von oben herab eines Schwächeren annimmt. Ein Trauerbegleiter, eine Trauerbegleiterin geht davon aus, dass die trauernde Person über genügend eigene Stärke verfügt und ihre eigenen Ressourcen hat, zu denen ihr nur der Zugang gezeigt werden muss.

Anja Franczak, die erste zertifizierte Trauerbegleiterin aus Polen Anja Franczak, die erste zertifizierte Trauerbegleiterin aus Polen | @ Justyna Jaworska „Am engsten verwandt sind wir wohl mit Hebammen“, lacht Jan.

Sein Institut ist eines der alternativen Bestattungsunternehmen, von denen in Deutschlands größeren Städten in den letzten Jahren immer mehr gegründet worden sind. Sie alle wollen weg von traditionellen, konventionellen Begräbniszeremonien mit festen Requisiten, immer gleichen Abläufen und religiöser Staffage – und hin zu persönlichen, intimen Feiern. Sie wollen Bestattung und Trauerzeit den Regeln von Religion und Kapitalismus entreißen und ihnen eine menschliche Dimension, ein menschliches Gesicht zurückgeben. 

Als ich mich probehalber am Begriff „alternativ“ versuche, verzieht Jan das Gesicht und meint, weder seien sie eine Alternative-Rockband, noch müsse bei ihnen alles zwangsläufig vom Traditionellen abweichen. Das Wichtigste sei, dass der Sterbende oder seine Familie sich selbstbestimmt entscheiden könnten. Wenn jemand eine Bestattung nach christlicher Praxis wünsche, stehe ihm das natürlich frei. Das Begräbnis solle einfach zum Verstorbenen passen. Vor kurzem ist Jans Stiefvater verstorben, ein eher bodenständiger, traditionsbewusster Mann. Die Familie hat ihn nach protestantischem Brauch bestattet, sogar die traditionellen Begräbnishymnen wurden gespielt, sodass sich die Pastorin nachher wunderte, sowas hätte sie „von Jan jetzt gar nicht erwartet“. 

„Und deswegen würde ich statt ,alternativ‘ eher sagen, ,am Trauerprozess orientiert‘“.

In der Praxis heißt das: Im Vordergrund steht, was die Menschen durchmachen – die Dinge sind dabei nur Hilfsmittel. So wandte sich einmal eine Familie an Jan, bei der ein Teil der Angehörigen den Sarg des Verstorbenen gemeinsam bemalen wollte und der andere Teil auf einem traditionellen, eleganten Sarg bestand. Darüber zerstreiten wollten sie sich aber auch nicht. Als Jan zwischen beiden Seiten vermittelte, kamen sie gemeinsam auf die Lösung, dass der elegante Sarg ja auch von innen bemalt werden könnte. Eine Kleinigkeit, ein winziger Gedankenschlenker nur – und doch bot er die Lösung. Der Trauerprozess konnte durchlebt werden, ohne dass ein Requisit ihm im Wege stand.

Jan empfindet die Trauerbegleitung, die Bestattungsarbeit als seine Berufung. Das ist ihm klargeworden, als er, noch im Rahmen der Kulturwissenschaft, die Tätigkeit von Bestattungsinstituten untersuchte. Auf einmal spürte er, dass er nicht mehr nur beobachten und beschreiben wollte, sondern sich selbst beteiligen. Im Bestattungsinstitut fühlte er sich wohl – womit weniger sein eigenes Befinden gemeint sei als das Sinnhafte dieser Arbeit. Er spüre, dort sei er am richtigen Ort.

„In Polen hören die Leute das vielleicht nicht so gern – aber hier muss ich dazusagen, dass ich als Mädchen zur Welt gekommen bin.“

Jan studierte noch als Frau, und als Frau machte er seine ersten Schritte in die Welt der Bestattungen. Seine Erfahrung mit Phasen des Wandels erweist sich jetzt, wo er viel mit Übergangsritualen arbeitet, als wertvoller Wissensschatz. Denn schließlich hat er sich selbst lange Zeit in einem Bereich des „Dazwischen“ befunden, um zu verstehen, was dort vor sich geht, um die Verlorenheit, die Angst, den Verlust des Identitätsgefühls aus eigenem Erleben zu kennen. Und dieses Wissen will er mit anderen teilen.       

Aber nicht nur die eigene Erfahrung mit der Geschlechtsumwandlung legte den Grundstein für Jans Interesse an der schwierigen Zeit rund um den Tod. Schon als Kind spielte er gern auf Friedhöfen. Sein Vater war Organist, und so waren sie viel in Dörfern und Kleinstädten unterwegs, wo er für Konzerte engagiert worden war. Der Vater konnte an keiner Kirche vorbeigehen, ohne die Orgel darin auszuprobieren. Jan langweilte sich dann und ging auf den Kirchhof zum Spielen wie andere Kinder in Garten oder Hinterhof. Die Gräber machten ihm keine Angst.

Ein weiterer Auslöser waren Angst und Wut. Sein Vater starb, als Jan elf war. Er erinnert sich noch genau, was für ein schreckliches Ereignis der Tod an sich war – aber ebenso schrecklich fand er es, nicht zu wissen, was weiter mit seinem Vater geschah. Er starb im eigenen Bett, wurde dann aber von fremden Leuten abgeholt, die ihn in eine Kiste legten und irgendwohin brachten. Die Kinder waren von alldem ausgeschlossen, nicht einmal zusehen durften sie – ein Gefühl vollkommener Hilflosigkeit und Verzweiflung. 

Aus Ärger über dieses System und auch aus kulturanthropologischem und persönlichem Interesse schrieb er seine Magisterarbeit über den heutigen Umgang mit Bestattungen und stellte Überlegungen an, wie man diese Abläufe zugänglicher und menschlicher gestalten könnte. Nach seinem Studium blieb er der Bestattungsbranche erhalten, erst als Auszubildender, dann als Angestellter. Jan betont, er habe das Glück gehabt, schon bei einem anders eingestellten Unternehmer zu lernen als die Generation von Bestattern, die seinen Vater beerdigt hatten. Vom Wissenschaftler wurde Jan zum Praktiker. Und beschloss später, nach vielen Jahren als Angestellter und dann auch als Chef, sein eigenes Institut zu eröffnen.

Memento ist heute nicht nur ein Bestattungsunternehmen, sondern zugleich eine Art Kulturzentrum. Oder eher ein Ort der Kulturanimation, der Begräbniskulturanimation. Das Team sagt gern im Scherz, der Name sei das einzige Einknicken vor dem „alten System" – „Mementos“ gibt es schließlich mehrere. Anfangs hätten sie über unkonventionellere Namen nachgedacht, wie etwa „Schleuse“, aber letztendlich trug dann der traditionellere, einfachere und – auch nicht unwichtig – leichter auszusprechende Name den Sieg davon.

Das Bestatter*innenteam steht nicht nur Einzelpersonen mit Rat und Tat zur Seite, sondern produziert auch Lehrvideos, leitet Schulungen und arbeitet mit einer ganzen „Wolke“ von Künstlern wie Conny Weber zusammen. Das kollektive Arbeiten ist ihnen allen sehr wichtig. Jan sagt, er habe auch deswegen sein eigenes Institut gründen wollen, um sich nicht länger in die hierarchischen Strukturen einer größeren Firma einordnen zu müssen.

Beim Bestattungsinstitut gibt es keinen Chef. Alle Mitarbeitenden haben die gleichen Kompetenzen, einen Zugang zum Konto. Alle bearbeiten einzelne Fälle von A bis Z, jeder und jede hat ein Vetorecht, sämtliche Kosten sind transparent. Der Sarg, die administrativen Dienstleistungen, Blumen, Musik, alles andere nötige Drumherum hat seinen eigenen Platz in der Preistabelle.
Jan mit seinen Kolleg*innen bei einer Trauerdemonstration in Berlin Jan mit seinen Kolleg*innen bei einer Trauerdemonstration in Berlin | @ Raphael Schanz Die Kosten für den gesamten Begleitungsprozess betragen 1225 €; für diejenigen, die sich das nicht leisten können, gibt es die Möglichkeit der Ermäßigung oder zinslosen Ratenzahlung. Manche Fälle werden sogar pro bono publico – also unentgeltlich – übernommen. Jede Tabellenposition kann man einzeln bestellen, und für verwandte, bei anderen Unternehmen bestellte Leistungen nimmt das Institut keine Provision. Die Kunden bezahlen nur für die Zeit, die die Mitarbeiter*innen ihnen widmen.     

Zeit braucht der Prozess allerdings, denn Trauer ist ein Amalgam aus verschiedensten komplexen Emotionen. Um mir die aufeinanderfolgenden Phasen und Bestandteile der Trauer zu erklären, holt Jan seine Schulungsmaterialien her. Er misst der haptischen Erfahrung große Bedeutung bei – und ich fühle mich ein wenig wie im Kindergarten. Auf der Tischplatte setzt er Puzzleteile mit Bezeichnungen für die verschiedenen Aspekte der Trauer zusammen.

Und das sind sie:

Das Überleben – das Weiterleben im rein praktischen Sinne: Gibt es jemanden, bei dem ich nach dem Tod des geliebten Menschen zur Not übernachten könnte? Habe ich genug zu essen? Werde ich auch nicht krank vor Verzweiflung? 

Die Realität – die Erkenntnis und Akzeptanz, dass der Tod endgültig ist. Bei diesem Prozess der Erdung, beim Ankommen auf dem Boden der Realität ist der Kontakt mit dem Körper des Verstorbenen hilfreich, wenn man ihn beispielsweise ankleidet. Jan erinnert sich an einen Fall, in dem die Angehörigen der Verstorbenen ein Tanzkleid in Kombination mit Wollsocken anzogen. Die Frau hatte diese Kleidungsstücke nie zusammen getragen, aber es waren ihre Lieblingssachen gewesen.

Die Gefühle – hier geht es nicht nur um Trauer. Manchmal kommt Wut hoch, manchmal Schuldgefühle, manchmal empfindet jemand nur Gleichgültigkeit. Jan sagt, dass das Geschlecht eines Menschen großen Einfluss darauf hat, wie er Gefühle durchlebt. Für Männer ist es schwieriger, Gefühle zu erkennen und zu benennen, sie sind kulturell eher darauf geprägt, Trauer nicht zuzulassen.

Die Anpassung – das ist der Prozess, seine eigene Rolle in der Welt wiederzufinden, seinen Platz in der Welt zu erkennen und die bisherige Routine zu verändern.

In Kontakt bleiben – „Der Abschied von einem Verstorbenen bedeutet nicht, dass man sich auch von der Erinnerung an ihn verabschieden muss", erklärt mir Jan und nennt ein Beispiel: „Eine Schwester machte für die ganze Familie Traumfänger als Weihnachtsgeschenk. Einen davon legten sie dem gerade verstorbenen Stiefvater mit in den Sarg. Wenn die anderen nun ihre Traumfänger bei sich zu Hause ansehen, denken sie an ihren Stiefvater und dass einer dieser Traumfänger auch bei ihm liegt.“

Die Einordnung – die Fähigkeit, wieder einen Sinn im Leben zu finden und die eigene Geschichte, die nun auch den Verlust miteinschließt, neu zu erzählen, das Ereignis dieses Verlusts innerlich einzuordnen.

Sich mit diesen Aspekten zu beschäftigen sei umso wichtiger, je plötzlicher und unerwarteter der Tod eingetreten ist. An Jan und seine Mitarbeiterinnen wenden sich oft Menschen, die eine geliebte Person unter dramatischen Umständen verloren haben. In der Regel machen solche überraschenden, dramatischen Todesfälle nur 1% der Gesamtheit aus, doch bei memento sind es fast 20%, und das Alter der Verstorbenen liegt meist unter dem durchschnittlichen Sterbealter. Die Hinterbliebenen kommen in solchen Fällen zu Jan und seinem Team, weil ihnen das Standardangebot an Trauerritualen nicht genügt, um ihren Schmerz zu verarbeiten.

Man könnte meinen, die jahrelange Arbeit als Bestatter habe Jan gewissermaßen „abgehärtet“, doch nein – auch er fürchtet sich noch immer vor dem Tod. Doch er sagt auch, dass eine Arbeit so nahe an Tod und Sterben die eigene innere Unruhe mildert – was der heutigen Kultur diametral entgegensteht, die in der Verdrängung jeglichen Gedankens an Vergänglichkeit das beste Gegenmittel gegen die Angst vor dem Tod sieht.

„Heißt das, man kann sich auf den Tod vorbereiten?“, frage ich. 

Darauf gibt mir Jan seine Lieblingsantwort: ja und nein. Einerseits ja – schließlich könne man, besonders, wenn man unheilbar erkrankt sei, das eigene Begräbnis planen, ein Testament aufsetzen, seine persönlichen Gegenstände verteilen. Andererseits nein – und hierzu erzählt er mir die Geschichte vom Tod seiner Großmutter. Sie sei bereits sehr alt gewesen, als sie der Familie eines Tages einfach mitteilte, dass sie in einer Woche sterben werde. Von da an aß und trank sie nicht mehr. Jan begleitete sie ins Krankenhaus, sang ihr ihre Lieblingslieder vor. Er verließ das Krankenhaus nur für einen kurzen Moment, um etwas Wichtiges zu erledigen. Und genau da bekam er den Anruf, dass sie gestorben war. Obwohl er darauf vorbereitet gewesen war, hatte er ihren Tod überhaupt nicht erwartet. Schließlich war die Oma immer da gewesen.

Wir wissen so wenig, verstehen so wenig. Deswegen ist das Wichtigste, was man für jemanden tun kann, der einen nahestehenden Menschen verloren hat, ihm zuzuhören. Ihm einen Tee oder Kaffee zu machen und mit ganzer Aufmerksamkeit, Achtsamkeit bei ihm zu sein. Und als ich so auf Jans Sofa sitze und in die brennende Kerze schaue, fühle ich mich wirklich ruhiger, fast, als wäre ich in einem Zen-Garten.

Das memento-Logo, ein Kreis aus mehreren Linien, den man spontan mit der Zen-Philosophie in Verbindung bringen möchte, ist allerdings von anderer Quelle inspiriert. Er deutet die Form eines grünen Kettenanhängers an, den Jan einmal von seinem Vater geschenkt bekommen hat. Im Grunde ist es auch kein richtiger Kreis – es sind mehrere Linien, die sich nirgends verbinden, sondern immer weiter rundum laufen. Gerade dieses Nicht-Geschlossene ist es, was Jan mag.

Was er auch mag, sind Stille und ein ruhiger Tagesablauf. Deswegen wollte er sein Institut nicht im trubeligen Prenzlauer Berg oder einem anderen Szenebezirk eröffnen. Außerdem ist Schöneberg ein traditioneller Schwulenbezirk, was Jan, der sich mit heteronormativen Narrationen eher unwohl fühlt, ebenfalls entgegenkommt. Im Garten beim Haus weht eine Regenbogenfahne.

Jan erklärt mir, dass diese sehr individuellen Bestattungen eine Tradition sind, die sich hier auch dank der LGBTQIA-Community herausgebildet hat. Das Aufkommen von AIDS lichtete die Reihen dieser Community, es gab viele Tote zu beklagen. Mit dem Coming-Out bewiesen die Homosexuellen großen Mut, sie traten offen für ihre sexuelle Identität ein. Sie wollten nicht weiter im Verborgenen leben, und sie wollten nicht im Verborgenen sterben. Deswegen begannen sie, ihre Beerdigungen mit ihren eigenen, individuellen Dekorationen, Reden und Liedern zu begleiten.

„Einmal wollte jemand im rosa Sarg beerdigt werden. Das war ein ganz berühmter Fall, die Krematorien weigerten sich, den Sarg zu verbrennen. Aber der Verstorbene hat schließlich doch seinen Willen bekommen.“ 

Auf einem Friedhof in Schöneberg gibt es ein Denkmal und eine Grabstätte für die Opfer der Seuche. Statt eines Kreuzes hängt eine große rote Schleife am Grabstein.

Als ich von Berlin zurück nach Warschau fahre, kommt mir eine Frage in den Sinn, die ich sofort an Anja Franczak weitergebe. Sie arbeitet nämlich zurzeit an einem Projekt für das Institut für den Guten Tod, ein Bildungszentrum, das die Einstellung zum Tod in Polen verändern könnte, so wie es memento und andere Institute in Deutschland tun.   

„Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Unterschiede zwischen Polen und Deutschland, was den Umgang mit der Trauer angeht?“

Sie gibt mir eine Antwort, die auch Jan oder Conny mir hätten geben können.

„Dabei kommen drei Ebenen in Spiel. Erstens sind wir in gewissem Sinne, als Menschen, alle gleich. Zweitens gibt es die kulturelle, nationale Ebene, auf der wir uns unterscheiden. Und dann kommt noch eine dritte Ebene, die individuelle. Ein Trauerbegleiter ist vor allem auf der ersten und der dritten Ebene tätig. Er zeigt einem, dass das gemeinsame Tun einem helfen kann, man selbst zu bleiben. Zwischen Polen und Deutschen gibt es viele Unterschiede – aber mit dem Tod müssen wir uns alle auseinandersetzen.“

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