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Angst und Gesellschaft
Wovor fürchten sich die Menschen in Deutschland? Jedenfalls nicht vor der Pandemie

Auf dem Podium der deutschen Ängste steht die Angst, die Kontrolle über das Leben zu verlieren.
Auf dem Podium der deutschen Ängste steht die Angst, die Kontrolle über das Leben zu verlieren. | Foto: Pixabay

Ich habe mich mit Menschen unterhalten, die sich mit deutschen Ängsten beschäftigen. Ich habe Menschen, in Deutschland, auch polnischer Herkunft, zu diesem Thema befragt. Und ich weiß jetzt, wovor sich unsere westlichen Nachbarn am meisten fürchten.

Von Dorota Salus

Patricia Sadoun lebt seit 1971 in Deutschland, und ihre Lebensgeschichte könnte als Vorlage für eine Fernsehserie dienen. Patricia wurde in Marokko geboren, das damals noch unter französischem Protektorat stand, als Sohn eines marokkanischen Juden, der im Ministerium arbeitete, und einer Französin aus Hagenau. Sie war 16 Jahre alt, als sie während einer Schiffsreise nach Stockholm einen jungen Deutschen kennenlernte. Zwei Jahre später fuhr sie gegen den Willen ihrer Eltern nach Deutschland und heiratete ihn. Sie sprach fließend Arabisch, Französisch und Deutsch und war als Managerin für mehrere internationale Konzerne tätig: Sie verkaufte Stahl für den Automobilbau, führte Verhandlungen und machte Karriere. Als an einem kalten Wintertag im Jahr 2003 ihr Flugzeug, mit dem sie dienstlich nach Brüssel unterwegs war, um ein Haar auf der vereisten Landebahn zerschellte, beschloss sie, es künftig langsamer angehen zu lassen. „Nach drei Monaten im Krankenhaus gingen die Lähmungserscheinungen allmählich zurück, und ich begriff, dass ich am Leben bleiben und wieder laufen würde. Da wurde mir bewusst, wie viel das Leben mir gegeben hatte“, erinnert sich Patricia.

Sie erschloss sich neue Interessengebiete: interkulturelle Kommunikation, Psychotherapie und Coaching. Und sie begann, sich gesellschaftlich zu engagieren: „Ich wollte der Welt etwas von dem zurückgeben, was sie mir gegeben hatte“, erzählt Patricia.
 
Heute arbeitet sie im Gebrüder Schmid Zentrum in Stuttgart, einem Ort der Begegnung und der interkulturellen Kommunikation und einer Anlaufstelle für Hilfesuchende. Patricia leitet hier Rhetorikseminare, gibt Tipps, wie man ein Geschäft aufbaut, und hilft Flüchtlingen, sich in der deutschen Wirklichkeit zurechtzufinden.

Bei ihren Unterhaltungen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Quartiers kommen auch viele Ängste zur Sprache. „Die kulturelle Herkunft spielt sicherlich eine Rolle, doch die meisten Ängste kennen keine Nationalität. Die Bewohner fürchten sich in erster Linie vor Gewalt, vor Terrorismus, aber auch vor Krankheit, unzureichender Altersversorgung und davor, dass sie noch mit siebzig Jahren arbeiten müssen, obwohl sie nicht mehr die Kraft dazu haben“, erzählt sie.

Bei den Menschen ausländischer Herkunft kommt noch ein weiteres wichtiges Problem hinzu: das Heimweh. Und die Schwierigkeit, sich in Deutschland zu akklimatisieren: „Vielen erscheint die deutsche Kultur zu kalt und zu wenig familiär“, erklärt Patricia. „Wenn ich diese Menschen ansehe, erinnern sie mich an mich selbst. Sie haben Sehnsucht nach dem, was sie zurückgelassen haben. Nach ihrer Sprache, ihrer Kultur, nach all dem, was ihnen vertraut und lieb ist. Und im Hintergrund hören sie die empörten Stimmen: Wie kannst du so undankbar sein? Du hast hier doch alles!“

Ein weiteres Problem ist die Akzeptanz. „Jene, die ihre Zukunft in Deutschland sehen, wollen sich als ein Teil der deutschen Gesellschaft fühlen. Und eben das ist meine schwierigste Aufgabe: Ihnen das Gefühl zu geben, dass sie okay sind, so wie sind, aber“, an dieser Stelle hebt Patricia bedeutsam den Zeigefinger, „ihnen gleichzeitig klar zu machen, dass es in Deutschland gewisse Regeln gibt, die sie einhalten müssen,“ sagt sie.
Jene, die ihre Zukunft in Deutschland sehen, wollen sich als ein Teil der deutschen Gesellschaft fühlen. Jene, die ihre Zukunft in Deutschland sehen, wollen sich als ein Teil der deutschen Gesellschaft fühlen. | Foto: Pexels Sprachkenntnisse, eine schulische Grundbildung und ein Beruf, von dem sie leben können. „Manche Frauen und Kinder können nicht einmal lesen, weil der Familienvater sie zu Hause versorgt und sich um alles gekümmert hat. Ihnen fällt es besonders schwer, ihre Ängste und Unsicherheiten zu überwinden“, erklärt Patricia.
 
Patricia sagt, dass sich in den 40 Jahren, in denen sie bereits in Deutschland lebt, eines nicht verändert hat: „Die Angst vor der Veränderung, vor dem Verlust des gewohnten Lebensstandards.“

Als sie nach ihrem Unfall beschloss, ihren gut bezahlten Job aufzugeben, um sich gesellschaftlich zu engagieren und ein ruhigeres Leben zu führen, als sie ihren Dienst-Jaguar gegen einen alten Ford austauschte und all ihre Luxusartikel verkaufte, um mit ihrem deutlich geringeren Einkommen über die Runden zu kommen, kamen ihre Nachbarn zu dem Schluss, dass sie erst ihre Arbeit und schließlich ihren Verstand verloren hatte. „Kein Wunder,“ sagt Patricia, „in Deutschland spielt gesellschaftlicher Status eine große Rolle.“

Drei Mittagessen

„Ich habe eigentlich keine größeren Sorgen“, erklärt Mariola, die als Assistentin des Personalleiters in einem Altenheim in der Umgebung von Düsseldorf arbeitet. Sie begann als Pflegediensthelferin, schloss nebenbei eine Ausbildung ab und stieg nach und nach beruflich auf. Sie hat keine große Familie in Deutschland und auch keine Kinder, also rechnet sie damit, dass sie eines Tages selbst in einer solchen Einrichtung landen wird. Der Gedanke daran macht ihr keine Angst. „Zum Frühstück gibt es sieben Sorten Brötchen und mehrere Sorten Wurst. Man bekommt jeden Monat einen Barbetrag von 100 Euro für die persönlichen Bedürfnisse, für Friseurbesuche und Bekleidung. Solange es die Gesundheit erlaubt, kannst du Ausflüge unternehmen. Und wenn du dir den Aufenthalt hier nicht leisten kannst, kannst du einen Antrag beim Sozialamt stellen“, erklärt Mariola.

Als ich sie frage, ob sie irgendwelche Ängste in Bezug auf die Zukunft hat, denkt sie lange nach. „Vielleicht vor Naturkatastrophen? Aber ich kann wirklich nicht klagen. Ich habe ein anständiges Einkommen. Und ich habe eine Zusatzversicherung: Für jeden Aufenthalt im Krankenhaus bekomme ich 100 Euro und habe Anspruch auf ein Ein-Bett-Zimmer“, sagt sie. „Vielleicht also die Gesundheit. Aber noch geht es mir gut!“
 
Als sie 1982 zum ersten Mal ihre Tante in der Bundesrepublik Deutschland besuchte, fühlte sie sich wie in einem Film. Es gab frisches Obst, sogar noch zwei Stunden, bevor die Geschäfte schlossen, und Schuhe im Schaufenster. „Aber anfangs hatte ich es sehr schwer. Ich wohnte mit meiner Mutter in einem Übergangsheim, wir lebten in einem Zimmer, hatten 20 Mark pro Woche, und das Fernsehprogramm war in einer fremden Sprache“, erinnert sich Mariola.

Dann fand sie eine Arbeit als Kellnerin und schließlich als Pflegediensthelferin in dem Altenheim, in dem sie bis heute arbeitet. „Ach, ich weiß schon. Gestern habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich zum Mittagessen kochen soll. Denn meine Mutter, mit der ich zusammenlebe, isst gerne Tomatensuppe, mein deutscher Mann mag keine, und ich mache gerade eine Diät. Ich musste also drei Mittagessen kochen“, erzählt Mariola lachend.
Mariola arbeitet in einem Altenheim in der Umgebung von Düsseldorf. Mariola arbeitet in einem Altenheim in der Umgebung von Düsseldorf. | Foto: Pixabay

Ab nach Venezuela

„Mein erster Gedanke? Die Deutschen haben Angst vor Kontrollverlust. Sie wollen unbedingt die Kontrolle über ihre Umgebung behalten“, sagt Christina Röttgers, Philosophin und Expertin für kulturelle Kompetenz aus Köln. Sie leitet Seminare für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter internationaler Konzerne über Zusammenarbeit im multikulturellen Umfeld.

Als ich darüber nachdenke, was diese Angst vor Kontrollverlust genau bedeutet, verweist mich Christina auf den niederländischen Kulturwissenschaftler und Sozialpsychologen Geert Hofstede, der in den 60er- und 70-er Jahren erste Studien zum Thema interkulturelle Psychologie durchführte. Auch wenn Hofstedes Untersuchungen sich in erster Linie auf die Struktur von Unternehmen und Organisationen bezogen, verraten sie, wie Christina betont, viel über die Eigenheiten unterschiedlicher Nationen, ihre Ängste und die Art und Weise, wie sie mit Problemen umgehen.
 
Hofstede führte eine Studie mit IBM-Mitarbeitern in über hundert Ländern durch. Die Mitarbeiter hatten viele Gemeinsamkeiten: eine vergleichbare Ausbildung, einen vergleichbaren gesellschaftlichen Status und ein vergleichbares berufliches Aufgabenfeld. Was sie unterschied, war ihre Nationalität. Eben hierdurch erhoffte sich Hofstede, kulturelle Unterschiede leichter identifizieren zu können. Die Ergebnisse seiner Studie drückte er in Form von nationalen Werten (von 1 für den niedrigsten bis 100 für den höchsten aus).

„Hofstedes Untersuchungen ergaben, dass Deutschland einen hohen Wert (83/100) in der Kategorie Langzeitorientierung aufweist. Wir leben nicht gern von Tag zu Tag, sondern planen lieber im Voraus und gehen sorgfältig mit unseren Ressourcen um. Sicherlich rührt daher auch unser Hang zur Sparsamkeit und zu langfristigen Lösungen. Das zeigt sich auch in der Politik: Angela Merkel ist bereits seit 2005 im Amt, und Helmut Kohl war 16 Jahre lang deutscher Bundeskanzler“, sagt Christina.

Um langfristige Ziele zu erreichen, sind Gesellschaften dieses Typs auch bereit, sich auf neue Bedingungen einzustellen – sie sind flexibler und offener für Veränderungen und Innovationen.

Im Gegensatz hierzu zeichnen sich Nationen wie Polen, die einen niedrigen Wert (38/100) in der Kategorie Langzeitorientierung aufweisen, durch einen stärkeren Respekt vor Traditionen aus, sie haben Angst, ihre Wurzeln zu verlieren, und hegen Werte, die auf die Vergangenheit und Gegenwart bezogen sind. „Kurzzeitorientierte Gesellschaften, wie zum Beispiel Ghana und Ägypten, streben nach der Befriedigung ihrer kurzfristigen Bedürfnisse. Ihre Mitglieder erwarten schnelle Resultate, sie sind konsumorientiert und haben Angst, vor anderen ihr Gesicht zu verlieren“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin.
Christina Röttgers, Philosophin und Expertin für kulturelle Kompetenz aus Köln. Christina Röttgers, Philosophin und Expertin für kulturelle Kompetenz aus Köln. | Foto: @Monika Nonnenmacher

 

Als ich erfahre, dass Deutschland einen hohen Wert in der Kategorie Unsicherheitsvermeidung aufweist, überrascht mich das nicht besonders. Denn wer lebt schon gern in Unsicherheit? Aber es geht um mehr. „Im Gegensatz zu Ländern aus dem angelsächsischen oder skandinavischen Raum fühlen wir Deutschen uns stärker durch neue, unvorhergesehene Situation bedroht. Wir haben ein starkes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit. Wir erschaffen uns ein System aus Ritualen, Gesetzen und Institutionen, die uns dabei helfen, Unsicherheiten zu vermeiden. Wir mögen keine unklaren, unbekannten Situationen, also haben wir für nahezu alles Vorschriften und Strategien entwickelt, die es uns erlauben, dem Unbekannten entgegenzutreten und unsere Unsicherheit ein wenig zu lindern“, sagt Christina augenzwinkernd.
 
Je stärker das Bedürfnis nach Unsicherheitsvermeidung in einer Gesellschaft verankert ist, desto konservativer ist ihre Kultur, desto größer ihr Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und desto geringer ihre Toleranz gegenüber anderen Lebensformen, Meinungen und Gemeinschaften. Ich bin also nicht wirklich überrascht, als ich erfahre, dass Polen in dieser Kategorie einen Wert von 95 aufweist (ähnlich wie Portugal, Russland, Japan und Griechenland). In Deutschland liegt dieser Wert bei 65.

In der Kategorie Genuss vs. Zurückhaltung weisen Deutschland und Polen einen ähnlichen Wert auf. „Sowohl Deutsche als auch Polen scheuen davor zurück, ihre Bedürfnisse frei auszuleben, sie gehören zu den zurückhaltenden Nationen, in denen Genuss mit einem Gefühl von Schuld verbunden ist und als Belohnung für etwas zuvor Geleistetes verstanden wird“, erzählt mir Christina zum Ende unseres Gesprächs, und ich bekomme Lust, nach Venezuela auszuwandern, das am anderen Ende der Skala liegt und wo es keine Probleme mit dem ungehemmten Ausleben von Bedürfnissen gibt.

Jeder sagt, was er denkt

Adrian (25 Jahre) ist Flugzeugmechaniker, moralischer Absolutist und Befürworter des freien Marktes. Er wurde in Niedersachsen geboren, zog jedoch vor zwei Jahren nach Polen. „Das hatte unterschiedliche Gründe. Aber der Hauptgrund war, dass meine Großeltern in Łódź leben. Ich würde auch nicht gerne im Alter allein sein, also zog ich nach Polen, um ihnen Gesellschaft zu leisten. Ein weiterer Grund war, dass die deutsche Mentalität und Lebenseinstellung einfach nicht zu mir passten“, erklärt er.
Hofstedes Untersuchungen ergaben, dass Deutschland einen hohen Wert (83/100) in der Kategorie Langzeitorientierung aufweist. Hofstedes Untersuchungen ergaben, dass Deutschland einen hohen Wert (83/100) in der Kategorie Langzeitorientierung aufweist. | Foto: Pexels

 

Mit 18 kurierte er sich, wie er selbst sagt, von seinen linken Ansichten. Er besuchte tridentische Messen, die auf Latein abgehalten werden und bei denen der Priester zum Altar gewandt steht. Und er begann sich ernsthaft für Theologie, Philosophie und Apologetik zu interessieren. „Jetzt irre ich nicht mehr ziellos durch eine Welt, in der alles relativiert und liberalisiert wird. Ich befürworte zwar die Meinungsfreiheit, bin jedoch gleichzeitig ein moralistischer Absolutist: Es gibt nur eine einzig wahre, objektive Moral“, erklärt Adrian.
 
Eben deshalb prangt auf seiner Facebook-Seite direkt neben seinem Profilbild der Glaubenssatz: Extra ecclesiam nulla salus (Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil). „Das bezieht sich auf die irrige Vorstellung, man müsse einfach nur ein guter Mensch sein, um in den Himmel zu kommen. Das allein reicht hier nicht aus“, sagt er.

In Deutschland müssen die Gläubigen eine Kirchensteuer zahlen. Wer das nicht will, muss aus der Kirche austreten. „Ich habe meinen Glauben nicht verloren. Ich möchte einfach keine theologischen Häretiker unterstützen. Meine Bekannten in Deutschland protestieren und schreiben Brief nach Rom, dass sie keine Kirchenspalter finanzieren wollen. Ich bin gespannt, wie das ausgeht. Aber in Polen muss ich mir darum keine Sorgen machen: Ich zahle keine Kirchensteuer und bin weiterhin Kirchenmitglied.“

Wovor Adrian sich fürchtet? In Deutschland waren es vor allem die demografische Entwicklung und die zukünftige Altersversorgung, die bei ihm Angst auslösten. „Ich muss mir nur die Geburtenzahlen ansehen. Wenn ich alt sein werde, wird meine staatliche Rente nicht zum Leben reichen. Ich weiß zwar, dass die demografische Entwicklung in Polen auch nicht mehr Anlass zur Hoffnung gibt. Aber noch kann man sich darauf vorbereiten und zum Beispiel in Immobilien investieren. In Deutschland wohnen die meisten Menschen zur Miete, weil sie sich keine Eigentumswohnung leisten können“, behauptet Adrian.

Am meisten ärgerte Adrian in Deutschland, dass er seine Meinung zu bestimmten Themen nicht frei äußern durfte. Sei es zum Thema Pandemie oder auch zum Thema Ausländer. „Ich hatte den Eindruck, dass die gesellschaftliche Debatte durch die politische Korrektheit unterdrückt wird. Dass du, sobald du bestimmte gültige Narrative infrage stellst, automatisch Gefahr läufst, als Querdenker eingestuft zu werden. Die Querdenker vereinen viele unterschiedliche extreme Gruppierungen: Verschwörungstheoretiker, Grüne, Rechtsextremisten, Linksextremisten und Neonazis“, erklärt Adrian. „In Polen sagt, soweit ich das beobachtet habe, jeder, was er will, selbst wenn es nicht besonders klug ist.“
In Deutschland müssen die Gläubigen eine Kirchensteuer zahlen. Wer das nicht will, muss aus der Kirche austreten. In Deutschland müssen die Gläubigen eine Kirchensteuer zahlen. Wer das nicht will, muss aus der Kirche austreten. | Foto: Pexels

nachkommen

Agnieszka ist wegen ihres Mannes in ein niedersächsisches Dorf zwischen Hannover und Bremen gezogen. Sie arbeitet als Verkäuferin und verdient sich noch etwas als Betreuerin in einem Kindergarten hinzu. Außer den kleinen kulturellen Unterschieden, die manchmal zu Streitigkeiten zwischen ihr und ihrem Mann führen, hat sie keine größeren Probleme und Sorgen. „Die Familie meines Mannes und die Dorfgemeinschaft haben mich sehr freundlich aufgenommen. In der Familie sind alle gesund. Auch finanziell geht es uns gut: Wir sind nicht reich, aber wir können gut leben“, fasst Agnieszka zusammen.
 
Sie fragt mich, ob sie stattdessen etwas über ihren Schwager erzählen darf, der nebenan wohnt. Sie darf.

Andreas ist 54 Jahre alt, und seine größte Sorge ist, dass er alleinstehend ist. Seine Eltern haben ihm den gesamten Hof überschrieben. Sie helfen ihm weiterhin, aber die Arbeit ist trotzdem nicht einfach. Andreas hat den Großteil seiner Felder verpachtet, hält jedoch weiterhin Vieh: rund 20 Kühe, 10 Stiere und 80 Schweine.

„Mein Schwager macht sich ständig Sorgen wegen der schwankenden Ankaufspreise für Fleisch und Milch. Eine Zeit lang waren die Preise so niedrig, dass er ohne die Pachteinkünfte nicht überlebt hätte. Er sagt, dass kleine Bauernhöfe heutzutage keine Chance gegen die großen Agrarbetriebe haben. Außerdem macht sich Andreas Sorgen darüber, dass er keine Nachkommen hat. Wer soll später einmal den Hof übernehmen?“

Ganz entspannt

„Wenn Sie an Ihr ganzes Leben denken, an Ihre Erfahrungen, Erlebnisse und gewonnenen Erkenntnisse: Was davon würden Sie künftigen Generationen gern weitergeben? Was empfehlen Sie einer zukünftigen Gesellschaft? Wovon raten Sie eher ab?“ Diese Fragestellung war die Grundidee der repräsentativen Studie „Das Vermächtnis“, bei der insgesamt 3104 Deutsche zu ihren Erfahrungen, Überzeugungen und Ängsten befragt wurden. „Die Gespräche mit den Befragten fanden unter vier Augen statt und dauerten durchschnittlich hundert Minuten. Wir haben zwischen 2015 und 2018 sowohl Menschen, die in Deutschland geboren sind, als auch Menschen mit Migrationshintergrund befragt und beobachtet wie sich gewisse Tendenzen verschoben haben“, erklärt Jan Wetzel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), einem der Mitorganisatoren der Studie.
 
Die Studie ergab, dass die Empfehlung der Deutschen an künftige Generation, lautet, dass man arbeiten gehen sollte, auch wenn man das Geld nicht braucht. Der Wunsch, gemeinsam mit anderen Menschen einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, ist in sämtlichen gesellschaftlichen Gruppen präsent. Besonders großen Wert legen die Deutschen auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Ganz oben auf der Liste der deutschen Ängste rangiert folglich die Angst vor dem Verlust der Kontrolle über das eigene Leben (69 Prozent der Befragten). Knapp dahinter folgen die Angst vor Krankheiten (65 Procent) und vor Terroranschlägen (65 Prozent mit sinkender Tendenz). Ganze 64 Prozent der Deutschen haben Angst vor Klimakatastrophen, und diese Tendenz steigt. Ebenso wie die Polen sorgen sich viele Deutsche um ihre materielle Situation: Sie haben Angst davor, arm (41 Prozent), von staatlicher Unterstützung abhängig (35 Prozent) oder arbeitslos (31 Prozent) zu sein oder zu werden.

Im Gegensatz dazu sorgen sich die Polen im Augenblick vor allem um ihre Gesundheit. Wie eine Studie des Beratungsunternehmens Deloitte, die im März und April 2021 unter Konsumenten aus 18 Ländern durchgeführt wurde, ergab, gehört Polen zu den drei Ländern, die sich am meisten Sorgen wegen der Pandemie machen, direkt hinter Indien und Chile. Die Polen sorgen sich in erster Linie um die Gesundheit ihrer Angehörigen (79 Prozent) und erst dann um ihr eigenes Wohlergehen (63 Prozent). Am anderen Ende der Skala liegt Deutschland, das mit 26 Prozent den niedrigsten Angstindex aufweist.

„Ängste begleiten uns seit jeher“, sagt Jan Wetzel. „Vor dreißig Jahren kam die Angst vor der Globalisierung auf. Im Augenblick beobachten wir eine zunehmende Angst vor Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Es gab auch Ängste im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise – und als Antwort darauf die Angst vor Fremdenfeindlichkeit. Gleichzeitig fürchten viele, trotz jahrzehntelangen wirtschaftlichen Wachstums, den Niedergang der deutschen Wirtschaft“, zählt Jan Wetzel auf.

In der letzten Zeit gab es eine Diskussion über die sogenannte Cancel Culture, also den Ausschluss von Personen oder Organisationen, deren Ansichten nicht im Einklang mit dem gängigen Narrativ stehen. „Es gab auch Befürchtungen bezüglich einer Krise der Pressefreiheit. Ironischerweise wurde diese Diskussion vor allem in den Medien ausgetragen. Ein Beispiel hierfür waren die ironischen Videos zur Corona-Politik, die von prominenten deutschen Film- und Fernsehstars veröffentlicht wurden“, fügt Jan Wetzel hinzu.
 
Doch trotz der zunehmenden Ängste, die die Menschen überall auf der Welt bewegen, ergab die oben erwähnte Vermächtnis-Studie, dass die Deutschen heute entspannter sind als noch vor einigen Jahren. Im Grunde haben sie nur vor einem wirklich Angst: „Mehr als
Krieg, Klimakatastrophe, Kriminalität und Armut fürchten die Deutschen, kein selbstbestimmtes Leben führen zu können“, sagt Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

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