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Buchmarkt in der Pandemie
Das große Happening dauert weiter an

Buchmessen bieten die Gelegenheit, einzigartige Verlagsprojekte kennenzulernen.
Buchmessen bieten die Gelegenheit, einzigartige Verlagsprojekte kennenzulernen. | Foto: Pixabay

Mit dem Lockdown begann für sie eine neue Zeitrechnung. Nikola Richter*, die Leiterin und Inhaberin des Berliner Verlags mikrotext, spricht über Bücher, die das Zusammenleben fördern, die Vorzüge regionaler Lieferketten und der Sharing Economy, und wie diese dabei helfen können, die Nach-Corona-Krise zu überwinden.

Wo hat dich die Pandemie erwischt?

Nikola Richter, die deutsche Autorin und Gründerin des Verlages mikrotext. Nikola Richter, die deutsche Autorin und Gründerin des Verlages mikrotext. | @ Sarah Eick Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, in dem ich zum ersten Mal mit der Corona-Wirklichkeit konfrontiert wurde. Im März vergangenen Jahres wurde die Leipziger Buchmesse, eine der wichtigsten Buchmessen in Deutschland, zwei Wochen vor dem geplanten Termin abgesagt. Also zu einer Zeit, in der Corona in Deutschland noch kein großes Thema war. Die Kinder gingen ganz normal in die Schule, die Universitäten waren geöffnet – die Leipziger Buchmesse war eine der ersten Großveranstaltungen, die abgesagt wurden. Als unabhängige Verlegerin habe ich meist keinen eigenen Stand auf der Buchmesse, ich fahre jedoch jedes Jahr nach Leipzig, um mich mit Leuten zu treffen und Veranstaltungen zu besuchen. Ich dachte mir: Selbst wenn die Buchmesse offiziell abgesagt ist, werden doch sicherlich die anderen literarischen Veranstaltungen stattfinden, bei denen ich – wie jedes Jahr – Autoren, Verlegern und anderen Bekannten aus der Branche begegne. Also entschloss ich mich, nach Leipzig zu fahren. Heute würde ich sagen, dass das nicht besonders klug war. Doch damals hatte ich keinerlei Bedenken.
 
Du bist also nach Leipzig gefahren?

Ja, am 12. März. Ich frühstückte in einem Café, gemeinsam mit einem Bekannten, der einen weiteren Bekannten mitgebracht hatte. Anschließend traf ich noch ein paar andere Leute. Sechs Stunden später machte ich mich gerade auf den Weg zu Freunden, bei denen ich übernachten wollte, als ich in meiner Messenger-App die Nachricht erhielt, dass einer meiner Gesprächspartner Kontakt mit einem Corona-Infizierten gehabt hatte. Ich saß wie geschockt im Café – schließlich hatte ich dort nur ein paar Stunden verbracht. Ich musste meine Pläne ändern und mir ein günstiges Hotel suchen, schließlich konnte ich nicht bei jemand anderem zu Hause übernachten. Ich konnte auch nicht nach Hause fahren, wo meine Schwiegereltern auf die Kinder aufpassten. Das war eine sehr merkwürdige Zeit. Ich verbrachte zwei Nächte in einem leeren Hotelzimmer, allein mit meinem Computer, und fühlte mich sehr einsam. Die ganze „Messe“ war sehr merkwürdig: Die, die gekommen waren, tranken manchmal noch zusammen Bier und lasen Gedichte. Ich ging nur noch zum Spazieren nach draußen. Einige Veranstaltungen wurden im Livestream übertragen, andere wurden kurzfristig abgesagt. Dieses „Happening“ entwickelte sich von Stunde zu Stunde.
 
Weißt du noch, was du damals gedacht und gefühlt hast?

Ich hatte das Virus zunächst ein wenig auf die leichte Schulter genommen. Heute ist es mir peinlich, wenn ich daran zurückdenke. Ich sah die Bilder von den leeren Straßen in Wuhan und freute mich darüber, dass wir in Deutschland noch auf die Straße gehen und uns wenigstens in kleinen Gruppen treffen konnten. Ich dachte mir einfach: „Mal sehen, was kommt“. Ach, noch etwas: Zwei Wochen, bevor ich nach Leipzig fuhr, begann ich Vorräte einzukaufen.
 
Wieso das denn?

Ich hatte Angst, dass sämtliche Geschäfte schließen müssen, so wie in China. Ich kaufte große Packungen Reis, Bohnen und Toilettenpapier. Wir Deutschen waren ja bekannt dafür, große Mengen Toilettenpapier zu kaufen, es gab sogar Witze darüber. Später gab es die gleichen Engpässe bei Nudeln – einem Gericht, das jeder zubereiten kann –, und noch später sogar bei Mehl und Hefe zum Brotbacken. Ich kaufte Vorräte für einen ganzen Monat ein. Mein Gemüse beziehe ich seit einiger Zeit von einer Genossenschaft in der näheren Umgebung von Berlin. Ich konnte mir also sicher sein, dass ich jede Woche eine neue Lieferung bekommen würde, weil ich nicht auf irgendwelche globalen Lieferketten angewiesen war. Das hat mir übrigens bewusst gemacht, wie wichtig regional produziertes und vertriebenes Gemüse ist – einfach, weil es krisensicherer ist.
 
Du bist also nach Berlin zurückgekehrt …

Ich freute mich sehr, als ich wieder nach Hause fahren durfte, denn meine Schwiegereltern waren bereits weggefahren. Dann begannen die Einschränkungen. Am 16. März wurden die Schulen und Kindertagesstätten geschlossen, also landeten wir alle zu Hause. Meine beiden Töchter waren damals fünf und acht Jahre alt. Mein Mann, der Experte für Human-Resources ist, ging auch nicht mehr ins Büro. In dieser Zeit dachte ich mir meinen eigenen, privaten Corona-Kalender aus. Ich beschloss, die Zeit vom Beginn der Pandemie an zu zählen, also ab dem 16. März. Ich schrieb zum Beispiel auf Twitter: Willkommen in der dritten, vierten oder fünften Corona-Woche. Ich wollte so viele Veranstaltungen und Messen besuchen, doch keine von ihnen fand statt. In meinem Corona-Kalender ordnete ich alles neu: Zoom-Konferenzen, Unternehmungen mit den Kindern und nächtliche Spaziergänge.
 
Nächtliche Spaziergänge?

In der dritten Corona-Woche begann ich, mich spätabends mit Autoren und Freunden zu treffen. Wir gingen spazieren oder fuhren mit dem Fahrrad durch die leeren Berliner Straßen – ich habe das fotografiert. Es war alles so merkwürdig, aber auch schön. Tagsüber hatten wir für solche Dinge keine Zeit: Mein Mann und ich mussten arbeiten und unseren Kindern beim Unterricht helfen, also konnte ich mir nur nachts ein wenig Zeit für mich selbst nehmen. Leider stellte sich schon bald heraus, dass dieser Lebensstil zu anstrengend war. Wenn ich in der Nacht zwei, drei Stunden unterwegs gewesen war, konnte ich am nächsten Tag einfach nicht mehr richtig funktionieren.
 
Führst du noch immer deinen Corona-Kalender?

Nein, schon lange nicht mehr. Es passierte einfach nichts, ich hatte keine Zeit dazu, und abends war ich zu erschöpft. Ich hörte auch – so wie viele meiner Bekannten – auf, die Nachrichten zu verfolgen, weil es einfach langweilig wurde, ständig nur von Inzidenzwerten und Impfzahlen zu hören. Es geschehen so viele Dinge in der Welt, doch die Medien widmen die Hälfte ihrer Zeit den Corona-Statistiken. Stattdessen lese ich regelmäßig das Online-Magazin Krautreporter mit langen, sehr gut recherchierten Reportagen, das auch einen monatlichen Newsletter mit den „Fünf guten Nachrichten, die untergegangen sind!“ veröffentlicht. Diese positive Herangehensweise gefällt mir. Umso mehr, als ich mich schon seit Beginn des Jahres völlig erledigt fühle und eher pessimistisch in die Zukunft blicke. Dieses ständige Gefühl des Eingesperrtseins, die Isolation von Freunden und Bekannten. Wenn ich mich überhaupt mit Freunden und Bekannten treffe, dann nur einzeln. Mir fehlen die Energie und die Überraschungsmomente, die bei Treffen in größeren Gruppen entstehen. Die Gespräche haben einen schwermütigen und ernsten Charakter angenommen. Es sind ewig dieselben Diskussionen über das Corona-Virus. Die Menschen haben übrigens auch immer weniger Lust, sich zu unterhalten. Ich habe auch allmählich die Nase voll davon, immer nur spazieren zu gehen. Manchmal fürchte ich sogar, dass ich durch den Lockdown die Fähigkeit zur sozialen Interaktion verloren habe. Ich habe große Angst vor den Folgen dieser Situation, insbesondere für junge Menschen, die soziale Freiheiten und den Kontakt mit Gleichaltrigen am meisten benötigen.
 
Wie hat euer Familienleben im Lockdown ausgesehen?

Im Grunde war es eine gute Erfahrung: Wir haben viel Zeit zusammen verbracht, gemeinsam gegessen, mit den Kindern gespielt und gelesen. Mir ist durchaus bewusst, dass ich zu jenen Privilegierten gehöre, die sich in ihrem sicheren Zuhause von der Außenwelt abschotten konnten. Es war vielleicht ein wenig langweilig, aber doch zumindest sicher. Mit dem Fernunterricht gab es unterschiedliche Erfahrungen – bei uns war es okay. Meine Töchter haben hervorragende Lehrerinnen an einer staatlichen Schule, die sich schnell auf die neuen Bedingungen eingestellt haben. Wir bekamen Unterrichtsmaterial zum Ausdrucken, und die Klasse hatte einmal pro Woche Online-Unterricht.
 
Und die Arbeit?

Mein Mann und ich mussten uns miteinander abstimmen, wie wir beruflich tätig sein wollten, solange wir beide im Homeoffice arbeiten und uns gleichzeitig um die Kinder kümmern mussten. Während meiner ersten Schwangerschaft hatten wir beschlossen, uns die Hausarbeit zu teilen. Aber selbstverständlich gibt es darüber ständig Diskussionen. Das 50:50-Modell ist etwas, das Männer, auch die modernsten von ihnen, einfach nicht gewohnt sind. In den ersten Wochen der Pandemie stimmten wir uns laufend miteinander ab, wer zu welchen Zeiten arbeiteten sollte. Irgendwann schlug mein Partner vor, ich könne doch einfach in den Zeitfenstern zwischen seinen Terminen arbeiten. Aber das erwies sich als sehr ungünstig für mich: Es ist schwer, sich auf etwas zu konzentrieren, wenn man immer wieder unterbrochen wird. Also beschlossen wir, dass jeder von uns 20 Stunden in der Woche arbeiten würde, also wechselte mein Mann auf Teilzeit. Wenn der eine von uns arbeitet, kümmert sich der andere um den ganzen Rest: Kochen, Abwaschen, Putzen und Homeschooling. Das, was man am Tag nicht geschafft hat, muss man dann in den Abend- und Nachtstunden erledigen. Kein Wunder, dass die Batterien von Eltern mittlerweile einfach nur leer sind. Es erwies sich als ein wahrer Segen, dass ich nahezu die gesamte Verlagsarbeit am eigenen PC erledigen kann: die Buchproduktion, E-Mails und das Bearbeiten von Dokumenten in der Cloud. Ich habe zu Hause auch eine Menge Buchexemplare, die ich an Kunden verschicken kann, über meinen eigenen Shop auf mikrotext.de.
 
Arbeitest du immer noch im Homeoffice?

Ich gehe alle paar Tage für ein paar Stunden ins Büro, um ein wenig Abstand vom Familienleben zu gewinnen. Mein Mann arbeitet seit März vergangenen Jahres im Homeoffice, und seit der Zeit war ich nicht mehr allein zu Hause. Die Kinder gehen wieder in die Schule, aber sie haben Hybridunterricht: Die Klassen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, die abwechselnd Präsenz- und Fernunterricht haben. Manchmal fürchte ich, dass wir da nie wieder herauskommen. Das „andere Leben“ erscheint so weit weg.
 
Du hast Literaturwissenschaft studiert. Wie wurdest du anschließend Verlegerin?

Ich habe immer viel gelesen und davon geträumt eines Tages in einem Verlag zu arbeiten. Nach meinem Studium bewarb ich mich bei mehreren Verlagshäusern und arbeitete ein halbes Jahr lang bei einem kleinen Verlag, der sich auf erotische und lesbische Literatur spezialisierte, dem konkursbuch Verlag in Tübingen. Dort habe ich viel gelernt. Anschließend schrieb ich Beiträge für Online-Magazine. Irgendwann wurde mir bewusst, dass es viel zu wenig gute Kurztexte gibt, und ich dachte mir: Warum gründe ich nicht einfach selbst einen Verlag für digitale Literatur? Wir lesen Texte im Internet episodischer, „serieller“. Ich lese übrigens auch selbst gerne Kurzgeschichten, Erzählungen, Gedichte, Non-Fiction und Essays. Mein Verlag mikrotext entstand vor 8 Jahren, als meine ältere Tochter gerade ein Jahr alt war. Ich kümmerte mich zu  Hause um sie und konnte mir meine Zeit selbst einteilen. Später begann ich, auch längere Texte in Papierform zu veröffentlichen.
 
Wer sind deine Autoren?

Vor allem junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller: aus Deutschland, aber auch aus der Schweiz, Österreich und dem arabischen Raum. Ich lerne sie über mein berufliches Netzwerk kennen oder suche selbst nach ihnen im Internet. Es sind Menschen, die Blogs schreiben und die auf Facebook, Twitter und Instagram aktiv sind. Ich interessiere mich auch für neue Reportagen. Ich verlege viele unterschiedliche Bücher, aber im Grunde geht es mir darum, die Welt aus einer neuen Perspektive zu zeigen und aktuelle gesellschaftliche Probleme aufzugreifen. Ich mag Texte, die einen subjektiven Charakter haben und einen geschärften Blick auf Alltagsthemen werfen. Und auch Texte, die aus mehreren kleinen Episoden bestehen, sodass der Leser die Lektüre jederzeit unterbrechen und später wieder fortsetzen kann, ein wenig wie bei Gedichten.
 
Hat die Pandemie deinen Arbeitsalltag verändert?

Ich arbeite in einer kleinen Bürogemeinschaft. Ich bin vor dem Lockdown alle paar Tage dort hingegangen und tue das auch jetzt wieder. Wir haben unsere „Präsenzregeln“ immer wieder neu den aktuellen Gegebenheiten angepasst. Eine Weile, in diesem eiskalten Frühjahr 2021, arbeiteten wir bei offenem Fenster mit Maske. Ich konnte nach ein paar Stunden am Computer meine Finger nicht mehr richtig bewegen, weil sie eingefroren waren. Die größte Veränderung betrifft aber Veranstaltungen: Vor der Pandemie habe ich viele Autorenlesungen organisiert. Jetzt habe ich abends viel Zeit: Ich bin mit meinen Kindern zusammen, bringe sie ins Bett, und wenn sie eingeschlafen sind, nehme ich mir ein Buch und lese, schaue Serien. Ich habe auch wieder angefangen, Geige zu spielen – vor Corona hatte ich für so etwas keine Zeit. Für mich persönlich bedeutet der Lockdown auch eine Verschnaufpause, denn in den Jahren zuvor habe ich ein ziemlich anstrengendes Leben geführt. Für den Verlag und für die Autoren bedeutet er einen Verlust. Sie treten überwiegend auf Literaturfestivals und Lesungen auf, wo sie mit ihren klaren gesellschaftlichen Statements das Interesse der Leser erregen. Ohne diese Veranstaltungen werden die Menschen nicht auf ihre Bücher aufmerksam und kaufen sie auch nicht. Die Konkurrenz auf dem deutschen Buchmarkt ist groß, die kleineren Verlagsunternehmen müssen sich behaupten. Ab 2020 bin ich mit meinem Verlag auf digitale Veranstaltungen umgeschwenkt: Es gab einen digitalen Messe-Empfang per Zoom und viermal im Jahr organisiere ich jetzt die „Remote-Literaturshow“, nur mit Ticket. Alle Einnahmen werden als Honorar für die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler weitergeleitet – es waren zuletzt etwa 1000 Euro! Ich habe auch den Eindruck, dass die Menschen während des Lockdowns zwar mehr gelesen haben als sonst, jedoch überwiegend Klassiker und längere Texte. Ich habe im vergangenen Jahr deutlich weniger Bücher in Buchhandlungen verkauft, aber mein eigener Verlagsshop, der seit März 2020 aktiv ist, hat hier viel abgepuffert. Direktverkauf ist das beste! 


Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf deine Branche?

Einen sehr großen. Verlage, die bereits zuvor E-Books anboten oder die sich schnell und umsichtig auf die neue Situation einstellten, hatten ein gutes Jahr. Jene, die nicht auf digitale Angebote umstellen konnten oder wollten (die Nutzung digitaler Medien ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen), bekamen große Schwierigkeiten. Obwohl ich schon seit vielen Jahren E-Books verlege, habe ich erst vor zwei Jahren begonnen, sie selbst zu vertreiben, und das hat die sinkenden Verkaufszahlen in den Buchhandlungen ein wenig ausgeglichen. Ich habe auch ein Projekt mit dem Namen „Offener Verlag“ ins Leben gerufen, bei dem ich mit Gastverlegerinnen zusammenarbeitete. Wenn wir uns entschieden haben, ein Buch in Papierform zu veröffentlichen, starteten wir eine Crowdfunding-Kampagne, bei der Interessenten sich ihr Exemplar einfach vorbestellen konnten. Dieses Experiment habe ich bereits vor der Pandemie gestartet, und es hat sich als sehr erfolgreich erwiesen. Ich konnte auf diese Weise meine Kosten stark senken und mich von den großen Vertriebswegen unabhängig machen. Ich bin übrigens sowieso eine große Anhängerin der Sharing-Economy.
Workshop zu digitalem Verlegen auf der Buchmesse Santa Cruz, Bolivien, 2017. Workshop zu digitalem Verlegen auf der Buchmesse Santa Cruz, Bolivien, 2017. | Foto: Privatarchiv Du siehst also gute Zeiten auf den Buchmarkt zukommen?

Ich glaube, dass die Verlagsbranche überdauern wird, wenn sie ihre Ressourcen sinnvoll nutzt. Bücher sind nachhaltige Produkte, die viele Jahre überdauern können. Und E-Books können ohne zusätzlichen Aufwand in die gesamte Welt verschickt werden. Die Bücher, die wir verlegen, spielen eine wichtige Rolle für die Menschen: Sie geben ihnen Hoffnung und zeigen ihnen, wie man mit anderen zusammenleben kann. Lesen ist etwas, das man meistens alleine tun kann, aber man fühlt sich mit anderen dabei verbunden.
 
Hast du irgendwelche finanziellen Corona-Hilfen beantragt?


Nein. Mein Verlag lief so gut, dass ich keine Hilfe benötigte. Meine größten Ausgaben sind die Miete für das Büro (150 Euro monatlich). Vor drei Jahren erhielt ich einen Deutschen Verlagspreis und im Jahr darauf noch einen, es ging mir also finanziell gar nicht so schlecht. Ich habe lediglich Fördergelder im Rahmen des Programms Neustart Kultur beantragt, das Publikationen, die aufgrund der Pandemie verschoben werden mussten, mit 70 Prozent (in meinem Fall mit circa 6 000 Euro) bezuschusst.
 
Was war für dich das Schwierigste am Lockdown?


Dass man sich ständig auf die neue Situation einstellen musste und nichts planen konnte. Ich musste viele Publikationen verschieben, weil es schwierig war, das Interesse der Leser zu erregen. Es fiel mir schwer, bei Veranstaltungen den Corona-Abstand einzuhalten, und ich fand es schlimm, dass man Freunde und Bekannte nicht mehr umarmen durfte. Wenn ich mir Filme ansehe, die vor der Pandemie entstanden sind, ertappe ich mich dabei, dass ich bei Szenen zusammenzucke, in denen Menschen sich zum Beispiel in der U-Bahn drängen – diese Veränderung des Bewusstseins erschreckt mich. Ich habe auch den Eindruck, dass wir durch die Corona-Pandemie emotionaler und leichter erregbar geworden sind. Manche von uns haben die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht: Sie fühlen sich einsam und sehnen sich nach Berührung. Diese psychologischen Effekte stellen meiner Ansicht nach die größte Herausforderung dar.
 
Wie bewertest du die Corona-Politik der Bundesregierung?


Ich stelle mir in diesem Zusammenhang die Frage, ob wir nicht gerade zu einer destruktiven Wirtschaft zurückkehren, obwohl die Corona-Pause auch einen Schwenk in andere ökonomische Formen hätte ermöglichen können. Ich ärgere mich darüber, dass die Regierung viel Geld in alte und umweltschädliche Industrien wie die Fahrzeug- und Luftfahrtindustrie (Lufthansa) steckt, die nicht nachhaltig wirtschaften. Wir haben während der Corona-Krise gemerkt, dass es viele wichtigere Bereiche gibt, wie zum Beispiel das Gesundheitswesen, denen nie so viel Beachtung geschenkt wurde. Die Politik der Bundesregierung ist zukunftsfeindlich. Sie vernachlässigt Themen wie Jugend und Umweltschutz – nachhaltige Landwirtschaft, den Schutz des Wassers, der Luft und des Bodens –, und eben dies sind Themen, die dringend angegangen werden müssen. Hoffen wir mal, dass sich das nach der kommenden Bundestagswahl ändert. Hier sind die Menschen über 60 Jahren gefragt: Denn sie stellen die Hälfte aller Wahlberechtigten in Deutschland. Ich hoffe sehr, dass sie in diesem Jahr für eine gesündere Zukunft mit Klimaschutz wählen.
 
Und wie hat die Gesellschaft deiner Ansicht nach diese schwere Prüfung bestanden?


Nicht gut, und ehrlich gesagt bin ich darüber sehr wütend. Es wurde deutlich, dass die älteren Menschen in unserer Gesellschaft nur wenig Solidarität mit den jüngeren zeigen. Junge Menschen, Jugendliche und Eltern mit Kindern unter 14 Jahren, sind in Deutschland nicht in der Mehrheit. Wir sind ein Volk im fortgeschrittenen Alter, in dem ältere Menschen zuerst geimpft werden und ihren Impfstoff frei wählen dürfen, dabei gibt die Impfung den Menschen ihr soziales Leben zurück. Unsere Schulen sind auch nach über einem Jahr noch nicht mit digitalen Endgeräten und Luftfiltern ausgestattet!
 
Siehst du auch irgendwelche positiven Effekte der Pandemie?


Ein positiver Effekt ist sicherlich, dass die Menschen mehr Zeit für ihre Familie hatten und öfter an die frische Luft gegangen sind. Ich habe die Hoffnung, dass sie auf diese Weise die Nähe zur Natur zu schätzen gelernt haben. Wir brauchen nicht noch mehr Straßen und zubetonierte Flächen, sondern mehr Parks, Wiesen und Wälder und zwar fußläufig für jede Bürgerin und jeden Bürger, nicht als Privileg für bestimmte Bezirk. Vor kurzem habe ich das Projekt des deutschen Ornithologen Peter Berthold „Jeder Gemeinde ihr Biotop” kennengelernt. Es geht ihm darum, einen deutschlandweiten Biotopverbund zu schaffen. Die Abstände zwischen den einzelnen Biotopen sollen maximal zehn Kilometer betragen, sodass Tiere sie leicht überbrücken können. Das ist ein großartiges Projekt zum Schutz bedrohter Tierarten und zur Schaffung natürlicher Lebensräume. Um in allen Gemeinden Deutschlands diese Biotope (auf brachliegenden Flächen etwa) anzulegen, wird rund eine Milliarde Euro benötigt. Und die Lufthansa hat von der Bundesregierung ein Rettungspaket in Höhe von neun Milliarden Euro bekommen!
Die Corona-Pandemie hat die Buchbranche wirtschaftlich schwer getroffen, aber auch große Energie freigesetzt. Die Corona-Pandemie hat die Buchbranche wirtschaftlich schwer getroffen, aber auch große Energie freigesetzt. | Foto: Privatarchiv Schaust du also eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Ich bin keine Wirtschaftswissenschaftlerin. Die Experten reden viel von einer Rezession. Für mich bedeutet das eine Chance auf Postwachstum (Degrowth) – auf eine nachhaltigere Ökonomie, die nicht wie bisher auf ein ständiges Wirtschaftswachstum abzielt, sondern auf die Wahrung eines bestimmten Lebensstandards und einer bestimmten Lebenszufriedenheit, die dann wächst – ohne das ständige In-die-Höhe-Treiben von Umsatzzahlen. Um mit Maja Göpel, einer deutschen Klimaforscherin zu sprechen:  Es gibt gutes und schlechtes Wachstum. Wenn z.B. der öffentliche Nahverkehr ausgebaut wird, der Anteil von nachhaltiger Landwirtschaft zunimmt oder Grünflächenanteile in urbanen Räumen steigen, ist das gutes Wachstum. Es lohnt sich auch, über eine Reduzierung der Arbeitszeit nachzudenken und darüber, welche Arbeit eigentlich „systemrelevant“ ist. Darüber, ob es für viele nicht sinnvoll wäre, weniger zu verdienen und weniger ausgeben. Und selbstverständlich sollten Menschen, die viel arbeiten und wenig verdienen, eine Chance auf ein höheres Einkommen haben. Und wir sollten auch darüber nachdenken, was wir wirklich brauchen. Als Anregung kann ich ein E-Book meines Verlags empfehlen: Minimal ist besser von Roman Israel, der mehrere Jahre mit nur einem Rucksackinhalt als Besitz gelebt hat.

*Nikola Richter ist Verlegerin und Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. 2013 gründete sie den unabhängigen und mittlerweile vielfach ausgezeichneten Verlag mikrotext für neue Narrative und Texte mit Haltung. Der Verlag nutzt Crowdfunding, arbeitet mit Autor*innenkollektiven und betreibt einen digitalen, literarischen Freundeskreis. 2019 und 2020 wurde der Verlag mit einem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet.
 

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