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Ein Deutscher in Polen, eine Polin in Deutschland
Geschichten von Kindern aus deutsch-polnischen Beziehungen

Roxana mit ihrer Mutter in den 90er-Jahren
Roxana mit ihrer Mutter in den 90er-Jahren | Foto: Privatarchiv

Manchmal spiele ich die deutsche und manchmal die polnische Karte aus. Bei langweiligen Besprechungen bin ich „die verrückte Polin“ und ein anderes Mal die disziplinierte, wohl organisierte Deutsche. Das sind selbstverständlich nur Stereotype, nicht alle Deutschen sind diszipliniert, und nicht alle Polen sind verrückt, aber ich jongliere gern mit diesen Klischees“, erklärt Roxana.

Von Magda Roszkowska

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fällt, kommt in Bremen ein Mädchen zur Welt. Und so wie der Fall der Mauer das geteilte Europa vereint, vereint dieses Mädchen ihre polnische Mutter und ihren deutschen Vater. Jedenfalls erzählen ihre Eltern es ihr später so. Ihre Mutter möchte nicht, dass ihre Tochter ihr ganzes Leben lang mit einem schwer aussprechbaren Vornamen zu kämpfen hat, weil sie selbst ständig ihren polnischen Namen buchstabieren muss. Also nennen die Eltern das Mädchen Roxana mit „x“. Eine solche Roxana wird ihrer Meinung nach überall zu Hause sein. Doch in Polen wird sie zunächst nur als Fremde wahrgenommen.
 
Roxanas Mutter ist Violinistin. Anfang der 80er-Jahre vermittelt die polnische Künstleragentur Pagart sie an das Philharmonische Orchester Bremerhaven. Sie spricht kein Deutsch, also verbringt sie die ersten Monate damit, sich mit einem Wörterbuch bewaffnet durch die deutschen Boulevardblätter zu kämpfen.
 
„Ich glaube, sie fühlte sich wohl in ihrer neuen Wirklichkeit, befreit vom Korsett des polnischen Katholizismus, der in ihrer Familie, trotz der Kirchenfeindlichkeit des sozialistischen Regimes sehr präsent war“, erklärt Roxana. „Eines Tages ging ihre Violine kaputt, und jemand empfahl ihr einen Geigenbauer in Bremen, das war mein Vater.“
 
Die kleine Roxana bekommt mit, dass ihre Eltern sich untereinander auf Deutsch unterhalten, aber ihre Mutter mit ihr ausschließlich Polnisch spricht.
 
„Mama, komm!“, bittet Roxana, aber die wäscht weiter Geschirr. Roxana versucht es noch einmal, aber es passiert immer noch nichts. Schließlich ruft sie: „Mama, chodź!“. Und ihre Mutter neigt den Kopf und versichert ihr, dass sie gleich kommt: „Za chwilę przyjdę, kochanie.“
 
Viele Jahre kommt es Roxana so vor, dass niemand außer ihrer Mutter sie versteht, wenn sie Polnisch spricht. Polnisch ist ihre Geheimsprache.
 
Eines Tages sitzt die sechsjährige Roxana mit ihrer Mutter beim Arzt im Wartezimmer, gemeinsam mit einem anderen Mann. Roxana erklärt laut auf Polnisch, dass der Mann neben ihr ganz schrecklich riecht. Doch bevor ihre Mutter ihr antworten kann, nickt der Mann mit dem Kopf und sagt: „Ja, stimmt schon.“
 
Viele Jahre lang bedeutet Polen für Roxana vor allem Weihnachten: ein prall gedeckter Esstisch, ihr als Weihnachtsmann verkleideter Onkel, ihre Cousins und ihre Großmutter, die Roxana trotz der Proteste ihrer Mutter jedes Jahr wieder in die Kirche mitschleppt.
Viele Jahre lang bedeutet Polen für Roxana vor allem Weihnachten. Viele Jahre lang bedeutet Polen für Roxana vor allem Weihnachten. | Foto: Pixabay

„Polen war ein Märchenland voller merkwürdiger Rituale und familiärer Pflichten: Du tust etwas nicht deshalb, weil du es willst, sondern um es den anderen recht zu machen. Erst nach meinem Studium begann ich, mir die Frage zu stellen: »Verbindet mich außer meiner Familie noch etwas mit diesem Land?«. Gerade zu jener Zeit fragte mich eine polnische Regisseurin, die an derselben Filmhochschule wie ich studierte, ob ich ihren Abschlussfilm produzieren könnte. Die Dreharbeiten sollten in Polen stattfinden. Ich sagte zu“, erzählt Roxana.
 
Der Anfang ist schwer. In Łódź ist Roxana für alle die reiche Deutsche, die mit Geld um sich schmeißt, dabei ist sie nach Polen gekommen, um das Geld für ihren Film zusammenzubekommen. Schnell wird ihr klar, dass sie die Verhandlungen über die Anmietung von Drehorten lieber anderen überlässt – ihr deutscher Akzent schraubt den Preis augenblicklich in die Höhe. Es schmerzt Roxana, dass sie ausschließlich als Stereotyp wahrgenommen wird. Andererseits ist auch Roxanas Wahrnehmung nicht frei von Klischees: Überall sieht sie Chaos und Unordnung. Ihre polnischen Mitarbeiter halten ihr ihre deutsche Disziplin vor. Roxana versteht nicht, was sie meinen. In der Filmhochschule wurde ihr beigebracht, dass jedes Detail bereits vor Beginn der Dreharbeiten akribisch geplant werden muss. Doch hier will die Regisseurin zwei Wochen, bevor die erste Klappe fällt, noch eine zusätzliche Szene ins Drehbuch einfügen. „Bist du verrückt geworden? Dafür ist nicht genug Zeit“, regt sich Roxana auf. Doch ihre polnischen Mitarbeiterinnen sagen nur: „Das ist doch gar kein Problem. Das kriegen wir schon hin!“
 
In Deutschland würde niemand einen Vertrag in weniger als zwei Wochen unterschreiben – eine so kurzfristige Änderung wäre völlig undenkbar. In Polen sind die Menschen viel spontaner und planen weniger im Voraus“, erklärt Roxana. „Während der ersten Wochen in Łódź hatte ich eine Krise. Ich stellte mir ständig die Frage, wer ich eigentlich bin. Doch nach drei Monaten wurde mir klar, dass es nicht so wichtig ist, ob ich eine Deutsche oder eine Polin bin, sondern vielmehr das, was ich dank meiner deutsch-polnischen Identität erreicht habe.“ 
Roxana in den 90er-Jahren Roxana in den 90er-Jahren | Foto: Privatarchiv

Es ist nicht genau bekannt, wie viele Kinder wie Roxana es gibt. Nach Daten des Statistischen Bundesamts Wiesbaden kamen zwischen 1960 und 2020 245 420 Kinder polnischer Mütter in Deutschland zur Welt. Und zwischen 1991 (vorher wurden diese Daten nicht erhoben) und 2020 wurden 100 298 Kinder polnischer Väter geboren – also über zweimal weniger als Kinder polnischer Mütter im selben Zeitraum (219 426).* Dieses Ungleichgewicht ist nicht weiter verwunderlich, denn der Fall von Roxanas Eltern, bei dem ein Deutscher eine Polin heiratet, ist fast viermal so häufig wie umgekehrt.**
 
Die Zahl deutsch-polnischer Ehen stieg erstmals in den 80er-Jahren, als viele Polinnen und Polen vor den Folgen des Kriegsrechts flohen oder, so wie Roxanas Mutter, eine Arbeit in Deutschland fanden. In den 90er-Jahren, nach der Öffnung der Grenzen, stieg die Zahl deutsch-polnischer Ehen um das Vierfache. Doch unmittelbar nach dem EU-Beitritt Polens und dem Verschwinden der Grenzen ging dieser Trend wieder zurück. Heute werden weniger deutsch-polnische Ehen geschlossen, obwohl die Zahl von in Deutschland geborenen Kindern polnischer Mütter und Väter weiterhin zunimmt.
 
Für das polnische Statistische Hauptamt existieren Kinder wie Roxana überhaupt nicht. Es ist lediglich bekannt, dass 2019 nur 393 deutsch-polnische Ehen in Polen geschlossen wurden – in Deutschland waren es im Jahr 2017*** 4 505. Vermutlich wachsen die meisten Kinder aus deutsch-polnischen Beziehungen, so wie Roxana, in Deutschland auf.

Entgegen den Statistiken

„Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“, singt der zweijährige Filip auf Deutsch im Warschauer Szczęśliwicki-Park. In der Hand hält er einen langen Stock, an dem ein bunter Papierlampion hin- und herschwingt. Als Filips Vater Roman klein war, ging er jedes Jahr am 11. November gemeinsam mit vielen anderen Kindern mit einem ähnlichen Lampion durch die Straßen Hamburgs. Der Umzug folgte einem Mann auf einem Pferd, um an die Legende vom Heiligen Martin zu erinnern, der in Dunkelheit einen frierenden Bettler fand und ihm die Hälfte seines Mantels schenkte.
 
Im Szczęśliwicki-Park gibt es keinen großen Umzug, sondern lediglich drei deutsch-polnische Familien. Den Mann auf dem Pferd muss man sich dazudenken. Außerdem ist es der 15. und nicht der 11. November. Die Eltern kamen einstimmig zu dem Schluss, dass das Singen deutscher Lieder an demselben Tag, an dem Zehntausende Nationalisten und Rechtsradikale durch die Straßen Warschaus ziehen, keine so gute Idee ist. Die Kinder haben auch so ihren Spaß.
 
„Filip wurde in Polen geboren, und ich bin in Deutschland aufgewachsen. Ich versuche, einen gemeinsamen Vorstellungshorizont für uns zu schaffen: Ich spiele ihm deutsche Gute-Nacht-Lieder vor, lese ihm Märchen vor und vermittle ihm bestimmte Bräuche. Und in diesem Jahr haben wir auch eine Laterne gebastelt“, erzählt Roman.
 
Roman lebt seit neun Jahren dauerhaft in Polen. Er wollte nicht, dass der Berlin-Warschau-Express zu seiner dritten Heimat wird.
 
Zum ersten Mal fuhr er 2010 nach Warschau, im Rahmen eines studentischen Austauschprogramms. Seine zwei Jahre ältere Schwester hatte in Australien und anschließend in Portugal gelebt. Roman hatte kurz darüber nachgedacht, dass ein Jahr in Australien sich wahrscheinlich besser im Lebenslauf machte als ein Aufenthalt in Warschau, doch seine Großeltern lebten noch in Polen und – wie sich nach einem halben Jahr herausstellte – auch seine zukünftige Frau. Um sie zu besuchen, fuhr er in den folgenden Jahren immer wieder mit dem Zug zwischen Deutschland und Polen hin und her.
 
„In Polen ist das Leben nicht so genau geregelt wie in Deutschland. Man muss eigene Strategien entwickeln, um im Alltag zurechtzukommen. Das gefällt mir gut“, erklärt Roman. „Was mir fehlt, ist die Ausgewogenheit im Umgang mit bestimmten Themen. Zum Beispiel mit dem Thema Deutschland: Es gibt Polen, die Deutschland nicht ausstehen können, obwohl sie vielleicht noch gar nicht so viel mit dem Land zu tun hatten, aber auch solche, die ständig auf Polen schimpfen und Deutschland in den Himmel loben. Das ist auf Dauer ein wenig anstrengend“, fügt er hinzu.
Hamburg Hamburg | Foto: Pixabay Mehr als dreißig Jahre vor Roman hatte sich bereits Romans Mutter mit dem Gedanken getragen, nach Polen zu ziehen. Doch nicht nur ihre Eltern und ihre Freunde, sondern sogar ihr polnischer Freund rieten ihr davon ab. Roman denkt nicht oft darüber nach, wie das erste Treffen seiner Eltern ausgesehen haben könnte. Er kann nicht einmal genau sagen, ob es im Sommer geschah, ob es Ende der 70er-Jahre oder bereits 1980 war und ob ihre erste Begegnung wirklich auf dem Krakauer Marktplatz stattfand. Jedenfalls war seine Mutter mit ihren Schülern aus Hamburg auf Klassenfahrt nach Krakau gefahren. Romans zukünftiger Vater studierte zu jener Zeit Germanistik und verkaufte selbst gemachte Souvenirs an Touristen. Sie war neun Jahre älter als er. Mehrere Jahre lang schrieben sie einander Briefe.
 
„Schließlich flüchtete mein Vater in die Bundesrepublik und zog zu meiner Mutter nach Hamburg. Meine Mutter gehörte zu der 68er-Generation. Sie hatte gegen das Establishment rebelliert und  ihren Eltern unangenehme Fragen nach dem Zweiten Weltkrieg gestellt. Mein deutscher Großvater stammte aus Schlesien. Während des Krieges hatte er in der Wehrmacht gedient und war anschließend gemeinsam mit seiner Frau nach München übergesiedelt. Ich weiß nicht, ob meine Mutter ihn mit dem geplanten Umzug nach Polen absichtlich ärgern wollte, auf jeden Fall wollte sie ein lebendiges Beispiel für die Versöhnung sein. Schließlich schaffte es mein Großvater doch noch, die beiden davon zu überzeugen, in Deutschland zu leben“, erzählt Roman. „Meine Mutter hatte bereits in Hamburg hervorragend Polnisch gelernt. Als meine große Schwester zur Welt kam, sprachen meine Eltern ausschließlich Polnisch mit ihr. Für meine Schwester endete dieser Versuch traumatisch, weil niemand im Sandkasten sie verstand – eine Zeit lang hörte sie ganz auf, zu sprechen. Mit mir verfuhren meine Eltern zum Glück nicht ganz so konsequent“, fügt Roman hinzu.
 
Roman hat die doppelte Staatsbürgerschaft und so fühlt er sich auch: doppelt. In Polen verrät ihn sein deutscher Akzent und in Deutschland sein polnischer Name. Ihm war von Kind an bewusst, dass er bei Behördengängen, Taxifahrten oder Arztbesuchen nicht einfach sagen konnte, wie er heißt, sondern immer wieder seinen Nachnamen buchstabieren musste: „S“ wie Siegfried, „T“ wie Theodor, „A“ wie Anton … Wenn er heute darüber nachdenkt, wie fremd er sich damals fühlte, erinnert sich Roman an seine Mutter, die starb, als er 15 Jahre alt war.
 
„Sie trug, so wie ich und meine Schwester, den Nachnamen meines Vaters. Wenn sie sich vorstellte, sprach Sie dieses völlig unverständliche Wort zunächst laut aus, und sobald ihr Gegenüber davon überzeugt war, es mit einer Ausländerin zu tun zu haben, buchstabierte sie ihm den Namen in schönstem Deutsch vor. Ich glaube, das bereitete ihr Freude“, sagt Roman

Ein polnischer Deutscher

„Dein Großvater war im Krieg.“ Seit Dorota**** sich erinnern kann, konnte sie mit diesem Satz nichts anfangen. Es war weder der Beginn einer Familiengeschichte, die jedes Jahr zu Weihnachten am Festtisch erzählt wird, noch die Beschreibung eines alten Schwarz-Weiß-Fotos im Familienalbum. Es war eine Information, die man, ohne überflüssige Fragen zu stellen, einfach nur hinnehmen musste.
 
Ihr Großvater stirbt zu Ostern, als Dorota gerade zwei Jahre alt ist. Er hinterlässt ihr einen deutsch klingenden Namen und die Chance auf ein anderes Leben: Wenn Dorota später einmal möchte, erklärt ihr ihr Vater, kann sie nach Deutschland ausreisen und die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten.
 
Zum ersten Mal fährt Dorota nach Deutschland, noch bevor sie es überhaupt möchte. Als sie sieben Jahre alt ist, gerät ihr vier Jahre älterer Bruder in ihrer Heimatstadt Toruń unter die Straßenbahn und verliert ein Bein. Wenige Monate vor Ausrufung des Kriegsrechts erhält Dorotas Vater die Erlaubnis, dass die gesamte Familie während der Behandlung und Rehabilitation in Koblenz leben darf. Weder Dorotas Mutter noch ihr Bruder noch Dorota selbst und schon gar nicht ihre zweijährige Schwester sprechen Deutsch. Ihr Vater schon.
 
Dorota wundert sich, wie das sein kann, wo er doch nie in Deutschland gelebt hat. Ihr Vater erklärt ihr, dass er mit ihrem Großvater zu Hause Deutsch sprach, aber seine Zweisprachigkeit nach dem Krieg lieber nicht an die große Glocke hängen wollte. Dorota versteht, warum. In Toruń hat sie auch manchmal mitbekommen, wie die Leute sie hinter ihrem Rücken als „diese Deutsche“ bezeichnet haben und jedes Mal genau gespürt, dass es als Vorwurf gemeint war. Dafür hört sie in Koblenz immer wieder: „Diese Polen“. Doch in der Wohnsiedlung, in der ihre Familie lebt, wohnen ohnehin fast nur Ausländer, also kümmert es niemanden.
Dorotas Familie stammt aus Toruń. Dorotas Familie stammt aus Toruń. | Foto: Pixabay Das Merkwürdigste an ihrer neuen Heimat sind für Dorota die vielen Gerüche. Auf ihrem Weg von der Schule nach Hause kommt sie an einem indischen Restaurant, einem türkischen Imbiss und einer italienischen Pizzeria vorbei. Jeder dieser Orte riecht für Dorota nach einer anderen Welt. Auch gewisse Bräuche kommen ihr merkwürdig vor: Als ihre Großmutter in Toruń stirbt, darf Dorotas Mutter nicht zum Begräbnis fahren. Ihre Familie ist nicht zum vorgesehenen Termin nach Polen zurückgekehrt, für die polnischen Behörden sind sie Flüchtlinge. Also geht die ganze Familie am Tag der Beerdigung auf einen nahe gelegenen Friedhof. Wenigstens im Geiste möchte Dorotas Mutter mit den Trauernden vereint sein. Dorota setzt sich neben das erstbeste Grab. Es ist klein und mit Blumen geschmückt. Aber warum ist auf dem Grabstein ein Hundekopf eingraviert? Dorota sieht sich um. Auch die anderen Grabmäler sind mit Bildern von Hunden und Katzen verziert.

„Wir haben Großmutters Beerdigung auf einem Tierfriedhof verbracht“, erinnert sich Dorota. „Aber das war nicht der Grund, weshalb wir nach Polen zurückkehrten“, lacht sie. „Als ich die Grundschule beendete, wollten mich meine deutschen Lehrer auf eine berufsbildende Schule schicken. Meine Eltern waren damit nicht einverstanden, also kehrten wir nach Toruń zurück.“
 
Nach ihrem Abitur fährt Dorota ein zweites Mal nach Deutschland und dieses Mal für immer. Dieses Mal entscheiden nicht ihre Eltern, sondern das Schicksal für sie. Eigentlich möchte sie im Sommer eine Freundin besuchen, die in die USA ausgewandert ist. Sie bucht ihren Flug von Frankfurt, weil sie vorher noch eine Woche in Trier mit dem Bruder ihres Vaters und seiner Familie verbringen möchte. Im dortigen Schwimmbad lernt sie einen Jungen kennen. Das Flugticket verfällt, und Dorota kehrt erst im Herbst nach Toruń zurück, um ihre Sachen zu holen. In der Zwischenzeit verzichtet sie auf ihre polnische Staatsbürgerschaft – Mitte der 90er-Jahre gibt es noch nicht die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft, und Dorota möchte gern in Deutschland studieren. Heute ist sie länger Deutsche als Polin, fast 27 Jahre. Sie lebt in Hannover und arbeitet seit 20 Jahren als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache.
 
Wenn Dorota nach Polen fährt, fragen sie ihre alten Schulfreundinnen, warum sie keine Kinder hat. Hat sie vielleicht irgendeine Krankheit, oder ist mit ihrem Partner irgendetwas nicht in Ordnung? Sie wollen ihr nicht glauben, dass Dorota sich bewusst dafür entschieden hat, keine Kinder zu bekommen. In Deutschland haben sogar ihre engsten Bekannten sie nie auf dieses Thema angesprochen.
 
„Während meines letzten Urlaubs in Polen erzählte mir ein Taxifahrer ausgiebig von den Problemen mit seiner Schwiegermutter. Als wir schließlich ausstiegen, sagte mein deutscher Lebensgefährte, der mit mir nach Polen gefahren war: »Der war aber nett, dein Bekannter. Wann treffen wir ihn wieder?«. Die Deutschen, die ich kenne, haben Angst davor, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen“, erklärt mir Dorota. „Aber das hat alles zwei Seiten. Als eine Arbeitskollegin von mir an Magersucht erkrankte, wollte niemand sie darauf ansprechen, bis sie eines Tages im Krankenhaus landete.“
 
Heute weiß sie über den Satz „Dein Großvater war im Krieg“ nur so viel, dass er auf der deutschen Seite kämpfte. Wenn sie ihren Vater um Einzelheiten bittet, fragt der sie, wie das Wetter in Hannover ist.

Zurück nach Berlin

„Es ist »tak ładnie«, wie ich es dir erzählt habe“, schreibt Jan seiner zukünftigen Frau.
 
„Jan, »tak ładnie« klingt wunderbar, aber ich glaube, du meintest »dokładnie«“, schreibt Paulina ihm zurück.
 
Sie lebt in Suwałki, nahe der litauischen Grenze, er studiert in Gießen. Während der ersten vier Jahre ihrer Beziehung liegen 1318 Kilometer zwischen ihnen, zum Glück hat die Bahn auf dieser Strecke ein Sonderangebot: hin und zurück nur 25 Euro für insgesamt über 24 Stunden Fahrtzeit. Jan besucht Paulina alle zwei Monate. Außerdem telefonieren sie und schreiben einander E-Mails. Erst durch Paulina lernt Jan, Polnisch zu schreiben.
 
Mehrere Jahre zuvor hatte Jans Polnischunterricht folgendermaßen geendet: Er war fünf oder sechs Jahre alt und besuchte gemeinsam mit seiner zwei Jahre älteren Schwester zwei Mal in der Woche eine polnische Schule. Zum Abschluss des Schuljahres sollte sich jeder der Schüler ein Gedicht über sein Lieblingstier aussuchen. Der kleine Jan mag gern Affen, also lernt er das Gedicht „Małpa“ von Jan Brzechwa auswendig. Er kann sich noch daran erinnern, wie die Kinder alle in einer Reihe auf der Bühne standen und nacheinander ihre Gedichte aufsagten. Jan ist der Letzte in der Reihe. „Małpy skaczą …“, beginnt er selbstsicher. „Skaczą… małpy skaczą …“, wiederholt er und verstummt schließlich. Dann durchdringt ein lautes Weinen die Stille. Jan weiß nicht, wie es weitergeht, er hat das Wort „niedościgle“ vergessen. 
Jan wuchs in Berlin auf. Jan wuchs in Berlin auf. | Foto: Pixabay Jan kann sich nicht mehr daran erinnern, ob er allein von der Bühne ging oder ob seine Mutter ihn abholte. Zum Polnischunterricht geht er nie wieder. Er lernt Polnisch mit seiner Mutter – mit seinem Vater und seiner Schwester spricht er Deutsch. Die Familie lebt in Berlin, wo seine Mutter in den 80er-Jahren hinzog. Außerdem lernt er Polnisch bei seinen Großeltern, die einen Kleingarten in der Nähe von Lublin haben.

 
„Jeder Tag begann mit einem Albtraum: Unser Großvater zwang uns, frische, unbehandelte Kuhmilch zu trinken. Anschließend strolchte ich gemeinsam mit meiner Schwester und meinen Cousins durch die Felder. Ich fühlte mich nicht fremd, ich konnte fließend sagen »Babciu, usmaż naleśnika«, wenn ich Hunger auf einen Pfannkuchen hatte, oder »Wujku, chodźmy na ryby«, wenn ich angeln gehen wollte. Das reichte mir damals“, erzählt Jan.
 
Nach dem Tod seines Großvaters fährt Jan nicht mehr so oft nach Polen. Es ist Ende der 90er-Jahre, und auf beiden Seiten der Grenze kursieren Witze über die östlichen bzw. westlichen Nachbarn. „Fahr nach Polen, dein Auto ist schon dort“, hört Jan und beschließt, seinen Freunden lieber nicht zu sagen, dass er Halbpole ist. „Ob ich mich geschämt habe? Ich weiß es nicht mehr, ich glaube, es ging um etwas anderes: Damals war in Deutschland alles in, was amerikanisch war, und ich hatte zwei Jahre lang mit meinen Eltern in den USA gelebt. Darüber sprach ich lieber, das war interessanter als Polen“, erzählt Jan.
 
Ein Jahrzehnt später blickt Jan auf die Wiesen und Wälder, die den Weg von Jonkowo in der Nähe von Olsztyn nach Węgajty säumen und denkt sich: Und ich bekomme sogar noch Geld dafür, dass ich diese Aussicht genießen darf. Er studiert in Deutschland Theaterregie und hat ein dreimonatiges Stipendium erhalten, um die alternative Theaterlandschaft in Polen zu erkunden. In Węgajty gibt es seit Mitte der 80er-Jahre ein Dorftheater, das von dem deutsch-polnischen Ehepaar Wacław und Erdmute Sobaszek gegründet wurde. Als Jan den Feldweg entlangspaziert, findet dort gerade ein Festival statt.
 
Er kommt genau rechtzeitig zu einer Aufführung in der Scheune. Das, was er sieht, ist anders als alles, was er kennt. Im Grunde ärgert es ihn: Zunächst läuft ein Hund auf die Bühne und bellt, dann klingelt ein Handy und jemand erzählt lauthals, wo er gerade ist und was er tut. Niemand stört sich daran. Auch die Schauspieler unterhalten sich mit dem Publikum.
 
„Alles ging ineinander über, aber ich verstand es nicht und war enttäuscht. Doch dann hörte ich abends am Lagerfeuer einen Gesang, wie ich ihn nie zuvor gehört hatte. Es war Paulina, die sang“, betont Jan und fügt nach einer Weile hinzu: „All diese Jahre hatte ich das Gefühl, ihr etwas sagen zu wollen, doch ich wusste nicht, wie. Also begann ich, in meinem holprigen Polnisch Gedichte für sie zu schreiben.“
 
Alljährlich begegnen Jan und Paulina in Węgajty Theatergruppen aus der ganzen Welt. Das chaotische Element stört Jan nicht mehr, er weiß jetzt, dass es darum geht, eine Atmosphäre zu schaffen, die unterschiedliche Kulturen, Menschen und Weltbilder miteinander verbindet und in der doch jeder er selbst bleiben kann. Er erblickt darin Parallelen zu seiner eigenen Suche nach einer Identität zwischen Deutschland und Polen. Zwei Jahre lang leitet er in Posen ein Theaterprojekt mit Einwohnern des Stadtteils Jeżyce.
 
Als ihr gemeinsames Kind zur Welt kommt, ziehen Jan und Paulina nach Berlin. Nicht nur, weil es ihrer Meinung nach der beste Ort ist, um ihr Kind großzuziehen, sondern auch wegen des sich verändernden politischen Klimas in Polen. Die Idee, unterschiedliche Kulturen miteinander zu verbinden, trifft auf immer mehr Widerstand.
 
„Die Deutschen interessieren sich nach wie vor bei Weitem mehr dafür, was in Frankreich, den Niederlanden oder in Dänemark geschieht als in ihrem östlichen Nachbarland. Aber die politische Situation in Polen verstärkt diese Gleichgültigkeit noch – und auch die Trennung zwischen Ost und West, die in den Köpfen vieler Deutscher nach wie vor präsent ist“, erklärt Jan. „Mich betrifft diese Trennung doppelt, weil ich in Deutschland ein Pole und in Polen ein Deutscher bin.“

Die Zukunft ist weiblich

Hania ist in diesem Sommer gerade 18 geworden. Um den Hals trägt sie eine Kette mit einem roten Blitz – dem Symbol der Proteste gegen das Abtreibungsverbot in Polen. Sie hat die Kette in Lindau am Bodensee gekauft, wo sie gemeinsam mit ihrem Bruder, ihrer Schwester, ihrer polnischen Mutter und ihrem deutschen Vater lebt.
Hania Hania | Foto: Privatarchiv Als die Frauen in Polen auf die Straße gingen, erklärte Hania ihren deutschen Mitschülerinnen und Mitschülern im Sozialkundeunterricht, warum sie es taten: Weil man ihnen das Recht genommen hatte, über ihr eigenes Leben zu entscheiden. Sie zeigte ihnen Bilder, auf denen zu sehen war, wie brutal die Polizei gegen die Demonstrierenden vorging.
 
„Zunächst sagte niemand etwas. Ich sah, dass einige traurig waren. Schließlich gaben die meisten meiner Mitschüler zu, dass sie bis dahin nichts von diesen Dingen gewusst hatten“, erzählt Hania. „Ich trage die Halskette mit dem Blitz, weil sie mir gefällt. Hier in Lindau ist es nur eine normale Kette, aber wenn mich jemand danach fragt, erkläre ich ihm, was sie bedeutet.“
 
Ende September bekommt Hania eine zweite deutsch-polnische Schwester.
 
*In diesen Zahlen sind auch Kinder aus in Deutschland lebenden polnischen Familien sowie Kinder aus Beziehungen zwischen Polinnen bzw. Polen und ebenfalls in Deutschland lebenden Ausländern bzw. Ausländerinnen berücksichtigt.
 
**Zwischen 1960 und 2017 wurden 147 848 Ehen zwischen einem Deutschen und einer Polin sowie 40 047 Ehen zwischen einer Deutschen und einem Polen geschlossen.
 
***Die letzten Daten stammen aus dem Jahr 2017.
 
****Der Name wurde auf Wunsch der Interviewpartnerin geändert. 
 

oto niemcy

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe von Reportagen „Oto Niemcy“ (Das ist Deutschland), die das Goethe-Institut gemeinsam mit dem Magazin Weekend.gazeta.pl veröffentlicht. 

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