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Die Nordfriesischen Inseln
Das Meer es gibt, das Meer es nimmt

Eine Warft auf einer der Nordfriesischen Inseln
Eine Warft auf einer der Nordfriesischen Inseln | Foto: @Detlef Haag

Die Nordfriesischen Inseln liegen wie funkelnde Kleinode im nordfriesischen Wattenmeer. Man möchte kaum glauben, dass es sie vielleicht schon morgen nicht mehr gibt.

Von Joanna Strzałko

Um zwei Uhr morgens zieht sich Katrin Brogmus ihre Jacke und ihre Gummistiefel an und tritt vor die Haustür. Der Wind weht in Böen bis 180 km/h. Im Licht ihrer Taschenlampe sieht sie das tosende Meer, das fünf Meter vor ihrer Haustür stehen geblieben ist. Katrin ist beruhigt und geht wieder zurück ins Haus. In der Küche nimmt sie noch die Butter aus dem Kühlschrank, damit sie später nicht zu kalt ist, und stellt die Teller und Kaffeetassen auf den Tisch. Begleitet wird sie dabei von einem Fernsehteam des NDR.

„Man liegt oft und dreht sich von einer Seite zur anderen“, erzählt Katrin vor der Kamera. „Man schläft zwischendurch mal ein, man ist aber unruhig. Wenn man dann irgendwie Geräusche hört, die es sonst nicht gibt, wird man beunruhigt und geht dann gucken.“

Orkane, Sturmwellen und Überschwemmungen haben sich tief in die Landschaft der Hallig Hooge eingeschrieben, der zweitgrößten der zehn Halligen im nordfriesischen Wattenmeer. Aus diesem Grund sind die Häuser der 103 Inseleinwohner auf Warften erbaut, also auf wenige Meter hohen, künstlich aufgeschütteten Erdhügeln. Wenn das Meer die Insel überflutet, versinken zunächst die um die Warften herum liegenden Wiesen und Weiden. Die Hügel mit den roten Backsteinhäusern wirken dann wie einsame Schiffe im Meer. Oder wie von der tosenden See umzingelte Festungen.

„Alles, was über 6,34 Meter ist, ist über dem mittleren Hochwasser“, erklären Katrin und Heiner den Reportern. „Wir haben den Sommerdeich von 1,50 Meter, und wenn wir 6,34 Meter plus 1,50 Meter rechnen, dann sind das 7,84 Meter. Wenn der Pegel an diese Zahl kommt, dann wissen wir, jetzt wird es kritisch, jetzt kann »Land unter« kommen.“

Das Haus von Katrin und Heiner liegt auf der höchsten der zehn Warften, der fünf Meter hohen Backenswarft. Hier leben 15 Menschen sowie 20 Kühe, einige Zugpferde, Schafe und Hühner, die den größten Teil des Jahres auf der um die Warft gelegenen Weide verbringen. Die meisten Häuser auf der Hallig Hooge haben einen sturmflutfesten Schutzraum im Obergeschoss, dessen mit Beton verstärkte Wände tief in Warft eingelassen sind. Falls das Erdgeschoss überflutet wird, können sich die Bewohner in diesen Schutzraum retten.
Eine der Warften auf der Hallig Hooge Eine der Warften auf der Hallig Hooge | Foto: @Detlef Haag Wenn sich ein Orkan auf die Hallig Hooge zubewegt, ist nicht nur die Stromversorgung gefährdet (die Hallig wird seit 1959 mit Strom vom Festland versorgt), sondern auch die Wasserversorgung (erst 1970 erhielt die Hallig eine Trinkwasserleitung vom Festland, zuvor waren die Bewohner auf Regenwasser angewiesen). Deshalb füllen die Halligbewohner, sobald sie eine Sturmwarnung erhalten, rechtzeitig ihre Wasserbehälter auf, schließlich müssen sowohl sie selbst als auch ihre Tiere genügend zu trinken haben.

„Wir wissen nicht, wann das Wasser kommt, wir wissen nicht, wie hoch das Wasser kommt, und wir wissen auch nie, wie lang das Wasser bleibt“, erklärt Katrin den NDR-Reportern. „Das Einzige, was wir wissen, ist, dass »Land unter« jedes Jahr kommt und dass das Wasser immer wieder weggeht. Manchmal nach zwei Tagen, manchmal nach einem Tag. Das Längste, was ich mal erlebt habe, seit ich hier lebe, waren zehn Tage Wasser rundherum, das ist aber extrem.“

„Wir haben viele Polen auf der Insel.“

Wenn der Sturm nachlässt, kehren zunächst die Vögel auf die Insel zurück. Und irgendwann legen auch wieder die Schiffe an. Und wenn der Frühling kommt, kommen mit ihm auch die Touristen – jedes Jahr besuchen circa 90 000 Menschen die Hallig. Man kann die 578 Hektar große Insel in etwa zwei Stunden zu Fuß umrunden oder in 30 Minuten mit einem der angebotenen Leihfahrräder. Am Fähranleger warten auch Pferdekutschen auf die Besucher. Außerdem gibt es auf der Hallig Hooge eine Kirche aus dem 17. Jahrhundert mit einem kleinen Friedhof, eine Grund- und Hauptschule mit 13 Schülern und einer Lehrerin, einen Einkaufsladen, eine Sanitätsstation mit zwei Krankenpflegern (ein Arzt ist nicht ständig auf der Hallig anwesend), zwei Museen, ein Café und drei Restaurants.
Ein Fischkutter vor der Hallig Hooge Ein Fischkutter vor der Hallig Hooge | Foto: @Detlef Haag „Kommst du aus Polen?“, fragt mich die Kellnerin, als sie meine Bestellung aufnimmt (ich bestelle Labskaus, eine regionale Spezialität aus Rindfleisch, Kartoffeln, Roter Beete und Zwiebeln, die mit einem Spiegelei, einer Gewürzgurke und einem Rollmops serviert wird). „Wusstest du, dass wir hier viele Polen auf der Insel haben? Eine Polin führt ein Restaurant, eine andere vermietet Gästezimmer. Die Einwohner der Hallig heiraten nicht untereinander, wenn also jemand in den Sommermonaten zum Arbeiten auf die Insel kommt, kann es sein, dass er für immer hier bleibt“, erzählt sie lachend. „Außerdem haben wir hier viele polnische Studenten, die sich in den Semesterferien etwas hinzuverdienen.“

„Daaarek!“, ruft die Kellnerin, und in der Küchentür erscheint ein lächelnder junger Mann.

„Meine Freundin und ich haben den Job hier durch eine polnische Anzeige im Internet gefunden“, erzählt mir Darek, ein 19-jähriger Physiotherapiestudent aus Ostrów Mazowiecka. „Wir sind mit dem Auto hierher gekommen, nur das letzte Stück haben wir mit der Fähre zurückgelegt. Das Auto bringt uns nicht besonders viel, weil man hier sowieso nirgendwo hinfahren kann (lacht) und ich von morgens bis abends im Restaurant und im Biergarten arbeite. Ja, ich fühle mich hier sehr wohl. Ich mag die Ruhe hier. Manchmal komme ich mir fast so vor, als wäre ich im hohen Norden. Ebenso wie dort gibt es hier fast keine Bäume! Und am schönsten ist es, wenn ich nachts in kompletter Dunkelheit mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause fahre. Wenn ich oben am Nachthimmel die Milchstraße sehe, verschlägt es mir fast den Atem. Ob ich mir vorstellen kann, für immer hier zu leben? Nein, ich denke eher, dass ich nach meinem Studium in die Schweiz ziehen werde.“

Selbst wenn Darek gerne für immer auf der Hallig Hooge bleiben würde, ließe sich dieser Wunsch nur schwer realisieren. Aufgrund des Klimawandels und des steigenden Meeresspiegels ist es äußerst schwierig, einen Bankkredit für ein Bauvorhaben auf der Hallig Hooge zu erhalten. Und auch mit den alten Häusern gibt es Probleme.

„Ich bin der Meinung, man hätte schon längst die Warften erhöhen müssen“, seufzt einer der Hallig-Bewohner „Doch die Verantwortlichen wollen ja warten bis 2050. Dann sind hier viele Leute schon ertrunken! Wir haben hier immer große Sturmfluten gehabt. Ich weiß nicht, wo die das hernehmen, dass keine Stürme mehr kommen.“

Schafe auf Nordstrand Schafe auf Nordstrand | Foto: @Detlef Haag Schwimmend nach Helgoland

Auf dem Strand in Sankt Peter-Ording (im Südwesten der Halbinsel Eiderstedt, dreißig Kilometer südöstlich von der Hallig Hooge) hat sich eine große Menschenmenge versammelt, obwohl es bereits Mitternacht ist. Alle wollen dabei sein, wenn der deutsche Extremschwimmer Andre Wiersig, der auch als der Reinhold Messner der Meere bezeichnet wird, in die Fluten steigt, um die 48 Kilometer lange Strecke zwischen Sankt Peter-Ording und Helgoland zu bewältigen.

„Ich habe mir, als ich mal auf Helgoland war, so einen Stein mitgenommen“, erzählt Wiersig einem Fernsehteam des NDR. „Und den habe ich mir nur ausgeliehen, ich habe dem Stein versprochen, dass ich ihn zurückbringe. Und wenn ich dann auf Helgoland ankomme, dann bringe ich ihn zurück.“

Dann steckt sich Wiersig den Stein hinter das Gummi seiner Badehose, setzt sich eine Badekappe und eine Schwimmbrille auf und verschwindet in den Fluten. Das blaue Blinken seiner Stirnlampe ist schon bald nicht mehr zu sehen.

„André Wiersig ist vermutlich der erste Mensch, der die Strecke schwimmend bewältigt hat“, freut sich 18 Stunden später der Helgoländer Bürgermeister Jörg Singer. „Der erste Gast, der ohne Boot oder Flieger und aus eigener Kraft auf Helgoland angekommen ist.“
Weiße Strandkörbe am Strand in Sankt Peter-Ording Weiße Strandkörbe am Strand in Sankt Peter-Ording | Foto: @Detlef Haag Verpassen konnte André Wiersig Helgoland jedenfalls nicht. Die roten Sandsteinfelsen der Insel ragen 61 Meter über das Meer hinaus.

„Unsere Insel diente Jahrhunderte lang als Piratennest, als Seefestung und als Luft- und Marinestützpunkt“, erzählt der Führer im Museum Helgoland. „Ab 1714 gehörte Helgoland zu Dänemark, ab 1807 zu Großbritannien und seit 1890 zu Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die Britische Luftwaffe, Helgoland mithilfe von insgesamt 6 700 Tonnen Sprengstoff – rund 4 000 Torpedoköpfen, fast 9 000 Wasserbomben und über 91 000 Granaten – in die Luft zu sprengen. 1952 wurden die Überreste der Insel an Deutschland übergeben. Und damit kehrte auch das Leben wieder auf die Insel zurück.“

Heute leben 1 500 Menschen auf Helgoland, und von Mitte April bis Mitte Oktober kommen jeden Tag rund 4 500 Besucher auf die Insel. All jene, die nur für ein paar Stunden kommen, haben die Qual der Wahl: Sollen sie die 184 Stufen hinaufsteigen, um vom Unterland auf das Oberland zu gelangen, oder lieber den Fahrstuhl nehmen? Einen drei Kilometer langen Spaziergang durch die Klippen unternehmen und die dort nistenden Basstölpel und Trottellummen beobachten oder sich lieber zum Dünenstrand begeben, auf dem sich Seehunde und Kegelrobben tummeln? Oder vielleicht doch einfach zum Hummeressen in eines der Helgoländer Restaurant gehen?

Eine besondere Attraktion der Insel sind die Küken der Trottellummen, die sich jedes Jahr im Juni, noch bevor sie gelernt haben, zu fliegen, aus einer Höhe von rund 40 Metern von den Felsen ins Meer stürzen, wo ihre Eltern bereits mit Futter auf sie warten. Begleitet werden ihre spektakulären Sprünge von den begeisterten oder auch erschreckten Rufen der Touristen und dem Klicken Hunderter Fotoapparate. Der Strandparkplatz in Sankt Peter-Ording Der Strandparkplatz in Sankt Peter-Ording | Foto: @Detlef Haag Nach einem Tag der Erholung verlässt André Wiersig Helgoland wieder. Ja, er plant bereits eine weitere Tour, vor allem aber möchte er sich für den Schutz der Meere einsetzen. „Ich schäme mich für uns alle“, sagt er und beruft sich auf eine Studie des WWF, nach der jedes Jahr etwa 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer landen. Auch Wiersig hat sich bei seinen Aktionen bereits mehrfach in Plastikplanen verheddert und an Europaletten verletzt. „Wir müssen uns verändern. Sonst ist bald Feierabend“, seufzt der Extremschwimmer.

Strandparken in Sankt Peter-Ording

Morgens um 7.30 Uhr öffnet der Strandparkplatz in Sankt Peter-Ording. Junge Leute in blauen T-Shirts mit der Aufschrift „Parkwächter“ lassen die Campingwagen und PKWs gegen eine Gebühr von 8 Euro mitten auf den Strand fahren. Wer sein Fahrzeug bis 22.30 Uhr nicht wieder entfernt, muss ein Bußgeld in Höhe von 100 Euro zahlen.
Die Nordsee bei Ebbe Die Nordsee bei Ebbe | Foto: @Detlef Haag Der Strandparkplatz ist circa 500 Meter lang und ebenso breit. Manche Besucher liegen bereits am Strand, hören Musik und schlürfen Cocktails. Andere brechen lieber zu einer Strandwanderung auf. Der Weg lohnt sich: Der 12 Kilometer lange und zwei Kilometer breite, weiße Sandstrand gehört zu den größten in Europa. Und wie es in Deutschland so üblich ist, ist der Strand genau eingeteilt: Es gibt Bereiche, in denen man Drachen steigen lassen kann, Kinderspielplätze und Beachvolleyball-Anlagen, FFK- Bereiche und Strandabschnitte für Familien mit Kindern. Wer sich nach Ruhe sehnt, geht ein Stück weiter den Strand entlang. Alle paar Hundert Meter stehen Pfahlbaurestaurants mit verglasten Terrassen und Strandtoiletten mit Rampen für Rollstuhlfahrer.

Wenn sich die Nordsee bei Ebbe kilometerweit zurückzieht, kommt das Watt zum Vorschein. Eine in der kleinen Bucht vor Anker liegende Yacht sieht aus wie ein gestrandeter Fisch. Strandläufer und Möwen durchstreifen den freiliegenden Meeresboden, um nach Muscheln, Krabben, kleinen Fischen und Wattwürmern zu suchen. Wer Lust hat, kann von hier aus auch eine Wattwanderung unternehmen. Aus der Ferne wirken die Wanderer, als würden sie über das Wasser laufen. Der weite Horizont wirkt äußerst verlockend. Vielleicht kommen manche deshalb nicht rechtzeitig zurück.

Erst kürzlich erhielt die lokale Polizei einen Hilferuf von einer Touristin, die sich mehrere Kilometer vom Ufer entfernt hatte und von der Flut überrascht worden war. Als sie die Polizei anrief, steckte sie bereits bis zu den Knien im Watt fest und sank mit jedem Schritt tiefer ein. Die Polizei folgte dem Hilferuf, zusammen mit einem Rettungswagen, einem Krankenwagen und vier Amphibienfahrzeugen. Zum Glück endete die Rettungsaktion erfolgreich, und die Frau kehrte wohlbehalten ans Ufer zurück.
Eine Schule auf der Hallig Hooge Eine Schule auf der Hallig Hooge | Foto: @Detlef Haag

die Große stille auf Neuwerk?

Für Touristen, die bei einer Wattwanderung von der Flut überrascht werden, wurden entlang der Route zwischen Cuxhaven-Sahlenburg und Neuwerk, der einzigen bewohnten Insel im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer, Rettungsbaken aufgestellt – stählerne Türme, auf die man sich vor dem ansteigenden Wasser retten und die nächste Ebbe abwarten kann. Man kann auch die Rettungskräfte alarmieren, doch dann wird es teuer – die Kosten betragen zwischen mehreren Hundert und mehreren Tausend Euro, falls bei der Aktion ein Hubschrauber zum Einsatz kommt. Am besten, man unternimmt eine solche Wattwanderung zusammen mit einem erfahrenen Führer.

Die über zehn Kilometer lange Wanderung von Sahlenburg nach Neuwerk hat nichts von einem ruhigen, besinnlichen Spaziergang. In den Ferien herrscht hier ein Betrieb wie auf der Flaniermeile einer  europäischen Großstadt. Gelb-rote Pferdekutschen fahren Touristen von und nach Neuwerk, Traktoren ziehen Anhänger mit Versorgungsgütern, Post und Medikamenten durch das Watt, und dazwischen spazieren Wanderer und galoppieren Reiter. Ungefähr auf der Hälfte des Weges begegnet man einem Getränkestand mit Toilette, der den Namen „Watt-Oase“ trägt und täglich von den Einwohnern Neuwerks hier aufgestellt wird.

Die größten Emotionen kommen bei der Überquerung der Priele auf, in denen das Wasser den Pferden bis zu den Knien und manchmal sogar bis zum Hals reicht. Die Touristen verstummen hier für einen Moment, und die Wanderer halten sich eng an den Wattweg, der sie sicher durch die Priele führt.

Nach drei Stunden zu Fuß oder etwas über einer Stunde mit der Kutsche erreichen die Tagesausflügler die Insel Neuwerk mit ihren grünen Wiesen, Bäumen, Deichen, einigen Häusern und einem schon von weitem sichtbaren 45 Meter hohen Leuchtturm aus dem 14. Jahrhundert. Auf der drei Quadratkilometer großen Insel, die zur Freien und Hansestadt Hamburg gehört, leben heute 25 Personen. Als vor wenigen Monaten eine Familie mit drei Kindern die Insel verließ, kursierte in den Medien die Hiobsbotschaft, dass Neuwerk allmählich ausstirbt. Sowohl Der Spiegel als auch Die Zeit und sogar die Bild-Zeitung beschäftigten sich mit diesem Thema.
„Zu meiner Zeit waren wir insgesamt neun Mitschüler und eine Lehrerin“, erzählt die 21-jährige Lea Sophie Griebel, die bereits auf das Festland gezogen ist, den Bild-Reportern. Inzwischen ist die Schule geschlossen, weil keine Kinder und Jugendlichen mehr auf der Insel leben. Die jungen Menschen sehen hier keine Perspektive, und Arbeit gibt es nur in der Gastronomie.

Christian Griebel, der Besitzer eines Hotels und Restaurants auf Neuwerk wendet sich über die Medien an potenzielle Arbeitskräfte: „Aktuell wohnen hier auf der Insel circa 25 Einwohner, vor dreißig Jahren waren es noch doppelt so viele. Man muss natürlich gewisse Einschränkungen in Kauf nehmen, wenn man auf Neuwerk lebt, zum Beispiel dass man nicht jeden Tag ins Kino oder ins Theater kann.“ Außerdem gibt es Probleme mit dem Transport durch die Vertiefung der Priele. Immerhin wurde erreicht, dass im Herbst nächsten Jahres ein neuer, besserer Wattweg entstehen soll. Arbeitsplätze gibt es jedenfalls genug auf der Insel, vor allem in den Hotels und in der Gastronomie. Schließlich muss sich jemand um die 120 000 Tagesausflügler kümmern, die jedes Jahr nach Neuwerk kommen.

Und doch gibt es etwas, das die Menschen davon abhält, auf die Insel zu ziehen.

„Ich denke, die meisten Menschen haben Angst vor der Einsamkeit“, erklärt mir die 37-jährige Ute, die Neuwerk seit Jahren regelmäßig besucht. „Je mehr Touristen am Tag kommen, desto größer ist die Stille in der Nacht. Das ist nicht jedermanns Sache.“

Ich schaue auf die Schiffe, die Neuwerk auf ihrem Weg nach Hamburg oder in die weite Welt passieren. Auf die Wiesen, von denen die Wildgänse bereits weitergeflogen sind. Auf ein leer stehendes Haus, in dem bis vor Kurzem noch eine mehrköpfige Familie lebte. Und auf meine Uhr, damit ich die Rückkehr zum Festland nicht verpasse.
 

das schweigen der Lämmer auf Nordstrand

Eigentlich wollte ich von Nordstrand aus die Inseln Amrum und Sylt besuchen, die für ihre schönen Strände und ihre Prominentenvillen berühmt sind, doch die Tour wurde wegen einer Sturmwarnung abgesagt. Der Besitzer der Hafenbar serviert mir ein Krabbenbrötchen und muntert mich mit den Worten auf: „Besser arm und hässlich auf Nordstrand als reich und schön auf Sylt.“

„Ich finde es hier auch schöner, und das Wetter stört mich überhaupt nicht“, mischt sich ein weiterer Gast in das Gespräch ein. „Als ich zum ersten Mal hierherkam, habe ich mir ein Cabriolet gemietet. Ich glaube nicht, dass ich das Verdeck auch nur ein einziges Mal geöffnet habe – es hat die ganze Zeit nur geregnet und gestürmt. Und doch kehre ich jedes Jahr wieder nach Nordstrand zurück. Wegen der Ruhe, der Erholung und der Natürlichkeit der Menschen.“

Begleitet vom Mähen der Schafe klettere ich den Deich hinauf, der über die roten Backsteinhäuser mit ihren spitzen Ziegeldächern hinausragt. Ich möchte vor meiner Abfahrt noch einmal das Meer sehen, habe jedoch nicht daran gedacht, dass gerade Ebbe ist. Als ich die Kuppe des Deichs erreiche, sehe ich nur schwarzen Schlick. Die Ebbe hat den mit Steinen und Muscheln übersäten Meeresboden freigelegt. Die Strandkörbe stehen einsam im grünen Gras. Zwischen dem Deich und dem Ufer führt eine asphaltierte Straße zum Hafen. Menschen begegne ich hier nicht, nur den Unmengen von Schafen, deren Mähen ich bereits von der anderen Seite des Deichs gehört habe.

Die Fensterläden des verrammelten Hotels bewegen sich quietschend im Wind. Das nahe gelegene Restaurant hat bis zum späten Nachmittag Mittagspause. Auf der Tourismusseite der Insel finde ich nur eine einzige Übernachtungsmöglichkeit, für 100 Euro pro Nacht. Also verlasse ich die Insel wieder und fahre über den Neustrander Damm zurück zum Festland.

Ich halte erst in Friedrichstadt wieder an, das oft als „Klein Amsterdam“ bezeichnet wird – so viele Grachten, Brücken und schmale Häuser gibt es hier. Auf einem etwas abseits gelegenen Platz entdecke ich einen kleinen, von Vogelgezwitscher erfüllten Friedhof, dessen Gräber mit Blumen geschmückt sind. Die Fenster und mit Malven bewachsenen Türen der den Platz säumenden Häuser gehen direkt auf den Friedhof hinaus. Jemand kocht, jemand hört Musik, und jemand blickt durch das offene Fenster auf die Gräber der Fischer und Seeleute hinab.

***

Nordstrand gehörte – wie auch die Hallig Hooge – ursprünglich zu der großen Insel Strand, die bei einer großen Sturmflut im Jahr 1634 auseinandergerissen wurde. 1937 wurde Nordstand durch einen Damm mit dem Festland verbunden. Durch eine Vordeichung im Bereich der Nordstrander Bucht wurde Nordstrand vor 25 Jahren zu einer Halbinsel. Auf einer Fläche von 57,21 Quadratkilometern leben hier heute 2237 Einwohner. Von Nordstrand aus verkehren Fähren und Schiffe unter anderem auf die Hallig Hooge, nach Helgoland und nach Amrum: https://www.nordstrand.de/schiffe-faehren.

Das Schiff von Nordstrand nach Helgoland legt um 9.15 Uhr ab. Die Fahrt dauert knapp vier Stunden, die Rückfahrt beginnt um 16.15 Uhr. Ein Hin- und Rückfahrticket kostet circa 100 Euro: https://www.adler-schiffe.de/ab-nordstrand/insel_helgoland.php. Man kann auch mit dem Katamaran nach Helgoland fahren, unter anderem von Hamburg und Cuxhaven, ein Tagesausflug kostet circa 60 Euro: https://www.frs-helgoline.de/.

Auf der Hallig Hooge gibt es 479 Gästebetten. In der Pension von Katrin und Heiner Brogmus kostet ein Zwei-Bett-Zimmer mit Dusche und WC inklusive Frühstück 75 Euro pro Nacht (bei Aufenthalten von weniger als vier Nächten kommt noch ein Aufschlag von 6 Euro pro Person hinzu): https://hus-halligblick.de/.

Die Insel Neuwerk liegt circa 100 Kilometer westlich von Hamburg zwischen Weser- und Elbmündung inmitten des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer, das seit 2011 zum UNESCO-Welterbe gehört. Im Frühling und Herbst bevölkern zahlreiche Zugvögel die Insel, darunter auch seltene Wildgansarten wie die Ringelgans und die Weißwangengans. Eine Wanderung von Cuxhaven-Döse, -Duhnen oder -Sahlenburg auf die Insel Neuwerk mit einem erfahrenen Wattführer kostet 20 Euro, die Überfahrt mit dem Schiff kostet ebenfalls 20 Euro: https://www.wattwandernneuwerk.de/.

Quellen:

https://halligen.de/halligwelt/halligen-erleben/hallig-hooge
https://andre-wiersig.com/
https://www.helgoland.de/
https://www.nonstopnews.de/meldung/34032

Einige Zitate stammen aus den Beiträgen des NDR „Land unter auf Hallig Hooge“ von Jess Hansen, „Extremschwimmer Andre Wiersig erreicht Helgoland“, „Andre Wiersig – Marathonmann der Meere“ von Andreas Bellinger und „Neuwerk – Hamburgs Handvoll Insulaner“ von Uli Patzwahl.

oto niemcy

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe von Reportagen „Oto Niemcy“ (Das ist Deutschland), die das Goethe-Institut gemeinsam mit dem Magazin Weekend.gazeta.pl veröffentlicht.

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