Literatur Nationalität ist nur eine Etikette

Olga Grjasnowa © René Fietzek
Olga Grjasnowa | © René Fietzek

Olga Grjasnowa wurde in Baku geboren und lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in Deutschland. Ihr Romandebüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ist eine intensive Geschichte über eine Generation, die keine Grenzen mehr kennt, aber auch keine Heimat mehr hat. Im Gespräch mit Anna Budyńska spricht Olga Grjasnowa über Identität und Herkunft.  

Was beschreibt am besten die Identität einer Person? Ihre Muttersprache? Ihre Herkunft? Ihre Staatsangehörigkeit? Ihr Freundeskreis?
 

Ich finde nichts davon wirklich wichtig, um eine Person zu beschreiben. Wenn wir von Herkunft und Staatsangehörigkeit sprechen, geben wir lediglich fragwürdige politische Zuschreibungen wieder.
 
Was beschreibt denn Ihrer Meinung nach am besten eine Person?
 
Jede Person ist doch recht individuell, und es wäre absurd, eine einzige Kategorie zu suchen, nicht?
 
Sie sind in Baku geboren, jetzt wohnen Sie in Berlin. Wie beschreiben Sie sich jetzt? Hat sich die Art und Weise, wie Sie sich betrachten, im Laufe der Zeit geändert?
 
Ich versuche mich eigentlich nicht selbst zu betrachten. Ich habe mich natürlich seit meiner Kindheit verändert, doch hierbei handelt es sich um einen natürlichen Prozess für alle Menschen.
 
Sind Sie sich bewusst, wie Olga Grjasnowa von den anderen betrachtet wird, zum Beispiel von den Lesern? Sie werden als „die Stimme der jungen Generation“ oder als „Schriftstellerin mit Migrationshintergrund“ bezeichnet? Was halten Sie von solchen Etiketten?
 
Ich halte mich nicht für die Stimme einer Generation, eher – um Lena Dunham zu zitieren - für „eine Stimme der Generation“. Die Zuordnung „Schriftstellerin mit Migrationshintergrund“ halte ich dagegen für ganz klar rassistisch. Ob ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin einen Migrationshintergrund hat oder nicht, sagt noch lange nicht über ihre oder seine Werke, ihre Stilistik oder ihre Themen aus. Der Verweis auf den Migrationshintergrund hat immer eine sehr unschöne Konnotation, als ob es sich um Menschen handelt, die man dafür lobt, dass sie die deutsche Grammatik gut genug beherrschen, um einen Text fehlerfrei auf Deutsch schreiben zu können. Das hat nichts mit Kunst zu tun. Es ist in etwa das gleiche Verhältnis wie zwischen „klassischer Musik“ und „Weltmusik“. „Migrationsliteratur“ ist etwas, das belächelt wird, das nicht auf einer Stufe mit der „richtigen Literatur“ stehen kann und stehen darf, und der Migrationshintergrund ist immer ein klarer „Migrationsvordergrund“.
 
Mascha, ihre Protagonistin im Buch „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, ist Jüdin, in Baku geboren, lebt in Frankfurt am Main und zieht nach dem Tod ihres Freundes nach Israel. Es sieht so aus, als ob sie überall leben kann, sich an jede Bevölkerung anpassen kann, aber nirgendwo glücklich ist. Warum?
 
In erster Linie, weil Mascha an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.
 
Mascha spricht fließend Deutsch, Französisch und Russisch, und auch etwas Arabisch. Man sagt, dass schwache Sprachkenntnisse eine der größten Barrieren im Integrationsprozess darstellen. Mascha widerspricht dieser These. Was ist die größte Barriere in ihrem Integrationsprozess? Will sie überhaupt integriert sein?
 
Mascha studiert Dolmetschen und ist auf dem besten Wege, in diesem Beruf auch zu arbeiten.
Ich finde auch das Konzept der „Integration“, ehrlich gesagt, sehr problematisch. Es geht immer davon aus, dass es eine „richtige“ Kultur gibt, in die man die „Barbaren“ integrieren möchte. Es ist kein Konzept, das andere Menschen auf Augenhöhe behandelt.
 
Es wird auch gesagt, dass man ohne Wurzeln, ohne Heimat, kein glückliches Leben führen kann. Aber Wurzeln und Heimat können auch eine riesige Belastung sein. Ist für Mascha die Kindheit eher eine Belastung oder ein Bezugspunkt, eine solide Lebensbasis?
 
Als Isaac Deutscher, ein jüdischer Philosoph polnischer Herkunft, in Cambridge nach seinen Wurzeln gefragt wurde, antwortete er: „Juden haben keine Wurzeln, Juden haben Beine.“
 
Und für Sie? Was empfinden Sie als das Beste und das Schlimmste an ihrer Kindheit in Baku?
 
Meine Kindheit ist ziemlich lange her.
 
Ist die Kindheit nicht mehr wichtig für Sie?
 
Nein.
 
Heutzutage gibt es immer mehr Menschen wie Mascha, die überall leben können (oder gezwungen sind, zu wandern), die sich nicht mit einem Staat verbunden fühlen. Auf der anderen Seite werden die Rechtsradikalen, die Nationalstaaten fordern, immer stärker (in Europa und den USA). Wie wird es in der Zukunft sein, werden sich die Nationalstaaten entwickeln oder werden sich die Grenzen eher auflösen?
 
Wir wären alle glücklicher, wenn die Grenzen endlich verschwinden würden.
 
Betrachten Sie diese Idee, besonders heutzutage, als realistisch?
 
Vor allem heute. An den Grenzen werden ja nur Schutzsuchende aufgehalten und sicherlich keine Terroristen.  

Diskussion zum Thema „Flüchtige Identität“ mit Olga Grjasnowa, Filip Springer und Dr. Heiner Geißler


Freitag, 22.04.2016, 18:15 Uhr
Goethe-Institut Pop Up Pavillon
Plac Nowy Targ, Breslau