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Frauen und Freiheit
Der Schlüssel zur Freiheit – Bildung, Bürgerrechten und Arbeit

Von Beata Kowalska

Ich wünsche für die Frauen keine Macht über Männer, aber die Macht über sich selbst

Mary Wollstonecraft, A Vindication of the Rights of Women

Unser modernes Verständnis von Freiheit gründet in der Aufklärung. Damals verwandelte sich die göttliche Welt in etwas, das von uns selbst bestimmt wird. Die Entdeckung der eigenen Freiheit und der mit ihr verbundenen Verantwortung erweckte in uns die Hoffnung auf die Verwirklichung demokratischer Ideale und sozialer Gerechtigkeit. „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es“, lesen wir in Artikel 1 der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Diese Rechte sind universeller Natur, und „die Freiheit besteht darin, alles tun zu dürfen, was einem anderen nicht schadet: Die Ausübung der natürlichen Rechte eines jeden Menschen hat also nur die Grenzen, die den anderen Mitgliedern der Gesellschaft den Genuss eben dieser Rechte sichern“ (Artikel 4). Also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und Schwesterlichkeit?

Diese mahnte Olympe de Gouges ein. Ihren Protest gegen eine Verfassung, die Frauen von sämtlichen Bürgerrechten ausschloss, drückte sie 1791 in ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin aus. Dort schrieb sie:
  • „Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Mann an Rechten gleich. Soziale Unterschiede können nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.”
  • „Das Gesetz muss Ausdruck des Gemeinwillens sein; alle Bürgerinnen und Bürger müssen persönlich oder durch ihre Repräsentanten an der Gesetzgebung mitwirken; es muss dasselbe für alle sein: Alle Bürgerinnen und alle Bürger, die in seinen Augen gleich sind, müssen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten und ohne anderen Unterschied als den ihrer Tugenden und Begabungen zu allen Würden, Stellen und öffentlichen Ämtern zugelassen sein.”
  • „Wegen seiner, selbst fundamentalen, Meinungen braucht niemand etwas zu befürchten, die Frau hat das Recht auf das Schafott zu steigen; sie muss gleichermaßen das haben, ein Podium zu besteigen.”
 
Diese Worte brachten sie zwei Jahre später auf das Schafott. Ihre französischen Schwestern erlangten erst anderthalb Jahrhunderte später die vollen Bürgerrechte. Für Olympe de Gouges – wie auch für die Pionierinnen der Frauenbewegung in anderen Ländern – führte der Weg zur Freiheit über Bildung, politische Rechte und den Zugang zu Arbeit, durch den die ökonomische Grundlage für die eigene Autonomie geschaffen werden sollte.

Die Frauenrechtlerinnen des neunzehnten Jahrhunderts stammten aus der weißen, gebildeten Mittelschicht. Die schlecht bezahlten Arbeiterinnen in den Fabriken waren zu überanstrengt, um sich mit der Frage des Wahlrechts auseinanderzusetzen oder Vorträge über Moral zu besuchen. Obwohl Frauen und Kinder den größten Teil der Arbeitskraft im damaligen Kapitalismus stellten, blieben sie unsichtbar – Frauen besaßen weder einen rechtlichen noch einen gesellschaftlichen Status. Von Rechts wegen galten Ehemann und Ehefrau als eine Person, die nach außen hin vom Mann repräsentiert wurde. Der Mann war Herr des Hauses und Verwalter des Eigentums, und wenn die Frau berufstätig war, verfügte er formal über deren Einkommen. Im Falle einer Scheidung wurde ihm auch das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen. Eine wichtige Voraussetzung für die Erlangung der Bürgerrechte war die Teilhabe am öffentlichen Leben. Eine solche Teilhabe setzte rationales Denken voraus, und zu diesem waren Frauen nach Ansicht zahlreicher Philosophen und Politiker nicht in der Lage.

Das Öffentliche versus das Private 

In den meisten westlichen Gesellschaftlichen errangen Frauen ihre politischen Rechte erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die gesetzliche Zusicherung des Zugangs zum öffentlichen Raum, zu Bildung und Arbeit sollte den Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung und eine gerechte Behandlung garantieren. Dies ist nicht gelungen. Die Position von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und ihr Einfluss auf Entscheidungen, die ihr eigenes Leben unmittelbar betreffen, sind nach wie vor eingeschränkt. Das Motto der zweiten Welle der Frauenbewegung lautete: „Das Private ist politisch“. Die Bereiche des Öffentlichen und Privaten sind eng miteinander verbunden und voneinander abhängig. Ihre Trennung und Gegenüberstellung ist nur durch die Aufgabenverteilung innerhalb der Familie möglich. Die privilegierte Stellung des Mannes resultiert aus der Rolle, die er außerhalb des häuslichen Bereichs spielt und die ihm ein Einkommen und das damit verbundene gesellschaftliche Ansehen verschafft. Das soziale Kapital von Frauen ist geringer, weil ihr alltägliches Handeln enger mit dem Bereich der Betreuung verbunden ist. Man nahm an, die Schaffung egalitärer Beziehungen innerhalb der Familie könne zu einer Öffnung und Veränderung des Öffentlichen beitragen und damit Frauen eine größere Partizipation an Entscheidungsprozessen ermöglichen, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch die Gesellschaft, in der sie leben, betreffen. Durch die Schaffung von Institutionen, die Frauen dabei unterstützen sollten, Arbeit und Familie miteinander zu vereinbaren, sollte ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit gefördert werden. Ein funktionierendes Sozialversicherungs- und Sozialleistungssystem sollte ihnen soziale Sicherheit, Eigenständigkeit und menschenwürdige Lebensbedingungen verschaffen. Doch eine tief greifende Veränderung der Gesellschaft ist nicht möglich ohne eine kritische Analyse der Herrschaftsbeziehungen innerhalb der Familie, ohne eine Diskussion über Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, die fehlende Anerkennung unbezahlter Arbeit und den Mangel an Freizeit.
Trotz der Forderungen der Neuen Frauenbewegung „Das Private ist politisch“ - wird Care-Arbeit bis heute als reine unpolitische Privatsache verstanden. Trotz der Forderungen der Neuen Frauenbewegung „Das Private ist politisch“ - wird Care-Arbeit bis heute als reine unpolitische Privatsache verstanden. | © Foto: Frank M. Rafik, CC Lizenz, BY-NC-SA
 

Entwicklung als Freiheit: Herausforderungen 

Einen wesentlichen Einfluss auf unser heutiges Verständnis von Freiheit hatte das Werk Development as Freedom (in Deutschland erschienen als „Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft“) des indischen Nobelpreisträgers Amartya Sen. Sen versteht Entwicklung als einen Prozess der Erweiterung realer Freiheiten, die den Menschen zukommen. Eine solche Vorstellung steht im Gegensatz zu der gängigen Auffassung von Wirtschaftswissenschaftlern, die Entwicklung primär als Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verstehen. Der immanente Wert der Freiheit, der sich in der „Befähigung einer Person, die Dinge zu tun, die sie mit gutem Grund hochschätzt“ ausdrückt, ist gleichzeitig ein Maßstab für den erreichten Entwicklungsstand. Die einzelnen Freiheiten bedingen und fördern einander: Armut ist z. B. nicht nur ein Mangel an Einkommen, sondern auch ein Mangel an grundlegenden Möglichkeiten. Arbeitslosigkeit, ein niedriges Einkommen, ein eingeschränkter Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen sowie soziale Isolation mindern die Chance auf Entwicklung und fördern die Unzufriedenheit. Auf dieselbe Weise schränkt die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern die ihnen zustehenden Grundrechte ein.

Nach dem aktuellen Oxfam-Report sind Frauen überwiegend in unterbezahlten und kurzfristigen Arbeitsverhältnissen tätig und erhalten oft nur Arbeitsverträge, die keine Sozialleistungen beinhalten. Männer erhalten für die gleiche Arbeit mehr Geld, sie sind auch häufiger in angeseheneren und besser bezahlten Berufen tätig. Zwei Drittel der Arbeit auf der Welt wird von Frauen erledigt, dennoch verdienen sie nur zehn Prozent des weltweiten Einkommens und besitzen nur ein Prozent des weltweiten Eigentums. Das Gesamtvermögen der Dollar-Milliardäre wuchs innerhalb von nur zwölf Monaten um 762 Milliarden US-Dollar. 2017 gingen 82 Prozent des weltweiten Vermögenswachstums an das reichste Prozent der Bevölkerung. Dieses Geld würde siebenmal ausreichen, um Hunger und Armut auf der Welt zu beseitigen. In demselben Zeitraum leisteten Frauen unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit im Umfang von schätzungsweise zehn Billionen Dollar. Die in den vergangenen Jahren durchgesetzten neoliberalen Reformen hatten unterschiedliche Auswirkungen auf die Lebensbedingungen von Frauen und Männern. Die Einsparungen vor allem im Bereich des Gesundheits-, Betreuungs- und Bildungswesens trafen Frauen mit doppelter Härte. Einerseits gingen zahlreiche Arbeitsplätze in Bereichen, in denen überwiegend Frauen tätig sind, verloren, andererseits wurden zahlreiche Aufgaben des Staates auf die Familien und damit in der Praxis auf die Frauen abgewälzt. Zweifellos ergaben sich durch den wirtschaftlichen Aufschwung neue Möglichkeiten, vor allem für gebildete und vermögende Frauen. Er trug jedoch zu einem bisher unbekannten Anstieg der Ungleichheit zwischen Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Gruppen bei. Frauen stellen keine einheitliche Gruppe dar: Für eine obdachlose Mutter aus Wałbrzych bedeutet Freiheit etwas anderes als für eine qualifizierte berufstätige Frau in einer Großstadt. Die erstere findet jedoch in der Regel kein Gehör.

Darüber hinaus existieren nach wie vor gesellschaftliche Normen, Anschauungen und Überzeugungen, die die Rolle, den Status und die berufliche Kompetenz von Frauen bagatellisieren und nicht selten die ihnen entgegengebrachte Gewalt legitimieren. Argumente, die auf den Schutz traditioneller Werte abzielen, werden dazu benutzt, um das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung und politische Partizipation einzuschränken. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die offizielle Interpretation des kulturellen Erbes kurzfristigen politischen Zielen dient. Sie rechtfertigt die Welle religiöser Fundamentalismen, die in den letzten Jahren als Reaktion auf die – als eine Bedrohung der kulturellen Identität empfundenen – Prozesse der Globalisierung hochschwappte. Fundamentalismen legitimieren seit jeher starre Geschlechterrollen. Die Rückkehr zur Stabilität und Heiligkeit der Familie und zur traditionellen Rollenverteilung soll den genannten Prozessen Einhalt gebieten. Im Zentrum des Konflikts zwischen Fundamentalismus und Feminismus steht das Thema reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte. Das Recht auf Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch gab Frauen eine Möglichkeit, eigenständig über ihren Körper und ihre Fortpflanzung zu entscheiden. Dadurch ermöglichte es Frauen, eine weibliche Identität außerhalb der Familie zu entwickeln und als eigenständiges Individuum zu existieren. Ehe, Fortpflanzung und Mutterschaft waren fortan eine Frage der eigenen Entscheidung – und nicht mehr eine Gabe oder eine Verpflichtung gegenüber Gott, Vaterland und Familie. Das Aufkommen fundamentalistischer Bewegungen bedeutete in vielen Fällen den Verlust einer ganzen Reihe von Errungenschaft der Frauenbewegung. Aus diesem Grund gingen zuletzt Tausende von Frauen in Polen, den USA, den Ländern Südamerikas und in Tunesien auf die Straße, um für ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben zu demonstrieren.
 

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