Freiheit und Frauen - Goethe-Institut Polen
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Freiheit und Frauen Der vom Patriarchat begrenzte Himmel

Freiheit und Frauen Hauptfoto
Debatte Freiheit und Frauen | Foto: Andrzej Banaś

Der Begriff Freiheit verändert sich mit der Zeit und dem zivilisatorischen Fortschritt. Früher verstanden wir unter Freiheit etwas anderes als heute, da wir in anderen gesellschaftlichen Hierarchien und unter anderen wirtschaftlichen Bedingungen leben. Doch auch in der heutigen Zeit, in der innerhalb der westlichen Gesellschaften weitgehend Konsens darüber herrscht, dass „alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten“ geboren sind, gibt es unterschiedliche Horizonte der Freiheit für Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Menschen aus der Mitte und vom Rand der Gesellschaft und Menschen mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten. Auch Frauen und Männer haben weiterhin unterschiedliche Horizonte der Freiheit. Aus diesem Grund haben wir die zweite Veranstaltung unserer Diskussionsreihe zum Thema Freiheit der wichtigen Frage der Freiheit und (Un)gleichstellung der Geschlechter gewidmet. An der von Jacek Żakowski moderierten Diskussion nahmen Katharina Oguntoye und Beata Kowalska teil.

Haben die Frauen ihre Freiheit erlangt?

Jacek Żakowski: Haben die Frauenrechtsbewegungen bereits alles erreicht, was es zu erreichen gab? Haben die Frauen ihre Freiheit erlangt?

Katharina Oguntoye: Die Tatsache, dass die Frauenrechtsbewegungen – zumindest nach außen hin – ein wenig an Schwungkraft verloren haben, bedeutet nicht, dass alle ihre Forderungen erfüllt wurden. Außerdem kehren einige von ihnen wieder auf die Agenda zurück. Jede Generation von Frauen hat ihre eigenen „Freiheiten“, für die sie kämpft. Meiner Generation ging es vor allem darum, gesellschaftliche Tabuthemen zur Sprache zu bringen, wie Gewalt gegen Frauen, die Armut von Frauen und ihr eingeschränktes Recht auf Selbstbestimmung. Bis 1962 durften Frauen in Deutschland kein eigenes Bankkonto eröffnen. Bis 1969 wurden sie als nicht geschäftsfähig angesehen. Bis in die Siebzigerjahre hinein war es ihnen nicht gestattet, ohne die Einwilligung ihres Ehemanns einen Beruf auszuüben. Vergewaltigung in der Ehe gilt erst seit 1997 als Straftat. Die Freiheit von Frauen ist nach wie vor eingeschränkt. Deshalb protestieren wir.
 
  • Jacek Żakowski Wolność i kobiety Foto: Andrzej Banaś
    Jacek Żakowski
  • Beata Kowalska Wolność i kobiety Foto: Andrzej Banaś
    Beata Kowalska
  • Katharina Oguntoye Wolność i kobiety Foto: Andrzej Banaś
    Katharina Oguntoye
Beata Kowalska: Freiheit ist ein Gradmesser für gesellschaftliche und individuelle Entwicklung. Hat die Tatsache, dass ich als Mädchen auf die Welt komme, einen Einfluss auf mein Leben? Selbstverständlich hat sie das! Frauen erledigen zwei Drittel der Arbeit auf der Welt und haben einen wesentlich geringeren Anteil am weltweiten Eigentum. Wenn ich in Mitteleuropa geboren werde, kann ich – wenn es um Indikatoren wie den Anteil am politischen und wirtschaftlichen Leben oder den Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen geht – davon ausgehen, dass ich im Jahr 2046 Männern gleichgestellt sein werde. Wenn ich jedoch in Bangladesch oder Indien auf die Welt käme, würde ich möglicherweise zu den über hundert Millionen Frauen gehören, denen man sogar das Recht auf Leben verweigert. Was die angesprochenen Indikatoren angeht, steht Polen unter 144 Ländern an 39. Stelle. Frauen sind in Polen stärker von Arbeitslosigkeit bedroht als Männer, sie verdienen weniger und erhalten weniger Rente – und diese Kluft wird sich in Zukunft noch vergrößern.

Sind Frauen keine Menschen?

Katharina Oguntoye: Die ersten Frauenrechtsbewegungen entstanden in einer Zeit, in der man versuchte, wissenschaftlich zu begründen, dass die Frau dem Mann untergeordnet sein soll. Nicht viele Frauen wissen heute noch, dass man ihnen früher sogar das Recht absprach, Menschen zu sein. Warum? Das ist eine Frage der Herrschaft, die eine Gruppe über die andere ausüben will.

Nicht viele Frauen wissen heute noch, dass man ihnen früher sogar das Recht absprach, Menschen zu sein. Warum? Das ist eine Frage der Herrschaft, die eine Gruppe über die andere ausüben will.

Katharina Oguntoye

Jacek Żakowski: Freiheit für Frauen bedeutet auch Freiheit für Männer. Solange Frauen unfrei sind, werden auch Männer in ihrer Rolle gefangen, auf ihre Rolle als „Deckelaufdreher“ festgelegt sein – das ist für mich offensichtlich. Aber ich glaube, man sollte Freiheit nicht mit Unterschiedslosigkeit gleichsetzen. Die Tatsache, dass wir uns voneinander unterscheiden, ist nicht zwangsläufig etwas Negatives.

Armut hat ein weibliches Gesicht

Beata Kowalska: Wenn wir Freiheit als die Möglichkeit definieren, unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu leben, dann ist das Thema Gleichheit von entscheidender Bedeutung. Um frei zu sein, genügt es nicht, das Wahlrecht und das Recht auf Bildung zu erlangen. Es wird keine Freiheit geben, solange die wirtschaftlichen Unterschiede zu groß sind, zum Beispiel die wesentlich geringeren Rentenansprüche von Frauen. Die Möglichkeiten der eigenen Entwicklung sind in Polen nicht nur durch das Geschlecht, sondern auch durch die soziale Herkunft determiniert. Eine Universitätsprofessorin hat andere Möglichkeiten der Entwicklung und Selbstverwirklichung als eine Fabrikarbeiterin, die um ihren Mindestlohn kämpft. Auch die politische und wirtschaftliche Transformation hat unterschiedliche Auswirkungen auf Frauen und Männer. Die Armut in Polen hat ein weibliches Gesicht, sie ist „feminisiert“. Während der Transformation waren es vor allem Frauen, die ihre Arbeit verloren und in den privaten Bereich zurückgedrängt wurden. Als der Staat sich von seiner Rolle als Wohlfahrtsstaat zurückzog, fiel die Last der Betreuung auf die Schultern von Frauen. Schränkt diese Entwicklung ihre Freiheit ein? Selbstverständlich tut sie das!

Das Durchbrechen kultureller Stereotypen

Jacek Żakowski: Es gibt nicht nur gesetzliche, sondern auch kulturelle Barrieren. In Polen wird zum Beispiel erwartet, dass der Mann die Familie ernährt, Frauen haben niedrigere Verdiensterwartungen. Gibt es einen Weg, diese kulturellen Stereotype zu durchbrechen?

Katharina Oguntoye: Wir sind unterschiedlich. Menschen sind unterschiedlich, doch in einer Gesellschaft sollten wir alle harmonisch zusammenleben. Wir sollten uns nicht so sehr mit den Unterschieden zwischen uns beschäftigen, sondern vielmehr versuchen, die Mechanismen zu beseitigen, die Zwietracht säen.

Glücklich, aber auch frei?

Jacek Żakowski: Większość formalnych przeszkód na drodze uznania kobiet i mężczyzn za równych mamy za sobą. Choć są różnice, na przykład nierówność płac, to kobieta może pójść do pracy, kiedy tylko chce. Przemoc wobec kobiet uznana jest prawnie za przestępstwo.

Ta wypowiedź wzburzyła nie tylko interlokutorki, lecz także publiczność. „Nie ma równości formalnych, kiedy kobiety nie mają prawa do decydowania o własnym ciele, czyli pełni praw reprodukcyjnych“ – zauważyła uczestniczka debaty. Równie duże poruszenie wywołała wypowiedź Jacka Żakowskiego, w której zestawił poczucie wolności z poczuciem szczęścia i przywołał badania, według których Iranki czują się szczęśliwsze niż kobiety żyjące w zachodnich społeczeństwach. „Jak można mówić o tym, że szczęśliwe są kobiety, które zabija się za zdjęcie z głowy chusty?“ – skwitowała jedna z kobiet na widowni. Inna przypomniała, że zgodnie z badaniami ofiarami przemocy najczęściej padają kobiety w krajach skandynawskich, bo częściej tę przemoc zgłaszają.

Jacek Żakowski: Wir haben die meisten formalen Hindernisse auf dem Weg zur Gleichstellung von Frauen und Männern bereits hinter uns gebracht. Auch wenn es weiterhin Unterschiede gibt, zum Beispiel im Gehaltsgefüge, können Frauen heute eine Arbeit annehmen, wenn sie es wollen. Gewalt gegen Frauen gilt gesetzlich als Straftat.

Mit dieser Aussage brachte Jacek Żakowski nicht nur seine beiden Gesprächspartnerinnen, sondern auch das Publikum gegen sich auf. „Es gibt keine formale Gleichberechtigung, solange Frauen nicht das Recht haben, über ihren eigenen Körper zu entscheiden – also ohne die Durchsetzung reproduktiver Rechte“, erklärte eine Teilnehmerin der Diskussion. Ähnlich große Erregung rief Żakowski hervor, als er das Gefühl von Freiheit dem Gefühl von Glück gegenüberstellte und auf eine Studie verwies, nach der iranische Frauen sich glücklicher fühlen als Frauen in westlichen Gesellschaften. „Wie kann man davon reden, dass Frauen glücklich sind, die Gefahr laufen, erschlagen zu werden, wenn sie ihr Kopftuch abnehmen?“, entgegnete eine Frau aus dem Publikum. Eine andere verwies darauf, dass es statistisch gesehen die meisten Fälle von Gewalt gegen Frauen in den skandinavischen Ländern gibt, weil Frauen diese Fälle dort häufiger zur Anzeige bringen.

Das Empfinden von Glück beruht nicht zwangsläufig auf Tatsachen, sondern kann auch einfach Ausdruck einer größeren Unfreiheit des Denkens sein

Teilnehmerin der Debatte (Stimme aus dem Publikum)


Sind die gesetzlichen Hindernisse also tatsächlich, wie Jacek Żakowski in seiner Zusammenfassung der Diskussion erklärte, weitgehend überwunden? Sind die verbleibenden Hindernisse lediglich mentaler Natur? Ist der Rest also nur eine Frage der Diskussionsbereitschaft? Oder müssen Frauen wieder stärker in die Öffentlichkeit treten, um einen wirklichen Wandel herbeizuführen?

Beata Kowalska: Das Empfinden von Glück ist kulturell bedingt. Früher dachten wir, wir würden frei und glücklich sein, sobald wir in die Schule gehen. Dann stellte sich heraus, dass wir, obwohl wir wesentlich besser ausgebildet sind als Männer, nicht die gleichen Aussichten auf Erfolg haben. Denn das Patriarchat ist so tief verwurzelt, dass es uns nur ein kleines Stück vom Himmel sehen lässt. Wenn wir Frauen die Möglichkeit geben, Bücher zu schreiben und Brücken zu bauen, dann genügt es ihnen irgendwann nicht mehr, nur noch Hausfrau zu sein. Für mich ist Freiheit die Freiheit der Entscheidung, die Freiheit, mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu leben. Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, schränkt mich auf Schritt und Tritt ein. Das System, das unseren Himmel begrenzt, resultiert aus einer Tausende Jahre alten Tradition.

 

Katharina Oguntoye

Historikerin, Schriftstellerin und Aktivistin. Vorsitzende des Vereins „Joliba“

 

Beata Kowalska

Soziologin an der Jagiellonen-Universität Krakau, Journalistin
Die Diskussion wurde von Jacek Żakowski moderiert.
 

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