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Ein Gespräch mit der Leitung des Maxim Gorki Theaters
Keine Freiheit ohne Solidarität

Shermin Langhoff und Jens Hillje
Shermin Langhoff und Jens Hillje | Foto (Ausschnitt) © Esra Rotthoff

Nicht nur in Polen versuchen Rechtspopulisten, die Freiheit der Kunst einzuschränken: auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist ein Rechtsruck zu beobachten. Shermin Langhoff und Jens Hillje wollen dem entgegentreten und machen ein Theater, das keinen ausschließt.

Anja Quickert: Shermin Langhoff, Jens Hillje – gestern Abend hatte das neue Stück von Oliver Frljic hier im Haus Premiere „Gorki. Alternative für Deutschland?“  „Alternative für Deutschland“ heißt die neue rechtspopulistische Partei, die letzten September ins Parlament gewählt wurde. Frljics Inszenierung setzt sich mit der „repräsentativen Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert“ auseinander. Worin besteht diese Schwäche und wie betrifft sie das Theater?
 
Shermin Langhoff: Die repräsentative Schwäche der Demokratie beschäftigt derzeit nicht nur uns, sondern hoffentlich viele Menschen. Wir machen gerade wieder die Erfahrung, dass die politische Form der Demokratie auch Anti-Demokraten und Faschisten ermächtigt, sich als legitime Staatsmacht zu etablieren. Wir erleben das in Ländern, mit denen wir sozial und kulturell eng verbunden sind, wie der Türkei, Polen oder Ungarn, aber auch bei uns selber. Die Krise der Demokratie ist auch eine Frage ihrer Wehrhaftigkeit. Eine Frage, vor der wir manchmal ratlos stehen. 
Die Auseinandersetzung damit kann aber nicht nur eine allgemein Politische sein, sondern wir müssen von uns ausgehen, dem Theater als staatlich finanzierte Institution, die auf Repräsentation und Öffentlichkeit ausgerichtet ist. Und wir können auch nicht unschuldig auf die Geschichte dieser Institution und ihre nationalen Erzählungen blicken. Natürlich fragen wir uns, was wir heute anders machen können, als unsere Kollegen im Jahr 1933. Was können wir als künstlerischer Raum für die Stadtgesellschaft tun?


Jens Hillje: Die besondere Chance unseres Theaters ist auch seine Position in der kulturellen und politischen Stadtlandschaft. Das Maxim Gorki Theater steht im Zentrum der Selbstrepräsentation Deutschlands, inmitten der historischen Museumsinsel und der politischen Institutionen der Hauptstadt Berlin mit ihrem Parlament. Hier hat es eine besondere Bedeutung, wenn man versucht, das deutsche Stadt- und Staatstheatersystem zu hinterfragen und neu zu erfinden, wie wir in den vergangenen Jahren.

Postmigrantisches Theater

Anja Quickert: Sie haben in der Spielzeit 2013/14 das Maxim Gorki Theater als Team übernommen. Mit welchen Zielen sind sie in die Intendanz gestartet? Was wollten Sie verändern?
 
Shermin Langhoff: Vorausgegangen ist dem meine Arbeit an der freien Spielstätte Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg. Wir haben dort mit Jahresbudgets, die dem Stadttheater für eine einzige Produktion auf der Großen Bühne zur Verfügung stehen, über Jahre hin gearbeitet, bis es auch von der Kulturpolitik und den Medien wahrgenommen wurde. Dort habe ich gemeinsam mit meinen Kolleg*innen das „postmigrantische Theater“ erfunden. Wir haben einen Raum geschaffen für die Geschichten und Perspektiven der Menschen, die selber nicht migriert sind, die diesen Migrationshintergrund aber über ihre Eltern oder Großeltern als persönliches Wissen mitbringen. Meine Entscheidung, Theater zu machen, hat ursprünglich viel damit zu tun, dass es in Deutschland, wo ich seit meinem 9. Lebensjahr lebe, über Jahrzehnte nicht gelungen ist, diese Geschichten zu erzählen und die Perspektiven dieser Menschen zu berücksichtigen. Vor allem in der Theaterlandschaft war man sich selbst genug - das traditionelle Bürgertum und die intellektuelle Avantgarde. Wie konnten kritische Künstler die neuen gesellschaftlichen Wirklichkeiten und die Menschen so lange ignorieren?
 
Anja Quickert: Einzelne Geschichten waren in diesen Jahrzehnten vielleicht schon von Interesse, aber es gab wenig Bewusstsein dafür, wer diese Geschichten erzählt. Die Idee der Partizipation, der Teilhabe hat sich mittlerweile stark gewandelt.
 
Jens Hillje: Das ist eine Machtfrage. Gerade in Deutschland ist das Theater eng mit der staatlichen Macht verbunden. Die Theaterlandschaft gilt als Säule der Repräsentation, weshalb die Zugänge auch sehr gut kontrolliert wurden: Wer darf dabei mitmachen? Der Weg auf die Große Bühne eines Theaters hat eine gläserne Decke aus Panzerglas. Deshalb ist Oliver Frljics Abend, der die Schwächen der Demokratie und des Theaters miteinander in Beziehung setzt, auch völlig richtig gedacht. Es herrschen ähnliche Beschränkungen und Ausgrenzungsmechanismen, wenn es um Fragen der Macht und der Ressourcen geht. Das Theater wiederholt den Ausschluss von bestimmten Teilen der Gesellschaft. Das sind oft symbolische Kämpfe, die allerdings sehr konkrete Folgen haben: in der Gesellschaft, in der Politik und im Theater.
 
Anja Quickert: Im Jahr 2010 hat der Kultur- und Politikwissenschaftler Mark Terkessides das Buch „Interkultur“ veröffentlicht, in dem der eine radikale Öffnung der Institutionen fordert hinsichtlich der Teilhabe und Chancengleichheit für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Geschlecht. Inwiefern war dieses Buch für Sie selbst, aber auch für die Kulturpolitik wichtig?
 
Shermin Langhoff: Natürlich war das für uns nichts Neues, sondern etwas, was wir schon 20 Jahre lang diskutiert hatten. Doch anstelle von Kulturpolitik gab es Stadtteilfeste, auf denen wir Döner verkaufen und Folklore zeigen durften. Das Buch von Mark Terkessides hat es immerhin auf die Schreibtische der Intendanzen und Kulturpolitiker geschafft. Was sich seit dem bewegt hat, können Sie selbst ablesen an den Theatern und ihren Protagonisten. Das ist ähnlich wie beim Feminismus. Das Buch hat das Selbstverständlichste gefordert: Wir leben in einer Demokratie, in der mit staatlichen Mitteln Institutionen für die Bevölkerung finanziert werden. Tatsächlich werden aber große Teile der Bevölkerung, die nicht weiß, heterosexuell und männlich sind, von der Gestaltung dieser Institutionen ausgeschlossen. Im Jahr 2013 wurde ich als erste türkischstämmige Theaterleiterin gefeiert. Man hätte mich auch als erste Frau in Berlin feiern können, die nach Helene Weigel ein Staatstheater leitet. Die übernahm 1949 die Intendanz des Berliner Ensembles. Es ist noch mehr in Schieflage in unserer Gesellschaft.

Ein Kosmos aus Perspektiven und Geschichten 

Jens Hillje: Shermin und ich kommen beide aus dem bayrischen Kontext ...
 
Shermin Langhoff: Wir sind beide aus der Arbeiterklasse!
 
Jens Hillje: Ich bin mit 7 Jahren aus Italien nach Bayern gekommen, und habe mich insofern mit sehr katholischen und nationalistischen Gesellschaften auseinandersetzen müssen. Dabei haben mich die Schriften des italienischen Philosophen Antonio Gramsci  sehr geprägt, vor allem sein Konzept der Kulturellen Hegemonie. Die Erkenntnis also, dass Herrschaft in der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft nicht nur durch äußere Zwänge ausgeübt wird, sondern durch die systematische Arbeit an einem gesellschaftlichen Konsens, der durch Erziehungs-, Bildungs- und sonstige staatliche Institutionen vermittelt wird. Der entscheidende Punkt, um Gesellschaften zu verändern ist, intersektional zu denken, das heißt alle Formen der Diskriminierung zu bekämpfen –  nach Rasse, Geschlecht und Klasse. Eine zentrale Lüge der BRD war, sie sei eine klassenlose Gesellschaft. Das mit künstlerischen Mitteln zu hinterfragen, ist vielleicht eine der schwierigsten Aufgaben.
 
Anja Quickert: Um etwas künstlerisch bearbeiten zu können, muss man die Möglichkeit dazu schaffen. Sie haben die Leitung einer dieser staatlichen Institutionen, von denen Gramsci spricht, nun selbst übernommen. Wie haben Sie die Strukturen und das Theater verändert?
 
Jens Hilje: Wir haben das Haus 2013 am Nullpunkt übernommen. Das Ensemble und Repertoire des Theaters sind mit dem bisherigen Intendanten Armin Petras nach Stuttgart abgewandert. Diese Notwendigkeit, alles neu zu erfinden, war gleichzeitig eine riesige Chance. Nicht zuletzt, weil wir ein neues Ensemble gründen konnten, das „Deutschsein“ anders repräsentiert.
 
Shermin Langhoff: Für das Gorki als Stadttheater, das Geschichten für diese Stadt auf die Bühne bringt, haben wir Ensembleschauspielerinnen und - schauspieler, Autorinnen, Autoren und Regisseure wie Regisseurinnen engagiert, die Geschichten erzählen, die der tatsächlichen Vielfalt und Unterschiedlichkeit unserer Gesellschaft entsprechen. Viele von ihnen können auf der Bühne mühelos vom Deutschen ins Russische, Hebräische, Arabisch oder Türkische wechseln, weil sie mehrsprachig aufgewachsen sind und einen sogenannten Migrationshintergrund haben. ... Ich möchte mich korrigieren: rund die Hälfte haben einen Vibrationshintergrund ... (lachen). Und damit entsprechen sie der heutigen Realität – was aber auf den deutschen Bühnen längst nicht selbstverständlich ist.  
 
Jens Hillje: Mit jeder neuen Inszenierung entsteht ein komplexer Kosmos aus Perspektiven und Geschichten, der sich weiter entwickelt, der immer vielfältiger wird. Jeder einzelne Mensch ist zusammengesetzt aus vielen verschiedenen Momenten von Identität. Den Normen und Fremdzuschreibungen der Gesellschaft, die sich an Geschlecht, Rasse oder Klasse hängen, halten wir ein anderes, umfassenderes Verständnis von Menschsein entgegen. Wer bin ich heute, in einer so diversen Stadt wie Berlin? Berlin ist queer, migrantisch, postmigrantisch, Ost und West. Ich habe als klassisch schwuler Mann hier am Theater mein eigenes Verständnis von „queerness“ erweitert, es bezieht auch weiße, heterosexuelle Männer mit ein, die sich anders definieren wollen, als es von ihnen erwartet wird. Über diese neue, vielschichtige Art der Wirklichkeitsbeschreibung, die bislang in der deutschen Hochkultur nicht vorkam, bildet sich ein enormer Möglichkeitsraum, eine große Freiheit. Darin kann sich auch das Publikum neu und anders wiederfinden. Im Aufeinandertreffen von Bühne und Publikum entsteht eine neue Wirklichkeit, die auch politisch wirksam ist.
 
Shermin Langhoff: Hier arbeiten viele Menschen, die durch ihre Biografie und persönlichen Erfahrungen eine Multiperspektivität mitbringen. Mit jedem Ortswechsel ändert sich die Perspektive. Das führt dazu, dass man eine Geschichte ganz anders erzählt. Außerdem haben viele Inszenierungen am Gorki ihren Bezugspunkt in den Genoziden. Nationen haben sich immer gebildet, in dem sie andere ausgeschlossen oder sogar ausgelöscht haben. Das betrifft nicht nur die Juden, sondern auch die Armenier oder die verschiedenen Ethnien in Exjugoslawien. Auch von neoliberaler Seite wird gerne kritisiert, das Gorki würde sich zu sehr um Randgruppen und deren Identitäten kümmern ... Das Gegenteil ist der Fall. Wir versuchen, Identität als einheitliche, normative Vorstellung aufzulösen.
 
Jens Hillje: Die Öffnung unseres Theaters hin zur Vielfalt der Stadt leistet aber nicht nur das Ensemble oder die Stoffe im Repertoire. Wir betreiben das Studio R als experimentelle Bühne in Selbstverwaltung, haben mit Gorki X die Vermittlungsarbeit vor allem für Jugendliche stark ausgebaut, veranstalten einmal im Jahr ein Festival und das interdisziplinäre Ausstellungsprojekt „Herbstsalon“. Zuletzt haben wir das „Exil-Ensemble“ gegründet, für Kollegen aus Syrien, die aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Eine offene Gesellschaft 

Anja Quickert: Sehen Sie Ihre Arbeit durch die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen gefährdet?
 
Jens Hillje: Wir müssen uns mit diesem Rollback auseinandersetzen, mit dem Wunsch nach einer geschlossenen Gesellschaft. Sowohl hier als auch andernorts wurden verschiedene Modelle bereits ausprobiert. Das deutsche Modell der geschlossenen Gesellschaft führte zum Zweiten Weltkrieg, einem Vernichtungskrieg gegen die europäischen Nachbarn, und zum Holocaust mit mehr als 6 Millionen ermordeten Juden. Aber auch die sozialistische Diktatur, die in Ostdeutschland und Polen bis 1989 herrschte, musste sich einmauern, um existieren zu können. Die neue rechte Partei in Deutschland, die AfD, versucht ja nicht nur, Deutschsein über den Nachnamen zu definieren, um Minderheiten auszuschließen. Sie will auch die Mehrheit der Bevölkerung unter eine bestimmte Norm zwingen. Wir beharren dagegen auf unserer Auseinandersetzung mit der Frage, wie eine offene Gesellschaft funktionieren kann, und zwar jenseits des neoliberalen Modells, das die Gewinne ungleich verteilt. Denn das zentrale gesellschaftliche Problem ist eigentlich die Frage der Gerechtigkeit.
 
Shermin Langhoff: Viele Perspektiven sichtbar zu machen, ist die Grundlage des demokratischen Diskurses, der zunehmend diskreditiert wird. Unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit ist im letzten Jahrzehnt ein Populismus nach dem Motto „Ich kann sagen, was, wann und wo ich will“ entstanden – ein Phänomen, das nur in Despotismus enden kann, wie Dostojewski einmal sagte. Angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in ganz Europa sind wir überzeugt davon, dass wir europäisch und international handeln müssen. Wenn Künstler*innen und Theater im nationalen Zusammenhang angegriffen werden, braucht es internationale Solidarität. Deshalb haben wir Oliver Frljics Klątwa vom Teatr Powszechny als Gastspiel eingeladen und das Dialog-Festival in Breslau unterstützt. Mit Marta Górnicka planen wir eine langfristige Zusammenarbeit.
 
Jens Hillje: Wir haben die Geschichte der polnischen Einwanderung im Ruhrgebiet auf die Bühne gebracht und zeigen in der Reihe Mythen des Alltags eine sehr kritische Arbeit von Krzysztof Minkowski auf Polnisch. - Es gibt auch ein polnisches Berlin. 
 
Shermin Langhoff: Leider ist es auch aus dem Grund wichtig, nach Polen zu blicken, um zu beobachten, wie politisch Zensur ausgeübt wird, um die Freiheit der Kunst einzuschränken. Es wird ein nationalistischer und religiöser Konsens hergestellt, der alles Abweichende, Vielfältige ausschließt. In Deutschland hat die AfD bereits die Forderung gestellt, dem Maxim Gorki Theater Mittel zu streichen. In einer demokratischen Gesellschaft beruht die Freiheit des Einzelnen immer auch auf der Solidarität mit dem anderen – und dessen Freiheit. Freiheit ist nur mit Gleichheit und Solidarität überhaupt denkbar.
 

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