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Ausstellung: Heimat – ein unsichtbarer Faden© Goethe-Institut

Ausstellung: Heimat – ein unsichtbarer Faden

Was bedeutet Heimat am Anfang des 21. Jahrhunderts? Kann man die Heimat verlieren oder tragen wir sie überall mit wie die Schnecke ihr Haus?

Diese Fragen versuchten 16 Studierende an der Krakauer Kunstakademie und einige Künstler anderer Generationen in ihren Arbeiten zu beantworten. Alle Arbeiten samt den Aussagen der Künstler präsentieren wir unten.
 
„Heimat – ein unsichtbarer Faden“ wird von Zbigniew Sałaj kuratiert. Die Aussagen der Künstler wurden von Marcin Wilk gesammelt und von Peter-Christian Seraphimins ins Deutsche übersetzt. Die Ausstellung ist auch vor Ort am Goethe-Institut Krakau zu sehen. Mehr Informationen hier.


Weronika Hapczenko

Weronika Hapczenko© Weronika Hapczenko

Meine Arbeit stützt sich auf das Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ des amerikanischen Mythenkundlers Joseph Campbell, in dem er seine Theorie der Heldenreise vorstellt. Ich realisiere das Schema der Reise eines archetypischen Helden, wobei ich in die einzelnen Element des Raums Etappen dieser Reise einbeziehe.
 
Der Held verlässt die Komfortzone, um sich einer Herausforderung zu stellen. Ein Mentor, ein Lehrer oder eine Höhere Kraft schickt den Helden auf die Reise. In meiner Darstellung ist dies das aus der Ferne ertönende Bellen eines Hundes, das dem Helden kurze Hinweise auf sein Ziel gibt. Der Held muss in den Wald gehen (die Herausforderung annehmen), um einen Preis (Schuhe) zu bekommen.


Marcin Janusz

Marcin Janusz© Marcin Janusz

Dort wo ich herkomme, im Karpatenvorland, gibt es viele Pflanzengattungen. In der Kindheit ging ich die Bahndämme entlang und sammelte Kräuter. Ich legte ein Herbarium an. Den größten Teil der Freizeit verbrachte ich im Garten. Dieser Ort ist bis heute mein Asyl, Ort der Zuflucht vor dem urbanen Lebensstil, den ich heute pflege.
 
In meiner Arbeit ist Birkenrinde mit bunten Elementen gefüllt, die in ihrer Verbindung eine Metapher des männlichen und weiblichen Elements darstellen. Die Pastellfarben sind bildlicher Ausdruck der gesundheitsfördernden Eigenschaften der Birkenrinde. Das Postament, auf dem die Objekte liegen, erinnert in seiner Form an die Welt der Pflanzen und Pilze.
 
Bei meinem Elternhaus stehen auch heute noch Birken. Nur sind sie viel größer als damals.
 


Martyna Kiełbas

Martyna Kiełbas© Martyna Kiełbas

Von klein auf brachte ich von Reisen verschiedene Funde nach Hause. Ich änderte ihren Raum, gab ihnen ein neues Haus, in dem ich Steine aus weit entfernten Ländern miteinander anfreundete. Elemente aus der Natur und häuslicher Kram fügten sich zu Altären zusammen. Ein bisschen so wie das Zusammenlegen von Steinen am Flussufer.
 


Jędrzej Krzyszkowski

Jędrzej Krzyszkowski© Jędrzej Krzyszkowski

Seit 21 Jahren arbeite ich in einem Haus, das mein Urgroßvater gebaut hat, einem Ort voller Vielfalt und visueller Widersprüche. Mein Urgroßvater war Maler, mein Vater Ingenieur, der alle technischen Probleme – Fliesenlegen, Balkongeländer zimmern – (zuweilen provisorisch) löste.
 
Jede Generation hat Gegenstände ihrer Epoche hinterlassen. Nebeneinander stehen gleichzeitig: ein dreihundert Jahre alter Schrank, eine Möbelwand aus den Zeiten der Volksrepublik, ein Glastisch.
 
Viele Gegenstände sind temporär situiert. „Irgendwann stellen wir das auf“, „Das kann man vielleicht noch mal brauchen“. Also stehen Schränke mitten im Zimmer, manche verstellen Türen oder Fenster. Ein zusammengerollter Teppich ruht immer noch auf den Küchenschränken, unbenutzt seit dem Tod des Großvaters.
 


Emilia Kutrzeba

Emilia KutrzebaEmilia Kutrzeba

In letzter Zeit ziehe ich oft um. Einen Teil meiner Sachen habe ich – trotz ihres emotionalen Werts – zurückgelassen, neuen musste ich eine neue Bedeutung geben.
 
Als ich das Buch „Rzeczy, których nie wyrzuciłem“ [Dinge, die ich nicht weggeworfen habe] von Marcin Wicha las, wurde mir klar, dass es bestimmte Gegenstände gibt, denen ich einen Wert verleihe, während sie für andere nur wertloser Müll sind.
 
Schließlich habe ich mir bewusst gemacht, dass ich in einer Rumpelkammer hocke.
 


Adam Łucki

Adam Łucki © Adam Łucki

Das Projekt knüpft an einen Vorfall aus dem 19. Jahrhundert an, als man Gemälde imaginierter Altvorderer zu bestellen pflegte. Die Verwendung des Sargporträts, einer Bildform, die in Deutschland grundsätzlich nicht vorkommt, zur Abbildung deutscher Barone verbindet die polnische Abstammung des Autors mit der Geschichte einer deutschen Familie in den heute wiedergewonnen polnischen Westgebieten.
 
Der Autor schlüpft gewissermaßen in die Figuren aus der Familie von Knobelsdorff auf der Suche nach seiner Identität durch das Prisma einer imaginierten Herkunft. Er meint die Reinkarnation von Georg zu sein, da er seine polnischen Vorfahren aufgrund der von Krieg und Umsiedlung geprägten Familiengeschichte und der verbrannten Kirchenbücher nicht kennt. Er vollzieht eine Abrechnung mit der Vergangenheit, der Kindheit, die er im Gutshaus derer von Knobelsdorff in Kosierz (Cossar) verbracht hat.
 


Karolina Łukawska

Karolina Łukawska© Karolina Łukawska

Manchmal, wenn ich sage, woher ich komme, höre ich die Frage, wie weit entfernt vom Lager ich wohne. Schließlich habe ich diese Entfernung in Schritten gemessen. Es waren 1196.
 
Für meine Mutter oder meine jüngere Schwester war diese Zahl ganz anders.
 
Es ist wahr, man kann nicht in Oświęcim funktionieren und dauernd an den Schrecken denken, der sich in Auschwitz abgespielt hat. Manchmal würde ich lieber sagen, ich komme aus Krakau, wenn ich hier doch schon seit fünf Jahren lebe.
 
Aber ich komme aus Oświęcim. Ich kann nicht lügen.
 


Władysław Matlęga

Władysław Matlęga© Władysław Matlęga

Malen aus sich selbst heraus ist Malen nach eigenen Empfindungen und Erfahrungen.
Nach inneren Einflüsterungen und prophetischen Visionen.
Nach dem Rhythmus der pulsierenden Quelle der Heimaterde.
Nach festlichen Freuden und katastrophaler Trauer.
Nach moralischen und ethischen Belehrungen.
Und schließlich: nach politischen Unrechtmäßigkeiten, vergänglichen Verlockungen, Sünden des Krieges …
 


Justyna Molska

Justyna Molska© Justyna Molska

Heimat, das ist häufige Heimkehr ins Elternhaus.
 
Jedes Mal begrüßt mich an der Tür eine ganze Hundemeute. Ich kann nicht zählen, wie viele es im Moment sind, aber ich habe den Eindruck, dass es mit jeder Woche mehr werden. Fast jeder Raum, den ich betrete, ist der Privatraum eines der Vierbeiner. Ganze Tage lang fordern sie Zuwendung durch lautes Beißen und Bellen. Ihr Spiel sieht sehr bedrohlich aus.
 
Aber das ist nur Schein.
 


Adam Nehring

Adam Nehring© Adam Nehring

Eine unabkömmliche Eigenschaft meiner kleinen Heimat ist ein fester Kodex. Jedes Haus hat eine Sammlung von Regeln, von denen manche klar artikuliert werden und andere unterschwellig bleiben.
 
Heimat ist der Ort, wo ich Gesetzgeber bin. Die Einhaltung von Regeln, selbst wenn sie seltsam erscheinen mögen, ist notwendig, um den Hausherren seinen Respekt zu erweisen, ist wichtig auch für ein Gefühl der Sicherheit.
 
Meine Arbeit besteht aus einer Reihe von Tafeln, die über die Regeln des richtigen Verhaltens im Ausstellungsraum informieren. Die einzelnen Tafeln beziehen sich auf konkrete Arbeiten.
 


Paweł Olszewski

Paweł Olszewski© Paweł Olszewski

Ein Formicarium ist im Prinzip ein spezieller Behälter zur Haltung von Ameisen. Aber wie ich erfahren habe, ist das kein artgerechter Lebensraum für diese kleinen Tiere. Der gläserne Kubus erinnert in keiner Weise an ihre natürliche Umwelt.
 
Das Formicarium ist also, anstatt ein Ort zu sein, der beim Leben hilft, in Wirklichkeit ein Objekt.
 
Das alles assoziiere ich mit modernistischer Form und Bauträgerfirmenunwesen. Im Prinzip soll jede Parzelle mit einer anderen Art Ameisen besiedelt werden.
 


Zbigniew Sałaj

Zbigniew Sałaj© Zbigniew Sałaj

In ethnologischer und anthropologischer Bedeutung ist Heimat Ausdruck des Bedürfnisses nach räumlicher Orientierung, eines konkreten Territoriums, auf dem Identität errichtet wird, das ein Gefühl von Sicherheit gibt.
 
Der Ort einer „plazentalen“ Behaustheit ist die natürliche Verlängerung des früheren Lebens im Mutterleib. Er verleiht ein ursprüngliches Gefühl von Nähe, Bindung, eine sichere Umgebung, um sich selbst zu erfahren. Zudem schafft er eine Zone der schützenden Subjektivität, indem er sich gegen ideologische Manipulationen von außen wehrt. Er ermöglicht es, unverwechselbare Eigenschaften der Persönlichkeit herauszubilden.
 
In meiner Arbeit beziehe ich mich auf die Zeit der Experimente in meiner frühesten Kindheit, als beim Spielen erlebte fertige Gegenstände – Knöpfe, Fadenspulen, Packkarton – zu Spielzeugen wurden.
 


Anna Skrzypczyk

Anna Skrzypczyk© Anna Skrzypczyk

Nach dem Eintritt in die „Kapsel“ versetzt du dich an einen sicheren Ort, wirfst dir eine Decke über, schließt die Augen. Indem du einen Zustand der Beruhigung erreichst, lässt du dich mitnehmen auf eine Wanderschaft durch innere Landschaften.
Ich bin in einer Aufstockung auf einem zehnstöckigen Wohnblock aufgewachsen und obwohl mein Zimmer kaum zehn Quadratmeter groß war, habe ich mich doch noch im mit Stofftieren überfüllten Schrank versteckt.
 
Kürzlich las ich einen Artikel über humanitäre Schlachthöfe, in dem speziell enge Buchten auf die Kühe beruhigend wirken sollen. Ich kann das bestätigen! Enge versetzt auch mich in einen „Tranquillo-Zustand“.
 
Ständig sehne ich mich nach einer stillen, dunklen Höhle.
 


Anna Smulska

Anna Smulska© Anna Smulska

Wir alle in Polen kennen die ständig wiederkehrenden Fragen nach Patriotismus. Deshalb habe ich beschlossen, mich mit ihnen an meine Bekannten in Brasilien und Südkorea zu wenden. Ich habe sie nach ihrem Heimat-, ihrem Vaterlandsbegriff gefragt, ich habe sie gefragt, ob man zugleich Patriot und Kosmopolit sein kann, oder was Einwohner eines Landes, die unterschiedlichen Kulturen entstammen, miteinander verbindet.
 
Für meine Bekannten hat Patriotismus eine etwas andere Bedeutung als für uns in Polen. Er verbindet sich mit Familie, mit Freunden.
 
Einer von ihnen sagte, er habe seine Nationalität im Reisepass und betrachte sie als Adresse. Ein anderer meinte, sein Vaterland sei sein Bett.
 


Dominik Stanisławski

Dominik Stanisławski© Dominik Stanisławski

Heimat ist die kleine Welt jedes Künstlers und jeder Künstlerin, eine bestimmte Hinterlassenschaft, eine Tradition, aus der die jeweilige künstlerische Einstellung entspringt.
Der Künstler wird nicht in einem kulturellen Vakuum geboren und geprägt. Heimat ist also ein Gelände mit einer bestimmten Topografie, Geschichte, Grammatik, Sprache, eine Gesamtheit von Handgriffen, Kunstgriffen, Motiven, Arten, Weisen, Evolutionsrichtungen, Entlehnungen, Klischees und Nachahmungen. Der Künstler richtet sich also vielleicht sogar gänzlich unbewusst in seiner eigenen Heimat ein.
 
Vor zwei Jahren wurde ich von Adam Łucki zu seinem Projekt „COSSAR“ eingeladen. Meine Rolle war es, dessen Verlauf zu fotografieren. Auf diese Weise wurde ich in eine fremde Heimat eingeladen.
Und jetzt kommt Adam Łucki – mit Fotografien, die ich einst für ihn entwickelt habe – als Gast in meine Heimat.
Auf diese Weise stützt sich das Projekt auf eine doppelte Bewegung der Einladung zum Besuch eines autonomen Terrains.
 


Aleksandr Sovtysik

Aleksandr Sovtysik© Aleksandr Sovtysik

Den Begriff Heimat identifiziere ich eindeutig mit Krakau.
 
Meine Arbeit knüpft an die Architekturformen dieser Stadt an. Die Art der Ausstellung und die Form der Arbeit unterstreichen ein mystisches Verhältnis zu Krakau, wie es oft auch in Märchen und Sagen zu finden ist.
 


Margerita Vladimirova

Margerita Vladimirova© Margerita Vladimirova

Am Anfang war ein japanischer Teepavillon. Mich reizte seine Klarheit und reine Geometrie. Ich wollte die Form des Bildes in Bewegung versetzen, sie dekonstruieren.
Ich verwendete Schatten und Licht. Die Skulptur begann zu „tanzen“.
 
Um ihre Wanderung festzuhalten, schuf ich eine Stop-Motion-Animation. Das rief mir einen Aphorismus von Kafka ins Gedächtnis.
 
Zum Schluss fügte ich die Tonspur hinzu – Vogelgesang, den ich bei einem Aufenthalt in einem Frauenkloster aufgenommen habe.
 


Jan Wołkowski-Wolski

Jan Wołkowski-Wolski© Jan Wołkowski-Wolski

Elemente der palasthaften Einrichtung des Gebäudes, in dem sich das Krakauer Goethe-Institut befindet, haben mein Interesse geweckt. Ich habe in ihnen die Ähnlichkeiten zu Artefakten erkannt, die ich zu Hause habe. Ich begann darüber nachzudenken, was diese Familienandenken heute bedeuten, wie ihre heutige Rezeption ist, und auch darüber, wie der öffentliche Diskurs diese Kultur unbewusst in einen de facto politischen Kontext rückt.
 


Katarzyna Wyszkowska

Katarzyna Wyszkowska© Katarzyna Wyszkowska

Ausgangspunkt waren für mich patriotische Schülerwettbewerbe.
 
Ich habe große Vorbehalte, was die ethische Dimension dieser Veranstaltungen angeht. Mir missfällt normatives Denken in Bezug auf Geschichte. Wert und Interpretationen historischer Ereignisse werden uns aufgezwungen, dabei manche Fakten verunstaltet und falsch dargestellt.
 
Zum Beispiel wird in der Schule ständig wiederholt, die Teilnahme am Warschauer Aufstand sei moralisch notwendig gewesen, wobei das immer eindimensional dargestellt wird, also reduziert.
 


Konrad Żukowski

Konrad Żukowski© Konrad Żukowski

Als kleiner Junge beobachtete ich gern eine bestimmte Schmetterlingsart: Papillio machaon. An meinem Elternhaus gab es ganz viele von denen.
 
Als ich begann, die Welt zu bereisen, bemerkte ich, dass ich diesem Schmetterling auch an anderen Orten begegnen kann, etwa in Schweden, Italien, Spanien.
 
Ich habe später gelesen, dass diese Art in einem Streifen der nördlichen Hemisphäre auftritt – USA, Europa, Japan. Also überall dort, wo ich mein Haus bauen könnte.